Ronaldinho: Das ambivalente Vermächtnis einer Barça-Legende

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Acht Jahre ist es her, dass der zweifache Weltfußballer ein letztes Mal im Flutlicht des Camp Nous einen Hauch von Magie versprühen konnte. Dieser Hauch glich Spielzeiten zuvor mal einem Windstoß und in den Anfangsjahren bei den Katalanen sogar einem Orkan. Doch anstatt sich auf das Essenzielle des Fußballs zu konzentrieren, verfiel R10 in eine Lethargie, die ihm nicht nur den Stammplatz kosten sollte. Die Gründe für sein Scheitern lagen Berichten zufolge abseits des Spielfeldes: Parties, schöne Damen und Exzesse schienen fortan zu den wichtigeren Dingen im Leben des Brasilianers zu zählen. Während in der Gegenwart El Tridente über den katalanischen Bolzplatz fegen, lässt uns ein Blick in eine vergangene Ära in Erinnerung an eine gefallene Stilikone schwelgen: Ronaldo de Assis Moreira. Kurz- Ronaldinho.

Der Samba-Fußball schwappt nach Katalonien

2008: Aus heutiger Sicht wirkt die Geste fast irreal. Lionel Messi sitzt auf der Reservebank und applaudiert. Es läuft die 30. Minute in einem Spiel gegen Atlético Madrid, einen der großen Rivalen aus der Hauptstadt an. Der südamerikanische Zauberkicker positioniert sich auf der Höhe des gegnerischen Elfmeterpunktes, ehe er eine maßgeschneiderte Flanke von Barça-Urgestein Xavi Hernández empfängt. Die Hereingabe flattert quer durch den 16-Meter-Raum und senkt sich dann akut zu Boden. Doch bevor der Ball den weißen Strafstoßfleck touchieren kann, wird der Angriff mit einer spektakulären Volleyabnahme vollendet. Für den Goalie gab es da recht wenig zu halten. Für den Schützen gab es keinen Moment des Zögerns, und innerhalb weniger Sekunden ließ er Technik, Antizipationsvermögen und Talent aufblitzen. Die Szene implementierte alle Voraussetzungen, die es für einen handgemachten Fallrückzieher braucht. Doch es sollte das letzte Mal sein, dass die Culés Zeuge von Ronaldinhos Spielfreude wurden.  

Geburtsstunde eines Zauberkünstlers

Der am 21. März 1980 in Porto Alegre geborene Tempodribbler wurde eins mit dem Ball. Und in der Tat schien das runde Leder förmlich an den weiß-goldenen Nike R10 Tiempo Schuhen des Brasilianers zu kleben. Geht man ein paar Jahre zurück, findet man den jungen Ronaldo de Assis Moreira bereits als kleinen Raufbold in den Futsal-Hallen der südamerikanischen Slums wieder. Damals schon unverkennbar: Das gewitzte Lächeln und die ballverliebte Spielweise. Mit Leichtigkeit umkurvte der damals 8-Jährige seine ebenso winzigen Gegner, als wären sie für ihr restliches Fußballer-Leben dazu verdammt, ihm als Slalom-Stangen-Parkour zu dienen. Ronnie – wie ihn Freunde und Teamkollegen wie Lionel Messi damals nannten – war Jahrelang das Aushängeschild für ‚Joga Bonito‘, das schöne Spiel. Für das gleichnamige Kollektiv und Nike wurde er in unzähligen Werbespots auf Youtube zum Klick-Magneten.

