Kommentar zum FC Barcelona: Der seit Jahren verschleppte Umbruch

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Es ist kurz vor Neujahr und ich höre noch einmal tief in mich hinein. Luis Enrique wurde diesen Sommer mit großen Erwartungen vom FC Barcelona verpflichtet – einige konnten erfüllt werden, ein Großteil jedoch (noch) nicht. Trotzdem bleiben meine Hoffnungen bestehen, vor allem, weil mir meine Gedankenexperimente immer wieder verdeutlichen, welch großes Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Doch sehe ich gewisse Divergenzen zwischen meinen Vorstellungen von einer erfolgreichen Zukunft und den gesetzten Maßnahmen von Luis Enrique. Ein Umbruch ist weiterhin nicht in Sicht, doch wäre er längst bitter nötig.

Es ist kein Geheimnis: Der FC Barcelona ist ein Verein mit großen Hemmungen, wenn es darum geht, Änderungen einzuleiten – auch wenn diese bereits überfällig sind. Seit Jahren treten offensichtliche Probleme ans Tageslicht, die wahlweise verschwiegen oder schöngeredet werden. Der Abschied von Europas absoluter Fußballelite vollzog sich schleichend – doch immer noch drängt sich einem das Gefühl auf, dass diese Information nicht im Inneren des Vereins angekommen ist.

Der FC Barcelona als Sklave der eigenen Spielweise?

Die Ära Pep Guardiola beim FC Barcelona wird in der Fußballwelt wohl nie in Vergessenheit geraten. Der heutige Glatzkopf installierte 2008 ein Spielsystem, welches unter der Bezeichnung ‘Tiki-Taka’ in die Fußballgeschichte einging. Im Prinzip müsste man den Spielstil allerdings als ‘Totaalvoetbal mit Tiki-Taka-Elementen’ bezeichnen, diese Information aber nur am Rande.

Der Erfolg dieser Spielidee ist hinlänglich bekannt, doch spätestens in Pep Guardiolas Abschusssaison 2011/12 offenbarte sie auch große Schwächen. Die Erfolge schwanden, die Konkurrenz wuchs. Der FC Barcelona musste mehr und mehr am eigenen Leib verspüren, wie schnell sich die heutige Fußballwelt dreht. Denn nicht die Spieler oder das Spielsystem an sich waren das große Problem dieser Misere. Viel mehr entwickelten die Großmächte des europäischen Fußballsports Gegenkonzepte und hebelten somit sämtliche Stärken des Pep’schen Spielsystems aus. Tiefpunkt war mit Sicherheit die 0:7-Schlappe (Hin- und Rückspiel) im Champions-League-Halbfinale im April/Mai 2013 gegen den FC Bayern München. Doch konnte man in dieser Spielzeit trotzdem den Meistertitel erobern, womit die offensichtlichsten Probleme noch – mehr schlecht als recht – kaschiert werden konnten. Einzig der individuellen Klasse hatte man diesen Erfolg noch zu verdanken.

Unter Tata Martino wehte zu Beginn der Saison 2013/14 jedoch plötzlich ein ganz anderer Wind. In der Hinrunde war der FC Barcelona entgegen der Pep’schen Spielidee konterstärkste Mannschaft der gesamten Liga. Gerard Piqué wagte zu diesem Zeitpunkt einen Rückblick auf alte Zeiten, als er meinte: „Wir waren fast Sklaven unseres Spiels.“ Die Katalanen waren im Begriff, einen spielerischen Umbruch einzuleiten. Alte Strukturen wurden durchbrochen, spätestens als man am 21. September 2013 erstmals seit über fünf Jahren die Ballbesitzhoheit im Spiel gegen Rayo Vallecano abgab. Die Aufregung über diesen Umstand war gigantisch, der 4:0-Sieg des FC Barcelona eine Randnotiz. Mit dem Heimspiel gegen den FC Villarreal am 14. Dezember 2013 (2:1-Sieg) endete dieser kurzzeitige – bis zu diesem Zeitpunkt aber auch erfolgreiche – Trend allerdings schlagartig. Barça konnte zwar überwältigende 77 Prozent des Ballbesitzes verbuchen, sich allerdings nur wenige Torchancen erspielen und lediglich mit viel Mühe gewinnen. Nach Angaben von Graham Hunter [Journalist: Klick zur Kurzbiographie] soll Xavi im persönlichen Gespräch mit dem Trainer diese Änderung forciert haben. Der FC Barcelona kehrte zurück zu alten Mustern: Hoher Ballbesitz, träges Spiel. Beendet wurde die Saison ohne großen Titelgewinn.

Luis Enrique: Anzeichen für einen Umbruch?

In diesem Sommer entschloss sich der FC Barcelona wenig überraschend, Tata Martino zu ersetzen. Mann der Zukunft sollte jemand sein, der den Verein kennt und in der Öffentlichkeit auf breite Unterstützung stößt: Luis Enrique. Wie einst Pep Guardiola, sollte auch der Asturier eine verstaubte Barça-Mannschaft aus ihrer Lethargie wecken und ihr neues Leben einhauchen. Ihm sprach man die nötige Charakterstärke zu, um einen Umbruch einzuleiten und weitreichende, manchmal auch schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Alles zum Wohle der Gesamtheit – das versteht sich.

