Luis Enrique, bist du noch der richtige Mann für den FC Barcelona?

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Wenn ich Luis Enrique einen Brief schreiben könnte, was würde ich ihm wohl mitteilen? In dieser Saison kommt sein Barça einfach nicht in Fahrt. Nicht nur die Ergebnisse lassen zu wünschen übrig, auch die Spielweise vermag kein Wohlgefallen auszulösen. Ich würde ihn also über die Sorgen der Culés aufklären und ihm sagen, was aus unserer Sicht der Verbesserung bedarf. Ich würde ihn in die Pflicht nehmen und keinen Blatt vor den Mund nehmen.

Lieber Luis Enrique,

was haben wir dich gefeiert, als der FC Barcelona gemeinsam mit dir den Thron im europäischen Spitzenfußball erklommen hast. In Berlin haben sich zahlreiche Anhänger versammelt, um nahe dabei zu sein, als Barça einmal mehr eine neue Seite Fußballgeschichte in den blauroten Farben überzog. Sie haben Lieder angestimmt, lagen sich in den Armen und haben augenscheinlich deine Idee, deine Interpretation des modernen Fußballs aufgesogen und in vollen Zügen ausgekostet. Auch die Autoren von Barçawelt waren vor Ort und konnten ihr Glück kaum in Worte fassen. Alles schien perfekt, bis ins kleinste Detail harmonisch und ein neues Zeitalter im Fußball war angebrochen. Oder war das doch alles bloß eine Illusion?

Als die Blaugranas später noch den Traum vom Triple verwirklichten, gab es kein Halten mehr. Doch ausgerechnet im beschaulichen Barçawelt-Forum erklangen auf dem Höhepunkt der Euphorie vereinzelt Widerstimmen, die auch unter dem Eindruck des wortgewaltigen und alles durchflutenden Grundtenors nicht verstummten, der alles und jeden in den siebten Himmel hob. Ihre Bedenken konzentrierten sich insbesondere auf die kollektive Dimension im Spiel und damit in erster Linie auf unseren Trainer: Auf dich. In der Tat muss deine erste Saison beim FC Barcelona in einem differenzierten Licht in Augenschein genommen werden. Über einen langen Zeitraum hinweg fütterte deine Mannschaft die Anhänger nur mit leichter Magerkost, und dies in jeder Hinsicht. Erst nach der Niederlage im Estadio Anoeta entfaltete sich das Potenzial der Mannschaft wie eine Kernfusion. Der Leistungszuwachs war ganz offenbar nicht die Folge kontinuierlicher Zusammenarbeit auf hohem individuellen und taktischen Niveau. In diesem Fall verliefen die Fortschritte der gesamten Mannschaft und einzelner Fragmente im Spiel linear. Stattdessen explodierte sie von einem Moment auf den anderen und strahlte eine Dominanz der ganz besonderen Art aus. Sie imponierte mit einer selten gesehenen physischen Leistungsfähigkeit, die sie in den Stand versetzte, ihre Gegner nach Belieben in Grund und Boden zu spielen. Vielfach waren 45 Minuten ausreichend, meist sogar deutlich weniger, um auf dem Platz vollendete Tatsachen für die gesamte Dauer einer Partie zu schaffen.

Doch es gab sie, die Culés, die sich von dieser enormen Dominanz nicht haben blenden lassen. Blenden lassen wie ich, wie viele weitere von uns, die womöglich einen zu leichten, falsch justierten Maßstab angelegt haben. Sie, die Argwohn verspürten, stellten die richtige Frage: Was passiert, wenn dieser Quell der physischen Jugend irgendwann versiegt und Barça – was in der Gesetzmäßigkeit des Leistungssports liegt – dann wieder in physischer Hinsicht zur Normalität zurückgelangt? Was würde dann von Barça in spielerischer und taktischer Hinsicht übrig bleiben? Damit wir uns nicht missverstehen: Du warst nicht nur ein Passagier im Barça-ICE in Richtung europäischem Thron, das hat ein jeder anerkannt. Was du auch unternommen hast, um deine Mannschaft auf dieses gigantische Niveau zu bringen, es hat Früchte getragen. Sei es, dass du die körperlichen Reserven mobilisiert, ihr Ehrgefühl gekitzelt oder schlicht ihre Freude am Spiel geweckt hast. Auf der anderen Seite hast du es aber versäumt, Barça in wichtigen Bereichen weiterzuentwickeln.

