Formationsspiele – Hin zu einem Mischsystem

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Heinrich Gustav Magnus, Physiker und Chemiker, hat ein für die Fußballwelt nicht unbedeutendes Rätsel gelöst, das besonders den Torhütern und ihrem Stellungsspiel zugute kommen sollte.

Sein Lebenswerk ist die Ergründung der Ursachen dafür, warum sich ein rotierender runder Körper in einer Strömung in einer bestimmten Art und Weise verhält. Ein in Rotation versetzter Fußball beschreibt eine gekrümmte Flugbahn und verlangt dem Torwart neben fußballerischem Geschick auch noch physikalische Grundlagenkenntnisse ab. Während der Ball auf das Tor zufliegt, reißt er bedingt durch seine Drehung Luft mit sich. Auf der einen Achse wird diese Luft durch den entgegenkommenden Wind beschleunigt, auf der anderen aber abgebremst. Nach dem Gesetz von Bernouille entsteht an der beschleunigten Achse ein Unterdruck, der eine Sogwirkung zur Folge hat. Seit Magnus die Rotation des Balles als Grund für die unberechenbaren Wendungen und das Abkommen von bereits eingeschlagenen Pfaden ausfindig gemacht hat, braucht der Schlussmann nur noch die Haltung beim Schuss zu beobachten, um die richtigen Vorkehrungen in seinem Stellungsspiel treffen zu können. Die wissenschaftlichen Befunde von Magnus haben dazu beigetragen, ein Mysterium der Fußballwelt aufzuklären. Mehr als ein Jahrhundert später sieht sich die Welt einem neuem Phänomen gegenüber, welches Fußballtrainer dazu veranlasst, Erkundigungen bei den heutigen Quellen des Wissens einzuholen. Die Mannschaft des FC Barcelona rotiert nicht nur, sondern verändert ihre Rotationsrichtung auch noch während des Flugs. Andauernde Aufstellungs- und Formationswechsel machen es Gegnern schwer, den Überblick zu behalten und treiben die Trainer an den Rand der Verzweiflung. Auch der ein oder andere Fußballfan wird sicherlich den Sinngehalt dieser chronischen Kehrtwendungen hinterfragen und sich nach Antworten sehnen. Die folgenden Ausführungen sind der bescheidene Versuch, die Entscheidungen von Guardiola aus dieser Saison im Hinblick auf die Formationsauswahl und die Startaufstellung zu durchleuchten und das, was uns im Spiel des FC Barcelona als „Black Box“ erscheint, auszulesen.

Das System als eine Säule des Erfolgs

Bisweilen wurde das Kurzpassspiel als eine tragende Säule des Erfolgs ausgemacht. Mit dem Kurzpassspiel wird das Risiko, Fehlpässe zu spielen, minimiert und das Ballbesitzverhältnis zugunsten des FC Barcelona verschoben. Im Gegenzug steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Gegner seinerseits mit Ablauf der Zeit ohne Ballbesitz Fehler begeht, welche die Spieler des FC Barcelona zu ihrem Vorteil ausnutzen können. Dieses majestätisch anmutende Kurzpassspiel wurde in der abgelaufenen Saison im Rahmen einer 4-3-3-Formation praktiziert, die jedoch im Verlauf eines Spiels durch den unaufhaltsamen Vorwärtsdrang von Dani Alves bei Gelegenheit durchbrochen wurde.  Dies änderte jedoch nichts an der Grundausrichtung der Mannschaft, die ihrem System stets treu blieb und überdies auch keinen Anlass sah, von demselben abzuweichen. In dieser Spielzeit aber ist der unbedingte Wille zum Festhalten an dem Erfolgssystem der Experimentierfreude von Pep Guardiola gewichen, der bereits in einigen Spielen dem 3-4-3 gegenüber dem altbewährten System den Vorzug gab. Es stellt sich somit die Frage nach den vor und Nachteilen beider Formationen. Erschwerend für das Verständnis der Hintergründe für die Festlegung auf das ein oder andere System dürfte der Umstand sein, dass der FC Barcelona bei Bedarf auch während des Spiels seine vor dem Spiel nach außen kommunizierten Vorsätze über Bord wirft und Änderungen an seiner Formation vornimmt. Trotz dieser unkonturierten Trennlinie sollen zunächst einmal aus systematischen Gründen die Merkmale der Formationswahl auf abstrakter Ebene erörtert werden, bevor gezeigt wird, dass eine Einheit zwischen den Systemen unter Umständen möglich ist.

