Messi und die irreführende „Falsche 9“

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Wir brauchen Falcao nicht, wir haben Messi – so lautete sinngemäß die Antwort von Andrés Iniesta auf eine Frage der MundoDeportivo, wie er einer Verpflichtung von Stürmerstar Falcao gegenüberstehe. Mit Messi verfüge man über einen ausgezeichneten Torjäger, sodass kein Bedarf für die Verpflichtung eines weiteren Stürmers bestehe. Tatsächlich ist der kleine Argentinier an nahezu jeder Offensivaktion seiner Mannschaft beteiligt und sein Wirkbereich auf dem Feld ist enorm. Unser Autor Yassine hat in seiner Abhandlung über den strategischen Einsatz von Messi den Trade-off von Vilanova hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt. Yassine hat diesen inneren Konflikt zugunsten der „Falschen 9“ aufgelöst; im Zentrum könne La Pulga seine Fähigkeiten besser entfalten und sei in seinen Handlungsoptionen fast unbeschränkt. 

Unter dem Eindruck der vergangenen Wochen wird man die Forumulierung von Alternativen aber nur schwerlich aufrecht erhalten können. Messi bekleidete nicht immer die „Falsche 9“, auch auf dem Flügel war er nicht anzutreffen. Stellvertretend für seine Spielweise steht die Anzahl seiner Torvorbereitungen, die um einiges höher hätte ausfallen können, wenn seine Mitspieler die Zügel über ihr Nervenkostüm nicht aus der Hand gegeben hätten.

Fàbregas und Messi

Wer sich zu den Leidgeplagten zählen kann, das Spiel zwischen Spanien und Frankreich in der WM-Qualifikation gesehen zu haben anstatt die historisch einzigartige Aufholjagd der Schweden im Spiel gegen die Deutschen, dem dürfte nicht entgangen sein, dass Cesc Fàbregas wieder auf der Position der „Falschen 9“ agierte. Das Pendeln zwischen Sturmzentrum und Mittelfeld kennzeichnete sein Spiel und seine Bestrebung, die Vorteile dieser Position vollkommen zur Geltung zu bringen. Wenn man seine Interpretation der „Falschen 9“ mit der von Messi vergleicht, wird man allerdings Unterschiede feststellen können. Fàbregas verkörpert den Idealtyp dieser taktisch hochinteressanten Rolle, während Messis Spielweise eine Ausprägung eigener Art darstellt. Sollten – wie noch aufzuzeigen sein wird – die Spielweisen beider Spieler trotz einheitlicher Bezeichnung ihrer Rollen tatsächlich differieren, wäre die Terminologie „Falsche 9“ nicht mehr aussagekräftig genug, um die taktischen Ausrichtungen auf dem Platz umfassend wiederzugeben.

Funktion der „Falschen 9“

Zunächst einmal ist es von konstitutiver Bedeutung, die klassische „Falsche 9“, wie sie im Bilderbuch steht, zu umschreiben. Das Pendeln zwischen Sturm und Mittelfeld ist ein Charakteristikum dieser eigentühmlichen Neun. Ein Ziel besteht darin, Spieler zu binden und Lücken im gegnerischen Verteidigungsverbund zu reißen. Bildet beispielsweise der Sturm den Ausgangspunkt der Bewegung des Spielers mit der entsprechenden Position, so könnte sich ein Verteidiger veranlasst sehen, dem Spieler zu folgen, um keine Unterzahlsituation im Mittelfeld entstehen zu lassen. Es findet ein komplexer Abwägungsvorgang des verteidigenden Spielers statt, dem ein blitzschnelles Erfassen des Spielgeschehens vorgeschaltet ist. Unterläuft ihm auch nur ein Fehler im Erkenntnisvorgang oder kalkuliert der Spieler die Risiken falsch, kann das sehr nachteilige Folgen für seine Mannschaft haben. 
Folgt der Verteidiger dem Spieler ins Mittelfeld, kann nur eine gelungene Aktion um den Mittelfeldkreis herum für eine hervorragende Torchance für das anrennende Team bedeuten. Desgleichen ist auch ein kombinationsloser Vorstoß der Mittelfeldspieler in die Spitze hin zur entstandenen Lücke denkbar. Im ersten Fall kann die „Falsche 9“ unter Umständen – vorbehaltlich der Deckung des Verteidigers – am Geschehen teilnehmen, im zweiten Fall „opfert“ sie sich für eine Lücke. Daneben wird aber auch weiterhin situationsbedingt der Vorstoß in das Strafraumzentrum gesucht, sodass die „Aufopferung“ keinesfalls dominant ist. Insofern handelt es sich bei der „Falschen 9“ um eine Doppelrolle bestehend aus aufopfernden und aktiven Elementen. Folgt der Gegner dem nominellen Stürmer nicht, so ist dieser mangels gegnerischem Zugriff mehr als nur ein Bandenspieler und kann den Angriff mittragen. 

