Wie die deutschen Medien das Barça-Wunder beschmutzen

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Nach dem 6:1 durch Sergi Roberto brachen am vergangenen Mittwoch solche Emotionen los, dass man kaum vergleichbare Beispiele findet. Neutrale Zuschauer wurden an dem Abend ungewollt zu Barça-Fans, Sportmuffel erwischten sich dabei, sich für Fußball zu begeistern, seriöse Reporter verloren sämtliche Kontrollimpulse. Und nicht wenige Culés vergossen im Anschluss ein paar Freudentränen. Und doch bleiben ein paar verbitterte Journalisten, die darauf aus sind, das Spektakel zu zerstören. Wer das Spiel gesehen hat, wird sich seine Erinnerungen nicht nehmen lassen, wer nicht in den Genuss gekommen ist, läuft in Gefahr, durch bedauernswerte Berichte ein falsches Bild zu bekommen. Besonders übel aufgestoßen ist uns ein Bericht von Benjamin Kuhlhoff von „11 Freunde“. Der ist aber zugleich ein Anstoß, endlich etwas über den desaströsen deutschen Fußballjournalismus zu sagen, was schon längst gesagt gehört hätte.

Kurz vornweg: Die Erinnerungen an die Erlebnisse des 8. März 2017 wird uns nie jemand nehmen oder trüben können. Mit ein paar Tagen Abstand auf die Dinge bin ich aber dennoch etwas enttäuscht – enttäuscht, wie lieblos, kalt und irreführend vielerorts über den Sieg des FC Barcelona über Paris Saint-Germain berichtet wurde. Im Nachhinein betrachtet ist das aber gar nicht überraschend. Leider. Aber der Reihe nach. Nicht nur mir tat vermutlich beim Lesen des Artikels von Benjamin Kuhlhoff bei „11 Freunde“ das Herz weh, eigentlich ein Magazin, an das ich bisher vor allem positive Erinnerungen hatte. Schnell war in unserer Redaktion klar: „Das müssen wir aufgreifen!“ Und damit fangen wir jetzt mal an.

Sind wir alle verblendet?

Ein „beschämendes Finale“ soll es gewesen sein? Im Ernst? Wenn es etwas nicht war, dann das. Es werden sich alle einig sein, dass der FC Barcelona zuletzt sehr wenig Spaß gemacht hat. Man holte die Siege, man sammelte Punkte, aber am Ende war es dann auch ganz gut, wenn das Spiel vorbei war. Gegen viele besonders hoch pressende Gegner strauchelte man gewaltig. Eine Klatsche gegen ein Kaliber wie PSG war in Anbetracht der Tatsachen nur eine Frage der Zeit. Ob man sich dafür schämen darf? Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Doch darauf folgte eine Reaktion, die man nicht unbedingt für möglich gehalten hat. Gegen den RC Celta lieferte Barça das vermutlich beste Spiel der Saison ab. Und in den hoffnungsarmen Gemütern der Culés entflammte wieder etwas. Hier geht etwas. Taktisch und vor allem moralisch fahren die Katalanen auf völlig anderen Gewässern. Die Remontada ist plötzlich doch nicht mehr so abwegig. Und am Ende behielt das Gefühl, das die Logik außer Kraft setzte, Recht. PSG wurde in der eigenen Hälfte erstickt. Die Tore fielen. Dann der Rückschlag – und doch machte Barça das Unmögliche wahr. Wenn man auf etwas stolz sein kann, dann darauf. Mehr als auf den Gewinn der Champions League 2015. Mehr sogar als bei Iniestas Tor an der Stamford Bridge 2009. Der FC Barcelona sprengte seine eigenen Fesseln und schrieb Geschichte.