Breiteres Mittelfeld auf Kosten der Abwehr

Kennzeichnend für die 3-4-3 Formation ist, dass das Mittelfeld im Vergleich zum 4-3-3 breiter aufgestellt ist. Die zusätzliche Anspielstation versetzt die Mannschaft in die Lage, im Mittelfeld noch dominanter aufzutreten und es schneller und unkomplizierter zu überbrücken. Gleichzeitig vermittelt diese Formation mehr Sicherheit bei leichtfertigen Ballverlusten. Das Mittelfeld kann man sich vorstellen als ein Sieb, das die gegnerischen Angriffsbemühungen bereits im Keim zu ersticken vermag. Ein feineres Sieb ist besser geeignet, diese Zielsetzung zu erreichen. Eine Formation, welche das Mittelfeld betont, kann für sich beanspruchen, den anderen Systemen in dieser Hinsicht überlegen zu sein. Im ersten Spiel dieser Spielzeit gegen Villarreal konnte man die potenziellen Vorteile gut beobachten, als der Gegner große Schwierigkeiten hatte, die eigene Hälfte zu verlassen. Die Kehrseite dieser Medaille ist jedoch die Verpflichtung zur Hinnahme einer defizitären Abwehrkonstellation. Gelingt es nicht, die Gegner bereits im Mittelfeld abzufangen, bzw. wird das Mittelfeld aufgrund von Nachlässigkeiten überlaufen, dann stehen hinten drei Abwehrspieler womöglich drei bis vier Angreifern gegenüber, was in der Regel – zumindest bei fähigen Angreifern – in einer Tragödie endet. Das Spiel gegen Valencia, das mit einem 3-4-3 begonnen wurde, offenbarte die mit diesem Spielsystem einhergehende Problematik. Der FC Barcelona wurde bereits im Mittelfeld hart attackiert und leistete sich in der Folge viele Ballverluste in der Vorwärtsbewegung. Die katalanische Abwehr war mit den heranstürmenden Angreifern aus Valencia hoffnungslos überfordert, was Guardiola in der zweiten Halbzeit dazu veranlasste, wieder auf eine Viererabwehrkette umzustellen.

Ziel: Ein Mischsystem?

Damit ist aber auch der Beweis erbracht, dass Pep Guardiola mit seiner Formationsrochade keinen grundlegenden Formationswechsel anstrebt, sondern vielmehr bestrebt ist, seine Spieler in die Lage zu versetzen, beide Formationen zu beherrschen und das Können situationsgebunden abzurufen. Gegen UD Levante und gegen den AC Milan wurde auf eine Dreierabwehrkette mit einem breiter aufgestellten Mittelfeld gesetzt. Im ersteren Spiel hat sich diese Maßnahme ausgezahlt, der Gegner war kaum in der Lage, eine Offensivaktion zu starten. Gegen den AC Milan hingegen hat sich die Entscheidung für diese Ausrichtung als fehlerhaft herausgestellt. Der Trainer versucht stets, sich auf jene Formation festzulegen, welche für die Spielart des Gegners als maßgeschneidert erscheint. Im CL-Hinspiel im Camp Nou gegen den AC Milan haben die Italiener mit einer sehr defensiven Ausrichtung aufgewartet. Darum hatte Guardiola Grund zur Annahme, dass dies auch im Rückspiel im Wesentlichen unverändert bleiben wird. Er sah sich getäuscht und seine Mannschaft musste zwei Gegentore hinnehmen, was für ihre Verhältnisse einem Abwehrversagen gleichkommt. Hieraus wird aber ein Bedürfnis ersichtlich, noch mehr Flexibilität in das katalanische Spiel zu bringen. Vom 4-3-3 zum 3-4-3 und zurück – die perfekte Beherrschung dieser Kehrtwendung wäre nicht weniger als eine erneute Revolution im Fußball. Und allem Anschein nach hat Guardiola durchaus den Anspruch, sich dieser Herausforderung zu stellen. Auch wenn in letzter Zeit entweder das 4-3-3(überwiegend) oder das 3-4-3(manchmal) praktiziert worden ist, von einem Mischsystem also zunächst Abstand genommen wurde, bedeutet es noch lange nicht, dass es als verworfen gilt. Der Umstand, dass das 3-4-3 in nunmehr reiner Ausprägung gespielt wird, bringt uns die Erkenntnis, dass die Spieler es noch nicht verinnerlicht haben, dass die Laufwege und das Spielverständnis untereinander noch nicht stimmen. Je öfter das 3-4-3 gespielt wird und je mehr sich das System verfestigt, desto eher werden die Spieler auch während eines Spiels in die Lage versetzt, nach Belieben umzuschalten und den Gegner damit stark zu verwirren. Natürlich ist solch ein „Mischsystem“ nicht voraussetzungslos. Es bedarf zumindest eines Spielers, der sowohl über defensive als auch offensive Qualitäten auf den Außenbahnen verfügt. Der FC Barcelona verfügt gar über zwei Spieler, die sich durch solche Qualitäten auszeichnen: Alves und Adriano. Bei ersterem ist allerdings fehlt der Überraschungseffekt gänzlich. Es ist gemeinhin bekannt, dass Alves den Weg nach vorne sucht, sobald sich ihm diese Gelegenheit eröffnet. Mit dem Spieler Adriano könnte man allerdings den Gegner regelmäßig überfallen, weil er sich eines solchen Schachzugs nicht vorsehen kann. Nicht ohne Grund hat Guardiola Adriano, der als Linksverteidiger ausgebildet ist, einige Male im Sturm auflaufen lassen. Diese Veränderung geschah nicht grundlos, sondern war Teil eines raffinierten Plans. Adriano sollte die nötige Erfahrung im offensiven Flügelspiel vermittelt werden. Wenn er zu einem ambivalenten, auf der linken Außenbahn vielseitig einsetzbaren Spieler herangereift ist, könnte man ihn strategisch einsetzen. Bis zu Adrianos Verletzung schien das Vorhaben von Guardiola aufzugehen. Adriano wurde immer besser im Offensivspiel und hat sich zu einem offensiven Leistungsträger entwickelt. Seine Verletzung hat Guardiola allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es ist fraglich, ob er auf diese Option im Clasico wird zurückgreifen können, hat Adriano doch seit seiner Verletzung lediglich einen Kurzeinsatz gehabt. Hierauf folgte eine weitere einwöchige verletzungsbedingte Abwesenheit. Es ist sehr schade, dass hier das Pech zugeschlagen hat. Denn die Planung war schlichtweg genial. Ausgehend von einem 4-3-3 könnte man Adriano auf den linken offensiven Flügel setzen, woraufhin der angestammte linke Außenstürmer in die Mitte rücken und Messi sich nach hinten fallen lassen könnte. Trotz des Zurückrückens durch Messi würde es vorne bei drei Anspielstationen bleiben. Oder man könnte das Flügelspiel mit zwei Spielern betonen, woraufhin die Aufmerksamkeit des Gegners sich den Flügeln zuwenden würde. Dadurch wäre in der Mitte mehr Platz für gefährliche Pässe in die Tiefe. Wenn der Gegner zunehmend Druck aufbaut, könnte man das System wieder umkehren. Letztlich ergeben sich wohl für den Fußballexperten wie Guardiola vielfältige Möglichkeiten, aus diesem Vorteil Kapital zu schlagen.

