Warum Barça bei Suárez “zugebissen“ hat

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Für einen jeden Culé war die Verpflichtung von Uruguays Stürmerstar Luis Suárez wahrscheinlich eine der aufsehenerregendsten und spektakulärsten in dieser bisher mehr als nur turbulenten Transferperiode. 81 Millionen Euro ließen sich die Katalanen die Dienste des 27-Jährigen kosten. Und doch bleibt ein relevanter Makel an der Unterschrift bestehen; denn aufgrund des Beißvorfalls im Gruppenspiel der Weltmeisterschaft gegen den italienischen Nationalspieler Giorgio Chiellini muss Suárez bis zum Oktober auf der Tribüne Vorlieb nehmen. Nicht wenige werden nach dem Sinn dieser Verpflichtung gesucht haben. Das Barçawelt-Team hat deshalb die letzte Saison von ‚El Pistolero‘ beim FC Liverpool einmal genauer unter die Lupe genommen, beleuchtet für euch einige interessante Aspekte sowie die Vorzüge im Spiel des Uruguayers und erklärt, warum Barça bei Suárez “zugebissen“ hat.

Aktives Mitverteidigen

Bevor wir zu den fußballerischen Qualitäten des Uruguayers kommen, behandeln wir zuerst einmal sein Spiel ohne Ball. Das Liverpool’sche Defensivkonzept setzte sich im Verlauf der Saison prinzipiell aus einem 4-4-2 zusammen, an der vordersten Front mit den zwei Sturmspitzen und zugleich Mittelstürmern Daniel Sturridge und Luis Suárez. Dabei waren insbesondere die Bewegungsabläufe der beiden Stürmer äußerst interessant. Sie besaßen nämlich keine bestimmte Zone, in der sie sich platzieren und gegebenenfalls Druck auf den ballführenden Spieler erzeugen sollten, sondern verteidigten auf eine deutlich dynamischere Art und Weise.

Hier nun die Ausgangslage. Die ‚Reds‘ verteidigen weitestgehend in einer 4-4-2-Formation; der gegnerische Innenverteidiger ist im Ballbesitz. Suárez platziert sich vorerst auf seinem vorbestimmten linken Flügel; Sturridge befindet sich im Zentrum des Spielfeldes. Sturridge orientiert sich dabei etwas näher an den Ball, weswegen seine Positionierung nicht gänzlich im Zentrum liegt beziehungsweise geringfügig nach links tendiert. Wir haben in dieser Szene eine potenzielle Situation im Spiel der ‚Reds‘ abgebildet. Der Ball wird auf den rechten gegnerischen Außenverteidiger gespielt, was das sofortige Anlaufen von Suárez auslöst. Währenddessen rückt Sturridge aus seiner Position heraus, um den Raum beziehungsweise die Anspielstationen um den Gegenspieler herum zu dezimieren. Dem Außenverteidiger bleibt nur mehr die Chance, diese Situation mit einem Rückpass ungefährdet zu lösen. Selbst eine Spielverlagerung auf die gegenüberliegende Seite würde mit einem hohen Risiko verbunden sein. Der Ball würde eine gewisse Zeit in der Luft verbringen, womit Sterling respektive Henderson ihn abfangen oder den Außenverteidiger zumindest in einen Zweikampf verwickeln könnten. Neben dieser Situation gab es noch ein weiteres Muster, das im Spiel des FC Liverpool relativ häufig zu beobachten war.

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Der Gegner spielt den Ball nicht auf den Rechtsverteidiger, sondern auf den linken Flügel zum Außenverteidiger. Sowohl Sturridge als auch Suárez bewegen sich analog mit dem Ball auf diese Seite und es kommt dadurch zu Positionsänderungen in der vordersten Staffelung. Sturridge rückt nun auf den rechten Flügel und es ist nun Suárez, der die zentrale Position besetzt. Obendrein tritt noch der Faktor Sterling auf, der aus seinem rechten Flügel herausrückt und nun zusammen mit Sturridge Druck auf den Gegenspieler ausübt. So wird die Doppelung, die an der rechten Seite noch von Suárez und Sturridge ausgeübt wurde, auch am rechten Flügel möglich.

Wir bitten aber zu verstehen, dass diese Variante mit Suárez auf dem linken Flügel sowie Sturridge im Zentrum eine sehr gängige, aber nicht absolute Variante im Spiel des FC Liverpool war. Es konnte durchaus vorkommen, dass sich Suárez zuerst im Zentrum und Sturridge dann auf rechts platziert hat. Suárez war auch manchmal am rechten Flügel zu sehen, während Sturridge sich zentral aufhielt.