Nach der Hochphase machte sich zunehmend Ernüchterung unter den Anhängern breit und verdrängte nach und nach die wohligen Gedanken, die durch den Erfolg lange Zeit konserviert wurden. Ohne den Faktor der Dominanz ließ sich der FC Barcelona nur allzu oft vom Gegner den Schneid abkaufen und musste sich zum Teil sogar in seiner Kerndisziplin geschlagen haben. Alles, was das katalanische Spiel einst ausgezeichnet hat, erscheint in immer weiterer Ferne. Die laufende Spielzeit bildet einen neuen Tiefpunkt und er scheint noch lange nicht überwunden. Die Sehnsucht der Fans nach schönem Fußball wird stark strapaziert, seit Wochen und Monaten warten sie auf einen Hoffnungsschimmer und auf Anzeichen für Fortschritt. Was ihnen aber Woche für Woche vor Augen geführt wird, ist Stagnation und ein Trainer, der nicht gewillt oder in der Lage ist, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um der spielerischen Armut Einhalt zu gebieten.

Du stehst unmittelbar am Spielfeldrand und hast einen unmittelbaren Eindruck vom Geschehen. Du kannst alles sehen, alle Dialoge hören, jede Verstimmung der Spieler spüren, und doch scheint es, als würdest nichts erkennen. Nicht erkennen wollen? Die Probleme liegen vor dir, du musst sie nur anpacken. Mehr noch, die Lösungen werden dir auf dem Serviertablett geliefert. Du hast das beste Blatt auf der Hand und machst sehr wenig daraus. Ich möchte nicht behaupten, dass alles schlecht ist, was wir sehen. Du bist der Experte und ich räume dir einen weiten Beurteilungs- und Ermessensspielraum ein. Ganz gewiss bist du in der Welt des Fußballs stärker verwurzelt als meine Wenigkeit, unter meiner Leitung würde Barça wohl im Mittelmaß versinken. Doch es geht nicht um mich. Es geht um die Mannschaft, die zu Höherem berufen ist. Du bist dazu berufen, das letzte Quäntchen aus der Mannschaft herauszuholen und darfst dich dabei nicht in der alltäglichen Monotonie und Bequemlichkeit verlieren. Es reicht nicht, nur auf die Wiederkehr der alten Dominanz zu warten. Dieses Kollektiv kennt andere Wege und Mittel, den Fußball zu dominieren. Sie müssen der Mannschaft nur aufgezeigt werden. Dazu ist die Aufrichtigkeit erforderlich, sich Probleme einzugestehen und sie offen zu kommunizieren. Es bedarf neuen Mutes und der Bereitschaft, unangenehme Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die das Klima in der Mannschaft nachhaltig erodieren können. Ein guter Trainer kann mit einer solchen Situation umgehen, er kann gestalten und, sollte es erforderlich sein, alles auf den Kopf stellen. Ihm gelingt es dennoch, die Mannschaft und jeden Spieler im Streben nach einem gemeinsamen Ziel hinter sich zu vereinen.

Warum scheinst du das nicht zu können? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die mutmaßlichen Probleme der Mannschaft an dir und deinem Trainergespann einfach so vorbeigehen. Das kollektive Niveau ist überschaubar, das Spiel vermittelt einen sehr schematischen Eindruck. Synergien sind kaum auszumachen, die offensiven Lasten sind noch stärker in Richtung ‚MSN‘ gewandert. Die Spieler scheinen zum Teil auch vom Typ her schlicht nicht zueinander zu passen. Beim offensiven Pressing kann ich keinen Plan erkennen. Es offenbaren sich immer wieder die gleichen Muster, die bedauerlicherweise im diffusen Vorgehen münden. Dabei sind die Spieler durchaus gewillt, früh Druck auf den Gegner auszuüben und sie scheinen die damit verbundenen Kilometer auch in den Beinen zu haben. Unter einem individuellen Blickwinkel kann ich deine personellen Entscheidungen nicht immer nachvollziehen. Manche Akteure sind trotz vermeintlicher Geltung des Leistungsprinzips unantastbar, während aufstrebende Spieler allzu oft vorzeitig in ihrer Leistungsentfaltung gebremst werden.

Ich könnte noch stundenlang über bestehende Defizite und verkrustete Strukturen referieren, nach monatelangen ausgiebigen Diskussionen im Barçawelt-Forum möchte ich aber umgekehrt vorgehen und dir ein paar Fragen stellen, die mir auf den Fingern brennen: Warum…

…arbeitest du mit den Spielern nicht am offensiven Pressing?

Du studierst vor einem Spiel stundenlang den Gegner und dennoch scheint die Mannschaft nicht zu wissen, auf welche Weise sie sich verteidigen soll. Häufig erscheint ‚MSN‘ als ein Fremdkörper im offensiven Pressing, der nach seinem Belieben mal jenen, mal den anderen Spieler anläuft. Ein abgestimmtes Vorgehen ist kaum ersichtlich, die Pressing-Formation ist so instabil wie ein Atom, das über zu wenig Neutronen verfügt.

