Roundtable zum Thema: Hat Barça unter Luis Enrique an spielerischer Identität verloren?

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Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar – das ist zweifellos das offensive Prunkstück des FC Barcelona, das einen Rekord nach dem anderen bricht. Unverkennbar ist aber auch, dass Barça mehr denn je von der individuellen Genialität seiner Superstars lebt. In dieser Ausgabe des Roundtables geht es daher darum, ob sich der Klub vom ehemaligen Systemfußball unter Guardiola zu weit entfernt und somit ein Stück weit seine Identität verloren hat. Wir haben für euch einen treuen und langjährigen Culé von unserer Facebook-Seite und eine große deutschsprachige Facebook-Seite befragt. Die Meinungen der Teilnehmer sind glasklar und sprechen eine eindeutige Sprache.

Die Themenfrage für diesen Roundtable lautete wie folgt: Nach dem Triple und sogar nach dem Erfolg im El Clásico wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die aktuelle Mannschaft das Finish von früher in taktischer Hinsicht und unter dem Blickwinkel eines Systemfußballs nicht mehr erreicht. Insbesondere unter Luis Enrique geht viel mehr über individuelle Aktionen, es ist nicht unbedingt ein bis ins letzte Detail ausgeklügeltes System, das den Erfolg bringt. Und wann immer darauf aufmerksam gemacht wird, sei es von den Medien oder den Fans, ist ein leicht negativer Unterton zu vernehmen. Hat der FC Barcelona mit dem individuell geprägten Fußball ein Stück weit seine Identität preisgegeben?

Barça hat sich weiterentwickelt

Für die Facebook-Seite Barçatastisch meldete sich Cömert Demir zu Wort und beleuchtete einen äußerst interessanten Aspekt für den aktuellen Fußballstil des FC Barcelona. Die neue Maschroute sieht Cömert aufgrund vieler Spielereigenschaften und Fähigkeiten der Spieler bei Barça, welche von anderen Klubs transferiert wurden:

„Als erstes muss erwähnt werden, dass der Fußball von vor fünf Jahren ein anderer war als der von heute. So ist das auch bei Barça. Durch die Talentschmiede La Masia werden die zukünftigen Spieler von klein auf mit dem Barça-typischen Spielstil großgezogen, damit nach den Jugendteams der Aufstieg ins erste Team einfacher verlaufen soll. Durch die vielen Transfers von “außerhalb” wurde im ersten Moment ein Verlust der Identität wahrgenommen. Viele individuelle Spieler, wenige selbst ausgebildete Akteure. Da sich der Fußball weiterentwickelt, musste sich dementsprechend Barça auch weiterentwickeln. Dies bemerkte man bei den Trainerperioden von Tito Vilanova und Tata Martino.“

Abgesehen vom Trainer Barças ist Cömert davon überzeugt, dass der Austausch von Barça-Eigengewächsen durch Transfers den Schlüssel zum Erfolg gebracht hat:

„In der Saison 12/13 fiel auf, dass die La-Masia-Absolventen die Rückschläge aufgrund der vielen Verletzungen nicht aufarbeiten konnten. Mit Tata Martino sah man anfangs Anzeichen einer Systemänderung des “Totalvoetbal”. Jedoch war es für die Spieler sehr schwer, sich von diesem System abzuwenden, da sie bis dato nichts anderes kannten, als den Fußball, den sie sich unter Guardiola zu eigen gemacht haben. So musste Individualität her: Puyol, Xavi, Valdés, Tello, Montoya, Dos Santos, Deulofeu und viele weitere machten den Weg frei für Vidal, Mathieu, Vermaelen, Rakitić, Arda, ter Stegen, Bravo, Neymar und Suárez. Die Kritik war dementsprechend laut, denn das entsprach nicht der Identität Barças. Trotz allem waren die Erwartungen nach einem titellosen Jahr höher als selten zuvor. Mit Luis Enrique wurde ein Trainer angeheuert, der mit der Interna von Barça vertraut war und er brachte mit seinen Transfers frischen Wind und bescherte der Blaugrana in seiner ersten Saison das Triple. Barça hat sich grundlegend geändert – ohne dabei ihre Identität verloren zu haben. “Més que un club” wurde nicht vernachlässigt, sondern auf eine andere Art und Weise präsentiert.“

Anschließend brachte der Moderator von Barçatastisch seine Kernaussage noch auf den Punkt:

