Kommentar: Die Emanzipation von Messi

StartFC BarcelonaKommentareKommentar: Die Emanzipation von Messi
- Anzeige -
- Anzeige -

Gestern war ein großartiger Tag für alle Menschen, die es mit dem FC Barcelona halten. Mit 5:1, in Worten FÜNF ZU EINS, ist der ewige Erzrivale aus der spanischen Hauptstadt im Camp Nou untergegangen. Auch wenn die Klarheit des Sieges zu großen Teilen auf ein komplett verunsichertes und dementsprechend schwaches Real Madrid zurückzuführen ist, so kann man dennoch von einer überragenden Leistung des Teams aus der katalanischen Küstenstadt sprechen. Wie sicherlich bekannt ist, kam dieser Sieg dabei ohne den vielleicht besten Spieler der Geschichte zustande, welcher sich in Barcelonas Reihen befindet und momentan verletzt ausfällt. Es klingt fast nach Majestätsbeleidigung, aber vielleicht werden wir am Ende der Saison sagen, dass Messis Ausfall genau das war, was diese Mannschaft in Bezug auf ihre zukünftige Entwicklung und die eventuell kommenden Erfolge gebraucht hat.

Der Unersetzbare

Es war ein Schock, als sich Lionel Messi am vergangenen Wochenende im Spitzenspiel gegen den FC Sevilla eine schwerwiegende Verletzung zuzog. Die Diagnose: Bruch des Unterarms – Ausfall für drei Wochen. Drei Wochen sollte der Spieler fehlen, welcher in den letzten Spielen vor dem Aufeinandertreffen mit Sevilla einer der wenigen Lichtblicke eines verunsicherten Barça-Teams war. Vier Spiele ohne Sieg hintereinander gab es in der Liga vorher für Messi und Co., was dazu führte, dass der strauchelnde Rivale aus Madrid immer noch in Reichweite war, um ein Wörtchen bei der Vergabe des Meistertitels mitzureden.

Das Paradoxe: In den Phasen, in denen Messi dann mal nicht mitspielte, verlor das Team für gewöhnlich vollständig den Faden und ließ jegliche Offensivgefahr vermissen. Alles lief über La Pulga, sodass man den Eindruck bekommen konnte, dass es auf der ganzen Welt keine andere Mannschaft gäbe, deren Schicksal so sehr an die Leistungen eines einzelnen Spielers geknüpft ist. Noch deutlicher wird dies mit einem Blick auf die vergangene Saison, in welcher Barça zwar souverän Double-Sieger wurde, dieses Double aber ohne einen Lionel Messi in absoluter Topform wohl um Längen verfehlt hätte. Man hatte den Eindruck, dass sich die Mannschaft, vor allem im Mittelfeld, ein Stück weit zurücklehnte und getreu dem Motto „Messi wirds schon richten“ handelte.

In dieser Phase allerdings ist sie gezwungen, ohne ihren Kapitän auszukommen, was nicht mehr für möglich gehaltene Kräfte freigesetzt haben könnte.

Plötzlich klappt es ohne Messi

Das erste Mal, dass die Mannschaft ohne ihren Anführer spielen musste, waren weite Teile des Spiels gegen den FC Sevilla. Der FC Barcelona führte bei Messis Auswechslung bereits 2:0 und brachte das Spiel schlussendlich mit 4:2 nach Hause. In diesem Spiel machte sich noch eine relativ große Unsicherheit breit, wohin der Weg in den nächsten drei Wochen gehen könnte, hatte La Pulga doch entscheidenden Anteil daran, dass die Mannschaft sich überhaupt eine souveräne 2:0-Führung herausspielen konnte.

Der erste richtige Prüfstein war daher das Champions-League-Spiel in der vergangenen Woche gegen Inter Mailand. Anstelle von Messi rückte Rafinha in die Startelf, welcher sich vornehmlich im Mittelfeld einordnete. Erstaunlich hierbei war, dass ein Großteil der anderen Spieler plötzlich viel mehr Verantwortung übernahm. Vor allem das Mittelfeld um Rakitić, Busquets und Arthur blühte regelrecht auf und kombinierte einen schönen Angriff nach dem anderen heraus. Coutinho und Suárez übernahmen deutlich mehr Verantwortung in der Offensive und zeigten einen Großteil ihrer Qualitäten, die sie im produzieren von Toren einbringen können. Heraus kam schlussendlich ein 2:0-Erfolg gegen das italienische Spitzenteam.

