Die WM: Pragmatismus über Ästhetizismus

StartFC BarcelonaKommentareDie WM: Pragmatismus über Ästhetizismus
- Anzeige -
- Anzeige -

Es ist soweit! Die Weltmeisterschaft 2018 ist offiziell Geschichte und der neue Weltmeister steht fest. Zum zweiten mal nach 1998 setzen sich die Franzosen die Krone auf. Unsere Gratulationen gehen an dieser Stelle natürlich besonders an die neu gekürten Weltmeister, welche ihr Geld beim FC Barcelona verdienen: Samuel Umtiti und Ousmane Dembélé. Trotzdem schleicht sich nach dieser Weltmeisterschaft ein fader Beigeschmack ein, angesichts des recht dürftigen fußballerischen Niveuas, was wir bei dieser WM bestaunen konnten. Doch nicht nur das generelle Niveau stößt hierbei sauer auf, auch die Verweigerungshaltung bei (eigentlich) starken Teams, einen Fußballstil zu zelebrieren, welcher ballbesitzorientiert und kombinationslastig ist, war in den letzten vier Wochen sichtbar. Warum das ein Problem ist und warum dem FC Barcelona angesichts dieser Tendenz eine besondere Verantwortung zufällt, soll hier dargelegt werden.

Die Kleinen plötzlich ganz groß

Damit wir uns richtig verstehen: Diese Kritik soll selbstverständlich nicht als Angriff auf Mannschaften verstanden werden, welche aufgrund ihrer mangelnden fußballerischen Tradition und einer damit nur begrenzt vorhandenen Spielkultur der Möglichkeit beraubt sind, einen entsprechend offensiven und risikoreichen Fußball zu spielen. Ganz im Gegenteil! Der Fakt, dass diese vermeintlich kleineren Teams es inzwischen schaffen, ihre defensiven Abläufe so gut zu strukturieren, dass es selbst spielstarken Teams sehr schwer fällt, ihre Qualitäten gegen diese auf den Platz zu bringen, spricht hier eine klare Sprache. Sensationelle Erfolge wie das 2:2 der Marokkaner gegen Spanien oder der 2:0 Sieg der Südkoreaner über die deutsche Nationalmannschaft sind das Ergebnis dieser Entwicklung. Und auch wenn die Gruppenphase in den meisten Fällen das Ende der Bemühungen dieser „kleinen“ Teams bedeutete, so schafften sie es durch ihre destruktive Spielweise durchaus, auch stärkere Teams ordentlich ins Schwitzen zu bringen. Doch wie sah das bei den Teams aus, welche durch ihre individuelle Klasse eigentlich in der Lage sind, den Fans ein Feuerwerk an spielerischem Hochgenuß zu bieten?

Die Großen plötzlich ganz klein   

Da gibt es zum einen die Teams, welche versucht haben, ihre fußballerische Tradition auch in Russland zu verteidigen und ihre spielerischen Qualitäten auf den grünen Rasen zu bringen. Zuerst wären die Spanier zu nennen, welche vor dem Start des Turniers als einer der großen Favoriten auf den Titel angesehen wurden. Gerade in der Gruppenphase merkte man ihnen die spielerische Qualität sehr stark an, wenn man von dem Ausrutscher gegen Tunesien einmal absieht. Angeführt wurden die Spanier hier vor allem von Real Madrids Isco und einem wie zu besten Zeiten aufspielenden Andrés Iniesta. Gerade das berauschende Fußballfest gegen Portugal soll hier als Sinnbild dienen und war einer der Höhepunkte dieser Weltmeisterschaft. Für die Spanier war dann allerdings bereits im Achtelfinale Schluss, in dem sie sich einem aufopfernd-kämpfenden russischen Team geschlagen geben mussten, welches sich ins Elfmeterschießen rettete und dort schlussendlich triumphierte. Als nächstes haben wir das Team, welches als amtierender Weltmeister ins Turnier gestartet war und es nicht geschafft hat, den Fluch des in der Gruppenphase ausscheidenden Titelverteidigers zu brechen – die deutsche Nationalmannschaft. Das deutsche Team versuchte ebenfalls, sich im Turnier durch viel Ballbesitz und spielerische Elemente zu profilieren, scheiterte jedoch vor allem an einem Mangel an Kreativität im letzten Spielfelddrittel, sowie an der eigenen Unfähigkeit, gegnerischen Kontern mit einer stabilen Absicherung entgegen zu kommen. An eben jenen fehlenden Qualitäten scheiterten auch die Brasilianer. Im Gegensatz zum deutschen Team taten sie dies allerdings erst im Viertelfinale. Ihr Scheitern wurde dabei durch ein extrem gutes belgisches Team begünstigt, welches es schaffte, die Qualitäten der Brasilianer durch ein starkes Defensivverhalten und einen ebenfalls sehr offensiven Spielstil zu minimieren. Zu guter letzt sind hier die Argentinier zu nennen, von denen, aufgrund der mäßigen WM-Qualifikation, vor dem Turnier wohl relativ wenig zu erwarten war. Und obwohl wir bei dieser Weltmeisterschaft wahrscheinlich den schwächsten argentinischen Kader der letzten Jahre gesehen haben, war das Bemühen um den Erhalt der argentinischen Fußballkultur doch sichtbar – gerade im beeindruckenden letzten Gruppenspiel gegen Nigeria. Schlussendlich scheiterte man in einem der spektakulärsten Spiele dieser WM allerdings am späteren Weltmeister Frankreich.

