Neymar Jr: Eine Anomalie der modernen Fußballwelt

StartFC BarcelonaKaderNeymar Jr: Eine Anomalie der modernen Fußballwelt
- Anzeige -

Am Ende war es ein Foul zu viel: Der brasilianische Superstar Neymar Jr. blieb in der 86. Minute mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegen und musste mit einer Trage aus dem Stadion befördert werden. Die Ärzte diagnostizierten einen Wirbelbruch – das WM-Aus für den Publikumsliebling und die große Hoffnung der Seleção. Der Stürmer kann die große WM-Bühne nach zum Teil blendenden Auftritten erhobenen Hauptes verlassen. Er war ein Lichtblick bei dieser Endrunde und einer der Wenigen, bei denen der Zauber am Ball noch nicht verblasst ist.

Am 23. Juni 2014 kamen die Zuschauer im Estádio Nacional Brasília voll auf ihre Kosten. Brasilien fertigte Kamerun in der Gruppenphase mit 4:1 ab und machte den Einzug ins Achtelfinale der Weltmeisterschaft perfekt. Es war aber nicht das Ergebnis, das die Anwesenden für ihre Unterstützung belohnte, desgleichen nicht das Spiel der Brasilianer, das auch an diesem Tag unter kollektiv-ästhetischen Gesichtspunkten zu wünschen übrig ließ. Ein Mann allein – folgerichtig später zum ‘Man of the match’ gewählt – verzauberte die Massen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Mitte der zweiten Halbzeit: Der Ballkünstler überlupft seinen Gegenspieler mit traumwandlerischer Leichtigkeit im letzten Spielfelddrittel an der linken Außenbahn und zieht ins Zentrum, nur andeutungsweise, um Aufmerksamkeit zu erregen und im nächsten Moment den Ball per Hacke an seinen Mitspieler zu bringen, der sich in seinem Rücken freigelaufen hat. Der Beginn eines wunderbaren Spielzuges mit unwürdigem Torabschluss. Das Spiel läuft weiter, unser Protagonist sucht rastlos nach Lücken und findet sie im Strafraum, dann ein schnörkelloser Pass entlang der Torauslinie, den er so verarbeitet, wie man es von einem Spieler von Weltklasse-Format gewohnt ist. Er streichelt den Ball mit der Fußspitze und lässt ihn um seinen Gegenpart hinter ihm herumtänzeln, bevor er sicher bei einem weiteren Mitspieler landet. Ein No-Look-Pass der höchsten Schwierigkeitsstufe, doch es bleibt keine Zeit für Schwärmereien, der Manndecker muss abgeschüttelt werden. Eine Körperdrehung später ist der Raum da, der Ball per Direktspiel sogleich wieder vor seinen Füßen. Es stehen vielfältige Handlungsoptionen bereit, er aber spielt den Ball direkt weiter in die Schnittstelle auf den durchstartenden Stürmer, dem in einer ausgezeichneten Situation die Nerven versagen. Die panikartige Verzückung im Stadion geht in ein enttäuschtes Raunen über. Und dennoch, dieser Spielzug war das Eintrittsgeld alleine wert, präsentiert von Neymar Jr., Brasiliens großem Trumpf beim Heimturnier.

Neymar: Der letzte Samba-Kicker

Allein diese Szene machte deutlich: Die Art und Weise, wie er es pflegt, Fußball zu spielen, unterscheidet sich in gewisser Hinsicht deutlich von anderen Spielern der Endrunde, die ebenfalls gute Leistungen dargeboten haben. Neymar denkt nicht in klaren Kategorien und Strukturen, sondern scheint sich hiervon mehr als jeder andere zu lösen. Während man bei Robben und auch Messi immer wiederkehrende Handlungsmuster zu erkennen vermag, stellt sich das Spiel des brasilianischen Stürmerstars immer anders dar. Er muss nicht von rechts ins Zentrum ziehen, um mit sich und der Umgebung im Reinen zu sein; er fühlt sich auch bei anderen Bewegungsabläufen wohl und kann praktisch überall im letzten Spielfelddrittel sein Spiel aufziehen. Seine Beidfüßigkeit ist ihm dabei gewiss eine große Hilfe und trägt maßgeblich zu einer ausgewogenen Handlungssymmetrie bei. Dies alles gipfelt in einem Spielwitz, der seinesgleichen sucht. Das ist genau der Punkt, der Neymar von seinen Mitstreitern unterscheidet – seine Aktionen sind kaum berechenbar, schwer zu verteidigen und versprühen immer einen Hauch von Genialität. Für den neutralen Zuschauer ein Genuss, dem 22-Jährigen beim Spielen zuzusehen, weil Fußball bei ihm nicht nach Arbeit aussieht, sondern nach Spaß, freilich nur, wenn es ihm gestattet ist, als Freigeist aufzuspielen. Diese Weltmeisterschaft war bisweilen ziemlich rar an spielerischen Highlights, umso mehr erfreute man sich daher an einem Spieler, der die glorreichen Tage des brasilianischen Fußballs für den Moment wieder aufflammen ließ. 

