Johan Cruyff wird 66

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Hinweis: Aus aktuellem Anlass haben wir diesen Artikel hervorgeholt, den wir zum 66. Geburtstag von Johan Cruyff veröffentlicht haben. Er beschreibt seine sportliche und menschliche Geschichte.

Kaum einer hat den FC Barcelona geprägt wie Johan Cruyff. „Der König“ hat heute Geburstag und wird 66. Jahre alt. Im Rahmen einer geplanten historischen Serie haben wir einen Beitrag über diesen einzigartigen Menschen angefertigt, den wir euch nicht vorenthalten möchten. Er beleuchtet alle Facetten von Cruyff und zeigt auf, wer hinter diesem großen Namen steckt.

„El Salvador“  Johan Cruyff

Schon der Name  zaubert in Barcelona und ganz Katalonien ein Lächeln auf die Gesichter der Fußballfans. Nie zuvor hatte ein ausländischer Spieler den FC Barcelona so geprägt wie er. Wie die Teile eines Puzzles könnte man die Gründe hierfür zusammenfügen:

Beginnen wir damit, dass er der erste Spieler war, den der Club de Fútbol Barcelona – wie man ihn damals noch nennen musste – nach Überwindung großer Schwierigkeiten seitens des spanischen und auch des niederländischen Fußballverbandes und anderer diverser Gremien verpflichten durfte. Sowohl von Barcelonas Vorstandsvorsitzenden Augusti Montal als auch von Johan selbst mussten  – nennen wir es mal vornehm –  „leichter Druck und harsche Worte“  nach allen Seiten ausgeübt und gesprochen werden, um zum erhofften Ziel zu gelangen.

Der bekannt  freiheitsliebende, unangepasste und exzentrische Mittelstürmer von Ajax Amsterdam kam zu einer Zeit nach Barcelona, als die Katalanen langsam anfingen, sich gegen das Regime des „Generalissimo“  zur Wehr zu setzen, unter dem sie seit Jahrzehnten zu leiden hatten.  Ein Mensch wie Johan, der sich kein Blatt vor den Mund nahm und lauthals verkündete, „ er habe sich für Barcelona und gegen Madrid entschieden, weil er nicht für einen Club spielen könne, der mit einem Diktator assoziiert wird“, war in ihren Augen ein Held. Man hatte sich zum ersten Mal gegen Real Madrid außerhalb des Spielfeldes durchgesetzt. Und zugegebenermaßen waren die Erfolge am Spielfeld auch schon in weite Ferne gerückt, wenn es auch meist an einem „höheren Willen“ und nicht an den Spielern selbst gelegen hatte. (Für nicht ganz so Eingeweihte – Franco war Anhänger von Real Madrid und sein Wille war es, dass Real siegt – immer und überall und vor allem gegen Barcelona!)

Und dann war Johan Cruyff auch noch europäischer Fußballer des Jahres (1971 und – was man zu dieser Zeit noch nicht wissen konnte – auch 1973 und 74), ein Mittelfeldstratege par excellence,  Torvorbereiter, Torjäger, variantenreich und kreativ und er passte hervorragend zur Mentalität der Katalanen. Zudem war Rinus Michels seit 1971 Trainer des FC Barcelona und wollte selbstverständlich seinen Musterschüler aus Amsterdam (er war als Cheftrainer bei Ajax von 1965 – 71 und hatte Johan entdeckt und gefördert) als Bindeglied zwischen ihm und der Mannschaft, zumal die Katalanen mit ihrem „marmorharten“ Trainer einige Schwierigkeiten (fehlende Disziplin und Professionalität) hatten. Johan hatte bereits bei Ajax als Schaltzentrale gewirkt und es funktionierte auch dieses Mal wieder perfekt.

Was hatte nun Cruyff dazu bewogen, nach Barcelona zu wechseln?

Schließlich spielte er seit seiner Jugend (1959 – 64) bei Ajax und hatte als Aktiver (1964 – 1973) in 240 Ligaspielen 190 Tore geschossen, war sechs Mal  Meister mit seinem Verein geworden und den Europäischen Supercup 1972/73 sowie den Weltpokal  1972 gewonnen.

