Kommentar: Guardiola und die Bayern

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Pep Guardiola, bekannt für seinen außerordentlich eleganten Kleidungsstil, könnte ab der nächsten Saison in einer Ledertracht daherkommen – eine Vorstellung, bei der es einigen Culés eiskalt den Rücken runterläuft. Der FC Bayern genießt nicht unbedingt den besten Ruf im deutschsprachigen Raum. Seine Protagonisten zeigen sich selten verlegen, wenn es darum geht, den gefestigten Eindruck der Arroganz und Einbildung, der über die Jahrzehnte mühevoll aufgebaut wurde, weiter zu vertiefen. “Es gibt halt so richtige Kacktage. Da bleibt einem nichts erspart”, brachte es unser Mitglied “sosuard” gestern stellvertretend für die Bayern-Opposition auf den Punkt. Das Lager ist aber zweigeteilt, es gibt durchaus auch Barcelonista, die den Schritt von Guardiola begrüßen. Ich zähle meine Wenigkeit ebenfalls zu diesem Personenkreis. Uns allen öffnet sich die Möglichkeit, eine Barça-Legende Woche für Woche hautnah mitzuerleben und seinen weiteren Werdegang mitzuverfolgen. Noch spannender wird aber zu beobachten sein, wie Guardiola in einem völlig neuen Ökosystem zurechtkommt.

Kaum wurde die Nachricht von Guardiolas Anstellung beim FC Bayern offenbar, da warteten einschlägige Fußballseiten bereits mit ermüdenden Spekulationen auf, wie Pep Guardiola das Barça-System für den FC Bayern fruchtbar machen könnte und welche Implikationen dies für die Spieler des deutschen Rekordmeisters mit sich bringt. Und wie sich heute herausstellte, wird Guardiola tatsächlich den Versuch unternehmen, die Barça-Formel auf deutschem Boden zu implementieren. 

Das Prinzip hinter Barcelonas Spielweise war ganz einfach: mit dem Ball spielen, alles damit machen. Jeder Fussballer auf der Welt hat sich irgendwann entschlossen, Fussball zu spielen, weil er an irgendeinem Ort, sei es nun ein kleines Dorf oder eine große Stadt, ein bisschen gekickt und Gefallen daran gefunden hat. Das System von Barça ist wirklich ganz einfach, auch wenn die Leute sagen, es sei ungeheuer kompliziert: Wir haben den Ball, und jetzt wollen wir mal sehen, ob sie es schaffen, ihn uns wieder abzunehmen. Wir spielen ihn uns so oft wie möglich gegenseitig zu, und dann schauen wir mal, ob wir ein Tor erzielen können. Diese Botschaft haben meine Vorgänger mir vermittelt, und ich habe versucht sie weiterzugeben, solange ich dort war. Die jetzige Vorgehensweise kenne ich nicht, aber wenn ich mir die Spiele anschaue, würde ich vermuten, dass sie ganz ähnlich ist. Klar ist auf jeden Fall, dass man als Trainer an das glauben muss, was man vermittelt – unabhängig davon, wo man gerade tätig ist. Und in Zukunft werde ich versuchen, das zu tun, was ich als Spieler getan habe, woran ich glaubte und was ich die fünf Jahre lang als Trainer getan habe: So gut wie irgend möglich angreifen, den Ball erobern und ihn zwischen den Spielern kreisen lassen, die dasselbe Trikot tragen.

Ob das System von Barça tatsächlich so leicht einer analogen Anwendung zugänglich ist, wie Guardiola es die Leser wissen lassen möchte, ist eine hochinteressante Frage. Bereits zu seiner Zeit als Trainer bei den Katalanen hat er vor großen Spielen stets betont, dass seine Mannschaft ihrem Stil treu bleibe, ungeachtet dessen, was der Gegner zu tun beabsichtigt. Es ist beinahe eine fundamentalistische Haltung hinsichtlich der Frage, wie seiner Meinung nach der richtige Fußball gespielt wird. Aus dem obigen Zitat geht hervor, dass Guardiola den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren lassen möchte, eine horizontal angelegte Spielweise, die er in der vergangenen Saison auf die Spitze getrieben hat. Letztendlich war der Mangel an vertikalen Durchbrüchen in gewisser Weise mitverantwortlich für die ausbleibenden Erfolge in der vergangenen Saison, das Tiki Taka diente nicht in dem erforderlichen Maße einem höheren Zweck. Obwohl er über herausragende Spieler verfügte, die wunderbar miteinander harmonieren, ist es ihm nicht gelungen, die Klasse seiner Mannschaft in Zählbares umzumünzen. Die Meisterschaft ging mit beträchtlichen Abstand an Real Madrid, gegen den FC Chelsea unterlag der FC Barcelona, obschon ausreichend Zeit für eine Wendung vorhanden war. Nur wenig später holten Piqué, Xavi, Iniesta, Buquets, Pedro mit einem glänzend aufgelegten Fàbregas die Europameisterschaft. Guardiola hatte keine Idee, wie er Fàbregas, einem Spieler mit vertikalen Anlagen und einer hohen Risikobereitschaft im Spiel nach vorne, in sein System integrieren sollte. Im zentralen Mittelfeld kamen Cesc’ Qualitäten kaum zur Geltung, insbesondere deshalb, weil Guardiola ihm die Nutzung bestimmter Räume verwehrte.