„Meiner Meinung nach ist diese Umstellung genau das, was Barça fehlte, solange sie auch eine Grenze hat. Man muss die goldene Mitte zwischen La-Masia-Spielern und Transfers finden, um sowohl einen breiten und qualitativ hochwertigen Kader als auch ein immer noch ein starkes Nachkommen zu besitzen. Barça hat seine Identität also nicht verloren, sondern diese weiterentwickelt.“

Barça ist eine Einheit

Ein langjähriger Fan von Barçawelt wurde ebenfalls zum Roundtable befragt und äußerte sich ähnlich wie ‘Barçatastisch’ zuvor in seinem Statement. Laut Cem wächst Barça momentan als Kollektiv stark zusammen und spielt als eine Einheit auf:

„Ich muss dazu sagen, dass ich überhaupt nicht der Ansicht bin, dass der Fußball Barças primär individuell geprägt ist. Sicher erzielen Messi, Suárez und Neymar im Sturm den Großteil der Tore. Aber meiner Meinung nach ist das vollkommen normal, immerhin sind das ja auch unsere drei Stürmer, deren Hauptaufgabe es ist, diese Treffer zu landen. Ich würde nicht behaupten, dass Barça momentan seine Identität verliert, weil das Spiel der Katalanen individuell geprägt sein soll. Im Gegenteil sogar: Barça funktioniert weiterhin super als Kollektiv. Luis Enrique scheint seine Truppe als eine Einheit zusammenschweißen zu können. Sicherlich liegt das nicht nur an ihm, denn die Spieler werden sich auch ohne ihn gut untereinander verstehen und ein vernünftiges Verhältnis zueinander pflegen. Dennoch glaube ich, dass Enrique und sein Trainerteam auch eine gute Arbeit leisten und die Mannschaft zu einer Einheit schweißen.“

Stürmer ziehen zumeist das Augenmerk auf sich, was wiederum andere Spieler blass aussehen lässt. Bei Barça hat jeder Akteur seine Aufgaben, denen sie auch nachkommen. Auch wenn Defensivspieler oder Mittelfeldspieler seltener im Rampenlicht stehen, so sind sie für das Gerüst unverzichtbar und tragen zum Erfolg Barças bei, wie Cem im Nachfolgenden erklärte:

„Es sind in Mannschaften immer die offensiven Spieler, die glänzen und in den Fokus rücken; da ist es gut und gerne mal möglich, dass man den Eindruck gewinnt und denkt, Barça wäre nun auf Individualistenfußball angewiesen. Jedoch blendet man bei solch einer Sicht vollkommen aus, dass jeder seine Aufgaben hat und jeder jene zu erfüllen hat. Ich erwarte von einem Sergio Busquets nicht, dass er Tore macht – nein, er hat andere Aufgaben. Das Sturmtrio hatte mit den starken Leistungen einen immensen Beitrag am Triple – aber genauso wichtig waren andere Akteure auch: Sergio Busquets stellte das Bindeglied zwischen Offensive und Defensive dar, Mascherano und Rakitić halfen ungemein mit ihrem Einsatz, Gerard Piqué und Dani Alves blühten in der Abwehr zu altem Glanz auf, Jordi Albas Läufe in die Offensive sorgten dafür, dass wir oftmals einen vierten Stürmer auf dem Feld hatten, die Torhüter hielten unseren Kasten sauber. Das alles ist für mich keine Individualistenleistung, sondern ein im Kollektiv funktionierendes Team.“

Zum Schluss verdeutlichte Cem seine Meinung anhand einer konkreten Situation:

„Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin nicht der Meinung, dass Barça momentan seine Identität verliert, denn der Fußball ist nicht so individuell geprägt wie er zu sein vermag! Eine beispielhafte Situation noch: Rakitić sprintet im Mittelfeld auf den Gegenspieler zu, dieser spielt hektisch und verliert dadurch den Ball in Barças Abwehr gegen Piqué, der leitet die Situation ein, indem er den Ball auf Busquets spielt, der ebenfalls den Ball auf Iniesta weiterleitet. Zeitgleich läuft Alba in den Sturm und zieht einen Abwehrspieler auf sich. Dass der Ball nun von Iniesta in den Sturm zu den drei Starken Stürmern kommt und die dann daraus eine gefährliche Situation entwickeln, die zunächst individuell geprägt zu sein scheint, blendet vollkommen die Tatsache aus, dass an dem Tor neben den drei Stürmern noch mindestens fünf weitere Akteure beteiligt waren.“

Barçawelt bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmern für den Eifer und die Mitwirkung am Projekt!

In den Kommentaren könnt ihr in die Diskussion mit uns und den Teilnehmern dieses Roundtables eintreten und eure Meinung kundtun.

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