Allein schon dieser Gesichtspunkt zeigt, welche Möglichkeiten Luis Suárez den Katalanen im Spiel gegen den Ball geben kann. Der Uruguayer ist nicht der ‚klassische Neuner‘, der sich permanent in der Umgebung der Innenverteidiger aufhält, diese deckt und die Passwege versperrt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Suárez sogar teils überwiegend an den Außenverteidiger auf dem Flügel orientiert. Eine analoge taktische Auslegung von Chefcoach Luis Enrique mit verschiebenden Offensivakteuren, die rein situationsbedingt handeln, scheint auch beim FC Barcelona möglich. In Ausnahmefällen rückt der Uruguayer situativ gar in die Mittelfeld-Viererkette ein und trägt somit zur Kompaktheit der eigenen Mannschaft bei, ein Zustand, der beispielsweise im Spiel gegen den FC Arsenal kurz zu sehen war.

Vorteil der entstehenden Räume

Ein Faktor, der von vielen Culés bei dieser Verpflichtung mit großer Freude aufgenommen wurde, ist der Vorteil, den eine Neun für seine Kollegen im Spiel einbringt, nämlich die Bindung von Innenverteidigern und die damit verbundene Raumvergrößerung für seine Mitspieler. Zudem schafft eine ‚klassische Neun‘ durch stetige vertikale Läufe in die Spitze auch Platz zwischen den Linien; ein Faktum, der sich für seine Kollegen als nützlich erweisen könnte. Da wir die Fähigkeiten eines Luis Suárez im Bereich des Raumschaffens nicht nur auf diese Funktion limitieren wollen, haben wir uns nun für eine andere Form entschieden, die wir euch anbei präsentieren.

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v.l.n.r. Suárez, Henderson, Sterling, Sturridge

Eine Szene, die sich im Meisterschaftsspiel gegen die Tottenham Hotspurs zugetragen hat. Wir befinden uns in der 21. Minute und Liverpool ist im Ballbesitz. Sturridge hat den Ball am Fuß und sieht sich durch zwei Gegenspieler gedoppelt. Sterling eilt ihm zu Hilfe und bietet sich als Anspielstation an. Der Mittelstürmer spielt nun aus seiner rechten Flügelposition – das werden wir später noch aufgreifen – den Ball zu seinem Mitspieler und rennt im Moment des Passes durch die Lücke der beiden Gegenspieler hindurch. Sterling hingegen leitet den Ball mit lediglich einen Kontakt sofort weiter zu seinem Kollegen. Hier kommt nun Suárez ins Spiel. Er sprintet in Richtung seines Mitspielers und wird sogleich von seinem Manndecker verfolgt. Die gegnerische Mannschaft vergisst aber dem Verteidigen der zwei Stürmerstars Henderson, der im Rückraum aufrückt und nun schussbereit ist. Sturridge passt das Spielgerät zu Henderson an der Strafraumkante und es kommt zu einer guten Schussposition für den Engländer und somit zu einer gefährlichen Chance für die ‚Reds‘, die übrigens zu keinem Torerfolg führte.

Mit Messi, Neymar sowie Suárez besitzen die Katalanen drei Kaliber, die den Gegner zu ständiger Manndeckung schon regelrecht zwingen. Durch ihre individuellen Qualitäten stellt ein Auftreten eines besagten Spielers in der Nähe des Strafraums sofort eine brenzlige Situation dar, ein Vorteil, den sich Enrique zunutze machen sollte und auch muss. Suárez sollte sich selbstverständlich immer in Sichtweite eines Innenverteidigers befinden und diesen an sich binden. Dennoch sollte man seine Qualitäten, besonders in diesem Punkt, nicht nur auf diesen Bereich beschränken. Wenn man bedenkt, dass in den Medien häufig das Gerücht kursiert, dass sowohl Messi als auch Neymar halbrechts beziehungsweise halblinks etwas zurückgezogen agieren sollten, dann könnte so ein Suárez mit seinen horizontalen Läufen von der Strafraumkante in den Strafraum für die beiden einen unglaublichen Nutzen darstellen. Der jeweils eine könnte sich im zentralen Bereich aufhalten, während der andere darauf wartet, dass der Uruguayer am Strafraumrand den Raum für ihn öffnet.

Aber nun genug von Suárez‘ Spiel ohne den Ball. Es ist nun an der Zeit, dass wir den Uruguayer einmal bei Ballbesitz seiner Mannschaft ein bisschen genauer analysieren.

Luis Suárez – Die ‚Falsche Neun‘ einmal anders

Bevor wir wieder zum Uruguayer kommen, wollen wir erst einmal wieder einen Bogen zum Liverpooler System machen. Brendan Rodgers (offensichtliche) Anordnung an seine Stürmer war, dass sich bei eigenem Ballbesitz immer jemand im zentralen Bereich bei den Innenverteidigern befindet. Wenn Sturridge im Zentrum stand, dann positionierte sich Suárez meistens halblinks zwischen den Außenverteidigern und den Innenverteidigern etwas abkippend oder gar auf dem linken Flügel – ein Punkt, den wir noch genauer behandeln werden. Nicht selten agierte er auch als tiefe hängende Spitze und half seiner Mannschaft im zweiten Spielfelddrittel in der Ballzirkulation. Waren die Rollen vertauscht, sprich Suárez befand sich im zentralen Bereich, dann hielt sich Sturridge zum Großteil auf dem rechten Flügel oder besser gesagt halbrechts zwischen den Außen- und Innenverteidiger auf. Mitunter gab es auch Situationen, in denen sich keiner der beiden Mittelstürmer zwischen den Innenverteidigern befand, so paradox dies auch bei zwei Stürmern klingen mag. Dann übernahm ein Mittelfeldspieler diese Positionierung, Sturridge befand sich entweder halbrechts oder auf dem rechten Flügel und Suárez half auf der ballnahen Seite als hängende Spitze bei der Ballzirkulation. Übrigens, wenn man sich fragt, warum sich Suárez überwiegend auf dem linken und Sturridge auf dem rechten Flügel befand: dies hatte wahrscheinlich etwas mit dem dominanten Fuß des Spielers zu tun. Suárez ist ein Rechtsfuß, wohingegen Sturridge ein Linksfuß ist. Somit bietet sich für beide immer die Möglichkeit, mit dem besseren Fuß vom Flügel nach innen zu ziehen. Wenn es die Situation aber verlangte, dann war beispielsweise auch Suárez kurzzeitig auf rechts zu finden oder Sturridge auch auf links.

Auch beim FC Barcelona wäre so ein ständiger Austausch der Neuner-Position denkbar. Suárez braucht die stetige Einbindung in das Spiel, und das wird sich bei den Katalanen nicht drastisch verändern. Da er sich bevorzugt in den linken Halbraum fallen lässt, könnte es Neymar sein, der die Rolle des Platzhalters zwischen den Innenverteidigern übernehmen muss.

Wir kommen jetzt einmal auf die Außen-/Innenverteidiger-Thematik zurück. Hierfür haben wir nochmal eine Szene aufgegriffen.

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Southhampton – Liverpool, 58. Minute: Steven Gerrard befindet sich im Ballbesitz. Der Gegner steht mit zwei Viererketten relativ kompakt vor dem Gegner. Wir haben die restlichen zwei Spieler der vorderen Viererkette jetzt einmal außen vor gelassen, da sie für diese Szene nicht relevant sind. Was passiert nun? Das folgende Ereignis ist gewissermaßen sowohl ein genialer gruppentaktischer Schachzug als auch ein Missverständnis zwischen Lallana und Shaw. Henderson und sein Mitspieler rechts von ihm ziehen auf den rechten Flügel. Der Flügelspieler Lallana lässt sich von der Bewegung des Spielers nach außen ziehen. Allerdings sieht er nicht, dass Henderson mit Shaw dasselbe Prozedere durchführt; seine Sichtweite beschränkt sich nur auf den Ball und auf seinen gegnerischen Mitspieler – und bekanntlich kann niemand Augen am Hinterkopf haben. Wie dem auch sei, Suárez bemerkt, dass Lallana und Shaw nach außen gezogen werden und lässt sich sogleich halbrechts abkippen und zieht damit gleichzeitig auch Lovren aus seiner angestammten Innenverteidiger-Position heraus. Somit bildet sich folgende Situation:

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Es ist nun auf der halbrechten Seite ein riesiger Raum respektive ein Passweg freigeworden. Gerrard spielt den Ball in den Lauf von Suárez. Dieser rückt kurz ein, um Lovren aus seiner Position herauszulocken und lässt ihn anschließend mit einer unglaublichen Körperdrehung links liegen. Währenddessen läuft Sturridge in den Strafraum und zieht die beiden restlichen Defensivakteure in den Fünfmeter-Raum. Suárez kann den Ball somit in ihren Rücken zu Sterling passen, der frei zum Schuss kommt und das 0-2 für die ‚Reds‘ erzielt.

