Neymar Jr.

#583120

„Idiot, Ratte, Arschloch“ – ich glaube, mehr muss man zu dem Diskussionsverlauf in diesem Thema nicht mehr sagen. Die Unterredung hier gleicht einer verbalen Inquisition und ist an Maßlosigkeit nicht zu übertreffen. In 6 Jahren Barçawelt habe ich solche Entgleisungen bisher (zum Glück) noch nicht gesehen und ich hoffe, dass es eine absolute Ausnahme bleiben wird. Wenngleich ich nicht vertreten kann, besondere Umstände würden eine derartige Aufruhr auch nur im Ansatz rechtfertigen. Gewisse Culés lassen sich vielmehr gehen und verlassen alle Ebenen der Sachlichkeit. Das ist einfach nur enttäuschend und ich distanziere mich in aller Ausdrücklichkeit von diesen radikalen Strömungen und Fans.

In der Sache selbst ergibt sich für alle Beteiligten eine unbefriedigende Situation, die schnellstmöglich aufgelöst werden muss. Der Trainer braucht Gewissheit, mit welchen Spielern er in der kommenden Saison planen kann. Leider scheint die Angelegenheit aus bereits benannten Gründen mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, als den Verantwortlichen für eine optimale Vorbereitung auf die neue Saison zur Verfügung steht. Das lässt sich leider nicht ändern.

Ob die Aussicht auf höhere Einnahmen tatsächlich den tragenden Beweggrund für die Absichten des „Neymar-Clans“, wie er hier in Anlehnung an mafiöse Strukturen gerne bezeichnet wird, darstellt, vermag ich nicht zu beurteilen. Dies entzieht sich schlicht meiner Kenntnis, ich konnte im Gegensatz zu den Medien und den Fans noch nicht in die Gedankenwelt anderer Menschen eindringen. Sollte Geld wirklich das einzige Motiv für den Wechselwunsch sein, wäre das meines Erachtens aber verwerflich und würde Neymar in meinen Augen in einem sehr unschönen Licht erscheinen lassen. Für mich persönlich wäre ein ein solches Verhalten in Anbetracht der Einkommenssituation von Neymar nicht nachvollziehbar und Ausdruck einer besonders zu verachtenden Form der Gier.

In Wahrheit liegen die Beweggründe derzeit aber im Verborgenen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Wunsch nach mehr Geld Neymar tatsächlich dazu veranlasst hat, Gespräche mit PSG aufzunehmen. Genauso gut können aber andere Gründe den Wunsch nach einem Wechsel befeuern. Jedem sollte klar sein, dass bei einem Wechsel das Einkommen von Neymar naturgemäß steigen wird. Einem höheren Einkommen allein kann daher in diesem Zusammenhang keine Indizwirkung zukommen. Nicht von vornherein ausgeschlossen erscheinen Unstimmigkeiten mit bestimmten Spielern, nicht zu überbrückende Differenzen mit dem Trainer oder die Sehnsucht nach mehr Freiheiten im Spiel.

Diesbezüglich möchte ich, wenn auch mit etwas Verzögerung, der hier von einem bestimmten Mitglied in einer äußerst billigen und abwegigen Form verbreiteten Meinung entgegentreten, Neymar würde außerhalb des spielerischen Systems stehen. Das habe ich in der letzten Saison und davor anders gesehen. Er war und ist bei Barça der Stürmer, der am konsequentesten in das Defensivkonzept der Mannschaft eingebunden war. Die defensiven Lasten bei Neymar begannen beim Offensivpressing und setzten sich fort bei der regulären Eingliederung in das 4-4-Defensivsystem. Neymar spulte auf der linken Seite regelmäßig viele Kilometer mit einer hohen taktischen Disziplin ab. Ich vermute, dass er in den Spielen fast immer auf seine 10-12 Kilometer kam, sofern er durchspielen konnte.

Die Auswirkungen eines Wechsels auf die Leistungsfähigkeit der Mannschaft sind nicht absehbar. Neymar war nicht nur diszipliniert, sondern hat das Spiel der Mannschaft trotz der vorhandenen taktischen Aufgaben offensiv bereichert. Das Zusammenspiel mit Alba war nicht immer zufriedenstellend, auf der anderen Seite sprechen aber die Zahl der Tore und der Assists eine deutliche Sprache. Der Vorwurf, bei ihm handele es sich um einen Egoisten, der es nur auf seine Zurschaustellung abgesehen habe, wird mit den Vorlagen widerlegt. Auch habe ich mit meinen eigenen Augen einen anderen Spieler gesehen.

Wie viel ein Spieler wie Neymar für Barça wert ist, wird sich erst in der CL-Ko-Phase zeigen. Seine Durchbruchs- und Willensstärke können meines Erachtens nicht kompensiert werden. Ein Verlust des Spielers müsste anders aufgefangen werden, in erster Linie durch sinnvolle Verpflichtungen auf der Grundlage eines stimmigen Gesamtkonzepts. Die Verpflichtungen dürften nicht darauf abzielen, Neymar zu ersetzen. Das würde nicht gehen.