Bert van Marwijk: “Von Affelay kam nichts”

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Die Oranje steht mit dem Rücken zur Wand. Gegen Deutschland setzte es die zweite Niederlage im zweiten Gruppenspiel. Nun ist man auf Schützenhilfe des ewigen Rivalen angewiesen, andernfalls nimmt das Turnier für Affelay und seine Kameraden ein vorzeitiges Ende. Für den Fall des Weiterkommens droht Affelay eine Reservistenrolle.

Von Raphael Lugowski

Affelay trägt nicht die Verantwortung

Für gewöhnlich stellt sich ein Trainer schützend vor seine Spieler. Er spricht sie im Fall der Niederlage von dem Großteil der Schuld frei und vermittelt ihnen auf diesem Wege Vertrauen und Selbstbewusstsein für die kommenden Aufgaben. Das ist der Idealtyp eines Trainers, ein Typ, der das Wesen von Persönlichkeiten wie Pep Guardiola oder Jose Mourinho ausmacht. Bert van Marwijk gesellt sich nicht zu diesen ruhmreichen Erscheinungen in der Fußballwelt. Mit aller Deutlichkeit kritisierte er öffentlich die Leistung von Affelay und sprach von enttäuschten Erwartungen. Damit aber disqualifizierte van Marwijk ausschließlich sich selbst. Nicht Affelay trägt die Verantwortung für die Niederlage der Oranje, sondern der Trainer höchstpersönlich. Er ist der Versager, der es nicht geschafft hat, aus erstklassigen Fußballspielern eine schlagkräftige Mannschaft zu formen und der nun versucht, diesen Ballast auf mehrere Schultern zu verteilen.

Van Marwijks künstlerische Eingebung: Die (passive) „Doppelsechs“

Van der Vaart, Sneijder, Affelay, Van Persie, Huntelaar, Robben – das liest sich wie eine fußballerische Idylle. Im Laufe des Turniers entpuppte sie sich allerdings als trügerisch. Das Potenzial dieser Ansammlung an hochklassigen Fußballspielern wurde nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft. Es grenzt schon beinahe an Kunst, aus diesem Spielermaterial eine Mannschaft herzustellen, die keinen guten Fußball darbieten kann. Van Marwijk ist es gelungen, seiner künstlerischen Eingebung sei Dank. Die Rede ist von der allseits verhassten „Doppelsechs“, die nutz- und wirkungslos auf dem Platz umhertrabt und den anderen beim Fußballspielen zuschaut. Das ist so, als wäre die Niederlande bei eigenem Ballbesitz ein Mann weniger, als müssten sie jeden Angriff mit der Hypothek angehen, dass sich nur vier Spieler an dem Spielzug beteiligen dürfen. Van Bommel und de Jong hielten sich vornehm zurück und beobachteten die qualvollen Bemühungen ihrer Mannschaftskameraden. Es wäre jedoch verfehlt, ihnen eine Mitschuld an dem Desaster zu geben. Sie sind nun mal ganz spezielle Spielertypen, von denen van Marwijk vorher wusste, wie sie sich auf dem Platz präsentieren werden. Womöglich hat van Marwijk diese Spielweise sogar selbst veranlasst.

Sneijder überfordert

Jedenfalls ergaben sich vor diesem Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten für die Offensivspieler, insbesondere auch für Affelay. Durch die Zurückhaltung von von de Jong und van Bommel bei eigenem Ballbesitz stand und fiel das Spiel des Mitfavoriten mit der Präsenz von Sneijder. Dieser war einzige Schaltzentralle des holländischen Angriffsspiels und hatte die Aufgabe, die Bälle dorthin zu leiten, wo sich Räume auftun. Nun, dies gelang ihm im ersten Spiel gegen Dänemark weitaus besser als gegen die Deutschen. Jogi Löw war sich des Umstands bewusst, welche herausragende Stellung Sneijder in dieser taktisch katastrophalen Mannschaft einnimmt. Aus diesem Grund haben sich seine Spieler, allem voran Holger Badstuber, des Niederländers besonders fürsorglich angenommen und seinen Wirkungsbereich drastisch eingeschränkt. Die Folge war, dass die Anbindung zu den beiden Flügelspielern Affelay und Robben abhanden gekommen war. Es war utopisch, zu glauben, allein mit der Aufstellung zweier inverser Flügelspieler Breite im Spiel zu schaffen. Zwischen dieser Flügelzange existierte mit Sneijder nur ein Verbindungsspieler, der unter dieser gesonderten Beobachtung des Gegners niemals im Stande war, die Flügel zu bedienen und schnelle Seitenwechsel zu gewährleisten.

Keine horizontalen Anspielstationen

Affelay und Robben verhungerten regelrecht und konnten nicht im Ansatz ihre Klasse zeigen. Für Affelay kam erschwerend hinzu, dass Sneijder im Vergleich zum letzten Spiel etwas zentraler agierte und damit etwas weiter von ihm entfernt stand. Dadurch kam auch das Dreieck Willems/Sneijder/Affelay nie wirklich zustande und die Rolle des Barca-Stars beschränkte sich auf ein geduldiges Abwarten an der Seitenlinie. Sneijder konnte Affelay nicht unterstützen, er suchte Freiraum, der auf der Außenbahn gewiss nicht zu finden war, und Willems zeigte sich nicht so offensivfreudig wie zuletzt. Somit gab es für Affelay, wenn er angespielt wurde, wenige Optionen. Meist passte er den Ball zurück, da ein Alleingang in Richtung Zentrum angesichts der Fülle an Gegenspielern, die natürlich stark nach rechts verschoben(schneller Seitenwechsel auf Robben unwahrscheinlich), nichts aussichtsreich erschien. Derweil hatte Sneijder Schwierigkeiten, seine Bewacher loszuwerden, sodass auch dieser Pass selten kam. Wären mehr horizontale Anspielstationen für Sneijder vorhanden, hätte man das Spiel mit Affelay und Robben schnell auseinanderziehen und breit machen können. Van Persie ließ sich einige Male zurückfallen, er ist aber leider kein Mittelfeldstratege, sondern ein Stürmer.

Fazit

Robben und Affelay waren nicht schlecht, sie waren das Opfer einer suboptimalen taktischen Ausrichtung. Bert van Marwijk täte gut daran, die Schuld bei sich selbst zu suchen anstatt bei seinen Spielern. Die Anwesenheit zweier Flügelspieler macht keinen Sinn, wenn man nicht die richtigen Vorkehrungen im Zentrum trifft. Sneijder konnte diese Aufgabe nicht alleine meistern, ihm fehlten Nebenspieler, welche ihm dabei behilflich sein müssten, abwechselnd Robben und Affelay in Szene zu setzen. Dadurch ergäben sich auch mehr Räume im Zentrum. So aber war es für die Deutschen ein Leichtes, das Vorhaben des Gegners zu antizipieren. Die Äußerungen von Marwijk lassen Zweifel aufkommen an den Einsatzchancen von Affelay im letzten Gruppenspiel.

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