Eine Barça-Kopie wird es nicht geben

Sein Erfolg bei den Bayern wird hauptsächlich davon abhängen, inwieweit es ihm gelingt, aus dem bestehenden Spielermaterial das Optimum herauszuholen. Die taktische Ausrichtung einer Mannschaft orientiert sich für gewöhnlich an den verfügbaren Spielern. Die Stärken eines Kollektivs sollen betont, die Schwächen so gut wie möglich kaschiert werden. Guardiola allerdings wählt den umgekehrten Ansatz indem er versucht, eine Mannschaft in ein fertiges taktisches Konstrukt reinzuzwängen. Zwar besitzt der FC Bayern gleich nach den Katalanen den zweithöchsten Ballbesitzanteil in Europa, was aber nicht über die Tatsache hinweghilft, dass die Eigenart in Barcelona Fußball zu spielen doch sehr speziell ist. Der Kern der Mannschaft des FC Barcelona kennt sich bereits aus Jugendzeiten, das Verständnis der Spieler untereinander ist fast blind. Die Spieler verstehen es, Nuancen in der Körpersprache eines Mitspielers zu lesen und zu deuten und sich dementsprechend auf dem Spielfeld zu verhalten. Wenn die Spielweise von Barça so leicht adaptiert werden könnte, hätten andere Mannschaft diese längst für sich entdeckt. In Wahrheit aber ist die eigentümliche Spielweise der Blaugrana nicht zu kopieren. Die Anforderungen an die Technik, an das taktische Verständnis und die Komplexität der Interaktion zwischen den Spielern sind enorm. Guardiola kann die bayrische Mannschaft genau so anordnen, wie er es zu Zeiten als Barça-Coach gepflegt hat. Eine Geschmacksexplosion auf der Zunge wird er dennoch nicht erleben, selbst wenn die Spieler sich gut an ihre neuen Rollen anpassen sollten. Wer in Martinez den neuen Busquets erblickt, ist ein Tor.

Barça B-Talente im Visier?

Es bleibt zu hoffen, dass Guardiola auch in München Gentleman bleibt und die Jugendspieler des FC Barcelona nicht durch massive Abwerbeversuche in ihrem Gedeihen stört. Junge Talente aus der Barça B wie Sergi Robert, Rafinha, Deulofeu oder Luis Alberto könnten Guardiola dabei helfen, seine Philosophie bei den Bayern umzusetzen. Und ob diese Spieler einem Lockruf aus München tatsächlich widerstehen könnten, ist fraglich, zumal Guardiola ihnen damit implizit sein Vertrauen aussprechen und kommunizieren würde, dass er mit ihnen plant. 

Guardiola und die Bayern – man kann sich an diese Wortpaarung nur schwer gewöhnen, unabhängig davon, wie oft man sie nutzt. Die fundamentalistische Haltung von Pep könnte ihm bei seinem neuen Arbeitgeber Schwierigkeiten bereiten, wenn sie sich im Hinblick auf die vorhandenen Spieler als ungeeignet herausstellt. Für diesen Fall würde sein Engagement ein unerfreuliches Ende nehmen und alle Kritiker, die ihm einen großen Anteil am Erfolg des FC Barcelona absprechen, befeuern. Dabei versteht Guardiola durchaus etwas von Fußball und investiert viel Zeit in Spielanalysen. Sein impulsives Wesen bringt den Funken bei den Spielern regelmäßig zum Überspringen, und wenn nur ein Spieler nicht mitmacht, wird er von Pep sofort abgestraft. Gute Voraussetzungen für einen Trainer. Man kann ihm nur wünschen, dass er nicht allzu sehr an seiner Fußballphilosophie festharrt und zur Erkenntnis gelangt, dass die Münchener nur mit einer Interpretation eigener Art des Systemkonstrukts des FC Barcelona erfolgreich sein können, zugeschnitten auf die entsprechenden Fähigkeiten und Schwächen des FC Bayern. Aber selbst dann hat Bayern keine Chance gegen Barça – sorry Pep!

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