FC Barcelona 6-0 Sporting Gijón 23.04.16

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Anonym

Was ich um ehrlich zu sein eher schockierend finde, ist, dass Messi nach diesen zehn Jahren noch immer kein Vertrauen genießt und ihm seine Titelambitionen bzw. fußballerischen Ambitionen im Allgemeinen abgesprochen werden. Ich denke dass er schon oft genug bewiesen hat, dass er da ist, wenn es darauf ankommt. Wieso sollte er sich in einem Spiel wie gestern unnötig verausgaben? Es lief auch so gut und Sporting fand offensiv bis auf einmal gar nicht statt und diese Chance war ebenfalls eher einem dilettantischen Stellungsspiel und Verschiebungsverhalten in der Abwehr geschuldet, als Messis fehlendem Defensiveinsatz. Messi macht jedes Spiel wenn er fit ist, was auch gut ist, da es offensichtlich seine Art ist, im Rhythmus zu bleiben. Was passiert, wenn man Messi schont, haben wir bei Tata gesehen, wobei da auch seine langwierige Verletzung zu beachten ist. Messi scheint sowohl psychisch als auch körperlich nicht auf Spielpausen ausgelegt zu sein. Daher ist es meiner Meinung nach durchaus legitim, dass er sich seine Pausen auf dem Platz gönnt. Das Argument dass Barça dadurch einen Platz in der Startelf verlieren würde und dass Messi der Mannschaft in der Verfassung weniger bringt halte ich für anmaßend. Messi kann innerhalb von Sekunden den Schalter umlegen.

Um näher auf gestern einzugehen: Hier wird meiner Meinung nach völlig außer Acht gelassen, dass Messi gestern der spielgestaltende Faktor war, bei nahezu jeder Ballaktion hatte er seine Finger im Spiel, gerade mit Iniesta spielte er einige Kombinationen, die unser Spiel belebten. Hätte Neymar gestern eine andere Chancenauswertung gehabt und Messi dadurch einige Tore aufgelegt, ich bin mir sicher, es wäre abgefeiert geworden.

Weiter ist anzumerken, dass Messis Spielintelligenz die der anderen einfach überragt und er mitunter auch deshalb nicht so viel läuft, er läuft einfach wenn es notwendig ist. Ich finde es immer wieder schockierend, dass Alba und Neymar für ihre Aktionen, die teilweise einfach von mangelnder Spielintelligenz zeugen, nie kritisiert werden. Gut, Alba läuft viel, das wird leider oft mit Einstellung gleichgesetzt. Dass eine Vielzahl seiner Kilometer jedoch einfach seiner spielerischen Dummheit geschuldet sind, wird dabei leider außen vor gelassen. Neymar ist ebenfalls ein anderer Punkt, der hat, neben seiner mangelnden Chancenauswertung aktuell, viele Baustellen. Dass er Alba nicht einsetzt ist zum Beispiel einer davon, gut das könnte man wieder auf Albas mangelnde Spielintelligenz zurückführen, nur hat Neymar die leider auch nicht mit Löffeln zu sich genommen. Sein Verschleppen von Angriffen, weil er sich nicht vom Ball trennen kann oder vorher noch zwei, drei Gegenspieler düpieren muss, weil das offensichtlich für sein Ego wichtig ist, ist für mich einer der entscheidenden Punkte. Gut, Neymar bietet Show, aber aktuell nicht die Art von Show, die ich sehen möchte. Wenn er in Form ist, dann macht er seine mangelnde Spielintelligenz durch Technik, Ballgefühl und andere Attribute wett, aktuell leider nicht. Von seiner Einstellung will ich gar nicht erst anfangen, die sieht man, wenn es darum geht hinzufallen, Spieler zu provozieren, oder möglichst lange am Boden sitzen zu bleiben und sich zu beschweren.

