Portrait: Joan Laporta und der FC Barcelona

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Für viele gilt er als einer der besten Präsidenten, den der FC Barcelona jemals hatte. Joan Laporta hat der Mannschaft zu großem Ruhm verholfen und war maßgebend verantwortlich für die erfolgreichste Ära der Vereinsgeschichte. Nicht wenige wünschen sich, dass er sich noch einmal den Wahlen stellt und den amtierenden Präsidenten, mit dessen Führungsstil man nicht ausnahmslos zufrieden ist, ablöst. Sein Interview mit der Nachrichtenagentur dpa zumindest nährt die Hoffnung auf eine baldige Wiederkehr, „Ich will, dass sie endlich gehen“

, lautet die unzweideutige Botschaft an Sandro Rosell. Aus gegebenem Anlass lassen wir den Werdegang von Joan Laporta beim FC Barcelona Revue passieren und blicken hinter den Erfolg dieser einzigartigen Erscheinung.

Joan Laporta i Estruch

Kataloniens „John F. Kennedy“

Als Joan Laporta am 16. Juni 2003 das Amt des 38. Präsidenten des FC Barcelona übernimmt, prägen seine Anhänger den Spruch „Laporta – president, Catalunya – indepedent“ (Laporta – Präsident, Katalonien – unabhängig).

Der am 29. Juni 1962 in Barcelona geborene Joan schloss 1986 das Studium der Rechtswissenschaften an der heimischen Universität als Master ab und gilt als überzeugter Katalanist mit politischen Ambitionen. Er tritt ein schweres Erbe an, in den vergangenen vier Spielzeiten konnte kein Titel eingefahren werden und die Schulden des Vereins belaufen sich auf 160 Millionen Euro. Mit Laporta kommt ein neuer Führungsstil zum Tragen, ein Miteinander in der Vorstandsriege, alles junge Geschäftsleute, die nicht nur ehrenamtlich und ohne jede Bezahlung für den Verein ihr Bestes geben wollen, sondern auch noch jeweils eine Garantieerklärung über 1,5 Millionen Euro abgeben. Laportas Strategie, einzelne Spieler an andere Vereine zu verleihen, Gehälter diverser Spieler zu kürzen, die Eintrittspreise zu erhöhen und den 102-köpfigen Vorstand zu verkleinern, stößt nicht überall auf Wohlwollen, wie sich später noch herausstellen wird.

Die ersten Monate der neuen Saison hinkt der FC Barcelona – trotz Verpflichtungen des Trainers Rijkaard (der als Spieler von Rinus Michels und Johan Cruyff trainiert wurde) und des Stürmers Ronaldinho – hinterher, der absolute Tiefpunkt ist wohl das Heimspiel am 6.12.2003 im Camp Nou gegen Real Madrid, das Barça mit 1:2 verliert. Der Punkterückstand auf Real 42:20!

Er hat sich nicht nur die „Boixos nois“ (eine Art Hooligans, die vom Verein Schutzgeld und freien Eintritt verlangten und auf sein klares Nein mit Morddrohungen reagierten) zu Feinden gemacht, auch Sandro Rosell – Vizepräsident und späterer Nachfolger – versucht zum ersten Mal Unruhe in die Vorstandsetage zu bringen. Wirtschaftlich ist es jedoch bergauf gegangen und mit der Verpflichtung von Edgar Davids, den man sich von Juventus Turin ausleiht, beginnt eine Serie von Siegen, die den FC Barcelona nicht nur an die 2. Stelle der Tabelle bringt und damit für die Champions League qualifiziert – nein, man lässt auch Real hinter sich, das nur auf dem 4. Platz in La Liga landet!

Und auch mit den Umbauarbeiten im Camp Nou geht es zügig voran, man schreibt schwarze Zahlen und die Mitgliederzahl ist erstmals auf über 118.600 gestiegen. Hinter Laportas Entscheidungen steht natürlich kein Geringerer als Johan Cruyff, der von Beginn der Kandidatur an als sein Berater tätig war. Laporta entkommt nur mit Mühe einem Attentat der Boixos nois, die Polizei deckt auf, dass dahinter wohl eine Verschwörung ehemaliger Barça-Manager steckt, welche die Hooligans angestiftet haben sollen.

