Taktik des FC Barcelona – Kann Martino das Pressing wiederbeleben?

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Bildquelle: fcbarcelona.com

In schöner Regelmäßigkeit geben die Spieler des FC Barcelona zu verstehen, dass sie die Taktik ihres Trainers Tata Martino noch nicht in vollem Umfang umsetzen können. Sie wüssten nicht, wie sie sich in manchen Situationen zu verhalten hätten und die Verunsicherung ist ihnen auf dem Platz anzumerken. Sinnbildlich hierfür ist eine Geste von Alves in Richtung der Trainerbank im ersten Champions League-Gruppenspiel gegen Ajax Amsterdam, als er seine Aufregung über das unharmonische Pressing nicht verbergen konnte. Die Probleme von Barca betreffen jedoch nicht nur das Pressing. Und in einer weitergehenden Betrachtung stellt sich die Frage, ob man jemals die feierliche Spielweise vergangener Jahre erreichen kann.

Der FC Barcelona ohne Punktverlust – Trügt der Schein?

Der FC Barcelona ist Tabellenführer der Primera División und auch in der Champions League grüßen die Katalanen die Gegner nach dem ersten Spieltag von ganz oben in der Tabelle. Eigentlich kein Grund zu Beunruhigung, für die Mannschaft von Tata Martino läuft alles nach Plan. Fast alles, denn statistische Werte sind nur bedingt in der Lage, Auskunft über die tatsächliche Verfassung einer Mannschaft zu geben. Aus ihnen wird nicht ersichtlich, wie sich der Spielverlauf jeweils konkret dargestellt hat, ob sich der Gegner Chancen erspielen konnte und inwiefern die Mechanismen im Zusammenspiel bereits stimmig sind. 

Wenn man sich die bisherigen Partien des FC Barcelona in dieser Saison vergegenwärtigt, kommt man nicht umhin, die innere Ruhe ob der gegenwärtigen Tabellenkonstellation abzulegen. Freilich, der FC Barcelona war in jedem Spiel die bessere Mannschaft; und alle Siege, die sie davongetragen hat, waren verdient. Aber wie werden sich solche Leistungen auswirken, wenn die großen Kaliber die ‚Blaugrana‘ in Empfang nehmen? Jene Mannschaften, die mit individuell hochklassigen Akteuren ausgestattet sind und noch dazu eine geschlossene Mannschaftsleistung darbieten können?

Die bisher zutage getretenen Probleme der Mannschaft

Diese Vereine wären unter Umständen eher in der Lage, gewisse Defizite im katalanischen Spiel zu ihren Gunsten auszunutzen. So etwa das Defizit beim Gegenpressing, das dem Gegner immer wieder Schlupflöcher lässt, in die er vordringen kann. Es mangelt dem FC Barcelona zum Teil an Kompaktheit im Gegenpressing. Und wenn sich dieser Mangel mit der teils sehr hohen Stellung mancher Spieler auf dem Feld vermischt, könnte es für Víctor Valdés durchaus gefährlich werden.

Die andere Problemexposition betrifft den engen Verwandten des Gegenpressing, namentlich das bereits genannte Pressing. Immer wieder offenbaren sich Koordinationsprobleme, wenn die Spieler zum Offensivpressing ansetzen. Gegen Ajax Amsterdam war man beim Offensivpressing eindeutig unterbesetzt. Den Holländern gelang es immer wieder, sich aus den Fängen des Gastgebers zu befreien – und das brachte Dani Alves letztendlich auf die Palme. