Die Abschaffung des „El Pasillo“

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Am Sonntag steigt im heimischen Camp Nou der zweite und letzte Clásico der Saison. Die Bedeutung dieses großen Spiels ist dabei wesentlich geringer als in den vergangenen Jahren, steht der FC Barcelona doch bereits als Meister der ersten spanischen Liga fest. Entsprechend fokussiert sich die öffentliche Diskussion auf einen ganz anderen Aspekt, welcher in keinerlei Zusammenhang zum Ausgang des Spiels steht – dem Spalierstehen. Real Madrids Trainer Zinédine Zidane sagte bereits öffentlich, dass seine Mannschaft den auch als „El Pasillo“ bezeichneten Akt nicht vollziehen wird. Entsprechend empört zeigte sich folglich ein großer Teil der Culés, stand der FC Barcelona doch erst 2007 Spalier für den damals frischgebackenen Meister aus der spanischen Hauptstadt. Es zeigt sich in dieser Diskussion, warum der ursprüngliche Sinn dieser lang erhaltenen Tradition verloren gegangen ist und unter diesen Bedingungen auch nicht fortgeführt werden sollte.

Der erste Pasillo – Eine Frage der Ehre

Zuerst einmal sollte hier erwähnt werden, dass es sich beim Pasillo um keinerlei verpflichtende Geste handelt, welche ausdrücklich vom spanischen Fußballverband erwünscht wird. Real Madrids Mannschaft verstößt gegen keine Regularien, wenn sie das Spalierstehen verweigert. Die Diskussion bezieht sich somit allein darauf, dass eine Tradition gebrochen werde, die über einen sehr langen Zeitraum in der spanischen Liga erhalten blieb. Doch wie ist diese Tradition überhaupt entstanden und welchen Sinn hatte sie ursprünglich? Um das zu erfahren müssen wir bis in das Jahr 1970 zurückreisen. Am 19. April dieses Jahres wurde Atlético Madrid durch einen 2:0 Auswärtssieg gegen CD Sabadell spanischer Meister. Zweiter dieser Saison wurde Athletic Bilbao. Einen Monat später trafen Atlético und Athletic im spanischen Pokal aufeinander. Die Mannschaft aus Bilbao zollte dabei dem spanischen Meister Respekt, indem sie sich im Spalier aufstellte und der Mannschaft aus Madrid applaudierte. Somit war der Pasillo geboren und hatte sich seitdem als feste Tradition im spanischen Fußball etabliert. Bemerkenswert ist hierbei, dass der erste Pasillo als ehrenvoller und vor allem freiwilliger Akt verstanden werden kann, welcher eine Möglichkeit darstellte, die eigene Bewunderung vor den Leistungen der gegnerischen Mannschaft zum Ausdruck zu bringen. Doch ist das noch immer so?

Aus Tradition wird Pflicht

Mit dem Pasillo entstand eine Tradition, welche sich seit diesem 19. April fortgesetzt hatte. Fast 50 Jahre sind seither vergangen. Aus der anfänglichen Solidarität für die großartige, einmalige Geste von Athletic Bilbao wurde somit ein zur Routine verkommener Akt, welcher mit wirklicher Anerkennung nicht mehr viel zu tun hat. Die aktuelle Diskussion ist ein klarer Indikator dafür, dass der ehrenvolle Charakter dieser Tradition schon lange in den Hintergrund geraten ist. Das Spalierstehen wird eher als lästige Pflicht wahrgenommen. Eine Geste, welche durch jahrelange Konventionalisierung an Bedeutung verloren hat. In Bezug auf eine Rivalität, bei der die Abneigung zwischen beiden Lagern so groß ist, wie es sich zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid darstellt, erreicht dies eine ungleich höhere Dimension. Hier wird aus einem ehrenvollen Akt eine Gelegenheit zur zusätzlichen Demütigung des Rivalen. Der freiwillige Ausdruck des Respekts durch den unterlegenen Kontrahenten wird zu einer vom Triumphator geforderten Anerkennung der eigenen Unterlegenheit. Der ursprüngliche Sinn der Geste hat somit keinerlei Relevanz mehr. Trotzdem wird El Pasillo in der Öffentlichkeit eine solch hohe Bedeutung beigemessen. Ein zentraler Faktor für den hohen Nachrichtenwert der aktuellen Diskussion ist sicherlich das seltene Vorkommen dieser zusätzlichen „Bestrafung“ in einem Clásico. Immerhin ist der letzte Pasillo, in Verbindung mit dem Aufeinandertreffen der beiden größten spanischen Vereine, bereits 11 Jahre her. Angesichts der veränderten Wertevorstellungen, welche man inzwischen mit dem Spalierstehen verbindet, muss ernsthaft die Frage gestellt werden, ob einer Erhaltung der Tradition unter diesen Voraussetzungen als sinnvoll erachtet werden kann. 

Schafft den Pasillo ab!

Zugegeben: Für einen Culé ist es in der momentanen Situation äußerst schwierig, in einer solchen Diskussion zu einem Schluss wie diesem zu kommen. Trotzdem möchte ich mich hier für die Abschaffung, beziehungsweise, für einen deutlich lockereren öffentlichen Umgang mit dem Pasillo aussprechen. Wenn man die gegenwärtige Situation betrachtet, muss man konstatieren, dass der ursprüngliche Sinn der Geste stark an Bedeutung verloren hat. Sicher gibt es noch Persönlichkeiten wie beispielsweise Clarence Seedorf, welche sich in ihrer Argumentation für eine Erhaltung der Tradition auf die ursprünglichen Werte der Geste beziehen. Jedoch stellt diese Sichtweise doch eher die Ausnahme dar – besonders im Bezug zum Clásico. Ein Fortsetzen der Tradition rein zur Demütigung des Rivalen ergibt angesichts der ursprünglichen Bedeutung schlichtweg keinen Sinn. Die Diskussionen um den Clásico sollten sich daher eher auf sportliche Aspekte konzentrieren, anstatt eine mittlerweile bedeutungsarme Tradition in den Fokus zu rücken. Dies bedeutet natürlich nicht, dass ernsthafte Respektbekundungen für die Leistungen eines Gegners nicht nach wie vor absolut willkommen sind. Sie sollten nur nicht Teil einer öffentlichen Forderung sein.           

      

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