In den Saisonen darauf werden mit Ronaldinho, Samuel Eto’o und Deco sowohl die Meisterschaft 2004/05 und 2005/06 als auch der Gewinn der Champions League 2006 eingefahren.

Nach einer Klage dreier ehemaliger Vereinsmitglieder, die durch Laporta und seinen Vorstand aus dem Club gedrängt worden waren, werden durch einen Gerichtsbeschluss im August 2006 wieder Vorstandswahlen abgehalten, Laporta bleibt durch eine automatische Wiederwahl Präsident, da keiner seiner Gegenkandidaten die erforderlichen 1804 Unterstützungs-Unterschriften einbringen kann – Joan dagegen mehr als 8000 vorlegt.

In diese Zeit fällt auch die Vereinbarung mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF, das für fünf Jahre der erste Trikotsponsor in der Geschichte des FC Barcelona wird. Der Verein erhält aber dafür kein Geld, sondern spendet jährlich 1,5 Mio. Euro an UNICEF. Damit unterstreicht Laporta das FC Barcelona-Motto: „Més que un club“ (mehr als ein Verein). „Wir sind ein Klub mit Werten und Prinzipien, der seiner sozialen Verantwortung nachkommt. Man könnte sagen, Barça ist ein schöner Lebensstil“, lautet seine Aussage. „Wir wollen die Marke Barça globaler und moderner machen, damit der Klub noch stärker wird.“

Bereits im Sommer 2005 bricht beim FC Barcelona der Hauskrach aus. Dabei geht es um den Einfluss Johan Cruyffs im Verein. Vize Sandro Rosell fühlt sich zurückgedrängt und mutmaßt, dass Laporta wichtige Entscheidungen mit Cruyff alleine austüftelt. Barça schwächelt am Anfang der Saison, was Johan auf den Plan ruft: „Die heiligen Kühe brauchen einen Klaps auf den Hintern“, fordert „El Salvador“ in Richtung Ronaldinho und Deco, die daraufhin zur Höchstform auflaufen.

Die Spielzeiten 2006/07 und 2007/08 sind geprägt durch Spielereinkäufe, die sich nicht bezahlt machen, da sie keine nennenswerten Erfolge einbringen. Und wie die Fußballwelt eben tickt, kommt nicht nur Trainer Rijkaard, sondern auch Laporta unter Druck. Vor allem Sandro Rosell, der schon sechs Monate nach Übernahme der Präsidentschaft in erfolglose Konfrontationen mit Laporta ging, arbeitet eifrig an einem von Oriol Giralt ins Leben gerufenen Misstrauensvotum (Mocion de Censura). Die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit wird nicht erreicht und zahlreiche Direktoriumsmitglieder legen daraufhin ihr Amt nieder. Laporta entscheidet sich weiterzumachen, Rijkaard ist jedoch nach fünf Jahren Barcelona einem Burnout-Syndrom nahe. Man trennt sich von ihm und der Vereinspräsident verpflichtet einen weiteren „Cruyffista“, den hauseigenen Trainer des B-Teams Josep „Pep“ Guardiola.

Was dabei in Sandro Rosell vorgegangen sein mag, kann man nur ahnen. Jetzt ist der Einfluss Cruyffs mit Laporta und Guardiola genau so stark wie vorher mit dem Präsidenten und Rijkaard! Mit dieser Entscheidung hat sich Laporta ein Denkmal gesetzt, auch wenn er es zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen kann. Pep Guardiola, endlich ein katalanischer Trainer, der nicht nur seine Spieler und die katalanischen Culès, sondern auch die globalen Fans in seinen Bann zieht. Ein Coach, der den FC Barcelona zu ungeahnten Höhenflügen bringt, mit den Siegen in Meisterschaft, Pokal und Champions League, zudem noch in den Bewerben um den UEFA-Superpokal, den spanischen Superpokal und der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft. Damit ist der FC Barcelona der erste Verein, der das sogenannte Sextuble gewinnen kann. In Laportas letzter Saison als Präsident wird Barcelona erneut und mit einem Punkterekord spanischer Meister. Während seiner Amtszeit erhöht sich das Budget von 170 auf 440,5 Millionen Euro, die Mitgliederanzahl steigt auf über 173.000.

