Roundtable: Die politische Dimension des FC Barcelona – muss man sich als Culé die Interessen Kataloniens zu eigen machen?

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Der ‚Roundtable‘ ist wieder zurück! Das Thema dieser Ausgabe ist sehr aktuell und hat zum Inhalt, inwiefern die Interessen der Region Katalonien für Anhänger des Vereins bindend sind in dem Sinne, dass sie sich als Fan auch diese Interessen zu eigen machen müssen, auch wenn sie ihren Lebensmittelpunkt gar nicht in Katalonien haben. Wir haben für euch zwei unterschiedliche Facebook-Seiten und ein Online-Magazin befragt. Die Ansichten unserer Teilnehmer könnten nicht unterschiedlicher sein und geben viele interessante Details und Meinungen preis.

Die Themenfrage für diesen Roundtable auf den Punkt gebracht: Barça und Katalonien, Verein und Politik gehören in Barcelona untrennbar zusammen. Wie sieht es aber mit den Culés außerhalb von Katalonien aus? Kann man diese Themen trennen und ist es wichtig, dass man sich als Culé mit Katalonien identifiziert und die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt?

Mateo: „Unterstützt die Unabhängigkeit Kataloniens!“

Das erste Statement zu diesem Thema kommt von einem in Katalonien lebenden Culé. Wir dachten uns, dass es sehr interessant sein könnte zu hören, wie ein ortsansässiger und gebürtiger Katalane über unsere Frage empfindet. (Anm.: Der nachfolgende Text wurde vom Spanischen ins Deutsche übersetzt).

Mateo von der Facebook-Seite ‚FC Barcelona is in my DNA‚ klärte uns zunächst allgemein über die Einstellung der Menschen in Spanien über Kataloniens Unabhängigkeitspläne auf:

„Die Leute in Spanien sind mehrheitlich gegen die Unabhängigkeit Kataloniens, insbesondere die Bevölkerung aus Madrid und Valencia. Lediglich die Basken unterstützen unsere Bestrebung, da sie ebenfalls die Unabhängigkeit anvisieren. Es ist sozusagen unmöglich, Barça und Katalonien zu separieren.“

Er vertritt eine sehr idealistische und strikte Meinung zum Thema Culés, Katalonien und Barça:

„Das Motto vom FC Barcelona lautet ‚més que un club‘ (Anm.: Mehr als ein Klub). Dieses Motto repräsentiert, dass der FC Barcelona nicht nur ein Fußballverein ist, sondern ein Symbol des katalanischen Nationalismus. Deshalb sollten alle Fans, egal woher man kommt, sich viel Wissen über Katalonien aneignen und besitzen, sowie auch die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens unterstützen. Viele Fans außerhalb Kataloniens sagen, wenn es zur einer Unabhängigkeit käme, würde Barça aus der spanischen Liga austreten. Sollte es tatsächlich zu einer Unabhängigkeit kommen, dann gibt es, wie Javier Tebas (Anm.: Ligapräsident) verlauten ließ, einige Optionen, den FC Barcelona aus der Liga zu vertreiben. Selbst wenn dieser Fall eintritt, könnten wir uns mit der Ligue 1 zusammenschließen. Zum Schluss möchte ich alle Fans bitten, sich über Katalonien zu informieren und unsere Unabhängigkeit zu unterstützen.“

FCB – Mein Verein: Sport und Politik gehören nicht zwingend zusammen

Unsere Partnerseite auf Facebook, FC Barcelona – Mein Verein, repräsentiert ein gänzlich anderes Dafürhalten im Vergleich zum Katalanen Mateo. Mit einleuchtenden Argumentationen belegen die Administratoren ihre Meinung:

„Barça und Katalonien, Verein und Politik – doch spielt der politische Aspekt auch bei Anhängern aus dem Ausland eine Rolle? Muss man die Interessen der katalanischen Politik vertreten, um Culé zu sein? Die ernüchternde Antwort lautet – unserer Meinung nach – NEIN! Unbestreitbar ist, dass der Verein und die Politik eine entscheidende und tragende Rolle spielen, da die Politik bei Barça einfach dazugehört. Doch für Außenstehende ist es schwer, die Werte und Bestrebungen der Katalanen nachzuvollziehen.