In diesem Fall konnte Suárez seinen Gegner mit einer geschickten Körperdrehung überwinden. Allerdings ist die gängige Methode, die er beim Einrücken benutzt, eine völlig andere. Er passt beim ersten Kontakt mit dem Spielgerät, den Ball sofort nach außen in den Halbraum zu Sturridge. Wie aber schon gesehen, ist für Brendan Rodgers die Schnittstelle zwischen dem Außen- und Innenverteidiger von eminenter Bedeutung. Deswegen positionierten sich Suárez und Sturridge abwechselnd auf ihren jeweiligen Halbpositionen, beziehungsweise, wenn man es expliziter darstellen möchte, zwischen den Außen- und Innenverteidigern. Das folgende Video unterstreicht dieses Muster:

Das Meisterschaftsspiel gegen Manchester City in der 24. Minute. Sturridge fehlte in diesem Spiel verletzungsbedingt, weswegen Sterling seine Rolle einnahm. Wenn man das Video ab etwa 0:10 stoppt, dann sieht man die schematische Anordnung der zwei Sturmspitzen recht deutlich. Manchester City verschiebt mit der gesamten Mannschaft in Richtung des Balles nach rechts. Der linke Außenverteidiger rückt allerdings nicht gänzlich nach innen, da hierdurch die gesamte linke Flanke leer wäre und er nicht sofort Zugriff bekommen würde, würde der Gegner das Spiel verlagern. Somit entsteht zwischen dem linken Außenverteidiger und dem linken Innenverteidiger ein etwas größerer Raum im Vergleich zu den anderen Abständen der Viererkette. Suárez befindet sich zwischen den Innenverteidigern und Sterling positioniert sich ganz in Manier seines Teamkollegen in der Nähe dieser größeren Lücke und startet, sobald Suárez den Ball hat. Dieser leitet ihn blind in die Schnittstelle der Viererkette und spielt ihn auf den durchgestarteten Sterling.

Obwohl sich die Lücke zwischen dem Außen-/Innenverteidiger dieses Mal aufgrund des Verschiebens nach links im Zentrum des Spielfelds befand, stand Sterling dennoch in diesem Raum. Wir haben schon etwas früher in diesem Artikel die Positionierung von Neymar und Messi angesprochen. Wenn sich beide auch an diesen Lücken orientieren, so wie es beim FC Liverpool Gang und Gäbe war, dann würde sich die Verpflichtung eines Suárez hinsichtlich des Ballbesitzes erklären. Mit diagonalen Läufen in den Strafraum, wie es im Video zu sehen war, könnten Messi und Neymar stetig von Suárez angespielt werden; und ein Messi müsste sich nicht vorwiegend im Zentrum des letzten Spielfelddrittels aufhalten. Diese Aufgabe übernähme Suárez für eine gewisse Zeit.

Die Genialität des ‚El Pistolero‘

Wir sind nun langsam am Ende des Artikels angelangt. Aktives Mitarbeiten, Erschaffen von Räumen sowie seine Einrückbewegungen verbunden mit einer hervorragenden Dribblingtechnik – dies sind alles Faktoren, die Luis Suárez im taktischen Bereich auszeichnen und jeden Taktik-Fanatiker zum Staunen bringen. Der Uruguayer sollte aber nicht nur auf seine Rolle als Raumöffner für Lionel Messi beschränkt werden; dafür ist die spielerische Brillanz eines Suárez zu groß, als dass man sie derart verschwenden sollte. Es wird ein Balance-Akt zwischen den drei Offensivakteuren Suárez, Messi und Neymar werden müssen, was das Binden der Innenverteidiger anbetrifft.

Zum Schluss sprechen wir nun noch ein weiteres Argument für die Verpflichtung von Luis Suárez an, einen Punkt, der sich in keinem taktischen Kontext erklären lässt. Es geht namentlich um den Spielwitz und die Genialität. Wer bis hierhin alles gelesen hat, derjenige hat sich eine kleine Belohnung redlich verdient. Wir empfehlen, euch zurückzulehnen und die folgenden 6 Minuten und 2 Sekunden einfach zu genießen.

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