Im Juni 2009 sorgt er für Aufsehen, als er den Erzrivalen Real Madrid wegen dessen Transferpolitik kritisiert. Er bezeichnet die Vorgehensweise von Real-Präsident Pérez als „imperialistisch und teilweise überheblich“. (Real hatte für Ronaldo und Kakà binnen weniger Tage 150 Millionen Euro ausgegeben.) Im Hinblick auf Ronaldinho und Messi bemerkt er provokativ, dass Barcelona immer den besten Spieler der Welt in seinen Reihen habe. Am 11. September 2009 sorgt Laporta für einen Eklat, als er am katalanischen Nationalfeiertag in der ersten Reihe eines ca. 15.000-köpfigen nationalistischen Protestzugs der Reagrupament Independentista mit geballter Faust marschiert. Die konservativen katalanischen Nationalisten sind pikiert, außerhalb Kataloniens herrscht Empörung. Laporta hat mit einem Tabu gebrochen, bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Barça-Vertreter wohlweislich jeder politischen Äußerung enthalten. Seit Josep Sunyol hatte sich kein Präsident mehr zur katalanischen Frage so dezitiert geäußert und den Fußball so massiv mit der Politik vermengt wie er. Laporta ist Katalanist durch und durch und er steht zu „Catalunya no és Espanya“.

Nachdem seine zweite Amtszeit am 31. Juli 2010 beendet ist, (er selber hatte maximal eine nochmalige Wiederwahl eingeführt) strebt Laporta mit Erfolg eine Karriere als Politiker an. Im gleichen Monat endet auch der Zweijahresvertrag mit Pep Guardiola. Ob des eklatanten Erfolges kann auch Rosell nicht umhin, den Vertrag zu verlängern – Guardiola allerdings lässt sich nur auf einen Einjahresvertrag ein, den er – der Mannschaft und den Fans zuliebe – noch einmal um ein Jahr verlängert, um danach jeden weiteren Vertrag abzulehnen und ein Jahr Pause einzulegen. Mit ihm hat der letzte der „Cruyffistas“ den FC Barcelona verlassen, – endlich! – wird sich Sandro Rosell wohl gedacht haben und legt nach: Im Oktober 2010 muss sich Laporta vor Gericht verantworten. Zusammen mit seinem damaligen Management muss er das Minus von 77,1 Millionen Euro nach Steuern in der vergangenen Spielzeit erklären. Bei einer Befragung stimmberechtigter Klubmitglieder fällt das Ergebnis mit 486 gegen 439 bei 113 Stimmenthaltungen für das gerichtliche Vorgehen aus. „Das ist die wichtigste Entscheidung in der Geschichte des Vereins“ glaubt Sandro Rosell zu wissen. Inzwischen wird behauptet, Joan hätte Millionen von Euros aus dem Klubvermögen verprasst und auf seine Konten umgeleitet. Bedenkt man, dass Laporta für seinen Verein die ehrenamtliche und entgeltlose Tätigkeit der Vorstandsmitglieder – welche auch noch eine Bankgarantie von 1,5 Millionen Euro vorlegen mussten – eingeführt hat, scheint die Anklage etwas weit hergeholt. Aber wie dem auch sei, Laporta seinerseits hat inzwischen Gegenklage erhoben.

Im Moment ist auch der derzeitige Präsident nicht mehr unumstritten und Laporta hat angekündigt, dass er über eine neuerliche Präsidentschaftskandidatur nachdenkt. Ob es dazu kommt, wird die Zukunft weisen. Aber dass mit Cruyff,  Laporta und Guardiola wohl ein Trio das Camp Nou verlassen hat, das mit ganzem Herzen und voll Hingabe dem FC Barcelona zu „ewigem“ Ruhm verholfen hat, steht zweifelsfrei fest.

Quellennachweis: Wikipedia, Schulze-Marmeling: Barça; Der König und sein Spiel

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