Messi verschleppt weder Angriffe, noch lamentiert er immer minutenlang. In diesem Punkt kann man ihm also weder mangelnde Spielintelligenz noch fehlende Einstellung vorwerfen. Dass sein Spiel manchmal lustlos und unmotiviert anmuten mag, kann man behaupten, aber ich würde das nicht mit seiner Einstellung gleichsetzen bzw. so weit gehen mich darüber aufzuregen. Es ist einfach traurig, wie sehr bei Messi mit zweierlei Maß gemessen wird, anstatt dass man ihm einfach einmal für seine Verdienste dankbar ist, will man ihn nach Schwächephasen, die gleich viel höher bemessen werden, als sie eigentlich sind, von seinem Thron stoßen, da er sich gefälligst nicht arrogant zu verhalten hat oder so unmotiviert daher kommen soll. Ich bin mir sicher, wenn Messi pro Spiel fünf unnötige Sprints machen würde und ansonsten genau gleich Spielen würde wie jetzt, wäre das ein Grund dafür ihn wegen seiner vorbildlichen Leistung zu loben. Das ist ja auch der Grund warum der allseits gefeierte Alexis Sánchez so beliebt war, er ist wirklich jedem Ball hinterher gegangen. Pep hat das offenkundig mehrmals nicht gefallen, und zwar aus gutem Grund. Sánchez war auch ein Spieler, der viel gerannt ist, aber zum einen unnötig und zum anderen auch wenig intelligent in vielen Aktionen. Ich finde es eher ernüchternd, wie Laufleistung und die offenkundigen Merkmale über die Bedeutung einzelner Aktionen für das Spiel gesetzt werden, aber gut, das ist meine Ansicht. Messi hat schon immer mehr oder weniger so agiert und welche Folgen das für den Klub hatte kann man in unserem Trophäenschrank begutachten. Dass er früher vielleicht frischer gewirkt hat liegt eventuell daran, dass er jünger war und nicht innerhalb von sechs Jahren viermal bei einem Großturnier seine Sommerpause verbringen durfte und dabei eine Mannschaft führen durfte, in der nur nach Namen aufgestellt wird und die eigentlich keine realistischen Chancen auf den Titel hatte und wo er aber genau wusste, dass am Ende er dafür herhalten wird müssen und dann wieder in seinem Land, für das er sich den Hintern aufreißt, alleinig an den Pranger gestellt wird, für das Versagen diverser Trainer und seiner Mitspieler, die leider oftmals eher den spielerischen Intellekt einer Bratpfanne hatten und Individualisten waren, die nicht mannschaftsfähig sind.

Wie gesagt, das Spiel lastet nach wie vor auf seinen Schultern nur hat er aktuell das Glück, dass Suárez vorne das, was er produziert, auch zu verwerten weiß. Neymar ist aktuell abgemeldet, Rakitić wirkt leer und Iniesta spielt zwar eine top Saison, ist aber auch nicht mehr wirklich frisch, was man in vielen Bewegungsabläufen erkennt. Er wird leider einfach langsamer. Ich orte das Problem hier eher darin, dass die Halbposition nicht mehr das richtige für ihn zu sein scheint, er sollte den Xavi Part übernehmen, was aber mit Rakitić gemeinsam nicht unbedingt funktioniert, da der halt auch eher tief zentral steht und nicht den dynamischen Ballartisten vorne darstellt, aber gut. Das sind andere Baustellen.

Lucho viel anzukreiden halte ich jedoch auf für verkehrt. Ich bin, wie wahrscheinlich mittlerweile allseits bekannt, der wohl größte „Guardiolist“ hier im Forum, dennoch finde ich, dass Lucho und Unzué ihren Job durchaus sehr ordentlich machen. Dass Lucho kein Philosoph und auch kein Taktiker auf Peps Level ist, ist denke ich bekannt. Dennoch ist es unter anderem ihm (und seinem Stab zu verdanken), dass Piqué wieder ein Weltklasse Innenverteidiger ist, der auch das angemessene Gewicht für einen Fußballer hat, Alves in großen Spielen wieder zu gebrauchen ist und sich auf rechts nicht verselbstständigt, das Mittelfeld im Großen und Ganzen wieder funktioniert und auch ansonsten Ordnung im Team zu sein scheint. Trainiert wird mit Sicherheit auch ausreichend, außer von einigen, Aleix wurde offensichtlich jüngst Opfer von Luchos Wertschätzung einer guten Leistung im Training. Dass er nun Sergi Robertos Polyvalenz zu nutzen scheint und im allgemeinen aus seinen Fehlern zu lernen vermag, rechne ich ihm ebenfalls hoch an. Ich bin einfach der Meinung, dass es aktuell keinen geeigneteren Kandidaten gibt und auch keinen Grund für einen Trainerwechsel. Solange Xavi keinen Trainerschein hat, ist man mit Lucho gut beraten, denke ich. Auch wenn der wahrscheinlich ohnehin bald lieber wieder Fahrrad fährt, anstatt sich derart zu verausgaben wie es ein Pep getan hat. Lucho würde mit Sicherheit früher die Reißleine ziehen. Natürlich ist Lucho nicht ein so hochbegabter Trainer wie es Pep ist, aber das können ohnehin nicht viele von sich behaupten. Dass sein Pragmatismus zu Lasten des Spiels geht und seine Transferwünsche (Arda, Mathieu), wobei das auch mit Vorsicht zu genießen ist, weil das Präsidium dabei ja stark seine Finger im Spiel hat, nicht unbedingt das Gelbe vom Ei waren, mit Ausnahme von Rakitić.

Die großen Probleme orte ich woanders. Zum einen im Präsidium, das mit einer Kaderplanung, die dilettantischer nicht sein könnte, ziemlich viel verpfuscht hat. Wir haben vom Durchschnittsalter her wahrscheinlich das älteste Top-Team in Europa. Unser Präsidium bringt es seit Jahren nicht zustande, einen gestandenen Innenverteidiger zu verpflichten. Wir holen Douglas. Da muss ich auf so vielen Ebenen keine Argumente mehr bringen, das spricht einfach für sich. Wir haben vorne den besten Sturm der Welt, aber genau gar keine Alternativen, wir haben einen Kader, der auf ein zentrales Spiel ausgelegt ist, in die Breite können wir herzlichst wenig unternehmen. Summa summarum haben wir effektiv 14 Spieler, auf die man setzten kann. Von 24. Das ist in so vielerlei Hinsicht einfach nur unfassbar traurig.