Frankreich und England – Was für eine Verschwendung..

Eben jene Franzosen sind es nun, welche der Hauptgrund für die Wahl der  Überschrift dieses Artikels sind. Schauen wir uns die französische Mannschaft einmal an. Ein Kader, welcher in der gegenwärtigen Fußballwelt seinesgleichen sucht. Ein Team, welches in jedem Mannschaftsteil derart hohe Qualitäten vereint, dass so großartige Fußballspieler wie Aymeric Laporte, Clement Lenglet, Tiemoue Bakayoko, Adrien Rabiot, Kingsley Coman, Anthony Martial oder Alexandre Lacazette die Weltmeisterschaft auf dem heimischen Sofa verfolgen durften. Trotzdem brachten die Franzosen in jedem Spiel ein beeindruckendes Team auf den Rasen, welches von den spielerischen Möglichkeiten her in der Lage gewesen wäre, fast jeden Gegner spielerisch zu dominieren und uns Fans in den Wohnzimmern, Biergärten oder auf den Fanmeilen dieser Welt wahre Fußballfeste zu schenken. Nun mussten wir feststellen, dass das genaue Gegenteil der Fall war. Als sicher gilt: Die Franzosen überzeugten mit einer extrem stabilen Defensive und schafften es, die Geschwindigkeit, welche durch Spieler wie Antoine Griezmann und Kylian Mbappé repräsentiert wurde, erfolgreich in ihr Spiel zu integrieren. Hinter den beiden Flügelstürmern waren es vor allem N’Golo Kanté und Paul Pogba, welche dafür sorgten, dass dem Sturm dabei der Rücken freigehalten wurde. Bemerkenswert dabei ist vor allem, dass sich ein Spieler wie Paul Pogba im Verlaufe des Turniers derart auf die Rolle eines Abräumers reduzieren ließ, hat er doch mit seinen bemerkenswerten Fähigkeiten in der Ballkontrolle, im Dribbling und im Passspiel Qualitäten, die er in das französische Offensivspiel miteinbringen hätte können. Stattdessen beschränkten sich Pogba und seine Kollegen in der französischen Nationalmannschaft in erster Linie auf die Defensivarbeit und verließen sich in der Offensive auf die Gefahr, welche ihre schnellen Flügelspieler bei Konterangriffen beschwören konnten. Angesichts der enormen individuellen Fähigkeiten der französischen Spieler muss man doch die Frage stellen, inwieweit diese Spielweise wirklich ein Qualitätsmerkmal der Mannschaft darstellt. Wenn wir uns vor Augen führen, dass selbst Nationen ohne fußballerische Tradition und mit einem Mindestmaß an spielerischer Qualität es in heutigen Zeiten schaffen, ihre defensiven Abläufe derart gut zu koordinieren, entwertet dies den französischen Weltmeistertitel ungemein. Man kann zu dem Schluss kommen, dass die Franzosen, gerade im Halbfinale und im Finale, nichts wirklich anders gemacht haben, als andere und deutlich kleinere Fußballnationen, nur dass sie diese Spielweise mit einer höheren spielerischen Klasse in Defensive und Offensive kombiniert haben. Sicher kann dies als äußerst clever und abgebrüht klassifiziert werden. Man kann diese Spielweise aber auch als eine Verweigerungshaltung gegenüber einem pass-und kombinationsstarken Spielstil betrachten. Als Ignoranz gegenüber jahrzehntelanger fußballerischer Entwicklung und Kultivierung. Als Opfer bzw. Zurückstellen der Ästhetik des schönen Spiels gegenüber dem Erfolg, einen Weltmeistertitel zu erringen. Als Dominanz des Pragmatismus gegenüber dem Ästhetizismus. Gleiches gilt für das englische Team, welches es im Verlaufe des Tunieres nicht geschafft hat, ihren aus der Premier-League jahrelang bekannten Kick-and-Rush-Stil abzuwerfen, trotz dass dort mitterweile Innovatoren wie Pep Guardiola oder Mauricio Pochettino arbeiten.                     