Allen voran habe Barças Sturmtrio „den eigenen Fußball verraten“ und sei „das perfekte Bild für den Abgesang auf den großen FC Barcelona“. Luis Suárez machte sich mit seinem unnötigen Fallenlassen sicher keine Freude und diese Neigung kann man schlicht nicht verteidigen. Dass aber gerade Neymar in dieser Partie ins Visier genommen wird, erscheint mir unbegreiflich. Ich kann mich an kein Spiel erinnern, in dem Neymar sich stärker präsentieren konnte. Nicht nur spielerisch wuchs er über sich hinaus, in den letzten Minuten übernahm er Verantwortung und besorgte er durch seine Kaltschnäuzigkeit in großem Anteil alle drei Tore. Lionel Messi wird dagegen motivationslos dargestellt. Fällt jemandem ein vergleichbarer Jubel zu dem nach dem 6:1 ein? Spricht nicht der Elfmeter gegen Leganés zum 2:1 Bände, wie sehr ihn der eigene Fußball gefrustet hat und dass er darauf brennt, wieder zu zaubern?

Barcelona längst vom Tiqui-Taca weg

Sicher ist der FC Barcelona nicht mehr das, was er noch unter Pep Guardiola war. Das kann er auch gar nicht mehr sein, denn auch er muss sich mit den Umständen entsprechend weiterentwickeln. Auch wenn man gern auf die Zeit zurückblickt und sich wünscht, es könnte immer noch genauso laufen. Die Entwicklung unter Luis Enrique lief in meinen Augen in die falsche Richtung. Zu sehr individualitätsfokussiert, zu sehr ergebnisorientiert. Aber gerade dieses Spiel hat gezeigt, dass die Katalanen einen noch immer in den Bann ziehen können, von der ersten bis zur letzten Minute. Natürlich nicht mit Tiqui-Taca. Trotzdem wurde PSG nach allen Maßen dominiert, in erster Linie durch ein bestialisches Pressing. War das nicht beeindruckend, war das nicht mitreißend?

Wenn Benjamin Kuhlhoff bildlich das Ende einer Ära beschreibt, frage ich mich, wer heute noch ernsthaft glaubt, dass diese „Ära“ nicht schon vor 5 Jahren vorbei war. Alles danach hatte nichts mehr mit dem schönen Spiel zu tun, welches die Leute verzauberte. Doch wenn die alten Mechanismen nicht mehr funktionieren, bedeutet das nicht den Untergang. Man muss stattdessen neue Mechanismen finden und ich bin mir ziemlich sicher, dass Barça schon richtige Anfänge dafür gefunden hat und unter einem neuen Trainer andere Perfektionen erreichen kann. Und zwar Perfektionen, die uns wieder 90 Minuten gebannt auf den Bildschirm starren und am nächsten Morgen mit einem Lächeln aufwachen werden lassen.

Shame on you, Barça!

Wird das Spiel als „Schandfleck“ in die Geschichte eingehen? Auf den Elfmeter in der Nachspielzeit möchte ich später nochmal eingehen. Aber wieso sonst war das Spiel gegen PSG das dreckigste Barcelonas? Dass keines der Tore in schönen Kombinationen herausgespielt wurde, tut dem Spiel meiner Meinung nach keinen Abbruch, wenn man sich das gesamte Auftreten vor Augen hält. Der Versuch, einen Elfmeter zu schinden, ist nicht zu entschuldigen, aber in der Form heutzutage (leider) auch nichts, was irgendwie hervorsticht. Was an der Einwechslung von Sergi Roberto als (Nicht-)Außenverteidiger schändlich ist, erschließt sich mir nicht wirklich.

Barça ist nur noch eine Egotruppe. Puh, hier wird es langsam ziemlich absurd. Sicher ist das Spiel heute mehr auf die Individualisten ausgerichtet. Aber das eigentlich Hervorstechende ist, dass die Individualisten sich eben nicht egoistisch verhalten sondern einem Kollegen lieber dann noch den Ball auflegen, wenn der eigene Abschluss mehr Chancen auf Erfolg hätte. Oder eben dem Kollegen den Elfmeter überlassen, da sie ihn zu dem Zeitpunkt für kaltblütiger halten als sich selbst.

