Kommentar: Die Baustellen des FC Barcelona

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Der FC Barcelona hat eine sportlich grauenhafte Woche hinter sich. Zuerst unterliegt man Atlético Madrid im Champions-League-Viertelfinale, und dann folgt eine bittere Auswärtsniederlage beim FC Granada. Wie es in sportlich düsteren Zeiten üblich ist, werden nun weitreichende Veränderungen gefordert. Allen voran soll Barça-Trainer Tata Martino seinen Hut nehmen und der Transfermarkt geplündert werden. Mit diesem Kommentar versuche ich das Übel etwas mehr an der Wurzel zu packen und die Komplexität der Probleme in Worte zu fassen.

Tata Martino – Wie viel hat man als Barça-Trainer zu entscheiden?

Es ist ein bekanntes Schema im Fußball: Wenn es sportlich nicht läuft, muss der Trainer weichen. Auch viele Anhänger des FC Barcelona fordern einen Bruch mit Barça-Coach Tata Martino. Die Frage nach den genauen Hintergründen dieser Forderung bleibt jedoch oft unbeantwortet. Der Argentinier wollte das Spiel der ‚Blaugrana‘ wieder etwas direkter und unberechenbarer machen und offenbar auch ein anderes Spielermaterial haben.
Oft beschleicht einen jedoch das Gefühl, dass Tata Martino die Hände gebunden sind.

Einerseits sieht er sich Spielern mit viel Einfluss im Verein gegenüber, andererseits einem Präsidium, das seinen Wünschen offenbar gar nicht nachzukommen versucht. Johann Cruyff drückte es unter der Woche folgendermaßen aus: „In Barcelona entscheidet seit vier Jahren nicht mehr der Trainer.“

Transfermarkt – Was benötigt der FC Barcelona wirklich?

‚Box-to-Box-Spieler‘ im Mittelfeld
Neben einem neuen Trainer will auch der Ruf nach Spielertransfers nicht verklingen. Der FC Barcelona brauche zwei neue gestandene Innenverteidiger – so der Wunsch von vielen. Ich jedoch sehe großen Handlungsbedarf im Mittelfeld. Weder Xavi noch Fàbregas sind in der Rolle des zentralen Mittelfeldspielers in der Lage, den modernen Anforderungen sowie der Intensität im heutigen Fußball auf dieser Position genüge zu werden.
Ich nehme ausdrücklich davon Abstand, ihre Fußballkünste zu hinterfragen – ich sehe bei beiden jedoch Defizite im Defensiv-Verhalten. Barça fehlt ein Mittelfeld-Akteur, der Gegenspieler unter Druck setzen, ihnen nachsprinten und Bälle erobern kann. Zudem sollte dieser jemand mit Tempo das Spielfeld überbrücken können, wenn es einmal schnell gehen sollte – selbstverständlich auch mit dem Ball am Fuß. Ein sogenannter ‚Box-to-Box-Spieler‘.

Kopfballstarker Mittelstürmer
Kurz anschneiden möchte ich auch noch das Thema des Mittelstürmers. Meiner persönlichen Empfindung nach würde dieser dem Spiel des FC Barcelona äußerst helfen. Ich sehe hier nicht den Bedarf, eine Dauerlösung zu installieren, sondern eine Alternative, die Barça unberechenbarer macht. Ein Spieler, der seinen Körper einsetzen kann und kopfballstark ist. Somit hätte man den viel zitierten ‚Plan B‘.

Innenverteidigung
Im Gegensatz zu vielen anderen Culés bin ich nicht der Auffassung, dass die Innenverteidigung unser größtes Sorgenkind ist. Mit Piqué, Mascherano und Bartra sehe ich den FC Barcelona hier stark aufgestellt. Vereinslegende Puyol ist leider dauerhaft von Verletzungen geplagt und hängt seine Fußballschuhe an den Nagel. Somit muss hier ein Ersatz verpflichtet werden, um breit aufgestellt zu sein. Im Jugendbereich scheint derzeit leider keiner dafür geeignet. 
Mit meiner Ansicht, dass wir mit Piqué und Bartra ein tolles Duo hätten, stehe ich vielleicht etwas einsam da, trotzdem vertrete ich diese Meinung. Besonders wichtig wäre mir, dass der FC Barcelona hier nicht Unmengen an Geld ausgibt, um Eigengewächs Marc Bartra einen gestandenen Innenverteidiger vor die Nase zu setzen.

