Juventus 3-0 FC Barcelona 11.04.17

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barcafan_23 wrote:

Ich habe nicht den Eindruck, dass ich für einen besonders gewagten Standpunkt einstehen würde. Ganz und gar nicht. Ich möchte den Wert von Statistiken nicht anzweifeln, vertraue aber lieber auf meine Wahrnehmung und weniger auf Zahlenwerke, die durchaus dazu bemüht werden könnten, tatsächliche Gegebenheiten ins Gegenteil zu verkehren. Diese Macht geht von ihnen aus, während ein Spiel in seiner Gesamtheit diese Wirkung nie hervorbringen könnte. Statistiken können zur Unterstützung der eigenen Argumentation in einem übergreifenden Kontext hilfreich sein, nicht aber, wenn selektiv Fakten herangezogen werden, die einen Spieler zwar in einem schlechten Licht erscheinen lassen, die aber für die Beurteilung des Spiels und im Besonderen der Leistung eines Spielers ohne Relevanz sind. Im Fall von André Gomes konnten solche Tendenzen in den letzten Wochen und Monaten beobachtet werden, angefacht von den spanischen Medien, die wieder einmal eindrucksvoll Zeugnis davon ablegten, wie zwielichtig ihre Vorgehensweise und verwerflich ihre Motive sind. Dies gipfelte schließlich in Pfiffen gegenüber André Gomes – für mich einer der dunkelsten Momente der jüngeren Geschichte und ein Beispiel für die Unmündigkeit der Fans, die allzu schnell ihren eigenen Verstand gegen den populistischen Motor der spanischen Gazetten eintauschen, der Meinungsbildung auf der tiefsten Ebene sportlicher Auseinandersetzung betreibt.

Ich habe noch keine außerordentlichen Leistungen von André Gomes gesehen, die in mir Begeisterungsstürme hervorrufen konnten. Doch welche Spieler im Trikot des FC Barcelona waren hierzu in den letzten Wochen und Monaten imstande, ausgenommen Messi, Neymar und Umtiti? Meine Aufmerksamkeit muss ich stattdessen darauf richten, was sein könnte, zu welcher Leistung die Spieler in der Lage sein könnten, wenn die Umstände günstiger wären. Es spricht vieles dafür, dass der taktische Nährboden verkümmert ist und Spieler nicht ihr Leistungsvermögen abrufen können. Sie sind dazu da, um ihre Position zu halten, zu laufen und ab und zu einen Pass zu spielen, der im besten Fall nicht den Weg zurück zu den Innenverteidigern zeichnet. Iniesta, Rafinha, D. Suárez, Rakitic – all diese Spieler sind in Ketten gelegt, ihnen wird ein Spiel aufgenötigt, das mir zumindest keinen Spaß machen würde.

Ob all diese Spieler tatsächlich noch den Anforderungen im modernen Fußball gewachsen sind, soll nicht Gegenstand dieses Beitrages sein. Ich möchte lediglich hervorheben, dass es André Gomes nicht anders ergeht. Ich kann der Aussage, Gomes fehle gänzlich die Klasse für den FC Barcelona, nicht nur deshalb wenig abgewinnen. Er kann einige Dinge besser, andere Dinge aber ganz sicher nicht ganz so gut wie die anderen Mittelfeldspieler. Sein Spiel wird aber in einer ähnlichen Weise beeinträchtigt wie das der anderen Spieler.

Trotz dieser belastenden Umstände überrascht Gomes immer wieder mit lichten Momenten, die Zuversicht vermitteln. Defensiv ist er im Zweikampf sehr beharrlich und kennt Mittel und Wege, sich durchzusetzen. Manchmal übertreibt er es ein wenig, doch diese etwas rustikal angehauchte Art ist meines Erachtens eine Stärke, die je nach Gegner und Situation für anspruchsvolle Aufgaben fruchtbar gemacht werden könnte. Seine defensive Stärken muss aber noch deutlich punktueller zum Einsatz kommen. Daneben gefallen mir seine Ballannahme und sein Passspiel. Zeitgleich mit der Ballannahme gibt er dem Ball häufig schon die Richtung vor und sorgt damit für eine im Verhältnis zum Gegner günstigere Positionierung. Seine Pässe sind stramm und zielgerichtet. Technisch gibt es bei ihm wenig auszusetzen. Er hat die Fähigkeit, den Ball auch in hohem Tempo eng zu führen und große Strecken zurückzulegen. Dabei legt er häufig auch seinen Körper in die Waagschale und schirmt den Ball gut vor dem Gegner ab. Er stößt auch gerne in den Strafraum vor und hatte auch bereits die Gelegenheit, Tore zu erzielen.

Am meisten gefällt mir an Gomes die große Spreizung seiner Fähigkeiten. Er beherrscht viele Dinge und kann der Mannschaft auf unterschiedliche Weise helfen. Wir haben sicher Spieler, die offensiv stärker sind, und auch Akteure, die defensiv vielleicht mehr Stabilität geben. Gomes muss noch seinen Stil bei uns finden. Die Trainer sollten auf seine Durchsetzungsfähigkeit offensiv wie defensiv bauen. Alles in allem verkörpert Gomes den modernen Mittelfeldspieler. Früher hätte man ihn wohl zu einem „Zerstörer“ ausgebildet, doch zum Glück bringt er mehr mit. Er hat mehr auf Lager, was auch genutzt werden sollte.

Die Integration des Spielers kann erst gelingen, wenn auch wieder die anderen Spieler eine stärkere Integration in alle Facetten des Spiels erfahren. Vorher kann sich Vertrauen und damit einhergehend Selbstbewusstsein und Selbstverständnis nicht ausbilden. Ich plädiere dafür, sich dem Echo aus Spanien zu widersetzen und nicht einzustimmen in die Kritik, die wieder einmal einen einzigen Spieler in die Nähe einer Galionsfigur des Misserfolgs rückt.