Ungeheure Qualität und Nerven aus Stahl

Diese WM ist die endgültige Bestätigung, mit was für einem Talent wir es bei Neymar zu tun haben. Nach einer überragenden Vorstellung im Confed Cup im letzten Jahr konnte er an seine Leistungen anknüpfen und ein ausgezeichnetes Endrunden-Turnier spielen. Dass die WM für den Brasilianer ein jähes Ende nahm, ist äußerst tragisch – man hatte nicht das Gefühl, als sei das Spiel gegen Kolumbien bereits sein letztes Wort. Die vorgezeigten Taten sind aber hinreichend, um chronische Kritiker zumindest für den Moment verstummen zu lassen. Neymar ist kein zweiter Robinho und auch kein “Wunderwutzi”, wie viele Barça-Fans seit nunmehr einem Jahr zu wissen meinen. Er ist auch kein ungeschliffener Rohdiamant, vielmehr ein kompletter Fußballer mit unzähligen Leistungs-Facetten. Bei der WM war er Vollstrecker und Gestalter zugleich, trieb das Spiel seiner Mannschaft vorwärts und fungierte immer wieder als Speerspitze mit starkem Abschluss und einem guten Kopfballspiel. Für schnelle direkte Kombinationen war er immer zu haben, kurbelte das Angriffsspiel bei Bedarf auch mit seinen exzellenten Dribblings an, jedoch ohne es zu übertreiben, weil er seine Handlungen immer unter der Prämisse der Effizienz wählte. Wenn es ihm noch gelingt, seine Ballannahme zu verbessern, könnte er seine Trainer wunschlos glücklich stellen.
Die von ihm gezeigte Leistung war trotz aller Qualität keine Selbstverständlichkeit. Auf seinen Schultern lastete der größte Druck, und er schüttelte ihn ab wie ein Routinier, der zwei, drei Jahre vor seiner Pensionierung steht. Er übernahm Verantwortung noch vor Kapitän Thiago Silva und verwandelte den entscheidenden Elfmeter gegen Chile mit einer erstaunlichen Sicherheit. Später ließ er seinen Emotionen freien Lauf, ließ die Anspannung und die aufgesaugten Erwartungen an seine Person entweichen. Man mag sich kaum vorstellen, wie es in ihm drin ausgesehen hat.

Luis Enrique, schaue ganz genau hin!

Aber Neymar ist es gewohnt, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind. In Barcelona wurde er in seiner ersten Saison so kritisch beäugt wie kaum ein anderer Spieler; und nicht Wenige hegten den insgeheimen Wunsch, dass er bei seinem neuen Verein scheitern möge. Er ist nicht gescheitert, hat aber gleichwohl nicht das gezeigt, wozu er aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten in der Lage ist. Erst die Abwesenheit von Messi gestattete es ihm, seine Stärken vollends auszuspielen. Er war die beste Falsche Neun, die man bei Barça in der vergangenen Saison zu sehen bekam. In dieser Rolle hob Neymar seine Flanken Alexis und Pedro auf ein neues Niveau und war maßgeblich daran beteiligt, dass diese zum ersten Mal seit langem richtig aufdrehten. Nur Tata Martino ließ sich von dieser Offensivpower nicht anstecken und trennte das Angriffstrio mit der Rückkehr von Lionel Messi. Eine feige Entscheidung, die Konsequenzen hatte: Fortan klebten alle Spieler auf dem Flügel und hatten einen wesentlich kleineren offensiven Bewegungsradius, der Leistungstrend zeigte wieder ganz klar nach unten.
Aus Sicht eines wohlgesonnenen Barça-Fans bleibt nur zu hoffen, dass Luis Enrique diese WM ganz genau verfolgt hat. Ihm darf nicht entgangen sein, wie Neymar in einer etwas maroden brasilianischen Elf das Heft des Handelns in die Hand genommen und die Brasilianer ins Halbfinale geführt hat. Felipe Scolari sei Dank, der zwar nicht zu den besten Trainern der Welt gezählt wird, aber immerhin erkannt hat, wie wichtig offensiver Handlungsfreiraum für das Spiel von Neymar ist. Nur dann kann der Samba-Kicker sein Potenzial zeigen und eine Mannschaft mit seiner Qualität mitreißen. Alles andere wäre eine Verschwendung von erheblichen Ressourcen. Ein analoges Bild ergibt sich bei Alexis Sánchez – auch er bleibt bei Barça weit unter seinen Möglichkeiten, während er mit den Chilenen ein unglaublich starkes Turnier spielte. Jetzt liegt es an Enrique, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Kann er den Genius von Neymar und Alexis entfesseln?

- Anzeige -
- Anzeige -

AKTUELLE USER-KOMMENTARE