Ein weiteres Problem, für das jedoch nur unsere fußballerische Klasse etwas kann, ist dass sich schlichtweg unterbewusst eine natürliche Sättigung breit macht. Das habe ich nach dem Champions League Aus bereits angesprochen, unser Kader kann, selbst wenn man der Meinung ist alles noch einmal gewinnen zu wollen, nicht mehr so hungrig sein, wie er es vor Peps Zeit war. Das ist denke ich keinem Menschen möglich. Die Emotionen, die diese ganzen Triumphe auslösen, müssen nach einer Zeit ja einfach schwächer werden, da sie gewöhnlich(er) werden. Das ist schlichtweg menschlich. Ich halte es jedoch für falsch, deshalb irgendwelche Legenden zu verkaufen, das würde mir und ich denke fast jedem anderen Fan auch widerstreben. Es geht nur darum etwas Kontinuität und Nachhaltigkeit in die Kaderplanung zu bringen. Wenn man an den richtigen Schrauben dreht, wird es auch für die gestandenen und „erfolgsbelasteten“ Spieler wieder viel leichter, da sie das Gefühl haben der Teil etwas Neuem, etwas Aufregendem zu sein, wenn sich Routine und Alltäglichkeit breit macht, dann hat man im Fußball schon einen Nachteil. Daher wäre es meiner Meinung nach wichtig, an den richtigen Schrauben zu drehen und sich dementsprechend weiter zu entwickeln. Wenn unsere Möglichkeiten größer wären, dann wäre auch der Fußball für die Spieler interessanter und fordernder, da sie auch in der Aufstellung Abwechslung erkennen würden. Dass ein Messi immer gesetzt ist und meiner Meinung nach auch immer gesetzt sein muss, würde sich auch mit einem anderen Kader nicht ändern, nur würde es die ganze Geschichte, auch für die Fans interessanter machen, wenn man nicht wüsste, was einen erwartet, und natürlich auf erfolgsversprechender. Bei Pep war jede Aufstellung eine Überraschung. Er hatte die Genialität und die Spieler dazu, wahnsinnig zu sein – was im Fußball oft ein unbezahlbares Gut ist. Bei Lucho kann man die Genialität anzweifeln, das stimmt. Aber er kann sich auch herzlichst wenig überlegen, da er schlichtweg nicht das Spielermaterial dazu hat. Wäre unser Kader facettenreicher, wäre es auch unser Spiel und das Zusehen und auch das drum herum aufregender. Denn was meiner Meinung nach viele verwechseln ist nicht nur, dass unser Spiel monotoner und langweiliger/unattraktiver wurde, seit Pep weg ist, auch das drum herum wurde es. Denn was hat die Clásicos und die anderen großen Spiele so interessant gemacht, auch im Vorfeld? Natürlich die Tatsache, dass wir auf ein Feuerwerk und auf unfassbaren Fußball gewartet haben, aber auch die Tatsache, dass man nie wusste, was Pep einfällt. Ich denke da nur an das Spiel 2010 im Bernabeu, als er mit Alves auf rechts außen aufgeboten hat und hinten mit Puyi und Maxwell auf den Außen aufgestellt hat. Man wusste bis zum Anpfiff nicht, was einen erwartet, da im Prinzip vier verschiedene Formationen möglich waren. Als er Alves dann auf rechts gebracht hat, hat das Madrid ziemlich überrascht und sie haben ewig gebraucht sich darauf einzustellen, als sie dann damit klar gekommen sind, hat er Alves wieder auf rechts hinten beordert, Puyi ist auf die LV-Position gegangen und Maxwell war auf dem Flügel und er hatte denselben Trick spiegelverkehrt parat, was schier unglaublich ist. Unabhängig ob Lucho so etwas einfallen würde, er hat aktuell auch nicht die Spieler, um so etwas zu spielen.

Wie auch immer um es auf den Punkt zu bringen: Ich sehe die Probleme nicht in Lucho und noch viel viel weniger in Messi. Messi derart hart zu kritisieren widerstrebt mir, da es für mich keinen Grund dafür gibt, Lucho mag nicht immer alles richtig gemacht haben, dennoch gibt es aktuell keine wirklichen Barça-like Alternativen und meiner Meinung nach auch keinen Grund, ihn auszutauschen. Wenn wir einen polyvalenteren, jüngeren und auch breiteren Kader hätten, wäre es glaube ich gerade jetzt um vieles einfacher. Die Spieler scheinen nämlich ganz nebenbei auch einfach platt zu sein.