Keine Experimente gegen Real Madrid

Abschließend stellt sich die Frage, welche Formation im Spiel gegen Real Madrid den Vorzug verdient. Guardiola soll laut übereinstimmenden Medienberichten mit dem Gedanken spielen, auf ein 3-5-2 zu setzen. Die Abwehrpositionen sollen von den drei schnellsten Verteidigern bekleidet werden, namentlich Puyol, Mascherano und Abidal. Diese Variante ist auf absolute Dominanz im Mittelfeld ausgelegt. Es darf aber bezweifelt werden, dass sich dieses System durchsetzen wird. Man kann gegen Real Madrid das Mittelfeld nicht auf Dauer dicht machen, der Ball wird das katalanische Mittefeld nicht nur einmal passieren, so viel steht fest. Es wird dann darauf ankommen, in der Abwehr nicht überlaufen zu werden. Bei drei Verteidigern ist die Gefahr groß, dass sich drei Verteidiger ebenso vielen Angreifern gegenübersehen und es sich zum Nachteil der Katalanen ausgeht. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass in der Abwehr auf Experimente verzichtet und auf die gute altbewährte Viererabwehrkette gesetzt wird. Daraus ergibt sich aber zwingend eine 4-3-3 Formation. Es ist aber davon auszugehen, dass das 4-3-3 nicht in Reinkultur angewendet wird. Es wird ein modifiziertes 4-3-3 mit Besonderheiten zu erkennen sein. Wie dies genau aussehen wird, muss abgewartet werden. Die Spiele gegen Real Madrid diese Saison haben die Notwendigkeit zum Ausdruck gebracht, im Mittelfeld wegen der Manndeckung seitens Madrids weitere Anspielstationen zu kreieren. Eines ist aber sicher: Wenn Guardiola die Wahl hätte, würde er das System als „Waffe“ nutzen und den Gegner damit überfordern wollen. Lange wurde hierauf hingearbeitet. Die dreiwöchige Verletzungspause von Adriano stellt sich vor diesem Hintergrund als schwerwiegender dar als zunächst gedacht. Visca el Barça!

 

Raphael L.

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