Adventsartikel Nr. 3: Was zeichnet den FC Barcelona heute spielerisch noch aus?

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„Was ist der FC Barcelona heute?“, das ist wohl eine Frage, die derzeit viele Anhänger bewegt. Unverkennbar haben sich die Blaugranas spielerisch und auch kadertechnisch gewandelt, leider nicht zum Positiven. Darüber legt insbesondere die laufende Saison ein unzweideutiges Zeugnis ab. Denn Hand aufs Herz: Wie oft konnte Barça in den letzten Monaten die hochgesteckten Erwartungen erfüllen und den Fans ein Grinsen ins Gesicht zaubern? In unserem neuen Adventsartikel gehen wir dem leistungsbezogenen Verfall auf den Grund und erklären, warum sich die Mannschaft derzeit so schwertut.

Die Taktik des FC Barcelona: Geregelte Formationswechsel bestimmen das Spiel des FC Barcelona

Die grundsätzliche Aufstellung des FC Barcelona in dieser Spielzeit ist weniger überraschend das 4-3-3. Diese ist in offensiven Pressingsituationen, welche allerdings nicht oft gegeben sind, oder während des Spielaufbaus zu sehen. Bei gegnerischem Ballbesitz ziehen sich die Blaugranas nach anfänglichem Gegenpressing oft etwas weiter zurück und formieren ein 4-4-2 mit Neymar als linkem Mittelfeldspieler. Erst im Mittelfeld wird dann vermehrt Druck ausgeübt. Die 4-4-2-Formation ist dann grundsätzlich auch die Defensivformation.

Im Spielaufbau ist dann allerdings ein anderes Spiel zu beobachten. Nach dem Ballgewinn oder während des Aufbaus ist zunächst ein 4-3-3 zu erkennen. Die beiden Außenverteidiger stehen in der Regel hoch und nahe an den Seitenlinien. Diese Aufstellung ändert sich dann schnell in ein 3-4-3. Die beiden Außenverteidiger befinden sich nun im Mittelfeld, die beiden Innenverteidiger machen das Spiel etwas breiter, sodass ein Mittelfeldspieler – meist Rakitić oder Busquets – sich zwischen diese stellt. Nistet man sich in der Hälfte des Gegners ein, so sind zwei Außenstürmer zu erkennen, die invers agieren und versuchen, die gegnerischen Außenverteidiger zu binden. Der Raum, der nun außen entsteht, wird von den beiden Außenverteidigern bespielt. Die gesamte Mannschaft befindet sich dann in der Hälfte des Gegners. Aus einem 3-4-3 ist eine Art 2-3-5-System entstanden.

Ist der FC Barcelona ausschließlich von Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar abhängig?

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Barça gewinnt vor allem dank der Tore von Neymar, Luis Suárez und Lionel Messi. Seltener ist geworden, dass die Spieler hinter diesem Trio das Tor treffen. Vielmehr sind sie damit beschäftigt, das Trio in günstige Lagen zu bringen, indem ihnen Freiheiten zugestanden werden. Allerdings muss hierbei unterschieden werden: Zum einen kann man seine Mitspieler durch starke Zuspiele und raumöffnende Laufwege in günstige Positionen bringen, zum anderen können die Mitspieler hinter diesem Trio eher absichernde Aufgaben übernehmen, sodass das Trio sich mehr auf die Offensivaufgaben konzentrieren kann. Schaut man auf die Statistik der laufenden Spielzeit, ist schnell zu erkennen, dass Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar derzeit auf insgesamt auf 41 Tore kommen. Die Spieler dahinter kommen insgesamt auf 20 Tore in dieser Spielzeit. Arda Turan und Rafinha sind die einzigen Spieler, die hinter dem Trio auf jeweils acht beziehungsweise fünf Tore kommen – und das, obwohl sie nicht einmal gesetzte Stammspieler sind. Der Rest agiert eher sporadisch offensiv und dementsprechend sieht dann auch die Torausbeute aus. Ebenfalls interessant zu beobachten ist die Anzahl der Assists. ‚MSN‘ kommen bis dato auf insgesamt 22 Assists in Liga und Champions League. Auf der anderen Seite ist es eher so, dass Iniesta, Paco Alcácer, Arda Turan und Aleix Vidal die einzigen Spieler hinter dem Sturmtrio sind, die mit insgesamt fünf Torvorlagen in der Champions League in dieser Statistik auf sich aufmerksam machen. Vor der Begegnung im letzten Gruppenspiel gegen Mönchengladbach war es nur Andrés Iniesta, der als einziger Spieler hinter Messi, Suárez und Neymar in diesem Wettbewerb einen Assist abgab. Insgesamt gab es nur 21 Vorlagen von den Spielern hinter Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar.