Abgrenzungschwierigkeiten

Auf diversen Taktikseiten hat sich aus diesem Grund der Begriff der spielmachenden „Falschen 9“ eingebürgert. Diese uferlose Ausweitung der Bezeichung und das starre Festhalten an dieser könnte jedoch zur Folge haben, dass allzu leicht wichtige Entwicklungen auf dem Platz im Verborgenen bleiben. Insbesondere die Abgrenzung zu einem klassischen Spielmacher gestaltet sich höchst problematisch und wirft die Frage auf, wo genau die Trennlinie verläuft. Wenn man sich das Clásico vergegenwärtigt und dieses in Relation zum WM-Qualifikationsspiel von Spanien setzt, wird man feststellen, dass Cesc Fàbregas‘ Wirkbereich wesentlich weiter vorne ansetzte als jener des amtierenden Weltfußballers. Fàbregas suchte verhältnismäßig häufig die Nähe zu den Verteidigern, Lionel Messi dagegen seltener. Der Argentinier sah sich zwei Verteidigungslinien gegenüber, wann immer er an den Ball kam. Die Verengung der Räume durch die Madrilenen hat ihn dazu bewegt, weiter hinten anzusetzen, um eine bessere Anbindung zum Spielgeschehen zu erhalten; zwischen den Linien wurde er so gut wie nie angespielt. Von dort aus fungierte Messi als tragende Säule im Aufbauspiel neben seinen kongenialen Mittelfeldpartnern. In unmittelbarer Verteidigernähe konnte man ihn nur sehr selten sichten. 
Die „Falsche 9“ ist nur ein verkappter Stürmer, so viel steht fest. Gleichwohl hält man an der Neun als Bezeichnung fest, nicht ausschließlich aus Gründen der Veinfachung, sondern um deutlich zu machen, dass ein noch irgendwie gearteter Zusammenhang zur Neun und damit zum Sturmzentrum besteht. Lässt sich der Spieler in dieser Region nicht oder nur äußerst selten blicken, so erscheint es zweifelhaft, ob diese Position tatsächlich noch interpretiert wird oder ob hier ein weitreichenderer Funktionsübergang stattfindet. Der Bezug zum Sturmzentrum ist also das entscheidende Kriterium, um sich von der uferlosen „Falschen 9“ zu lösen und eine Abgrenzung zu anderen Positionen mit anderen Funktionen zu ermöglichen, z.B. zur „Klassischen 10“. 

Messi – stets an dem Ort der bestmöglichen Verwendung

Als antreibende Kraft in den Spielen gegen Sevilla und Madrid hat Messi maßgeblich dazu beigetragen, dass der Achtpunktevorsprung vor den Madrilenen weiterhin Bestand hat. Er bildete das Einfallstor für jede Offensivaktion, an deren Ende seltener er selbst, dafür aber umso häufiger seine Mitspieler standen. In Abhängigkeit von der Spielweise des Gegners und der zugrundeliegenden Aufstellung der eigenen Mannschaft verändert „La Pulga“ nach alledem also seinen Aufenthaltsort, seine Laufwege und die Art der Interaktion mit seinen Mitspielern – ungeachtet einer etwaigen taktischen Änderung durch Tito Vilanova, wie sie jüngst des Öfteren zu beobachten war. Damit vesetzt er sich in die Lage, seine wertvolle Ressource – ein überragendes Dribbling und Kombinationsspiel – an dem Ort der größtmöglichen Verwendung zur Geltung zu bringen. Der Mannschaft ist nicht geholfen, wenn er zwischen den Verteidigungslinien nicht an den Ball kommt und dem Spiel als stiller Beobachter beiwohnt.

Die vorstehenden Ausführungen sollen keinesfalls das Ende der „Falschen 9“  einleuten – so weit wird es gewiss nicht kommen. Sie sollen lediglich zum Ausdruck bringen, wie facettenreich das Spiel von Messi ist und wie der Trainer seinen Einsatz steuert. Vielfach wird die Meinung vertreten, Xavi und Iniesta seien die eigentlichen Gestalter und Messi lediglich der Profiteur einzigartiger Akteure im Mittelfeld. Diese Sichtweise kann der Realität nicht standhalten, ebenso wenig wie die Umschreibung seines Wirkbereichs durch die Begrifflichkeit der „Falschen 9“. Letztere wurde im Spiel gegen Madrid – wie in unserer Taktikanalyse aufmerksam gemacht – in Teilen von Fàbregas wahrgenommen, der durch ein geschicktes rauslocken von Arbeola den Weg für Jordi Alba einige Male frei machte. Bei einem entsprechenden Verhalten des Gegners wird auch Messi wieder in diese Rolle schlüpfen. 

Eine etwas andere Frage geht dahin, wie effektiv die „Falsche 9“ beim FC Barcelona ist und wieviele Tore auf das Konto dieser taktischen Besonderheit gehen. Diese Fragestellung führt uns ein Stück weit weg von unserem Themenkreis und wird Gegenstand einer weiteren Abhandlung sein. Das soll es darum vorerst gewesen sein. Der Tenor lautet wie folgt: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Es wird festgestellt, dass die Vielschichtigkeit von Lionel Messi weit über das hinausgeht, was gemeinhin unter einer „Falschen 9“ verstanden wird; er erwächst zuweilen zu einer „Zehn“, die planvoll lenkend das Spielgeschehen in die Hand nimmt und das Sturmzentrum zugunsten anderer Spieler preisgibt.“

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