Ivan Rakitić: Ein Gespräch auf Barcelonas Promenade

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Barcelona. Einfach war es sicher auch für den Fußballstar Ivan Rakitić nicht, sich retrospektiv mit dem 17. August, am Ort des Geschehens, auseinanderzusetzen. Und doch machte der Kroate einen sehr reflektierten Eindruck, als er da in seinem jüngsten Interview die Furcht während des Schreckens-Events und seinen persönlichen Fernblick in eine hoffnungsvolle Zukunft schilderte. „Reflektiert“ auch, weil das Interview mit der BBC* bis zum finalen Kreuzverhör ohne 0815-Fragen auskam. Wie gewohnt bewahrte der Mittelfeldler des FC Barcelona einen klaren Kopf und sprach dann auch über die nicht ganz so schwergewichtigen Themen, die die Fußballwelt bewegen.

Der Interviewer der BBC sitzt gemeinsam mit Ivan Rakitić in einem der Straßencafés auf Les Rambles (Las Ramblas). Die Sonne brennt und die Touris schlappern mit ihren Badelatschen über das Straßenpflaster, während sie unbeschwert Sommerdrinks schlürfen. Derweil lässt der Journalist den Fußballprofi sich an die Momente des Terrors auf jener berühmten Flaniermeile rückbesinnen.

Ja, das war wirklich ein sehr schwerer Moment. Besonders für mich, denn ich war zu dem Zeitpunkt gemeinsam mit meiner Familie im Stadtzentrum, ganz in der Nähe der Attacke unterwegs. Innerhalb von 5 Minuten haben mich Verwandte und Freunde angerufen und gefragt, was gerade in Barcelona passiert sei. Dann bekam ich selbst die Nachricht und erahnte gleich, wie furchtbar es gewesen sein musste (atmet durch). Wenn du so etwas im TV siehst, denkst du dir, „oh ja, da ist etwas Schlimmes geschehen“, aber wenn es dann wirklich direkt neben dir passiert, ist das eben nicht ganz so leicht. Man muss sich bei der Polizei und all den Leuten bedanken, die in diesem Moment vor Ort waren und die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Genauso muss auch an die Leute gedacht werden, die ihre Familie oder gar ihr Leben verloren haben. Und dennoch geht es für uns vorwärts. Barcelona ist eine wundervolle Stadt mit zahlreichen Menschen, die aus allen Teilen der Erde stammen. Eine der schönsten Städte der Welt, die man gemeinsam genießen muss. Ich hoffe, dass wir (in Zukunft) ein Leben ohne Terror führen können. 

Barcelona ist ja ein Klub, der eine sehr ausgeprägte Identität besitzt und eine enge Beziehung mit dem Gebiet Katalonien führt. Gibt dir das noch mehr Motivaton, etwas für die Leute zu gewinnen, die betroffen sind?

Wir (Fußballer) sind auch nur Menschen und wollen den Leuten etwas zurückgeben. Wenn wir das mit guten Spielen, Toren und Siegen machen können, dann werden wir unser Bestes dafür tun, den Leuten ihr Lächeln zurückzugeben. Wir wissen, dass es sehr schwere Tage für sie waren. Und vielleicht können sie heute ins Stadion kommen und es genießen Barcelona beim Fußballspielen zuzuschauen. In solchen Momenten müssen wir zusammenhalten und doch das Geschehene irgendwann hinter uns lassen, denn es muss immer weitergehen. Ich bin mir sicher: gemeinsam sind wir stärker!

Ich habe mal ein Interview von dir gelesen, in dem du gesagt hast, dass es nicht so leicht ist an der Seite von Leo Messi zu spielen, wie es die Leute immer behaupten. Wie hast du das gemeint?

Naja, du musst einige Sachen für ihn tun. Er ist der beste Spieler der Welt und vielleicht sogar der Beste der gesamten Geschichte. Du musst dir bewusst darüber sein, dass er anders als die Anderen ist. Klar ist es immer einfach, das Ganze von zuhause aus zu verfolgen und zu sagen „da könnte ich ja selbst an seiner Stelle spielen“. Wenn du aber hier vor Ort bist, laufen die Dinge etwas anders ab. Du musst dieses (gewisse) Feeling mitnehmen und nach drei bis vier Spielen wird es für alle einfacher sein, so dass du nur noch das Flaire genießen kannst.

Bedeutet das eigentlich auch mehr Druck? Du musst demnach ja fast so gut wie Leo spielen, um ihm das geben zu können, was er braucht.