Natürlich kann man damit argumentieren, dass der Sturm um Messi herum das weltbeste Trio ist und solche Statistiken für solch einen individuell starken Sturm selbstverständlich sein sollten, allerdings kann auch gesagt werden, dass Barça im Hinblick auf das Offensivspiel voll auf die Drei in den vorderen Reihen setzt und der Rest sich eher um die Defensivaufgaben bemüht. Ein Hinweis darauf dürfte sein, dass die beiden treffsichersten Akteure nach Messi, Suárez und Neymar nicht als Stammspieler fungieren. Folgt man dem, würde man zu dem Schluss kommen, dass ‚MSN‘ nicht alleine Barça sind. Es ist die Arbeitsteilung, die dieses FC Barcelona ausmacht. Die eine Seite sichert ab, während die andere Seite die Kanonen ausrichtet und schießt. Fällt eine Seite ab, ist der Erfolg nicht gegeben.

Planlosigkeit im Offensivspiel: Ist die Messi-Abhängigkeit zurück?

Was zurück sein könnte, ist die Abhängigkeit von Lionel Messi. Und zwar nicht in der Form wie damals unter Tito Vilanova, als vor allem Messi quasi darüber entschied, ob ein Tor fällt oder nicht, sondern insgesamt bezogen auf das Spielsystem und darauf, ob Luis Suárez als auch Neymar regelmäßig in aussichtsreiche Positionen gelangen. Es ist nun einmal so, dass ohne Messi das Offensivspiel oft stillsteht und es schwer fällt, Torchancen zu kreieren. Zwar schafft es Neymar, diese Lücke aufgrund seines Spielstils etwas zu stopfen, ein adäquater Ersatz, der Messis Wegfall komplett kompensiert, ist er dennoch nicht. In Spielen, in denen Messi in dieser Saison verletzungsbedingt ausfiel, ist dieser Wegfall durchaus zu spüren gewesen. Dem FC Barcelona fehlte es an Strukturen im Spielaufbau als auch an Offensivgefahr – wie gegen Borussia Mönchengladbach und auch gegen den FC Málaga, zumal man beim letztgenannten Verein sagen muss, dass Carlos Kameni ebenfalls eine starke Leistung gezeigt hat und die Katalanen daran hinderte, einen Sieg einzufahren. Beide Male ist es so gewesen, dass die Blaugranas ohne Lionel Messi insbesondere in der ersten Halbzeit Probleme hatten, Chancen zu erspielen und Tore zu schießen. Erst im Laufe der zweiten Halbzeit konnte sich der FC Barcelona Chancen erarbeiten, weil die gegnerische Mannschaft das Tempo meist nicht mehr mitgehen konnte oder sie in Unterzahl agiert hat und dem FC Barcelona nun mehr Freiräume zur Verfügung standen. Erschreckend ist unter anderem die Punkteausbeute ohne Lionel Messi beziehungsweise die Spielweise des FC Barcelona ohne ihn, die entweder vor seiner Einwechslung oder nach seiner Auswechslung verbesserungsbedürftig gewesen ist. Der FC Barcelona agierte insgesamt viermal in der laufenden Spielzeit ohne Messi. Einmal in der Champions League, dreimal in der Liga. In der Liga konnten die Katalanen ohne Messi lediglich vier Punkte sammeln. In der Champions League hat man das Spiel in der zweiten Halbzeit gegen Borussia Mönchengladbach noch drehen können, wonach es in der ersten Halbzeit allerdings nicht aussah.