Er kam schlicht und einfach mit dem auf Stefan Kovác  – unter dem sich der „Tootal Voetbal“  samt Johan voll entfalten konnten – folgenden Trainer Georg Knobel nicht zurecht. Als er dann von der Mannschaft als Kapitän abgewählt wurde – weil zu arrogant und exzentrisch geworden – war er beleidigt und in Stolz und Ehre verletzt. Keine geeignete Grundlage für eine konstruktive Zusammenarbeit und ein gutes Klima in der Mannschaft und so fügte sich im Endeffekt alles zum Besten.  Mit der Verpflichtung durch Barças Manager Armando Caraben am 15. August 1973 konnte Barcelona Real Madrid ein Schnippchen schlagen, Ajax durfte sich über eine Ablösesumme von 3,7 Millionen DM freuen und Johan Cruyff wurde zum teuersten Spieler der Welt mit einem 3-Jahres-Vertrag und einer Wechselgage von 2,35 Millionen DM (netto – Steuern werden von Barcelona bezahlt), einem Grundgehalt von monatlich DM 6.000.–, Jahresprämien zwischen  DM 50. – 60.000.– und einer Dienstvilla.

Was hatte dieser schmächtige, langhaarige und kettenrauchende Fußballer an sich, dass sich nicht nur Barcelona, sondern auch Real Madrid für ihn interessierte? Lassen wir seinen Werdegang Revue passieren:

Geboren wurde Cruyff 1947 als Sohn des Gemüsehändlers Hermanus Cornelis Cruijff und dessen Ehefrau Petronella Bernarda Draaijer in Amsterdam. Aufgewachsen ist er in der Siedlung Betondorp im Osten der Stadt, von wo aus es nur wenige Minuten zum Ajax-Stadion De Meer sind. Schnell fasste der Junge aus einfachen Verhältnissen den Entschluss, Fußballer zu werden und begann mit sieben Jahren im Verein zu trainieren. Bald bestimmte der Fußball seinen gesamten Tagesablauf.

Als sein Vater 1959 an einem Herzinfarkt starb, war Johan erst zwölf Jahre alt und die Mutter musste den Gemüseladen schließen. Sie fand eine neue Anstellung als Putz- und Kantinenfrau von Ajax Amsterdam. Hier tauchte Cruyff nach der Schule unter, lauschte den Gesprächen der Spieler und erfuhr, dass man mit Fußball Geld verdienen kann, was seinen Wunsch Profi zu werden noch verstärkte. Schließlich verließ er sogar das Gymnasium vorzeitig, um mehr Zeit für Fußball zu haben.

Ajax-Trainer Vic Buckingham  erkannte Cruyffs Talent und holte ihn in die Jugendabteilung, wo die Nachwuchsspieler nach englischem Vorbild behandelt und ausgebildet wurden. Buckingham erkannte die Defizite des dünnen Jungen, die fehlende Kraft und zwang ihn zum Aufbautraining. Erst mit 15 war er in der Lage einen Eckball vor das Tor zu bringen.

Am 15. November 1964 debütierte der 18-jährige Cruyff in der ersten Liga (Eredivisie) für Ajax Amsterdam. Bei der 1:3-Niederlage gegen den FC Groningen erzielte er das einzige Tor. In der folgenden Saison 1965/66 wurde Cruyff Profispieler (sein monatliches Salär betrug 120 Gulden), doch in der Vorstandsetage hielt sich die Begeisterung für das Talent in Grenzen. Mit nur 60 Kilo Gewicht galt er nach wie vor als zu schmächtig, vor allem aber missfiel den Funktionären Cruyffs öffentlicher Zigarettenkonsum. Doch als im Januar 1965 Rinus Michels neuer Cheftrainer wurde, begann sowohl für Ajax Amsterdam und Johan Cruyff eine neue Zeitrechnung. Der neue Trainer glaubte an die Fähigkeiten des Offensivallrounders, machte ihn zum Stammspieler und trimmte Cruyff durch tägliche Kraftübungen und Waldläufe. Michels krempelte die Vereinsstrukturen komplett um, als er Trainingslager und den Vollzeit-Profi einführte, betrieb mit eiserner Hand Teambuilding und revolutionierte die Taktik. Er entwickelte das Konzept des Voetbal Totaal: aggressives Pressing und ständige Formationswechsel. Die gesamte Mannschaft sollte sich in das Angriffsspiel einschalten und so den Gegner unter Druck setzen. Taktisch war der Trainer ein Verfechter des offensiven 4-3-3-Systems. Die Schaltzentrale dieses Modells war Johan Cruyff, der nominell als Mittelstürmer aufgestellt war, jedoch auf dem ganzen Spielfeld auftauchte und gleichzeitig als Spielmacher, Torjäger und Flankengeber agierte. Der elegante und leichtfüßige Ausnahmespieler war das Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft, der die taktischen Vorgaben Michels auf dem Feld perfekt umsetzte. Noch heute gilt das Timing seiner Pässe als nur schwer zu erreichen, weshalb ein englischer Journalist über ihn schrieb, er spiele wie der „Pythagoras des Fußballs.“ (Quelle: Wikipedia)