Werbespot aus der Jogabonito-Reihe über Ronaldinho:

Steckbrief: 1,81 Meter groß, durchschnittliche Körperstatur, lange Haare und ein markantes Gebiss. Ronaldinho war einer der Besten seiner Generation. Vielleicht nicht der prädestinierte Posterboy wie ein Cristiano Ronaldo oder David Beckham. Er war auch kein heimlicher Star hinter den Kulissen wie Xavi oder Iniesta, aber er war einer der Besten, wenn nicht sogar der beste Kicker – zumindest für eine Zeit lang. Bei Ronaldinho ging es nie um ein Schönheitsideal seiner Person, vielmehr um eine seelische Freude und herzliche Wärme, die er aus seinem tiefsten Inneren dem Publikum auf einem Silbertablett servierte. Als einer der letzten Zehner seiner Art revolutionierte er das Offensivspiel von Barça. Ronaldinho begleitete die Position eines Spielmachers und attackierenden Mittelfeldspielers. In der Regel war er ab der Mittellinie auf jeglicher Position vorzufinden. Trotz seiner Teamfähigkeit und seiner positiven Ausstrahlung auf die Mannschaft wurde man als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass Ronaldinho in einer isolierten Blase über den Platz schwebte. Mit Spielgerät und Gegenspieler konnte er nach Belieben anstellen, was er wollte. So, dass nicht nur die Gäste auf den Rängen, sondern auch die restlichen 21 Mann auf dem Platz als sein erstauntes Publikum bezeichnet werden konnten.

Der Ball ist meine Freundin

Ronaldinho

Erfolg und Absturz in Barcelona

Für knapp 30 Millionen wechselte Ronaldinho 2003 zum amtierenden Champions-League-Sieger. Zuvor hatte er zwei Jahre bei Paris Saint Germain verbracht. Mit Ronaldinho kam die Wiedergeburt. Die Fans trugen wieder Barça-Shirts auf der Straße. In kurzer Zeit hatte er es geschafft, das Image von Barça aufzupolieren. In 198 Spielen schaffte er 143 Scorerpunkte oder genauer ausgedrückt 91 Tore und 52 Torvorlagen. Bereits in seiner ersten Saison wurde ihm der Titel des Weltfußballers um den Hals gehängt. 2007 erreichte Ronaldinho mit einem Marktwert von 80 Millionen Euro seine persönliche Bestmarke. Doch der Zeremonienmeister verschwand immer regelmäßiger im Nachtleben, ließ Trainingseinheiten ausfallen und lief seiner Fitness hinterher.

Die Ronaldinho-DNA

2016 werden die Barça-Fans erneut Zeugen einer katalanischen Lehrbuch-Vorstellung: Ein Querpass aus gut 20 Metern wird mit dem Außenrist von Luis Suárez vor das gegnerische Tor gespielt. Der Ball des Urus landet bei Neymar, welcher das Spielgerät über seinen schmächtigen Körper und den Gegner hebt. Es folgt eine halbe Pirouette, ehe der dynamische Flügelspieler mit einer Direktabnahme aus der Luft in die untere rechte Ecke des Torhüter-Kastens trifft. Schnell, intelligent, artistisch: Einfach gut. Eine atemberaubendes Bewegtbild – gemalt für die Galerie.

Tatsächlich gab es schon viele brasilianische Fußballspieler in Barcelona, auch vor Ronaldinho. Man erinnere sich nur an Romario oder Ronaldo. Auch Trainer Luis Enrique darf aktuell mehr als nur einen Spieler aus dem Samba-Land zu seinem Kader zählen. Aktuell spielen in der Mannschaft des Asturiers fünf Brasilianer, darunter Dani Alves, Neymar da Silva Santos Júnior, Adriano Correia Claro, Douglas Pereira dos Santos und Rafinha Alcántara. Wobei das Wort „spielen“ gemäß der stark schwankenden Einsatzzeit als relativ zu betrachten ist. So melodisch die Namen auch klingen mögen, einen wirklichen Einfluss auf das Spielgeschehen haben Adriano und Douglas leider gewiss nicht. Und während es für Dani Alves immer schwieriger wird, an seine herausragenden Leistungen vergangener Tage anzuknüpfen, lastet die Hoffnung der Zukunft primär auf Thiagos Bruder Rafinha und dem Anwärter auf den Ballon d’or Neymar.

