Kommentar: Der FC Barcelona und die verrückte Fankultur

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Wie jeder andere Culé auch liebe ich den FC Barcelona. Dennoch wird dieser Kommentar keine Liebeserklärung sein. Sie richtet sich gegen die Fankultur der Blaugrana, die in meinen Augen in den letzten Jahren an Fragwürdigkeit hinzugewann. Zunächst ging mir der unbegründete Hype um Luis Enrique, speziell zu Beginn der Saison 2014/15, auf die Nerven. Dann kamen Pfiffe der Culés zu sehr ungelegenen Anlässen. Schließlich denke ich, dass selbst den Spielern aus den eigenen Reihen kaum Rückendeckung geschenkt wird und man sogar teilweise hofft, dass eben jene Spieler in einem solchen Ausmaß patzen, dass sie nicht mehr berücksichtigt werden können und auf der Tribüne Platz nehmen müssen – wenn überhaupt.

Luis Enrique: Barça-Vergangenheit schenkt Rückendeckung?

Als erstes will ich klarstellen, dass ich kein Gegner Luis Enriques bin. Ich war allerdings auch kein Befürworter. Am liebsten wäre mir, wenn ‚Tata‘ Martino Trainer der Katalanen geblieben wäre. Doch ist das Leben kein Wunschkonzert und man muss sich mit dem zufriedengeben, was man bekommt. Und ich gebe Luis Enrique eine Chance, wie jedem anderen Trainer auch. Dennoch kann ich vor allem eine Sache um den neuen Barça-Coach nicht akzeptieren: Den Hype! Um Missverständnissen vorzubeugen: Es freut mich ungemein, wenn ein Trainer eines Vereins die volle Rückendeckung seitens der Fans erhält. Für eine bedingungslose Unterstützung scheinen die Culés allerdings so etwas wie ein Anforderungsprofil erstellt zu haben. Ich will hierbei zwei Trainer miteinander vergleichen, deren Unterstützung nicht unterschiedlicher hätte sein können: Luis Enrique und Gerardo ‚Tata‘ Martino. Aber warum? Ganz einfach: Das Team von ‚Tata‘ Martino war in der vergangenen Saison die komplette Hinrunde über auf dem ersten Platz der Tabelle, dennoch wurde teilweise sein Rücktritt gefordert – trotz überwiegend positiver Resultate durch eine zeitgenössischen Spielweise. In der diesjährigen Spielzeit waren hingegen schon am ersten Spieltag Luis Enrique-Sprechchöre zu vernehmen und ich stellte mir die Frage: „Was hat er denn bis jetzt geleistet?

Ich hatte sofort eine Vermutung für den großen Rückhalt des Trainers bei den Fans. Schon kurz vor dem Saisonende der Spielzeit 2013/14 las ich auf verschiedenen Plattformen, dass man einen Trainer benötige, der die Barça-DNA in sich trägt. Ein Barça-Trainer müsse eine Barça-Vergangenheit haben, hieß es. Hat Luis Enrique eine Vergangenheit beim FC Barcelona? Ja! Er erfüllte das Anforderungsprofil der vielen Culés und diese überschütteten ihn mit Lob, was sehr bald in irrsinnigen Vergleichen mündete. So wurde Luis Enrique teilweise sogar mit der Trainerlegende Pep Guardiola verglichen. Das lag wohl an den Cojones, die der liebe Boss gerne raushängen ließ und auf welche die Culés abgefahren sind. Endlich einer, der direkt redet. Dass er sich dabei selbst im Kreis drehte und sich wiederholte, wurde nicht vernommen.

Apropos Cojones: Diese bekommt derzeit besonders ein Spieler zu spüren. Der Spieler hört auf den Namen Montoya und bekommt keine Einsatzzeit. Noch nicht einmal in einem Pokalspiel gegen einen Drittligisten. Dazu kommt noch, dass ihm Medienberichten zufolge ein Wechsel im Winter verwehrt wird. Das ist in meinen Augen eine äußerst fragwürdige Personalpolitik, wenn sie denn stimmen sollte. Der Berater Montoyas hat den Gerüchten mit seinen Äußerungen eher zugestimmt als widersprochen. Es täte Enrique zwar weh, wie er in Pressekonferenzen gerne mitteilt, Montoya nicht einsetzen zu können, doch wird anscheinend auch vergessen, dass dem jungen Katalanen ebenso wehgetan wird. Ihm wird das Gefühl von Bedeutungslosigkeit vermittelt, was den Trainer in einem zweifelhaften Licht erscheinen lässt. Trotzdem werden Enriques nichtssagende Pressekonferenzen gefeiert, als ob es keinen Morgen mehr gäbe.

