Luis Enrique (Ex-Trainer)

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Roland
Teilnehmer

In puncto Enrique bin ich zwiegespalten und weiß nicht wirklich, wie man ihn einordnen kann. Was die Schönheit des Spiels angeht, so werden fussballromantische Fans überwiegend auf Magerkost treffen, denn abgesehen von der wirklich starken Rückrunde letzte Saison, zieht sich der pragmatische und bisweilen auch minimalistische Fussball wie ein roter Faden durch seine Amtszeit. Plump ausgedrückt, kann man durchaus festhalten, dass 3 von 4 Saisonhälften nicht den ästhetischen Ansprüchen vieler Culés entsprechen und insofern kann ich Kritik verstehen und teile sie auch. Was mir ebenso sauer aufstößt ist der mangelnde Eifer zur Nachwuchsförderung. Die fehlende Bereitschaft Jugendspieler in die erste Mannschaft zu integrieren, ist meiner idealistischen Ansicht nach etwas, was einer nachhaltigen Vereinsführung böse mitspielt. Dabei ist die Rechnung simpel. Je weniger Nachbesetzung aus internen Quellen, desto größer der Druck extern nachbesetzen zu müssen und das in einem Umfeld, in dem überdurchschnittliche Spieler exorbitante Preisschilder um den Hals tragen, weil private Kapitalgeber und die systematisch geldüberschwemmte Premier League die Preisspirale immer weiter andrehen. Soweit also der nüchterne kaufmännische Blick, der emotionale Fanblick stimmt mich noch düsterer. Wenn ich sehe, dass Grimaldo gegangen wird, während Adriano defensiv wie offensiv über das Feld stolpert, Mathieu und Vermaelen gekauft werden, ein gleichstarker Bartra aber auf der Bank versauert oder sich Gerüchte über Gündogan und Pogba breitmachen, während Samper sträflich vernachlässigt wird, so kann ich gar nicht so viel essen wie ich gern kotzen würde.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Transferpolitik in die gleiche Kerbe schlägt, weil abgesehen von Neymar nur gereifte Spieler gekauft werden, die den 30iger sehr viel näher sind als den 20igern. Und so kommt es, dass die Mannschaft immer älter und die Kasse immer leerer wird.

Auf der anderen Seite spricht der Erfolg klar für Lucho. Ich mein, ein Triple im Anfangsjahr und womöglich ein Double im zweiten ist schlicht und ergreifend sensationell, selbst für einen Barca-Trainer. Ich bin leider zu faul für eine Recherche und aus dem Stand weiß ich es nicht, aber ich vermute, das haben bisher wohl sehr wenige andere Trainer in der Fussballgeschichte erreicht. Das hat er mit seiner Art Fussball erreicht, die für meine Begriffe sehr wohl eine Handschrift erkennen lässt. Verbessertes Defensivverhalten insbesondere bei Standards, ein defensiv stark verbessertes Mittelfeld, das Sergio nicht so allein auf weiter Flur stehen lässt sowie ein Offensivspiel, das längst nicht nur auf Tiki Taka setzen muss, sondern Werkzeuge besitzt, den Gegnern auf verschiedene Weise Probleme zu bereiten (auch wenn dieser Punkt in letzter Zeit stark nachgelassen hat). Das grenzt sich schon sehr stark von der guten alten Guardiola-Zeit ab, wo man ähnlich wie im Handball den Gegner im eigenen 16er eingeschnürt hat und danach oft nur brotlose Kunst vorzuweisen hatte, während fast jeder Konter und fast jede Ecke einem Elfmeter glich.
Es betrifft zwar nicht nur Enrique, sondern auch seine Vorgänger, aber aktuell ist es eben er, der vermutlich von einer nicht ganz so gesunden Teamhierarchie streckenweise ausgebremst wird. Spieler wie Messi, der Fluch uns Segen zugleich sein kann, bilden neben dem Trainer eine ganz eigene Autorität, die sich weder dem Trainer noch dem Board unterordnet. Solche Spieler nehmen sich dann gerne auch gewisse Privilegien zulasten ihrer Mitspieler heraus (Defensivarbeit, Laufbereitschaft). Auch weiß ich nicht, ob Enrique wirklich so blind ist, wie hier und dort dargestellt wird und nicht sieht, dass Messi’s aktuelle zentralere Positioniert aktuell wenig Vor- aber viele Nachteile bringt. Ich glaube, wenn wir es sehen, dann sieht er es mit seinem erfahrenem Trainerstab auch. Nur was tun, wenn die Machstruktur einem nur einen eingeschränkten Spielraum lässt und selbst der böse Vorstand sich die Gehaltsvorstellungen mit Messi nach dem ,,friss-oder-stirb“-Prinzip aufdiktieren lässt ? Ok, ich schweife ab.

Es gibt sicherlich noch viele andere Punkte, mein aktuelles Fazit geht aber auch in die Richtung, dass die aktuellen Probleme eher woanders liegen.