Kommentar: Munir El Haddadi – Ein Juwel, das noch geschliffen werden muss

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Euphorisch waren die Lobgesänge, die jeder Culé nach dem 3:0-Sieg gegen den FC Elche auf Munir El Haddadi gesungen hat. Der 18-Jährige erzielte für seine Mannschaft mit einem Außenrist-Schuss das 2:0, was sogleich seinen Premierentreffer im Dress der ersten Mannschaft darstellt. Für viele Fans ist schon jetzt klar: Dieser Junge gehört in die erste Mannschaft. Bei all der Begeisterung, die um den spanisch-marokkanischen Stürmer entstanden ist, gilt es aber, nicht voreilig zu handeln, denn die Vergangenheit zeigt, wo dies enden kann.

Wir schreiben die 47. Minute im ersten Liga-Spiel der Saison gegen den FC Elche. Nach einem Traumpass von Ivan Rakitić, sprintet Munir El  Haddadi

in die Gasse und befördert den aufspringenden Ball aus der Luft mit dem Außenrist in das linke Eck. Das Camp Nou erhebt sich und feiert frenetisch seinen neuen Youngster. Aber nicht nur das stach im Spiel Munirs heraus. Seine Laufbereitschaft sowie seine brillante Technik brachten so manchen Fan zum Staunen. Nicht wenige Stimmen behaupten nun, dass der erst 18-Jährige bereits jetzt in der ersten Mannschaft zu finden sein soll und, besonders aufgrund der längeren Abstinenz von Luis Suárez, regelmäßig Einsätze erhalten solle; ein Gesichtspunkt, bei dem ich gerne einlenken würde.

Steiler Karriere-Aufstieg – vielleicht etwas zu steil 

Vielen war vielleicht noch nicht bewusst, dass der 18-Jährige erst im März dieses Jahres in die zweite Mannschaft des FC Barcelona befördert wurde. Starke Leistungen in der Youth League, dem neu gegründeten internationalen Bewerb für U-19-Spieler, brachten ihm zuvor bereits erste Aufmerksamkeit und ließen erahnen, was für ein Talent auf die Culés zukommen würde.

Dies ist aber nun auch alles, was der gebürtige Marokkaner auf seinem Lebenslauf zu bieten hat. Zwei Monate in der zweiten Mannschaft, vier Vorbereitungsspiele sowie ein Pflichtspiel mit der A-Mannschaft kommen daneben hinzu. Es ist bereits unübersehbar, dass Munir enormes Potenzial und Talent besitzt. Talent ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Der Torschützenkönig der Youth League besitzt noch nicht das Maß an Erfahrung, das benötigt wird, um sich in einem hochklassig konkurrenzfähigen Team zu beweisen. Des Weiteren ist es ein Faktum, das die aktuelle Hochform lediglich eine erfreuliche Momentaufnahme darstellt, allerdings nicht zeigt, ob der Youngster Attribute wie Konstanz in der Laufbereitschaft sowie im Passspiel oder Effizienz, die er im Auftaktspiel gezeigt hat, stetig in ein Spiel einbringen kann. Dies ist selbstverständlich der mangelnden Erfahrung geschuldet, die für einen 18 Jahre alten Spieler in der Natur der Sache liegt. Jetzt stellt sich die Frage: Macht es nun schon Sinn, einen jungen Spieler, der mangels Einsätzen schon keine konstanten Leistungen im B-Team zeigen konnte, bereits jetzt in die erste Mannschaft zu befördern?

In meinen Augen ist Munir El Haddadi ob seines riesigen Talents ein unbeschriebenes Blatt, bei dem man nicht zu voreilig agieren sollte. In einem zarten Alter von 18 Jahren besteht die Hauptaufgabe für den Spieler, nicht durchwegs Leistung zu bringen und sich zu beweisen, sondern zu lernen. Es bleibt ein zweifelhaftes Risiko, ob dies in der ersten Mannschaft, nach einem titellosen Jahr, wo der Druck erst recht enorm ist, zu bewerkstelligen ist. Das Risiko der Beförderung eines jungen Spielers hat schon in der Vergangenheit gezeigt, in welch negative Richtung die Karriere führen kann.

Die Vergangenheit zeigt: Risiko zahlt sich nicht immer aus

Der Name Bojan Krkić ist wahrscheinlich jedem Culé immer noch im Gedächtnis geblieben. Als einstiges Wundertalent betitelt, debütierte er bereits mit 17 Jahren inmitten des katalanischen Star-Ensembles. Selbst Lionel Messi konnte seinen ersten Einsatz in der Mannschaft erst später feiern. Seine Leistungen waren vielversprechend und mit vielen Einsätzen in der ersten Mannschaft gesegnet. Man war geneigt zu sagen, dass Bojan schon bald ein fester Bestandteil der Stammelf sein sollte. Doch dieser einst so wundervolle Gedanke, sollte sich in weiterer Folge als falsch herausstellen. Der Katalane schaffte es nicht, sich mit zunehmendem Alter in der Mannschaft zu etablieren, wobei zu allem Überfluss noch zwei schwerwiegende Verletzungen hinzukamen und ihn weit zurückwarfen. Kein Wunder, wenn ein solch junger Spieler nicht an derartige physische Belastungen herangeführt, sondern sogleich ins kalte Wasser geworfen wird. Es sollten Leihen zur AS Roma, zum AC Mailand sowie Ajax Amsterdam folgen, doch all die Erfahrung in internationalen Ligen half Bojan nicht weiter. In diesem Sommer wechselte der 23-Jährige zum englischen Premier-League-Erstligisten Stoke City, wobei sich die Katalanen eine Rückkaufoption bei einer eventuellen Leistungsexplosion, gesichert haben.