Immerhin spricht er äußerst direkt. Dass er hierbei teilweise gegen seine eigenen Prinzipien verstößt, wird nicht wahrgenommen. Dabei sind die Verstöße so deutlich, dass man sie als Definition für ein Ausrufezeichen benutzen kann. „Welche Verstöße sind denn beispielsweise gemeint, Yassine”? Diese: Luis Enrique sagte immer und immer wieder, dass die Aufstellung nicht auf Pressekonferenzen verkündet wird und die Spieler erst kurz vor Spielbeginn erfahren, wer überhaupt in der Startelf steht. Luis Enrique hatte aber plötzlich keine Lust darauf, sich zurückzuhalten und verkündete einen Tag vor der Partie, wer in der Startaufstellung stehen wird. Der glückliche Starter war Pedro, der es wohl als erster wusste. Übrigens: Luis Suárez‘ Einsatz gegen Real Madrid wurde auch am Vortag verkündet. Hinzu kommen noch fragwürdigere Rotationen als auch taktisch schwache Spielsysteme und Experimente in wichtigen Spielen. Zugegeben, ‚Lucho‘ hat wieder Veränderungen am Spielsystem vorgenommen und Barça spielt derzeit wieder auf einem guten Niveau. Doch waren zuvor Mängel zu erkennen, die nicht unbedingt für das taktische Kalkül des Barça-Trainers sprachen. Auch vor den Niederlagen gegen Celta Vigo und Real Madrid. Kurz gesagt, da ich weder eine Taktikanalyse verfassen und noch auf andere Aspekte eingehen möchte: Das Mittelfeld wurde auseinander gerissen. Es entstand ein großes Loch im Mittelfeld, da die beiden Achter als Backup für die vorgerückten Außenverteidiger fungierten. Aufgrund des schwächeren Pressings war es für die Gegner ein leichtes Spiel, das Mittelfeld der Katalanen zu überbrücken.

Die positiven Ergebnisse täuschten jedoch über die wahren Gegebenheiten hinweg und man verfiel dem Hype um Enriques Barça. Gegen Real Madrid wurde man dann auf dem Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Taktik wurde für dieses Spiel seltsamerweise geändert und die Außenstürmer standen breiter. Erwähnenswert ist außerdem, dass man rotierte und Enrique Mathieu beispielsweise auf die Linksverteidigerposition beorderte. In der Pressekonferenz nach dem Spiel äußerte auch er sich durchaus überrascht über die Entscheidung des Trainers. Zwei Überraschungen: Die taktische Umstellung und die Rotation. Das bedeutete im Umkehrschluss also eine Niederlage mit zwei Toren Differenz. Auch am letzten Spieltag gegen den FC Valencia sah sich der Trainer zu Experimenten gezwungen und Busquets lief auf einmal als Achter auf. Die Idee war nicht schlecht und ist durchaus nachzuvollziehen, doch sollte diese meiner Meinung nach erst gegen schwächere Teams erprobt werden. Sergio Busquets zeigte sich nämlich nicht von seiner Schokoladenseite. Aber was soll, Luis Enrique hat immerhin eine Barça-Vergangenheit und wird weiterhin ohne Unterlass frenetisch gefeiert. Spätestens nach dem nächsten Sieg.

Richten sich die Culés gegen die eigenen Spieler?

Nicht erst seit kurzem bin ich mir über den Umstand im Klaren, dass sich die Culés gerne Spieler aus den eigenen Reihen als Opfer heraussuchen und alles schlechtreden, wenn es sich nur anbietet. Ich arbeite mich hier von der Position des Torhüters bis hin zum Stürmer vor und fange mit dem Stammkeeper in der Primera División an: Claudio Bravo. Mir ist klar, dass der Neuzugang aus Gladbach, Marc-André ter Stegen, ein hochtalentierter Keeper ist, der mit dem Ball am Fuß stärker ist als Claudio Bravo, doch spricht derzeit nichts gegen einen weiteren Einsatz des Chilenen. Er trat bisher kaum negativ in Erscheinung und ließ sich nichts zu Schulden kommen – er agierte weitestgehend souverän. Deshalb verstehe ich vor allem den Pessimismus ihm gegenüber nicht. Es ist zwar wirklich schade, dass ein Torhüter wie ter Stegen auf der Bank Platz nehmen muss. Doch können die Passqualitäten nicht als einziges Argument in Ansatz gebracht werden, um einen Einsatz eines Torhüters zu rechtfertigen. Zu einem guten Keeper gehört viel mehr. Um einen ganz wichtigen Punkt zu nennen: Die Erfahrung! Claudio Bravo spielt schon über einen längeren Zeitraum in der spanischen Liga und avancierte dort zu einem der stärksten Torhüter. Und eben diese Erfahrung gibt ihm vor allem auch die Führungsqualitäten. Es kommt nicht von ungefähr, dass er Kapitän der chilenischen Nationalauswahl ist.