…setzt du auf Spieler, die offensichtlich außer Form sind? Sergio Busquets war der Mannschaft über mehrere Wochen hinweg keine Stütze. Dennoch fand er sich in der Startaufstellung und war eine Bürde. Du scheinst davon ausgehen, dass es für Busquets keine Alternative gebe. Diesem Standpunkt möchte ich entschieden entgegentreten. Wir dürfen uns glücklich schätzen, drei herausragende Innenverteidiger in den eigenen Reihen zu haben. Einer von ihnen, Javier Mascherano, hat bereits mehrfach auf der Sechserposition unter Beweis gestellt, dass auf ihn Verlass ist. Den Platz von ‚Masche‘ hätte Samuel Umtiti einnehmen können, der über beeindruckende Fähigkeiten verfügt. Alternativ hätte man, was ich persönlich bevorzugt hätte, Sergi Roberto auf der Position zur Geltung kommen lassen können. Auch andere Spieler hatten schlechte Phasen, die eine Pause nahelegten. Luis Suárez, Ivan Rakitic, Neymar. Du hast sie mit Gleichgültigkeit übergangen. Hierdurch hast du zum Ausdruck gebracht, dass das Leistungsprinzip für bestimmte Spieler außer Kraft gesetzt ist. Das sehen nicht nur wir, sondern auch diejenigen Spieler, die jeden Tag alles aus sich herausholen, um es in die Startformation zu schaffen. Damit sendest du ein fatales Signal.

…probierst du nicht einmal etwas Neues? Nicht von ungefähr hat Sergi auf der Sechs aufsehenerregende Leistungen dargeboten. Seine Eigenschaften prädestinieren ihn für ein Spiel auf dieser Position. Und wahrscheinlich hätte er seinen Kameraden nicht nur vertreten, sondern die Rolle anders interpretiert. Auch heute kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Barça auf der Sechs etwas frischen Wind sehr gut gebrauchen könnte. Wie ein Mitglied im Forum kürzlich konstatierte: Busquets funktioniert in einem ganz engen Rahmen, während Barça sich vom ursprünglichen Spiel immer weiter entfernt – ob ungewollt oder der Entwicklung des modernen Fußballs geschuldet. Dadurch wird ‚Busi‘ in einigen Phasen des Spiels praktisch „funktionslos“. Sergi dagegen ist ein Allrounder, der im defensiven Mittelfeld zu ganz besonderen Leistungen fähig ist. Er könnte dort neue Facetten einbringen und das Spiel beleben. Um sich das vorstellen zu können, bedarf es nicht einmal allzu viel Phantasie. Der aktuelle Rechtsverteidiger ist sehr sicher am Ball und besitzt eine Dynamik in seinem Spiel, die für die Mannschaft in anderen Zonen noch wertvoller sein könnte.

…gibst du den jungen Spielern kaum Chancen? Nicht nur Sergi Roberto hat bewiesen, dass er zu Recht der Mannschaft des FC Barcelona angehört. Bei Rafinha und D. Suárez handelt es sich ebenfalls um herausragende Fußballer, die auch außerhalb von Barcelona ihre Klasse durch gute Leistungen belegt haben. Mit fortschreitender Saisondauer kommen die beiden talentierten Spieler aber immer weniger zum Zug. André Gomes wird den beiden gerne vorgezogen, was sich kaum über die Leistungen ableiten lässt. Bedauernswert erscheint der Umstand, dass du, ‚Lucho‘, deine jungen Spieler ausgerechnet dann auf die Bank verbannst, wenn sie einigermaßen ihren Rhythmus aufgenommen haben und immer besser in Fahrt kommen. Mit dieser Vorgehensweise bremst du sie in ihrer Entwicklung und wahrscheinlich werden sich beide Spieler gut überlegen, ob sie auch über den Sommer 2017 hinaus in Barcelona verbleiben. Der Verlust von Rafinha oder D. Suárez wäre indes ein herber Schlag für die Mannschaft. Beide verfügen über Eigenschaften, die die Mannschaft nach vorne bringen können. Sie sind technisch sehr versiert, passsicher und sehr mobil. Beide fühlen sich auch in höheren Zonen durchaus wohl und stoßen gerne dorthin vor. Ausgerechnet an solchen Spielertypen scheint es Barça zu mangeln, es kommen vom Mittelfeld nur wenige Impulse. Das Spiel der Mannschaft setzt andere Prioritäten, das muss gesehen werden. Auf der anderen Seite verspricht ein Mittelfeld bestehend aus Iniesta, Rakitic und Busquets nicht die ganz große Offensivpower. Zumindest in einigen Partien wäre durchaus zu erwägen, ein anderes „Mittelfeld-Setting“ aufs Feld zu schicken. Darüber hinaus bieten Rafinha und S. Suárez durchaus personellen und taktischen Spielraum auch für offensivere Positionen. Darauf wird bisher kaum zurückgegriffen.