Kroatien und Belgien als Positivbeispiele

Doch es gibt auch positive Beispiele, die diese Weltmeisterschaft hervorgebracht hat. Besonders hervorzuheben sind hier natürlich die Kroaten, welche es geschafft haben, aus einem Kader mit (im Vergleich zu anderen Fußballnationen) relativ begrenzten spielerischen Mitteln, das Beste herauszuholen. Herzstück bildete hierbei natürlich das zentrale Mittelfeld mit den beiden in Spanien spielenden Größen Ivan Rakitić und Luka Modrić. Sie waren auch im Finale ein starkes Duo und hauptverantwortlich dafür, dass die Kroaten das Spiel im Mittelfeld größtenteils im Griff hatten, vor allem in der ersten Halbzeit. Lediglich zwei zumindest streitbare Schiedsrichterentscheidungen und zwei Traumtore der Franosen sorgten dafür, dass die Kroaten sich am Ende mit dem zweiten Platz begnügen mussten. Auch die Belgier, die unter ähnlichen Vorraussetzungen wie die Kroaten in das Turnier gestartet sind, seien hier genannt, wenngleich sie gegenüber Kroatien wahrscheinlich über einen noch stärkeren Kader verfügten. Dennoch ist auch der Ansatz des belgischen Teams hierbei erwähnens- und lobenswert, da sie auch zu den Teams gehörten, die versucht haben, Fußball tatsächlich zu spielen. Beide Teams eint somit ein fußballerisch-ästhetischer Ansatz und der Erfolg, es im Turnier mit Halbfinal-bzw. Finalteilnahmen recht weit gebracht zu haben. Beide Teams waren somit nicht weit davon entfernt, den Thron schlussendlich zu besteigen. Leider nützte es im Endeffekt nichts. Der Weltmeister ist und bleibt mit Frankreich eine Mannschaft, die einen anderen Weg gegangen ist.

Der FC Barcelona in der Verantwortung

Dies stellt allerdings nur die Spitze einer Entwicklung dar, welche sich in den vergangenen Jahren auch im Vereinsfußball abgezeichnet hat. Mitten in die berauschenden Jahre eines von Pep Guardiola gestalteten FC Barcelona schaffte es das Inter Mailand von José Mourinho und der FC Chelsea von Roberto Di Matteo die Champions League zu gewinnen und darauf aufbauend einen absolut destruktiven Spielstil zu kultivieren. Auch hier haben wir das Bevorzugen des Pragmatismus erlebt, um Erfolg gewissermaßen planbar zu machen. Zwar hat mit Zinédine Zidanes Real Madrid zuletzt dreimal in Folge ein Team die Champions League gewonnen, welches einen verhältnismäßig offensiven Spielstil zeigt, jedoch kann diese Mannschaft kaum als ein Paradebeispiel für ästhetizistische Spielkultur herhalten. Es muss also ein Team her, welches der Fußballwelt wieder zeigt, dass Ballbesitz und Kombinationsreichtum immernoch Faktoren sein können, die den Erfolg einer Mannschaft begünstigen. Nur so kann der Welt wieder gezeigt werden, dass Schönheit und Erfolg keine voneinander zu trennenden Faktoren sind. Es müssen wieder Werte Einzug in den Fußball halten, die das Schöne des Spiels über den reinen Erfolg stellen, trotzdem aber Titel und Erfolg hervorbringen. Es muss wieder ein Fußball gespielt werden, der Ästhetizismus über Pragmatismus stellt. Welche Mannschaft wäre da mehr in der Verantwortung, als diejenige, welche in den letzten Jahren das Schöne des Fußballs symbolisierte wie kein anderes Team. Welches Team wäre eher geeignet, als das Team des FC Barcelona. Man kann nur hoffen, dass die Mannschaft in den nächsten Jahren auf das Niveau gebracht wird, dieser Pflicht wieder nachkommen zu können.  

- Anzeige -

AKTUELLE USER-KOMMENTARE