Viele können diese Werte nicht verinnerlichen, da sie eine andere Nationalität besitzen und es dementsprechend schwerfällt, etwas nachzuvollziehen, was in dem eigenen Land keine all zu starke Rolle einnimmt. Ein weiterer Grund könnte auch mangelndes Fachwissen sein, da viele Fans nicht wissen, dass der Verein eine politisch so prägende Rolle einnimmt.“

Bis hier wurden größtenteils der Klub und die Region Katalonien aus sozialem Blickwinkel betrachtet. Um sich als Institution und als Region über Wasser halten zu können, bedarf es einer gesunden und starken Wirtschaft, worauf im Nachfolgenden eingegangen wird:

„Auch wirtschaftlich gesehen ist Katalonien mit geringerer Arbeitslosenquote im Vergleich zum Rest Spaniens besser aufgestellt. Ein Erfolgsfaktor für die finanzstarke Region ist unter anderem der Verein, der als Zugpferd die Wirtschaft ankurbelt. Es wäre jedoch nicht nur für Spanien ein wirtschaftlicher Verlust, sondern auch für Barça selbst. Es wäre unvorstellbar, was ein Ausschluss Barças aus dem Ligabetrieb bei einer Abspaltung Kataloniens von Spanien für Folgen hätte. Alle Fans unter einen Kamm zu scheren, wäre falsch, denn es gibt sicherlich einige, die aus unterschiedlichsten Gründen trotzdem für die Werte einstehen und sich dessen bewusst sind. Doch dies ist unserer Meinung nach die Minderheit. Trotzdem sollten sich alle im Klaren sein, wofür der Traditionsverein steht.

Politik und Sport müssen unserer Meinung nach nicht zwingend vereint werden, und somit ist die Entscheidung jedem selber überlassen. Man muss sich nur einmal selbst hinterfragen, warum man Fan des FC Barcelona geworden ist. Die Gründe dafür dürften wohl fast ausschließlich sportlicher Natur sein, seien es Spieler wie Rivaldo und Ronaldinho oder schlicht und ergreifend die Spielphilosophie. Die wenigsten von uns sind wohl Fan geworden, weil der Verein Projektionsfläche für das Streben Kataloniens nach Unabhängigkeit darstellt.“

Michael: Culés sollten sich mit Katalonien befassen

Die dritte Stellungnahme zu diesem brisanten Thema kommt von Michael von madridismo.de. Da er Anhänger von Real Madrid ist, darf man umso gespannter auf seine Meinung und seine Aussagen sein:

„Wenn Spanien Weltmeister wird, laufen die Barça-Spieler mit den Katalonienflaggen aufs Feld, mehr muss man zu der ganz besonderen Beziehung zwischen dem FC Barcelona und der Region Katalonien nicht sagen. Von außen betrachtet ist es beachtlich, wie eng beides miteinander verwoben ist. Es machte für mich tatsächlich den Eindruck, als ob ganz Katalonien eigentlich hinter Barça steht und vice versa.

Dieser Eindruck hat sich für mich erst jüngst in einem Spanischkurs geändert. Meine beiden Dozentinnen sind Katalaninnen, beide aus Barcelona – und beide hatten so gut wie keinen Plan vom FC Barcelona. Es ist nicht so, dass sie nicht stolz auf ihre katalanischen Wurzeln wären, aber Barça und Fußball spielt für sie keine Rolle. Worauf ich hinaus will: Barça und Katalonien gehören fest zusammen – als Katalane kann man aber offensichtlich dennoch zwischen Barça und Katalonien trennen. Im Umkehrschluss plädiere ich dann auch dafür, dass ein Barça-Fan nicht zwangsläufig großes Interesse an den Belangen Kataloniens haben muss.“

Ganz ohne Neugier an Katalonien geht es für Barça-Fans dann doch nicht, so meint zumindest Michael:

„Der Knackpunkt liegt aber beim Wort groß. Denn gar kein Interesse zu haben, ist in meinen Augen nicht angebracht. Man muss sich nicht zwangsläufig damit identifizieren und sich aktiv dafür einsetzen, aber das Wissen über die Beweggründe, die genaueren Details, das sollte Grundlagenlektüre für einen Barça-Fan sein.

Was den Grundsatz der Trennung von Politik und Sport angeht, die häufig gefordert ist: Für Barça würde vermutlich ein Stück der eigenen Identität verloren gehen. Im Rückschluss auf die Rolle der Fans: Natürlich wäre es dann auch wünschenswert, dass sich zumindest ein Großteil der Fans auch mit den katalanischen Belangen identifizieren könnte. Denn schlussendlich haben die Fans auch großen Anteil an der Identität des Vereins.

Zusammenfassend also: Barça und Katalonien ist eine einzigartige Beziehung; Sport und Politik gehören hier zusammen zur Identität des Vereins. Für Katalanen ist es möglich, sich für Katalonien einzusetzen, ohne Fan von Barça zu sein. Umgekehrt ist es bereits schwieriger. Ein Barça-Fan muss nicht der Vorreiter der Unabhängigkeitsbewegung werden – er sollte aber mindestens grundlegende Kenntnisse und Verständnis für die Problematik mitbringen, um auch die Identität des Vereins zu bewahren.“

Barçawelt bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmern für den Eifer und die Mitwirkung am Projekt!

In den Kommentaren könnt ihr in die Diskussion mit uns und den Teilnehmern dieses Roundtables eintreten und eure Meinung kundtun.

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