…ignorierst du die fehlende Durchschlagskraft auf den Außenbahnen? Auf links ist Neymar fast immer Alleinunterhalter und dem Anschein nach reizt ihn das Zusammenspiel mit Jordi Alba aus verständlichen Gründen nicht. Wenn Barça in Rückstand ist oder – wie zuletzt – in Überzahl, macht es wenig Sinn, an dieser Konstellation auf der linken Seite festzuhalten. Was spräche dagegen, Jordi Alba vom Feld zu nehmen und dafür Rafinha oder Arda Turan zu bringen? Bekanntlich verstehen sich Neymar und Rafinha hervorragend auf dem Platz. In der Sache würde auf eine Dreierkette umgestellt werden. Um die defensive Stabilität nicht zu gefährden, böte sich unter Umständen ein Doppelwechsel an. Sergi Roberto würde in diesem Fall einem weiteren Innenverteidiger weichen. Es kann aber auch Spiele geben, die von vornherein eine stärkere Betonung des Flügelspiels erforderlich machen. Hier müsste abgewogen werden, ob mit drei Innenverteidigern gestartet werden soll oder die Präsenz von Sergi Roberto unverzichtbar ist. Der FC Barcelona besitzt jedenfalls drei Innenverteidiger der absoluten Extraklasse. Mit dem Aufgebot aller drei Innenverteidiger würde man sicherlich keinen Fehler machen. Selbstredend würde das vorbeschriebene Szenario eine Vielzahl weiterer kollektiv-taktischer Anpassungen erforderlich machen, doch es könnte sich auszahlen. Wo bleibt dein Mut zur Innovation, Enrique?

Ich habe den Eindruck, dass du nicht der Typ für die unangenehmen Entscheidungen bist und dich vor ihnen drückst. Die Tatsache, dass du André Gomes noch vor allen anderen berücksichtigst, legt den Schluss nahe, dir ginge es in erster Linie um deine Transfers und nicht um die Konkurrenzfähigkeit deiner Mannschaft. Wenn du alles aus diesem Kollektiv rausholen willst, wirst du aber nicht um unbequeme Entscheidungen herumkommen. Du wirst die glorreiche Vergangenheit, die Namen der Spieler, ihre Preisschilder, die Erwartungen der Führungsriege und den medialen Druck ausblenden müssen. Zur Verwirklichung deiner Ideen und Realisierung des Leistungsprinzips solltest du dich nicht von persönlichen Bindungen oder herangetragenen Erwartungen beeinflussen lassen. Keinem Spieler darf eine Sonderstellung innerhalb der Mannschaft zuerkannt werden. Busquets, Neymar, S. Roberto, Rakitic, Mascherano oder auch Messi: Ihr Aufgebot sollte unter dem Vorbehalt stehen, dass sie der Mannschaft voraussichtlich am meisten helfen und sich am besten in das Kollektiv fügen.

Der Erfolg der Mannschaft liegt in deiner Hand. Du hast die besten Voraussetzungen aller Trainer in Europa und weißt bisher doch sehr wenig damit anzufangen. Barça ist durchschaubar, es ist berechenbar und mittlerweile sind es nicht nur die Spitzenvereine, die den Blauroten gefährlich werden können. Diese Aussage bezieht sich auf das Ergebnis, mehr noch aber auf die spielerische Darbietung an sich. Mache die Augen auf, wir stehen spielerisch kurz vor dem Mittelmaß. Es ist höchste Zeit, die richtigen Entscheidungen in personeller und kollektiver Hinsicht zu treffen. Es geht, das möchte ich betonen, nicht darum, sich für etwas oder gegen etwas, sich für jemanden oder gegen jemanden zu entscheiden. Es gilt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Ziel muss immer darin bestehen, das Maximum aus den bestehenden Möglichkeiten zu machen und dabei auf alle verfügbaren Ressourcen zurückzugreifen. Bisher werden die Ressourcen und die Möglichkeiten von dir nur sehr zaghaft genutzt, die Auswirkungen davon sind spürbar und selbst wenn der FC Barcelona sich in dieser Saison noch zum großen Triumphator aufschwingen sollte, könnte der Verein zeitgleich der große Verlierer sein. Es steht viel auf dem Spiel, ich möchte nicht in deiner Haut stecken.

Raphael, ein Culé

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