In den Spielen, in denen Lionel Messi eingewechselt oder ausgewechselt worden ist, sah es ähnlich schlecht aus. Gegen Deportivo Alavés setzte es eine 2:1-Niederlage im Camp Nou, gegen Atlético Madrid verlor man nach Messis (als auch Busquets‘) Auswechslung die Spielkontrolle und konnte keine Offensivgefahr mehr ausstrahlen. Einzig und allein gegen den RC Deportivo de La Coruña konnte man das Spiel gewinnen. Also konnten die Katalanen in insgesamt sechs Spielen ohne Messi oder mit Messi als Einwechsel- beziehungsweise Auswechselspieler nur acht Punkte in der Liga sammeln, was für den FC Barcelona eindeutig zu wenig und ein Hinweis darauf ist, dass die Katalanen aktuell mehr von einem Messi in guter Form abhängen als noch in der vergangenen Spielzeit, als Neymar und Luis Suárez zum Beispiel immer mehr aufblühten und man es schaffte, Real Madrid mit 4:0 im Bernabéu zu deklassieren, auch wenn Messi in dieser Partie nicht über 90 Minuten hinweg gefehlt hat. Derzeit ist eine solche Leistung dem FC Barcelona ohne den fünfmaligen Weltfußballer eher nicht zuzutrauen, sodass sich ergibt, dass ‚MSN‘ vor allem von ‚M‘ abhängt und bei einem Wegfall von ‚M‘ in der Arbeitsteilung zwischen Offensive und Defensive, die zuvor schon angesprochen worden ist, sehr viel spielerisches Selbstverständnis abhanden kommt.

Die Abhängigkeit von Messi im Offensivspiel macht sich allerdings auch in anderer Hinsicht bemerkbar. Seit Iniestas Fehlen ist zu vernehmen gewesen, dass den Katalanen mehr und mehr die Spielkontrolle abhanden ging. Dies hatte zur Folge, dass der argentinische Superstar sich mehr ins Mittelfeld fallen lassen musste, um die Kontrolle über den Ball zurückzuerlangen. Im letzten Spielfelddrittel fand Leo Messi somit nur formal auf dem Zettel teil. So beispielsweise auch in El Clásico, als ‚la Pulga‘ vor allem in der ersten Halbzeit offensiv kaum in Erscheinung trat, aber nach Iniestas Einwechslung weiter vorne positioniert gewesen ist. Diese Iniesta-Thematik wird hier ausführlicher diskutiert.

Guter Sergio Busquets = starkes FC Barcelona: Was passiert bei einer Formkrise?

Diese Frage ist einfach zu beantworten: Wenn Sergio Busquets eine schwache Phase hat, dann läuft im Spiel der Katalanen nicht viel. Weder offensiv noch defensiv. Da konnten in dieser Spielzeit auch Andrés Iniesta und Lionel Messi auf dem Spielfeld stehen. Und ausgerechnet diese Formkrise in Busquets‘ diesjähriger Saison sorgt für Probleme bei den Katalanen. Kurz gesagt: Sergio Busquets kam bisher, bis auf ein paar Ausnahmen, nicht wirklich in Tritt. Und seitdem er nicht mehr in Tritt kommt, läuft es im Barça-Mittelfeld nicht mehr allzu rund. Das war auch der Fall, als Andrés Iniesta nicht verletzungsbedingt ausfiel, auch wenn man mit Andrés das Spiel etwas besser unter Kontrolle bringen und Sergio entlasten konnte. Es scheint so, als würde Sergio Busquets bis dato das verloren haben, was ihn vorher ausgezeichnet hat. Das typische Bindeglied zwischen Offensive und Defensive konnte bisher einfacher aus dem Spiel genommen werden und wenn er aus dem Spiel genommen war, wie beim Duell gegen die Real Sociedad – wobei er in dem Spiel noch zu den Besseren gehörte –, wusste Barça nicht mehr weiter. Dass Sergio Busquets einer der wichtigsten Spieler, rein aus taktisch gesehen vielleicht sogar der wichtigste Spieler bei den Katalanen ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie Vicente del Bosque schon einmal andeutete: An Sergio Busquets sieht man, wie die Mannschaft auftritt. Hat er Probleme, läuft es alles andere als gut für die Mannschaft. Spielt die Mannschaft stark, bemerkt man ihn kaum, weil er unter anderem dafür sorgt, dass die anderen Spieler neben ihm glänzen. Aktuell stellt sich die Situation so dar, dass Sergio Busquets sehr wohl gesehen wird. Sprich: Sergio spielt nicht, wie so oft, unter dem Radar. Folglich spielt auch der FC Barcelona schwächer, weil ein formschwacher Sergio Busquets in der Regel auch mit einer schwächeren Mannschaftsleistung einhergeht und andere Spieler seinen immensen Wegfall nun kompensieren müssen. In der Regel ist es ein Offensivspieler, auf den man nun hoffen muss. Wie bereits erwähnt, ist es meist Lionel Messi, der dann das Heft in die Hand nimmt und das Spiel lenkt. Dabei lässt er sich oft ins geschwächte Mittelfeld fallen, um es zu verstärken und zu stabilisieren. Dass dies allerdings nicht immer klappen kann, ist auch keine Überraschung.