Bezeichnet man das Wunder gegen Paris nun als Ergebnis einer Dominanz aus undurchbrechbarem Pressing, also Beweis, wozu unendlicher Ehrgeiz und Einsatzbereitschaft führen können oder lässt man es einfach als Wunder stehen, ohne es genauer zu hinterfragen, ist eigentlich nicht so wichtig. Aber es als dreckigen und unwürdigen Sieg stehen zu lassen, ist ziemlich traurig. Der folgende Satz wird zugegebenermaßen viel zu oft gesagt. Aber hier passt er besser denn je: Wer so einen Artikel schreiben kann, hat den Fußball nie geliebt.

Deutscher Fußballjournalismus quasi inexistent

Noch in heller Ekstase fuhr ich am Morgen nach dem Spiel nach vielleicht vier Stunden Schlaf zur Arbeit und freute mich, zu hören, wie man im Radio davon wohl sprechen wird. Die Antwort war, eigentlich gar nicht. Nach ein paar Sätzen zu irgendeinem Regionalligisten und dem Spiel von Dortmund wurde in einem Nebensatz erwähnt, dass Barcelona die Aufholjagd geschafft hat. Aha. War bestimmt spannend.

Zu Hause wollte ich mir dann im Internet die Berichte der großen Zeitungen und so anschauen, vielleicht haben die ja ein bisschen mehr zu sagen. Zumindest gab es hier zwei Arten, um mal das Positive zuerst zu nennen. Die erste Gruppe schreibt vom Wunder und nennt noch die Torschützen. So nach dem Motto irgendwo gelesen, copy & paste, Satz umstellen, indem man Subjekt und Objekt vertauscht, fertig. Hat man das Spiel nicht gesehen, wird einem nach dem Lesen der müden Zeilen trotzdem nicht klar, wie unfassbar es eigentlich war.

Die zweite Gruppe war noch bisschen härter drauf und fuhr auf der Schiene „Deniz Aytekin schenkt Barça das Viertelfinale“. Womit der Autor natürlich beweist, nicht eine Sekunde des Spieles gesehen zu haben. Ohne jetzt eine ausführliche Verteidigungsrede für den Schiedsrichter halten zu wollen, muss ich sagen, dass es in meinen Augen keine glasklare Fehlentscheidung gab. Sicher fällt Suárez in der Nachspielzeit sehr leicht und ich hätte nach dem Anschauen der Wiederholungen auch keinen Elfmeter gegeben. Aber der Kontakt von Marquinhos am Hals und Bein des Uruguayers ist definitiv da und aus Perspektive des Schiedsrichters ist die Stärke dieses Kontaktes kaum beurteilbar. Und wer sich doch auf diese Situation beruft, darf nicht verschweigen, dass Neymar einen Elfmeter nicht bekommen hat, den man ohne Bedenken geben kann und Paris sehr glücklich sein konnte, das Spiel mit 11 Mann zu beenden. Einige Entscheidungen hätten anders fallen können, aber eine einzige davon als Indiz für die Bevorteilung einer Mannschaft zu nehmen, ist einfach nur unseriös. PSG hat sein Ausscheiden allein dem zu verdanken, dass sie dem Druck des FC Barcelona nichts entgegenzusetzen hatten.

Vereinzelt gab es natürlich auch mal einen anspruchsvolleren Bericht, aber die Regel ist leider ein billiger, unkritischer Einheitsbrei. Was aber eigentlich auch nicht überraschend kommt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen wirklich guten Artikel zum FC Barcelona oder Fußball in Spanien gelesen habe. Irgendwo ragt ab und zu mal eine Ausnahme hervor, aber die Regel sind leider die Schlagzeilen „Messi hat Steuern hinterzogen“ und „Neymar wechselt zu Madrid“. Und natürlich immer irgendwo noch mit einbauen, wie gut der deutsche Fußballer in der Mannschaft ist, den man natürlich nicht nur gut findet, weil er deutsch ist. Im Prinzip geht es nur darum, mit irgendeinem lecker aussehnden Happen so viele Leser wie möglich anzulocken und fast nie, sich um eine objektive Berichterstattung zu bemühen. Es ist nicht nur ermüdend, immer wieder die gleichen schlecht bzw. gar nicht recherchierten Nachrichten zu hören, aber vor allem ist es traurig, dass Leser, die sich wenig selbst mit der Materie befassen, kaum eine Chance haben, die Dinge, die wirklich interessant sind, zu erfahren.