Wären beim FC Barcelona die Passqualitäten als Torhüter das wichtigste Kriterium, so könnte man doch gleich einen Xavi oder Sergio Busquets da hinten aufbieten. Beide bringen auch noch viel Pressingresistenz mit. Barça-Spieler können eben auf jeder Position spielen. Dani Alves meinte noch vor ein paar Jahren, dass er angesichts des Mangels an Innenverteidigern auch auf dieser Position spielen könnte. Wie wäre es mit Claudio Bravo als Innenverteidiger oder Pedro als Rechtsverteidiger? Das sind Gedankengänge à la Zubizarreta: Die Neuverpflichtungen stehen schon im Kader.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die nächsten Spieler, die häufig von den Barça-Fans attackiert werden, sind die Verteidiger. Sie heißen Gerard Piqué, Dani Alves und Douglas. Der Freund von Shakira scheint bei jedem Vergehen kritisiert zu werden. Auch außerhalb des Fußballfeldes. So wurden seine Leistungen auf dem Platz nicht selten auch mit dem Verhalten außerhalb des Spielfeldes in Verbindung gebracht. Wenn Piqué demnächst zu Hause auf einer Bananenschale ausrutscht, dann ist er auch ein Tollpatsch auf dem Spielfeld, wetten? Er ist zwar nicht mehr der sicherste Innenverteidiger und seine Leistungen sind nicht die konstantesten, doch ist irgendwann auch mal Schluss. Im Kopf scheint Piqué zwar noch ein Kind zu sein, doch sind seine Leistungen bei weitem nicht so schlecht, wie sie von den Fans dargestellt werden. Es kommt mir so vor, als ob Piqué eine starke Partie spielen kann und dennoch bei dem kleinsten Patzer in Frage gestellt wird.

Dieser Eindruck ist nicht weit hergeholt. Laut whoscored ist er nämlich mit einem durchschnittlichen Rating von 7,33 Barças stärkster Innenverteidiger. Und ich bin mir darüber im Klaren, dass auch er seine Aussetzer hat. Schwach war seine Leistung bis hierhin dennoch nicht. Weiterhin beschleicht mich die Vermutung, dass Dani Alves ausschließlich auf seine Flanken reduziert wird. Zugegeben: Seine Rückwärtsbewegung als auch seine Flanken sind nicht überragend und bereiten mir Kopfschmerzen. Doch in direkten Zweikämpfen zeigt er sich immer noch von einer guten Seite. Das zeigt sich in den Statistiken auf whoscored.com. Diese besagen, dass Dani Alves‘ Tackle-Werte die besten unter den Barça-Verteidigern sind. Darüber hinaus ist er mit einem Rating von 7,42 im defensiven Bereich Barcelonas stärkster Spieler.

Welch eine Überraschung! Das heißt also, dass er (defensiv) auch nicht so schlecht sein kann, wie er teilweise dargestellt wird. Als letzten Verteidiger habe ich mir Douglas ausgesucht. Ganz ehrlich: Ich verstehe die Diskreditierungen seiner Person nicht. Er hat bisher nur zwei Spiele über 90 Minuten bestritten. Gegen Málaga war die Mannschaftsleistung schwach und zuletzt gegen Huesca zeigte er kein schwaches Spiel. Ich erwarte keine Wunder, doch sollte man ihm die Chance geben, sich einzuleben und zu beweisen.

Nun beziehe ich mich auf eines der Lieblingsopfer der Culés: Lionel Messi! Der viermalige Weltfußballer bleibt auch nicht von Seitenhieben der Culés verschont. Es stößt auch bei mir auf Unverständnis, wenn er lustlos seine Kreise zieht, doch schaut es in dieser Saison mit ihm ganz anders aus. Messi läuft um einiges mehr als noch in den Vorjahren und agiert mannschaftsdienlicher, was super ist. Messi zeigte bisher eine starke Leistung und trotzdem wird bei einer etwas schwächeren Partie der Mannschaft relativ oft die Schuld auf ihn geschoben. Es scheint, als verliere er zunehmend an Unterstützung der Fans. Es würde mich nicht wundern, wenn er tatsächlich mal das Weite suchen würde. Darüber wird in letzter Zeit öfter in den Medien spekuliert. Ich sage nicht, dass man mit Kritik sparen sollte, doch bin ich der Meinung, dass man erst dann kritisieren sollte, wenn es angebracht ist. Und eine Kritik an Messis Leistungen in der bisherigen Saison ist nun mal nicht wirklich angebracht.