Dem Mittelfeld fehlte es seit den schlechteren Leistungen von Busquets an Stabilität und Kreativität. Weiterhin zwingt man nun die Offensivspieler dazu, sich mehr als sonst an „Mittelfeldangelegenheiten“ zu beteiligen, welche sich – wie bereits erwähnt – nun tiefer fallen lassen und helfen müssen, die Spielkontrolle, die abhanden geht oder abhanden gegangen ist, zu erlangen. Die Defensive scheint außerdem, weil ein Verknüpfungsspieler nun nicht auf Hochtouren läuft, mehr vom Rest des Spiels abgegrenzt zu sein. In Drucksituationen werden entweder Bälle weit nach vorne geschlagen und es wird auf den zweiten Ball gehofft, oder aber der Ball landet als Klärungsversuch im Aus. Und das nur, weil ein Spieler wie Sergio Busquets aus dem Spiel genommen wird. Aufgrund seiner schwächeren Leistungen, El Clásico und die Partie gegen Osasuna ausgenommen, hat die Arbeitsteilung zwischen ‚MSN‘ und den Spielern dahinter nun Probleme zu bewältigen, die vorher nicht da gewesen sind, sich aber angedeutet haben.

Und jetzt stellt man sich die Frage: Trägt Luis Enrique die Schuld daran, weil er es nicht zu verstehen weiß, diese Probleme anzugehen und mit anderen taktischen Ausrichtungen zu beheben, oder liegt es weniger an Sergio Busquets und eher an seinen Mitspielern im Mittelfeld, die nicht damit klarkommen, durch mehr Bewegung Sergio Busquets und die Defensive zu entlasten? Es ist wohl etwas von beidem.

Personalpolitik und La Masia: Dem großen ‚Hurra‘ folgt das nüchterne ‚Ohh…‘

Lucas Digne, Samuel Umtiti, Denis Suárez, Paco Alcácer, Jasper Cillessen und André Gomes. Das waren die Neuzugänge für die Spielzeit 2016/17. Hinzu kommen Arda Turan und Aleix Vidal, die in dieser Saison erst so richtig durchstarten sollen. Das Ergebnis? Arda Turan, Denis Suárez und Samuel Umtiti konnten durchaus überzeugen. Jasper Cillessen hat den erwarteten Platz auf der Bank bekommen, womit er allerdings unzufrieden ist. Lucas Digne ist lediglich ein solider Linksverteidiger gewesen und stellte in keiner Hinsicht ein Upgrade zu Jordi Alba dar. Weiter versucht André Gomes noch zu rechtfertigen, weshalb man ihn geholt hat und vor allem Paco Alcácer konnte bis dato noch gar nicht überzeugen. Außerdem hat sich nicht die Idee etabliert, dass Javier Mascherano weiter nach vorne rückt und eine Art Backup für Sergio Busquets bildet. Dieser gilt weiterhin als unverzichtbarer Akteur, ebenso wie Luis Suárez.