Dann hilft nur noch das Fernsehen

Gut, dass es die Möglichkeit gibt, sich ab und zu mal selbst ein Bild von der Lage zu machen, wenn ein Spiel live übertragen wird. Dann sieht man mal Barcelona, Sevilla oder Villarreal im TV und kann ja dann alles Wichtige sehen. Blöd nur, dass es auch hier einen Haken gibt: Kommentatoren. Es ist für mich schier unglaublich, wie es möglich ist, innerhalb von 90 Minuten so viele Aussagen zu verdrehen, Tatsachen zu verwechseln oder Dinge zu erzählen, die rein gar keinen realen Hintergrund haben und einfach falsch sind. Das Mindeste wäre, wenn der Kommentator sich vor dem Spiel informieren würde, wie die Spieler eigentlich heißen. Ohne Übertreibung liegt die Quote der Kommentatoren, die die Namen halbwegs richtig aussprechen können bei höchstens 1 von 10. Schnell wird aus Sergio Ramos mal ein Italiener, Piqué wird gesprochen wie eine unkonventionelle Torschusstechnik und der verliehene Youngster von Barcelona (sprich: Batzelona) Munir wird über das komplette Spiel nur „Mohammed“ genannt, sein zweiter Nachname, den man als Normalbürger nicht einmal kennen sollte.

Dann nimmt sich der Sender auch nichts, ob man ZDF, Sport1 oder Sky schaut, überall hört man den gleichen Blödsinn. Damals habe ich mich auch immer über Laola1 aufgeregt. Mittlerweile wünschte ich, sie hätte die Rechte an La Liga noch immer, da die Kommentatoren bei DAZN keine wirkliche Steigerung darstellen und man dafür auch noch bezahlt. Wenige positive Ausnahmen gibt es auch hier, aber manchmal kann man fast nur noch weinen und lachen gleichzeitig.

Gleich habe ich fertig

Eigentlich hatte ich gar nicht vor, zu so einem Roundhousekick anzusetzen, sondern wollte nur den einen Artikel aufgreifen. Aber in den letzten Jahren hat sich bei mir in der Hinsicht wirklich viel Frust angestaut, sodass dieser nur der letzte Tropfen in einem großen Fass war. Schaue ich mir ein Spiel mit spanischen Kommentatoren an, überzeugen sie fast immer mit ziemlich tiefen Analysen schon während des Spiels, auch die englischsprachigen Kollegen sind in der Regel sehr kompetent, sodass ich mich da gut aufgehoben fühle. Warum muss es nach Deutschland so ein krasses Qualitätsgefälle geben? Das will nicht in meinen Kopf.

Warum müssen angesehene Zeitungen so klickgeil sein und mit verdrehten Tatsachen und ohne tiefergehende Informationen Leser anlocken, anstatt mal aus der Masse hervorzustechen und einen Hintergrundbericht zu bringen? Auch in dieser Hinsicht lese ich auf Spanisch und Englisch öfter etwas, auf Deutsch gibt es maximal einen interessanten Bericht pro Monat.

Es ärgert mich einfach, dass es nur wenig Mühe kosten würde, mal etwas inhaltlich Sinnvolles zu schreiben oder sich zumindest mal genauer zu informieren, bevor man einfach irgendetwas schreibt. Bei Barçawelt versuchen wir, Dinge abseits der Masse zu schreiben, aber letztendlich bleiben wir nur eine Gruppe von engagierten Fans, die ihre Freizeit opfern, obwohl sie eigentlich zeitlich ausgelastet sind und keine Erfahrung in Journalismus oder gar im Fußballgeschäft haben.

Möge bitte der eine oder andere öffentlich aktive – in welcher Hinsicht auch immer – Fußballbegeisterte, der das hier liest, den Mut beweisen und etwas mehr nach seinem eigenen Rhythmus zu tanzen.

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