Real Madrid – FC Barcelona Supercopa Rückspiel – Taktikrückblick

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Bildquelle: fcbarcelona.com

So sehr die Blaugrana am vergangenen Donnerstag dominierte und als hochverdienter Sieger aus dem Clásico gegen Madrid hervorging, kann es ob des gestrigen Auftretens keinerlei Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Niederlage geben. Real Madrid hatte ein klares Chancenübergewicht und war den Katalanen in vielen Situationen gedanklich voraus. Mit einfachsten Mitteln gelang es den Königlichen, gefährliche Eins-zu-eins Situationen und hochkarätige Torchancen zu kreieren. Erst in Halbzeit zwei gelang es dem FC Barcelona – in Unterzahl – Struktur in das eigene Spiel zu bekommen. Diese kam dann aber freilich zu spät.

Alves’ Ausfall wog schwer

“Die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld sind zu groß”, konstatierte der Laola1-Kommentator gestern eifrig die Missstände im katalanischen Spiel und kam damit auf den Umstand zu sprechen, dass die Abwehrspieler des FC Barcelona sehr häufig ins Eins-gegen-eins mit den direkten Gegenspielern gerieten. Diese Aussage ist im Ergebnis zuzustimmen, doch die Entstehung dieses Makels ist nicht unbedingt auf die zu hohen Abstände zurückzuführen. Es liegt in der Natur des Spiels, dass sich beim Angriff die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld mitunter vergrößern und die Innenverteidiger als letzte Anker hinter den Angriffsspielern verbleiben. Es ist klar, dass in diesen Phasen des Spiels die gegnerischen Stürmer nicht einer doppelten Bewachung unterstellt werden können, da viele Spieler in das Angriffsspiel eingebunden sind. Die horizontalen und vertikalen Abstände der Spieler zueinander waren also nicht unbedingt das Problem.

Sehr schwer wog allerdings der kurzfristige Ausfall von Dani Alves. Dieser hatte sich beim Aufwärmen verletzt und Tito Vilanova dazu veranlasst, in letzter Sekunde umzudisponieren. Adriano rückte auf die Position des rechten Verteidigers und Jordi Alba rückte in die Startelf auf Adrianos angestammten Platz. So gut Adriano auch auf links zurechtkommt, auf der rechten Außenverteidigerposition wirkte er, völlig unabhängig von dem Platzverweis, einfach überfordert. Vilanova hatte kaum Zeit, ihn auf seine neuen Aufgaben einzustimmen und dieser ebenso keinerlei Möglichkeit, die Anforderungen an einen rechten Außenverteidiger im Spiel gegen Real  Madrid zu internalisieren. Die Position des rechten Außenverteidigers, das zeigte sich in der Vergangenheit immer wieder, ist eine Schlüsselposition auf dem Feld. Für Dani Alves geht es auf dieser Position insbesondere darum, das richtige Verhältnis zwischen Angriff und Verteidigung zu finden, was bei seinem direkten Gegner, C. Ronaldo, von herausragender Bedeutung ist. Dem Brasilianer gelang es in der Vergangenheit häufig, C. Ronaldo seinen Willen aufzuzwingen und ihn in der Defensive zu binden. Damit aber büßte das Spiel der Madrilenen sichtbar an Schlagkraft ein, auch deshalb, weil der Portugiese lange Wege zurücklegen musste.

Adriano hatte wesentlich mehr Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Er ist nicht der Spielertyp, der den unbedingten Weg in die Offensive sucht, sondern dem äußeren Anschein nach immer Vorbehalte gegenüber einer Offensivaktion hegt. Um diesen Umstand wussten die Madrilenen und für C. Ronaldo bedeutete dieser die Freikarte für ein Spiel mit relativ geringen Defensivverbindlichkeiten. Seine Wege in die Offensive waren nicht besonders lang und er stand häufig als Anspielstation hinter der Mittellinie zur Verfügung. Immer wieder erreichten ihn lange Diagonalpässe auf der linken Außenbahn jenseits der Mittellinie, die er in aller Seelenruhe anzunehmen vermochte. Seine Freiheiten auf dem Platz hatten also auch viel mit dem Ausfall von Dani Alves zu tun und dürfen nicht zum Anlass genommen werden, die Defensive im Grundsatz in Frage zu stellen. Wäre Adriano besser auf seine Rolle vorbereitet, wäre auch das taktische Konzept von Vilanova wesentlich stimmiger gewesen.

Kaum Gegenpressing/Pressing

Gleichwohl muss man sehen, dass auch diese Gefahr zu beherrschen gewesen wäre, wie auch die langen Bälle in die Spitze, welche die Verteidiger ebenso in brenzlige Situationen mit den direkten Gegenspielern C. Ronaldo oder Higuaín brachten. Das Gegenpressing des FC Barcelona funktionierte an diesem Tag nicht sonderlich gut. Lange Bälle auf die Außenbahnen oder in die Spitze können nicht aus dem Fußgelenk heraus gespielt werden. Hierzu bedarf es einer visuelle Vorbereitung, einer Antizipation des Mitspielers und des Laufwegs sowie eines zielgenauen Zuspiels – mit anderen Worten, braucht es hierzu jeder Menge Zeit. Diese Zeit hatten die Madrilenen, weil das Pressing und das Gegenpressing des FC Barcelona zu oft ins Leere liefen oder dieses gar nicht erst stattfand. Die individuellen Fehler, in welche die Verteidiger hineingedrängt wurden, sind also gewissermaßen auch das Verschulden an anderer Stelle, wobei man natürlich von Verteidigern mehr Besonnenheit erwartet. Bei solchen Gegenspielern lässt sich aber leicht reden.