Was ebenfalls im Hinblick auf die Personalpolitik Luis Enriques problematisch erscheint, ist die Beziehung zwischen La Masia und der ersten Mannschaft. Seit er Trainer ist, haben es immer weniger Spieler aus der Jugendakademie des FC Barcelona in die erste Mannschaft der Katalanen geschafft. Ein Munir el Haddadi, der in der Vorbereitungsphase für diese Spielzeit überaus überzeugend aufgetreten ist, wurde im Tausch mit Paco Alcácer und einen höheren Millionenbetrag an den FC Valencia abgegeben. Das Ergebnis sieht wie folgt aus: Während Munir bis dato durchaus ansprechende Leistungen zeigen konnte, schaffte es Paco Alcácer nicht einmal, ein Pflichtspieltor für den FC Barcelona zu erzielen. Was auch eher kritisch beäugt werden sollte, ist die Nichtberücksichtigung von Alejandro Grimaldo, der einem Jordi Alba aktuell in kaum etwas nachstehen dürfte. Immerhin ist er nun Stammspieler bei Benfica Lissabon und wird eventuell für eine höhere Ablösesumme wechseln dürfen. Denn: Sowohl Manchester United als auch Manchester City zeigen bereits Interesse. Und nur so nebenbei: Grimaldo wurde für nur 1,5 Millionen Euro an Benfica verkauft.

Munir El Haddadi und Grimaldo sind allerdings nicht die einzigen Talente. Auch ein Sergi Samper, der in dieser Saison durchaus einen schwächelnden Sergio Busquets die nötigen Pausen verschaffen könnte, wurde kurzerhand nach Granada verliehen, um dort Spielpraxis zu sammeln. Im Grunde ist es nichts Schlechtes, einem solchen Talent Spielpraxis bei anderen Mannschaften zu geben. Allerdings sollte hierbei beachtet werden, dass Sergio Busquets trotz eines Einkaufs von Samuel Umtiti, bei dem man gedachtet hätte, dass er positionstechnisch Javier Mascherano weiter nach vorne verschiebt und der Argentinier dann die Rolle des Backups von ‚Busi‘ ausfüllt, keine Entlastung erfahren hat. Somit stellt sich die Frage: Wenn man nicht mit Javier Mascherano nach Samuel Umtitis Einkauf als Backup für Busquets geplant hat, wieso verleiht man dann einen Backup-Spieler, der einen schwächelnden Busquets durchaus gut ersetzen könnte und es so einfacher hätte, sich dem höheren Niveau des Spiels anzupassen? Dies bedeutet allerdings grundsätzlich nicht, dass eine Leihe Sampers falsch war.

Insgesamt hat der FC Barcelona 22 Spieler in der ersten Mannschaft. Nur neun davon stammen aus der eigenen Jugend. Ein Umstand, den man nach Luis Enriques Verpflichtung als Trainer eher für unwahrscheinlich hielt.

Die taktische Entwicklung: Offensichtliche Probleme wurden nicht angegangen

Prinzipiell hat sich im Vergleich zur letzten Spielzeit nur wenig am Spielsystem geändert. Der FC Barcelona hatte zum selben Zeitpunkt ebenfalls Probleme damit, die Spielkontrolle an sich zu reißen und einen flüssigen Übergang vom Defensiv- ins Offensivspiel zu ermöglichen. Hierbei fehlte es regelmäßig an dem Bindeglied. Allerdings muss gesagt werden, dass diese Probleme in dieser Saison schwerwiegender sind. Die Gegner haben sich mittlerweile noch besser auf Luis Enriques Barça eingestellt, was bedeutet, dass man nun die Trümpfe, die man damals noch in der Hinterhand hatte, nicht mehr ausspielen kann. So schaffen es die Katalanen in dieser Spielzeit nicht mehr so oft, Überzahlsituationen herzustellen. Im Clásico-Hinspiel des letzten Jahres war die Provokation von Überzahlsituationen noch einer der entscheidenden Gründe, weshalb man das Estadio Santiago Bernabéu erobern konnte und mit 4:0 gegen Real Madrid gewann. Hierbei agierte Sergi Roberto quasi als Freigeist und war überall auf dem Spielfeld zu finden. Meist befand er sich allerdings in Ballnähe und half vehement beim Gegenpressing mit. Außerdem war das Konterspiel des FC Barcelona zum damaligen Zeitpunkt noch effektiver.