Und der neue Übungsleiter schickte sich zu Beginn auch an, diesen Erwartungen tatsächlich gerecht zu werden. Zahlreiche Spieler wurden verpflichtet oder kehrten von ihrer Leihe zurück: Es war ein reger Mix aus gestandenen Stars, intelligenten Verstärkungen und jungen Wilden. Einige Aushängeschilder der Vergangenheit sollten dagegen Platz schaffen (was schlussendlich doch nicht geschah). Die Veränderung war zu spüren, es ging ein regelrechter Ruck durch den Verein und seine Anhängerschaft. Auch nach den ersten Spielen der neuen Saison sollte diese Auf- und Umbruchstimmung nicht abreißen. Der FC Barcelona agierte erfolgreich und erste taktische Änderungen wurden sichtbar. Die Neueinkäufe fügten sich gut ins Teamgeschehen ein und viele neue Gesichter aus La Masia strahlten am Barça-Horizont.

Mehr und mehr wurde für mich allerdings sichtbar, dass die angepassten taktischen Aspekte nur wenig mit einem Umbruch zu tun hatten und sich weiterhin ein Bild altbekannter negativer Muster zeichnen ließ. Nimmt man beispielsweise die Auswärtsspiele der Blaugrana genauer unter die Lupe, fällt auf, dass hier kaum überzeugende Leistungen auf den Rasen gezaubert wurden. Ganz im Gegenteil: Zu oft zeigte man sich völlig ideenlos und konnte nur mit Glück drei Punkte entführen. Viele Punkte gingen allerdings auch schon verloren in fremden Gefilden.

Zu allem Überfluss sollten nicht nur im spielerischen Bereich keine Fortschritte oder zumindest Änderungen vollzogen werden, auch personell greift Luis Enrique wieder auf Spieler zurück, die im Sommer nachweislich den Verein verlassen sollten. Konkret drängen sich hier zwei Personalien in den Vordergrund: Xavi Hernández und Dani Alves. Für mich symbolisieren sie den Stillstand im katalanischen Traditionsverein. Ihre Dienste in allen Ehren, eine zentrale Rolle in der Zukunft Barças können sie nicht mehr einnehmen. Darüber hinaus muss Luis Enrique seinen Umgang mit Spielern wie Martín Montoya oder Marc Bartra überdenken. Erstgenannter wird ignoriert und öffentlich fast schon verhöhnt, zweitgenannter kann trotz überzeugender Auftritte offensichtlich nicht in der Teamhierarchie aufsteigen.

Trotz dieses niederschmetternden Zwischenfazits gab es auch einen kleinen Hoffnungsschimmer in dieser Saison: Es war das Heimspiel gegen Paris Saint-Germain vor wenigen Wochen. An sich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Luis Enrique aufgrund des Ausfalls von Dani Alves eine noch nie zuvor gesehene taktische Ausrichtung samt nomineller Dreierkette und vier Stürmern aufbot, aber das soll nicht Thema meiner Ausführungen sein. Luis Enrique konnte in dieser Partie beweisen, dass der FC Barcelona sehr wohl dazu imstande ist, auch in anderen Spielsystemen erfolgreich zu agieren. Es sind jene Ideen, die der Blaugrana einen neuen Schwung geben könnten und wenigstens Hoffnung erzeugen. Es war herzerfrischend, dieses Spiel zu verfolgen; hauptsächlich aufgrund der Tatsache, dass Barça unglaublich viel Spielfreude versprühte, sich zahlreiche Chancen erarbeitete und mit einem neuen taktischen Gesicht auftrat. Natürlich konnten noch nicht alle Abläufe reibungslos funktionieren, ein verdienter 3:1-Erfolg gegen PSG besitzt trotz alledem eine gewisse Aussagekraft.

Fazit

Seit Jahren verschleppt der FC Barcelona einen längst überfälligen Umbruch. Einen einzigen Versuch wagte der Argentinier Tata Martino in der Spielzeit 2013/14. Doch viele Indizien deuten darauf hin, dass man weder teamintern noch -extern für solch einen großen Schritt bereit war. Es steht in den Sternen, ob der Ansatz des Südamerikaners tatsächlich große Erfolge gebracht hätte, doch alleine die Tatsache, dass eine neue Spielidee – welche im Übrigen nicht von der offensiven Grundphilosophie des FC Barcelona abwich – implementiert wurde, war ein Hoffnungsschimmer. Derzeit befindet man sich allerdings weiterhin auf einem Pfad des Niedergangs. Lediglich die große individuelle Klasse kann hie und da noch spielsystematische und taktische Probleme kaschieren. Das Pep’sche Barça ist Vergangenheit: Es wird Zeit, in eine neue Ära aufzubrechen und den Umbruch – sowohl taktischer als auch (teilweise) personeller Natur – einzuleiten. Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls gegeben – daran glaube ich fest.

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