Spielervergleiche sind immer so eine Sache, erst recht, wenn sich der Vergleich über unterschiedliche Generationen und Feldpositionen zieht. Dass er allerdings ebenfalls mehr als nur ein Internetphänomen ist, hat der heute 24-jährige Neymar längst bewiesen. Nicht umsonst hat der junge Vater einen maßgeblichen Anteil dazu beigetragen, dass Barça in der vergangenen Saison fünf Titel einsacken konnte. Auch wenn zweifelsohne Lionel Messi derjenige ist, der nach dem Weggang Ronaldinhos das magische Zepter in die Hand genommen hat, zeigen Statistiken, dass Neymar bislang mehr Tore als sein Landsmann erzielt und assistiert hat.

Vor drei Monaten wäre dies noch Jammern auf allerhöchstem Niveau gewesen. Angesichts der aktuellen Leistungsschwankungen Neymars bleibt nun allerdings zu hoffen, dass der Bub aus São Paulo nicht einen ähnlichen Abgang wie sein großes Vorbild und viele andere brasilianische Größen, wie Kaka, Robinho oder Adriano erleidet. Der spanische Nationalspieler Jose Miguel Gonzales hat vor einiger Zeit einmal gesagt: „Es ist doch immer das Gleiche bei den Brasilianern. Sie werden zu Stars, und danach scheint es, als ob sie den Bezug zur Realität verlieren würden.“ Gewiss ist aus dem Statement von Gonzales auch eine gewisse Enttäuschung über Spieler herauszuhören, die ihr Talent mit Pauken und Trompeten in den Sand setzen. Auf der anderen Seite bringen Pauschalisierungen in der Regel recht wenig, sie brandmarken, vorverurteilen und üben einen ungerechtfertigten Druck auf die Spieler aus, der sich nicht immer zum Positiven wenden muss.

Eines lehren uns Ronaldinhos Internetvideo-Ausflüge aus dem vergangenen Jahrzehnt dann aber doch: Nämlich, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, aber Vereinsvorsitzende und Scouting- Beauftragte einen Teufel tun würden, wenn sie nicht jedem noch so kleinen oder großen Hype im Netz auf den Grund gehen würden. Neymar und Ronaldinho sind die prominentesten Beispiele dafür. Laut Transfermakt.de ist Ronaldinho also momentan vereinslos, nachdem er seit seinem Weggang aus Barcelona bei fünf verschiedenen Arbeitgebern tätig war. Darunter der AC Mailand und einige Sportklubs aus seiner Heimat wie Flamengo oder Fluminense Rio de Janeiro. Sein aktueller Marktwert beträgt nur noch mickrige 1,5 Millionen Euro. Weit entfernt vom seinem Spitzenwert von 2007. Doch der Strahlemann fördert den Verkauf der Stadiontickets. 

Vergangene Woche hat der 36-Jährige verkündet, seine Spielerkarriere im Moment noch nicht beenden zu wollen. Zuletzt wurde der Brasilianer mit einem Wechsel in die amerikanische MLS oder die chinesische Superliga in Verbindung gebracht.

„Im Moment bin ich nur in Werbeevents involviert, aber in der zweiten Hälfte des Jahres könnt ihr euch sicher sein, dass ich wieder spielen werde.“

Ronaldinho

Mehr als nur einmal hat der Rechtsfuß den Fußballbegeistertsten rund um den Globus ein Lächeln auf die Lippen zaubern können. Den Mann, der selbst von den Madrider-Fans im Santiago Bernabéu mit stehende Ovationen geehrt wurde, als One-Hit-Wonder abzutun, wäre also fatal, auch wenn Barças ehemalige ‚Nummer 10‘ mehr und mehr zur Werbefigur gealtert ist. In den Hallen des FC Barcelonas wird Ronnie sicher immer einen ehrenvollen Platz finden, und falls nicht, dann vielleicht an der Raufasertapete von so manchem Culé.

Unter der Woche kam Ronaldinho übrigens mit zwei weiteren Barça-Legenden zusammen. Aber schaut selbst: 
https://www.instagram.com/p/BFTPP9iHahg/?taken-by=carles5puyol

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