In dieser Spielzeit können sich die Gegner besser darauf vorbereiten, indem man regelmäßig auf eine Fünferkette in der Verteidigung setzt und die komplette Spielfeldbreite abdeckt. Mit Hilfe des Mittelfelds werden sowohl die Außenpositionen als auch das Zentrum diszipliniert und dicht besetzt, was bedeutet, dass eine gefürchtete Waffe Luis Enriques nicht zum Einsatz kommen kann. Dies trifft aber auch zu, sobald der Gegner ins Pressing geht. Hierbei ist interessant zu beobachten, dass die Mannschaft in dieser Saison weniger pressing-resistent ist und es nicht schafft, die damit verbundenen Lücken in der Defensive durch typische Konterangriffe ausnutzen. Auf die Frage, wie man die breit gestaffelten Pressinganläufe des Gegners umspielt, wissen die Blaugranas derzeit nicht immer eine Antwort – vor allem keine spielerische, weil sich das Spiel der Katalanen unter Enrique mehr durch die Physis kennzeichnet.

Weiterhin muss man auch hier auf die Positionierungen im Offensivspiel eingehen. Seit der vergangenen Spielzeit orientieren sich die Außenstürmer regelmäßig in den Innenraum, was prinzipiell dafür sorgt, dass die beiden Außenverteidiger den Freiraum ausnutzen können. Allerdings hatte diese Umstellung im Vergleich zur ersten Saison unter Luis Enrique einen negativen Effekt. Man schafft es nicht mehr in großer Regelmäßigkeit, die Verteidigungsketten auseinander zu reißen, weil das Spiel des FC Barcelona nun wesentlich zentraler ist. Die Gegner verstehen es nun besser, das Zentrum abzudichten und scheuen auch nicht davor zurück, mit einer Sechserkette zu spielen. Seit Dani Alves‘ Abgang scheint außerdem die Leichtigkeit und die Durchschlagskraft nicht mehr präsent zu sein. Ohne ihn fehlt ein immens wichtiger Kombinationsspieler, dessen Rolle von Sergi Roberto noch nicht ausgefüllt worden ist.

Insgesamt ist also davon auszugehen, dass man sich in dieser Saison spielerisch und taktisch noch einmal zurückentwickelt hat. Schon in der letzten Spielzeit gab es Anzeichen, dass neue Lösungen hermüssen. Diese Probleme wurden zwar nicht ignoriert, allerdings sind bis heute keine Lösungen gefunden worden.

Und was ist der FC Barcelona heute?

Der FC Barcelona ist heute wohl nicht das, was es einmal gewesen ist – spielerisch sowie kadertechnisch. Während sich das Zentrum des Spiels der Katalanen weiter in offensive Regionen bewegt hat, wurde die Beibehaltung der spielerischen Stärke des Mittelfelds vernachlässigt. Auf Probleme in hinteren Regionen des Spiels weiß die Mannschaft nur mit Mühe, Antworten zu finden. Dies liegt insbesondere an dem Mangel der spielerischen Variabilität. Was diesen Mangel begünstigt, sind vor allem die taktischen Schwächen von Luis Enrique.

Kadertechnisch setzt Barça nun auf weniger Spieler, die La Masia durchlaufen haben, was einen Bruch darstellt. Zum Vergleich: In der Triple-Saison waren noch 14 Spieler im Kader, die eine La-Masia-Vergangenheit hatten. Die Mannschaft setzt Schwerpunkte dort, wo man vorher durch Spielstärke versucht hat, Lösungen zu finden.

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