Barcelonas schmerzhafter Status Quo

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Das 1:4-Debakel gegen Paris Saint-Germain deckte einmal mehr die Schwächen und Probleme des FC Barcelona gnadenlos auf. Die Mannschaft befindet sich im Umbruch, gehört nicht zu Europas Elite – und kann mit dieser derzeit nicht mithalten. Ein schmerzhafter Status Quo.

Gerard Piqué und Sergio Busquets saßen konsterniert auf der Tribüne des Camp Nou, blickten geschlagen und niedergeschlagen auf die finalen Minuten unten auf dem Platz. Beide Veteranen wurden beim schmachvollen 1:4 gegen PSG vorzeitig ausgewechselt, die Corona-Regularien haben zur Folge, dass sie nicht wie sonst auf der Bank, sondern nur auf der Tribüne Platz nehmen. Von dort oben hatten die beiden Barça-Legenden einen noch besseren Blick auf das, was sich weiter unten auf dem grünen Rasen abspielte.

Dabei sahen sie ein hilfloses Barça, das verzweifelt mit letzter Kraft versuchte, irgendwie dieses sowieso schon desaströse Hinspiel-Ergebnis durch ein Tor noch ein wenig zu beschönigen. Am nähesten kam dem noch der eingewechselte Martin Braithwaite, der in der Schlussphase in drei aussichtsreichen Positionen vor dem Tor der Gäste auftauchte. Gefährlich wurde es für Keylor Navas, ehemals beim großen Rivalen Real Madrid angestellt, im PSG-Gehäuse aber nicht mehr, und so blieb es bei diesem schlimmen Resultat aus Sicht der Blaugrana.

Nach Schlusspfiff schwenkte die Kamera nochmal auf Piqué, der sein Comeback gegen PSG gab und nun bedröppelt auf der Tribüne saß. Es war wieder einmal ein Armutszeugnis, das die Blaugrana gegen einen Top-Gegner in Europa abgab, und Piqué war sich dessen bewusst.

1:4. Im Hinspiel, im Camp Nou. Es war erst das sechste Mal in 278 Heimspielen in europäischen Wettbewerben, dass Barça im eigenen Stadion mit drei Toren Unterschied geschlagen wurde. Gab es die jüngsten schmachvollen Pleiten gegen Bayern München (2:8), Liverpool (0:4), die Roma (0:3) oder Paris (0:4) noch in der Fremde oder auf neutralem Terrain, gab es nun dieses Debakel in der eigentlichen Festung Camp Nou. 

Klarer Trend: Barças Pleitenserie in der CL

Schon beim 0:3 im Gruppen-Endspiel gegen Juventus Turin setzte es eine deftige Pleite im heimischen Stadion, doch seitdem zeigte die Formkurve der Katalanen deutlich nach oben. In der Liga gewann man zehn der letzten zwölf Spiele, seit der Rückkehr zum 4-3-3 spielte Barça deutlich besser.

Man hatte sich gegen PSG daher einiges ausgerechnet, auch natürlich, weil in Neymar und Angel Di Maria zwei elementare Schlüsselspieler fehlten. Am Ende wurde man aber erneut abgeschossen, war deutlich unterlegen und wirkte in allen Belangen überfordert. Nicht die erste Schmach in der Champions League in den letzten Jahren. Der Trend der vergangenen Spielzeiten wurde auf bittere Art und Weise fortgeführt.

Gegen PSG stimmte es in keinem Mannschaftsteil. Die Abwehr war unsortiert, das Mittelfeld wurde überrannt, der Sturm war ein laues Lüftchen. Barça ist wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, die Klatsche im Camp Nou verdeutlicht: Das Team von Ronald Koeman befindet sich im Umbruch, der längst überfällig war und vor dieser Saison erst eingeleitet wurde. Mit den Top-Teams in Europa kann man daher aktuell schlicht nicht mithalten. “Uns fehlt noch etwas, um auf dem höchsten Niveau zu sein, vor allem in der Champions League”, gab nach dem 1:4 auch Ronald Koeman ehrlich zu.

Denn die Youngster sind für dieses Level – verständlicherweise – noch nicht reif genug, das sah man bei den Auftritten von Sergiño Dest und Pedri sehr gut. Das ist mitnichten ein Vorwurf an die beiden aufstrebenden Jungtalente, schließlich spielte der eine vor einem halben Jahr noch in der zweiten spanischen Liga, der andere absolvierte gerade mal eine Handvoll Spiele in Hollands Eredivisie. Beide Akteure haben enormes Potential, mittel- und langfristig tragende Säulen des ‘neuen’ FC Barcelona zu werden, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Gegen PSG zahlten beide Lehrgeld.

 

 

Fragezeichen hinter Busquets, Lenglet und Co.

Gegen Mauricio Pochettinos hochmotivierte Elf waren aber beileibe nicht nur die jungen Spieler überfordert, sondern auch die alteingesessenen Veteranen, allen voran Sergio Busquets. Einmal mehr wurde der alternde Mittelfeld-Regisseur von den kraftstrotzenden, giftigen PSG-Gegenspielern in der Zentrale des Spielfeldes weggespült, konnte so die fragile Hintermannschaft der Blaugrana überhaupt nicht beschützen und auch im Ballbesitz keine Sicherheit ausstrahlen.

Ähnliches galt auch für Frenkie de Jong, der auch einen schwarzen Abend erlebte. Denn auch der formstarke Niederländer, der auf diesem Niveau immerhin schon einige Erfahrung gesammelt hat, hatte im Zentrum gegen Verratti, Paredes und Co. nichts entgegenzusetzen. Und ganz hinten wackelte Clement Lenglet erneut, einmal mehr stehen hinter der Tauglichkeit des Franzosen auf diesem Niveau, dem höchsten Europas (das jedenfalls ist der Anspruch Barças) einige Fragezeichen.

Diesmal sprach sich Koeman gegen Samuel Umtiti aus, der zuletzt reihenweise gepatzt hatte und der (aktuell) ebenfalls nicht die nötige Qualität mitbringt, um eine Defensive zu stabilisieren. Dass Piqué nach gut dreimonatiger Verletzungspause nicht auf der Höhe seiner Schaffenskraft sein kann, steht außer Frage. Bezeichnend, dass der 34-Jährige nach gerade einmal fünf Trainingstagen und ohne jegliche Spielpraxis direkt von Anfang spielte. Auszahlen sollte sich dieser Schachzug nicht – auch wenn schon Piqué früh im Spiel lauthals versuchte, seine wackeltenden Vordermänner mit deftigen Anweisungen aufzuwecken.

Barcelona hat viele Baustellen

So hat Barça weiter einige Baustellen, zu viele, als dass man mit Europas Elite auf diesem Level mithalten kann. Auch im nächsten Sommer wird der Umbruch weiter vorangetrieben werden (müssen), womöglich auch auf eine Personalie ausgedehnt, die den kompletten Verein verändern wird. Lionel Messis Vertrag läuft im Juni aus. PSG ist mächtig an ihm interessiert, will La Pulga verpflichten – am Dienstag haben die Pariser gehörig Eigenwerbung betrieben und ihm aufgezeigt, dass PSG aktuell die bessere Adresse ist, um um die begehrte Champions-League-Trophäe mitzuspielen. Denn Barças Status Quo wurde deutlich: Zu Europas Elite fehlt ein gutes Stück.

Alex Truica
Freier Sportjournalist, Podcaster und Chefredakteur Barçawelt
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