Auch Isaac Cuenca wird vielen Leuten noch bekannt sein. Mit 19 Jahren in die B-Mannschaft des FC Barcelona gestoßen, stieg er schon nach einem Jahr in die erste Mannschaft auf. Auch dem jungen Katalanen wurde eine große Zukunft vorausgesagt, wobei die physische Belastung besonders bei ihm ein Hauptmanko sein sollte. Gegen Ende der Saison 2011/12 musste Cuenca, aufgrund von Knieproblemen, operiert werden und hatte somit zur Saison 2012/13 einen riesigen Rückstand auf seine Teamkollegen aufzuweisen. Es kam, wie es kommen musste und so wurde auch der damals 22-Jährige verliehen. Nach einem Gastaufenthalt in den Niederlanden bei Ajax Amsterdam, kehrte Cuenca zum FC Barcelona zurück, konnte sich aber nie durchsetzten und so wurde zur Saison 2014/15 sein Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. Aufgrund von Verletzungsproblemen konnte er kein einziges Spiel in der Spielzeit 2013/14 bestreiten. Der spanische Aufsteiger Deportivo La Coruña sicherte sich anschließend die Rechte an dem Katalanen.

Entwicklung steht vor dem Kaderplatz

Damit Munir nicht dasselbe Schicksal wie den beiden oben genannten ereilt, sollte man in erster Linie die Entwicklung des Spielers in den Vordergrund stellen und Geduld aufbringen. Des Weiteren ist die körperliche Belastung, die den Spielern auf einem derartigen Level begegnet, deutlich höher, als in der Segunda División. Mit regelmäßigen Einsätzen in den vermeintlich „leichten“ Spielen der Saison sowie der Anfangsphase der Copa del Rey und stetige Spiele mit der Barça B, könnte man Munir an diese körperliche Belastung heranführen und gibt dem Jungen somit die Spielpraxis, die er bei der Konkurrenz in der ersten Mannschaft nicht fortwährend bekommen kann und wird.

Es wird nun wahrscheinlich keine große Überraschung darstellen, dass meine präferierte Lösung ein Aufenthalt Munirs in der zweiten Mannschaft ist, allerdings nicht nur für ein Jahr. Mit den Käufen von Neymar sowie Luis Suárez hat man Jugendspielern bereits eine Hürde gestellt, die in den nächsten Jahren nicht zu überwinden sein wird. Mit der sogenannten „goldenen Generation“ gibt es außerdem noch Akteure in der Mannschaft, die zum Stamm der Startelf gehören und auch gehören werden. Für Youngsters wie Munir wird damit der Weg in die Mannschaft beziehungsweise in die Stammelf in den nächsten Jahren nicht bedeutend leichter gemacht, womit diese bei einer eventuellen Beförderung nur auf der Bank enden würden. Somit sollte man meines Erachtens nicht zwanghaft darauf achten, ob man Jugendspieler fest in die Mannschaft einbindet, sondern primär der Entwicklung des Spielers Beachtung schenken. Eine permanente Einberufung in die erste Mannschaft steht nicht gleichzeitig für einen Entwicklungssprung; es bewirkt tendenziell das Gegenteil, wie die Paradigmen Bojan, Cuenca oder auch aktuelle Kader-Spieler, wie Sergi Roberto und Gerard Deulofeu zeigen. Eine Lösung, wie bei Deulofeu, könnte sich gar als besseres Mittel eignen, damit sich der Spieler in einer verhältnismäßig schwächeren Umgebung entwickeln und doch in einer international gesehen starken Liga Einsatzzeiten erhalten kann. Das Beispiel Rafinha zeigt, welche positiven Auswirkungen dies haben kann.

Mit Munir El Haddadi hat La Masia ein weiteres Juwel herausgebracht, das nun behutsam geschliffen werden muss. Eine neue Generation angeführt vom gebürtigen Marokkaner ist auf dem Vormarsch, die allerdings noch Zeit und viel Geduld benötigt. Wenn die Katalanen nun Munir die nötige angenehme Umgebung zuzüglich Aufbesserungen im Gehalt bieten, sowie die Entwicklung des Spielers in den Vordergrund stellen, dann haben wir am Sonntag den Premieren-Treffer eines künftigen Weltstars gesehen.

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