Keine Bildung von Dreiecken auf dem linken Flügel

Das also waren die Mechanismen, die zu relativ vielen gefährlichen Situationen gegen die Blaugrana geführt haben. Im Angriff bei eigenem Ballbesitz sah es aber keinesfalls besser aus. Nicht ein einziges Mal ist es den Spielern gelungen, den Ball gefährlich vor das Tor von Casillas zu tragen. Messis Freistoß kurz vor der Halbzeitpause war der erste Torschuss der Partie und begründete gleichzeitig den einzigen Torerfolg an diesem Abend. Der FC Barcelona kam nicht vor das Tor, weil die Real Madrid im Zentrum extrem eng stand und den Raum verdichtete. Dadurch, dass viele Angriffe von Real Madrid über die linke Seite liefen – C. Ronaldo lauerte dort, Marcelo schaltete sich oft in die Offensive ein, Özil begab sich auf links, um den linken Flügel zu überladen – fand beim FC Barcelona folgerichtig die Spieleröffnung häufig etwas rechtslastig statt. Dem Zuschauer offenbarte sich somit häufig ein Spielbild, bei welchem sich das Zentrum des Geschehens überwiegend auf rechts und im Zentrum abspielte. Dementsprechend zog es Iniesta häufig in diese Regionen, auch um beim Mittelfeldpressing(an dem sich sogar Pepe beteiligte, auch am Angriffspressing) von Real Madrid die Passwege zu verkürzen und damit das Risiko von Fehlpässen zu minimieren.

Ohne Iniesta konnten aber auf links keine Dreiecke für ein Kombinationsspiel geschaffen werden. Sobald Pedro den Ball bekam, hatte er die Wahl, entweder auf das Tor zuzulaufen oder aber abzuwarten und den hinter ihm stehenden Jordi Alba anzuspielen. Meist entschied er sich für letzteres, weil der Weg zum Tor zu lang war. Die Ballungsräume auf rechts und im Zentrum isolierten also Pedro und Alba und damit zwei Spieler vom Rest der Mannschaft, die viel Angriffspotenzial besitzen. Das Spiel des FC Barcelona hat damit an Breite eingebüßt und erlaubte es den Madrilenen, ihre rechte Seite ein wenig preiszugeben und erst dann nach außen zu rücken, wenn der Ball tatsächlich dorthin wandert.

Bälle hinter die Abwehr und in die Schnittstellen in Umschaltphasen

In der zweiten Halbzeit entspannte sich die Lage für den 21-fachen spanischen Meister, was vor allem an zweierlei Beobachtungen lag. Zum einen haben die Madrilenen das Tempo aus der ersten Hälfte nicht aufrecht erhalten können und mussten deutlich kürzer treten. Zum anderen agierte der FC Barcelona mit einem Mann weniger nun deutlich behutsamer und übereilte nach dem Anschlusstreffer durch Messi nichts. Durch die vielen horizontalen Ballstaffetten und die abwartendere Haltung von Madrid gab es erstmal recht wenige Strafraumszenen. Die Katalanen näherten sich nicht dem Tor, weil zunächst niemand die vertikalen Wege in die Abwehrschnittstellen unternahm, sondern sich viele am Spielaufbau beteiligten wollten. Darüber hinaus stand die Abwehr der Königlichen oft auch zu tief. Das änderte sich dann in der 62. Spielminute: Ein hoher Pass hinter die Abwehr auf Pedro, eine perfekte Ballmitnahme und die Großchance war geschaffen – eine analoge Situation zum Hinspiel.

Die Chance des FC Barcelona bestand also primär in den Umschaltphasen, in denen sie im Mittelfeld oder in der Abwehr den Ball eroberten, wenn der Gegner sich im Vorwärtsgang befand. Messis Pass aus dem Mittelfeld heraus in die Schnittstelle zwischen die Außen- und Innenverteidigung auf den durchstartenden Jordi Alba war ein weiterer großer Gefahrenmoment für die Zuschauer im Stadion. Darüber hinaus gab es aber keine Chance solchen Ausmaßes mehr. Jordi Alba startete noch einige Male, wurde aber nicht angespielt. Man hätte sich gewünscht, dass der FC Barcelona schon früher in der zweiten Halbzeit derart vorgegangen wäre. Auch mit nur zehn Mann gelang es den Katalanen so, hochkarätige Torchancen herauszuspielen, in einem 4-3-1-1, in dem Messi die Angriffe aus dem tiefen Mittelfeld heraus einleitete und zu seinen unnachahmlichen Sololäufen ansetzte. Die Supercopa ist verloren, aber die Saison ist noch jung. Die Mannschaft ist stark und wird beim nächsten Clásico angemessen auf diese Niederlage reagieren.

 

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