Am 7. Spieltag der Liga, dem 28.10.1973, war es dann endlich so weit. Barcelona – auf dem zweitletzten Tabellenplatz der Primera División  – gewann gegen den FC Granada mit 4:0, zwei Tore erzielte Johan Cruyff. Es begann eine Serie von 24 ungeschlagenen Spielen: 18 Siegen und 6 Unentschieden, und Barcelona stand das erste Mal wieder an der Tabellenspitze. Im  Februar 1974 erreichte die „Cruyffmania“  ihren Höhepunkt, man deklassierte im Estadio Bernabéu Real Madrid mit 0:5. Ein neuer Held war geboren, El Salvador – „der Erlöser“. Schon Wochen vor Saisonende war man bereits Meister mit den meisten geschossenen und den wenigsten erhaltenen Toren. Im November feierte man das 75-jährige Vereinsjubiläum, die Barça-Hymne  wurde das erste Mal öffentlich vorgetragen und Johan zum 3. Mal Fußballer des Jahres.

1975/76 wurde Hennes Weisweiler neuer Trainer bei Barça und zwischen den beiden Alphatieren gab es kein Auskommen. Cruyff landete auf der Reservebank, die Fans votierten für Johan, Weisweiler musste den Hut nehmen und Cruyffs Wunschtrainer Rinus Michels kam zurück. Nachdem die anschließenden Meisterschaften wieder an Real Madrid gingen und man 1978 nur die Copa del Rey gewinnen konnte, erklärte El Salvador für viele überraschend seinen Rücktritt.

Die folgenden Stationen kurz angemerkt:

Als Spieler:

  • 1979 – 80 Los Angeles Aztecs
  • 80 – 81 Washington Diplomats
  • 81 UD Levante
  • 81 – 83 Ajax Amsterdam
  • 83 – 84 Feyenoord Rotterdam

Als Trainer:

  • 85 – 88 Ajax Amsterdam
  • 88 – 96 FC Barcelona

Es zeigt sich, dass es Johan nirgendwo lange hielt, außer in seiner Heimatstadt Amsterdam und seiner Wahlheimat Barcelona. Wie heißt es so schön in Zafóns Roman „Der Schatten des Windes“: „Barcelona ist eine Hexe, sie setzt sich auf der Haut fest und nimmt einem die Seele, ohne dass man es überhaupt merkt.“

Vielleicht ist es Cruyff so ergangen, jedenfalls kehrt er 1988 als Trainer zum FC Barcelona zurück. Die Stimmung zwischen dem Ajax-Vorstand und ihm ist schlecht und so trennt man sich im Jänner 1988 vorzeitig.

Inzwischen hatte man bei Barça von 1978 bis 1988 zehn Trainer verschlissen, große Spielernamen wie Bernd Schuster und Diego Maradona geholt, aber nur ein einziges Mal den Meistertitel (1985). Cruyff kommt in ein anderes Barcelona als bei seiner Ankunft als Spieler. Die Demokratie hat sich etabliert und die Stadt erlebt eine kulturelle und soziale Renaissance. Man hat den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele erhalten und Johan ist wieder einmal zur rechten Zeit am richtigen Ort gelandet. Seine Visionen für Blaugrana passen perfekt zur gesellschaftlichen Dynamik der Stadt. Johan kann seine Philosophie eines großen Clubs verwirklichen und verspricht den Aufbau einer Mannschaft, die die Zuschauer ins Stadion zurückholt, Angriffsfußball und Trophäen.