Der wohl größte Prüfstein kam dann am gestrigen Sonntag gegen den Erzrivalen Real Madrid. Die Mannschaft machte in diesem Spiel genau an dem Punkt weiter, an dem sie unter der Woche aufgehört hatte. Sie dominierte den amtierenden Champions-League-Sieger über fast die gesamte Spielzeit. Lediglich zu Beginn der zweiten Hälfte war Real Madrid dem Ausgleich relativ nahe. Ansonsten sahen wir ein absolutes Ausrufezeichen unseres Lieblingsklubs. Der Ball lief, wurde in den meisten Fällen schnell zurückerobert und besonders in der ersten Halbzeit war es größtenteils ein Spiel auf ein Tor, was wiederum vor allem auf die herausragenden Leistungen des Mittelfeldes zurückzuführen ist. Besonders die Startelfeinsätze von Arthur können dahingehend als ein Schlüsselfaktor bezeichnet werden, auf dessen Grundlage die Erfolge der vergangenen Woche geschehen konnten.

In Abwesenheit von Messi knüpfte außerdem Luis Suárez an glorreiche Zeiten an und schnürrte einen Dreierpack gegen die Königlichen, womit er sein bis dahin wohl bestes Saisonspiel krönen konnte. Auch bei Ousmane Dembélé besteht die Chance, dass er sich durch den Clásico ein Stück weit aus seinem Tief befreit hat und in Zukunft wieder in der Lage ist, konstant Topleistungen zu bringen.

Der Emanzipationsprozess hat begonnen

Welche Lehre ziehen wir nun also aus den vergangenen Spielen? Wäre es möglich, dass der FC Barcelona mit den Spielern in der momentanen Form sogar auf Messi verzichten könnte? Mitnichten! Es ist wohl vollkommen klar, dass der Floh für Barça nochmal ein deutliches Upgrade darstellt. Es handelt sich um den vielleicht besten Spieler, der je Fußball gespielt hat und er befindet sich immer noch auf einem absolut unglaublichen Niveau. Ohne Frage kann er dieses momentan überragend spielende Barça nochmal auf eine andere Stufe heben.

Nichtsdestotrotz könnte Messis Verletzung ein Schlüssel für den weiteren Verlauf der Saison bedeuten. Ohne ihn scheinen einige Spieler regelrecht aufgewacht zu sein und sind nun möglicherweise bereit, auch in Abwesenheit ihres Kapitäns Topleistungen zu bringen. Die anderen Spieler übernehmen nun viel mehr Verantwortung und spielen ein ganzes Stück selbstbewusster auf, als das bisher der Fall war. Dies könnte im Hinblick auf den Verlauf der Saison von entscheidender Bedeutung sein. So besteht die Hoffnung, dass man La Pulga tatsächlich auch einmal Pausen verordnen könnte um auch in dessen Abwesenheit konstant punkten zu können. Dies erschien in Anbetracht der vorherigen Leistungen nicht möglich. 

Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft diese Tendenz in den nächsten Wochen bestätigen kann und anschließend mit der Rückkehr des Superstars nicht in alte Muster zurückverfällt. Auf der einen Seite ist es natürlich schön, wenn man sieht, wie der FC Barcelona gewinnt, ob mit Messi oder ohne ihn. Auf der anderen Seite ist ein Team, welches in der Lage ist, so aufzuspielen wir in den letzten zwei Spielen und zusätzlich den besten Spieler der Geschichte auf dem Platz hat, ein ernsthafter Anwärter darauf, die vor der Saison recht hoch gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen. Lionel Messi sprach selbst vor der Saison vom Champions-League-Sieg. Durch sein Fehlen scheint er versehentlich eine Mannschaft geschaffen zu haben, mit deren Hilfe er diesem Ziel deutlich näher kommen dürfte, als vorher.   

- Anzeige -

AKTUELLE USER-KOMMENTARE