Pfeifkonzerte: Wie die Culés es schaffen, schöne Momente zu zerstören

Es ist eine paradoxe Welt. Schöne Sachen passieren und Pfiffe ertönen. Entweder werden Spieler ausgepfiffen, um bei ihnen den Frust auf den Vorstand raus zu lassen oder eine Feier wird als Bühne der Kritik missbraucht. Es ist unverkennbar: Die Culés werden mit diesem Vorstand nicht mehr warm. Ich auch nicht. Doch bin ich der Meinung, dass man sich bessere Momente aussuchen könnte, um seinen Unmut dem Vorstand gegenüber zu kommunizieren. Man will aber die ganz große Aufmerksamkeit – und das um jeden Preis. Was bietet sich da mehr an, als während der Präsentation von Jérémy Mathieu – der es bisher übrigens geschafft hat, viele Kritiker verstummen zu lassen – den Sportdirektor Zubizarreta auszupfeifen? Anstatt eines herzlichen Willkommens schenkte man Mathieu ein Pfeifkonzert. So stelle ich es mir vor, beim größten Verein der Welt aufgenommen zu werden! Man marschiert glücklich ins Stadion ein, um sich zu präsentieren und alles was man hört, sind Pfiffe. Auch wenn sie nur bedingt gegen den Franzosen gerichtet waren. Mathieu wird wohl glücklich gewesen sein, als er aus dem Rampenlicht heraus war, denn auch ich würde unter diesen Bedingungen schnell das Weite suchen wollen.

Doppelt hält besser!”, dachten sich die Anhänger. Wenn es allerdings übertrieben wird, dann ist es nicht mehr besser, sondern nur noch traurig. Man kann sich nämlich auch zwei Eigentore schießen. Der Vorstand kann von mir aus kritisiert werden. Es kann vor dem Haus von Bartomeu, Zubizarreta oder Faus ein Fax aus der Darmstadt abgelassen werden, aber sucht euch bitte bessere Momente aus, um euren Unmut zu äußern. Das nächste Beispiel neben der recht traurigen Aufnahme Mathieus betrifft den vermeintlich Spieler aller Zeiten – Lionel Messi. Ein weiterer Rekord war gebrochen, aber nicht irgendeiner! Messi mauserte sich zum besten La Liga-Torschützen aller Zeiten. Kein Wunder, dass man sich nach der Partie sehr für ihn freute und ein nettes Video im Camp Nou vorführte, in der jeder eine Botschaft an Messi hinterließ. Es sollte also eine schöne Atmosphäre herrschen, doch kaum wurde Bartomeu auf dem Video gezeigt, ertönten die lauten Pfiffe und schon gab es einen schlechten Beigeschmack. Wie gesagt: Auch ich bin ein Gegner des Vorstands und wünsche mir auch, dass Barça in Zukunft mit mehr Glück gesegnet ist – doch muss man sich andere Momente aussuchen, um den Vorstand zu attackieren. Neben dem Vorstand fühlte sich Messi bestimmt auch nicht wohl, als diese Feierlichkeit mit Pfiffen gegen den Vorstand überschattet wurde.

Fazit

Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass meine Abhandlung nicht auf jeden Culé zutrifft und es liegt mir fern, hier irgendetwas zu pauschalisieren. Doch sind mir diese Tendenzen aufgefallen, und sie behagen mir nicht. Es ist äußerst paradox, wenn nach einer guten Hinrunde eines Trainers der Rücktritt gefordert wird und für einen anderen Trainer schon am ersten Spieltag Sprechchöre angestimmt werden. Dazu kommen noch Pfiffe in Momenten, die unpassender nicht sein könnten, auch wenn ich den Frust gegenüber dem Vorstand verstehen kann.

Ungeachtet dessen sollte jeder Culé nach meinem Dafürhalten hinter jedem einzelnen Spieler stehen, der im Barça-Dress aufläuft und ihn unterstützen – auch wenn dieser Spieler eine schwache Phase durchlebt. Sachliche Kritik ist erlaubt, alles, was darüber hinausgeht, ist für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Fankultur zerstörerisch.

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