Er reformiert die Nachwuchsarbeit in La Masia, der Jugendakademie des FC Barcelona. Dauerläufe und Krafttraining gibt es erst ab dem 16. Lebensjahr, stattdessen heißt es: Technik, Technik, Technik. Es wird fast ausschließlich mit dem Ball trainiert. Spielkontrolle, Kurzpässe, stetes Rotieren sind die Aufgaben in allen Altersklassen. Größe und Kraft zählen nicht, bei Cruyff haben auch die Kleinen und Schmächtigen ihren Platz – vielleicht in Erinnerung an seine eigene Kindheit und Jugendzeit. Bei seinen Profispielern will er 70 % Technik und 30 % Laufbereitschaft sehen. Die Ära des „Tiki Taka“ hält Einzug, das den FC Barcelona bis heute noch auszeichnet.

Die ersten zwei Jahre bleibt er relativ erfolglos, danach erfolgt die Geburtsstunde des modernen „Sechsers“, kreiert von Cruyff und verkörpert durch den aus dem eigenen Barça-Stall stammenden Pep Guardiola, Spielgestalter aus der Tiefe und Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Heute hat der Sechser den klassischen Zehner als Spielmacher verdrängt – siehe Xavi, den Alleskönner. Vor der Saison 1988/89 trennt sich Barça von dreizehn Akteuren, elf neue kommen dazu, alles Spanier von anderen spanischen Erstligisten, dazu fünf Spieler aus der hauseigenen Jugend. Und wieder einmal beweist Johan einen guten Instinkt. Nicht nur, dass mit den ausländischen Spielern die sportliche Bilanz zu wünschen übrig ließ, es fehlte auch an der Identifikation der Fans mit dem Club. Barcelona beendet die Saison 1988/89 auf dem zweiten Platz hinter Real, die darauffolgende Saison wird man nur Dritter. Bis zum Sommer 1990 komplettiert man sich mit ausländischen Spielern und das sogenannte „Dream Team“ ist perfekt. Die Meisterschaft 1990/91 wird mit einem Vorsprung von zehn auf Atlético Madrid und auf Titelverteidiger Real sogar von elf Punkten gewonnen. Auch die folgenden drei Spielzeiten 1991 – 1994 wird man Meister und die Krönung einer tollen Trainerära ist wohl der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1992.

Zur Saison 1993/94 holt Cruyff den Brasilianer Romário vom PSV Eindhoven, der eine überragende Saison spielt, Torschützenkönig wird und dazu beiträgt, dass der FC Barcelona wieder Meister wird, zum vierten Mal in Folge. Im Finale des Europapokals der Landesmeister – ab 1992/93 in Champions League umgetauft – scheitert man in Athen mit 0:4 – eine Ära geht zu Ende. 1994/95 geht Barça bei Real mit 0:5 unter und wird nur vierter in La Liga, in der Champions League scheitert man bereits im Viertelfinale an Paris St. Germain. Mit dem Ausbleiben der Erfolge brodelt es zwischen den Vorstandsmitgliedern des FC Barcelona und dem Trainer. Die Fehde zwischen Präsident und Trainer füllt nun beinahe täglich die Zeitungen. Wunschspieler von Johan werden als Geldverschwendung abgetan, Intrigen werden gesponnen, in die auch Jordi, Cruyffs Sohn, einbezogen wird. Cruyff muss gehen, doch in den Herzen der Fans bleibt er in guter Erinnerung. Ohne ihn und sein Dream-Team hätte es das Barça, das 2006, 2009 und 2011 in begeisternder Weise die Champions League gewann und wohl teilweise den vielleicht besten Fußball der Geschichte spielte, nie gegeben.

Johan Cruyff bleibt weiterhin in Barcelona, erleidet 1991 einen Herzinfarkt mit Bypass-Operation und gibt anschließend das Rauchen auf. Trotzdem plagen ihn seit 1997 Herzprobleme.

Dreizehn Jahre nach seinem Rauswurf wird er Coach der Selecció Catalana, zum Auftakt  besiegen Valdès, Puyol, Busquets, Xavi und Piqué als Hauptakteure in Camp Nou Argentinien mit 4:2.

Mit dem ehemaligen Spieler und Trainer vom FC Barcelona Pep Guardiola verbindet ihn auch heute noch eine langjährige Freundschaft.

Barcelona, Barça und Johan Cruyff:   eine Symbiose, die es so wohl noch nie gegeben hat und vielleicht auch nie mehr geben wird!

 

Quellennachweis: Schulze Marmeling: Der König und sein Spiel + Barça oder: Die Kunst des schönen Spiels; Sabartés: FC Barcelona zwischen Sport und Politik

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