Nein, du brauchst nur das Verständnis. Jeder Spieler hat seine Position im Team. Niemand hat zu Leo gesagt: „So, du kannst jetzt tun was immer zu möchtest“. Nein, er hat Schritt für Schritt gebraucht, um dieses Level zu erreichen. Jetzt ist er dort angekommen und wir wissen, dass wir eben spezielle Dinge für ihn tun müssen. Und wenn er den Ball dann gemeinsam mit drei oder vier Leuten anstatt mit zehn vorne zugespielt bekommt, ist es auch für ihn einfacher.

War Neymars Abgang ein Schock für dich? Also, dass ein anderer Klub fähig dazu war euch einen eurer besten Spieler zu nehmen? Das ist ja eigentlich genau das, was Barcelona normalerweise macht.

Ich weiß nicht, für mich persönlich war das sehr schwer zu akzeptieren, nicht nur weil er einer der größten Spieler, sondern meiner Meinung nach auch eine großartige Person ist. Er war in der Umkleide sehr wichtig und ist einer der besten Jungs, die ich im Fußball kennengelernt habe. Ich empfinde es als eine schlechte Entscheidung, denn ich hätte ihn gern weiterhin in meiner Mannschaft gehabt. Aber davon abgesehen, gebühren ihm und Paris mein voller Respekt. Wenn ein Team sich Neymar nun mal leisten kann und dieser sich dann dazu entscheidet Barcelona zu verlassen, dann müssen wir das respektieren. Wir wünschen ihm viel Glück, so dass er hoffentlich viele Tore erzielen und in Paris glücklich werden kann. Gleichwohl müssen wir unseren eigenen Weg gehen und gemeinsam stark sein- ohne Neymar.

Ivan, du lebst den Traum eines jeden Schuljungen (mal von den Schuljungen, die Real Madrid supporten abgesehen) und erwachsenen Mannes, für Barcelona zu spielen!?

Ja, das selbe galt für mich, als ich damals noch zur Schule ging (lacht). Ich dachte nur an den Fußball und wollte in einem der besten Teams der Welt spielen. Jetzt bin ich sehr stolz, hier zu sein. Was ich den Kids mitgeben möchte ist, dass sie das Kicken gemeinsam mit ihren Freunden auf dem Platz genießen sollten. Der Druck und alles andere wird noch früh genug von alleine kommen. Sie sollten genießen und ihre Träume leben.

Was würdest du jetzt machen, wenn du kein Fußballer geworden wärst?

Da bin ich mir nicht so sicher (schmunzelt). Vielleicht würde ich bei meinem Vater auf dem Bau arbeiten, ich weiß es nicht. Ich habe ja mal angefangen bei einem großen Ingenieurs-Unternehmen zu studieren. Das war schon sehr besonders für mich, immerhin haben sie unter anderem die Stadien in Basel und in München gebaut. Es war schön diesen Karriereweg einzuschlagen, aber neben dem Fußball wurde das alles einfach zu viel und ich entschied mich dazu, alles in meiner Macht stehende dafür zu tun, Profi zu werden. Aber vielleicht zieht es mich ja nach meiner Karriere nochmal dorthin zurück.

Du spielst also in den Stadien anstatt sie zu bauen!

Ja genau, aber es war eben sehr interessant zu beobachten, wie die Leute das überhaupt hinbekommen. Es ist schon sehr speziell, eben nicht nur sagen zu können, „ich bin Fußballspieler- und das wars.“, sondern zu verstehen, wie ein Stadion Stück für Stück entworfen wird.

Ok, jetzt ein paar schnelle Antworten auf die folgenden Fragen…

… der beste Moment in deiner bisherigen Karriere?

Den CL-Titel zu gewinnen.

… der beste Spieler gegen den du gespielt hast?

Messi. Als ich in Sevilla war musste ich gegen ihn antreten. Das war nicht wirklich lustig (lacht).

… der beste Spieler mit dem du gemeinsam gespielt hast?

Ebenfalls Messi.

… zum Schluss, deine Hoffnung oder dein größter Wunsch für den Rest deiner Karriere?

Verletzungsfrei zu sein, mit dem Fußball weitermachen zu können, Barcelona und meine Nationalelf genießen zu dürfen, und hoffentlich einen klaren Kopf zu behalten, um diesen Sport genießen und für jedes Match bereit sein zu können.

*BBC, der britische Nachrichtensender, ist nicht zu verwechseln mit den drei Herrschaften aus der Madrider Offensivabteilung.

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