Präsidium – Werden die Werte von Barça verkauft?

Ein unliebsames Thema: Wenn man von der Führungsetage des FC Barcelona spricht, kann es sehr emotional und kritisch werden. Zweites – nämlich einen kritischen Tenor – schlage ich ebenso wie ein Großteil der Barça-Anhänger ein. Ex-Präsident Sandro Rosell, aktueller Präsident Josep Bartomeu, Vize-Präsident Javier Faus, Board-Mitglied Antoni Freixa oder Sportdirektor Andoni Zubizarreta. Sie alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass der FC Barcelona nun zahlreiche sportliche, rechtliche sowie inhaltliche Baustellen besitzt.

Im sportlichen Bereich verweigerte man sich der Tatsache, dass die Mannschaft international Probleme hat. Über das Untersagen von gewünschten Transfers von Trainern kann man nur spekulieren – deswegen erlaube ich mir diesbezüglich kein Urteil. Der sportlich durchaus erfolgreiche Transfer von Zukunftshoffnung Neymar Júnior bringt mich zum nächsten Thema.

Der FC Barcelona sieht sich schweren rechtlichen Vorwürfen ausgesetzt. Neben dem äußerst dubiosen Neymar-Transfer muss man sich derzeit auch noch mit einer Sanktion der FIFA herumschlagen. Ob man hier nun ein Bauernopfer ist oder nicht, kann gerne diskutiert werden. Fakt ist, dass man wohl gegen geltendes Recht verstoßen hat und nun die Konsequenzen tragen muss. Was am meisten schmerzt, ist der Imageschaden für den katalanischen Klub.

Für mich noch erschreckender ist die Tatsache, dass das aktuelle Präsidium einen Sponsorendeal mit Qatar Foundation und Qatar Airways einfädelte. Um sportlich mithalten zu können, ist ein Sponsor sicherlich vonnöten. Dass man sich nun aber von Institutionen aus einem die Sklavenarbeit gutheißenden Land finanzieren lässt, ist durchaus zu hinterfragen. Menschenrechte in Katar werden sehr fragwürdig definiert und ausgelebt. Die Qatar Foundation ist längst nicht so wohltätig, wie sie sich in der Öffentlichkeit darstellt, und die Arbeitsbedingungen bei Qatar Airways alles andere als gerecht. Johan Cruyff sagte nach diesem Deal, man sei von nun an nicht mehr ‚més que un club‘ (mehr als nur ein Klub), sondern nur mehr ‚un club més‘ (ein Klub unter vielen). 

Fazit

Für mich liegen die derzeitigen sportlichen Probleme weder an Trainer Tata Martino noch an der Einstellung der aktuellen Mannschaft. Diesen Spielern zu unterstellen, dass sie nicht alles gegeben hätten gegen Atlético oder Granada, ist lächerlich. Viel mehr sehe ich ein Präsidium, das dem FC Barcelona massiv schadet. Jeder hat zu akzeptieren, dass es bessere und schlechtere Zeiten gibt im Sport. Die Probleme, die Barça derzeit hat, sind hausgemacht. Das Team hätte mit einigen Änderungen wieder das Potenzial, alles zu gewinnen – hoffen wir, dass dies bald geschieht.
Ich für meinen Teil muss hier noch eines loswerden: Wir Anhänger sollten hinter jedem einzelnen Spieler und dem Verein stehen. Sachliche Kritik ist manchmal angebracht und geht in Ordnung. Alles was darüber hinausgeht, ist jedoch ein Armutszeugnis. Viele Spieler des aktuellen Kaders haben uns Fans eine unfassbar schöne Zeit geliefert in den letzten Jahren. Lasst uns das nicht vergessen und auch alle neuen Akteure herzlich willkommen heißen und sie unterstützen!

¡Visca el Barça! 

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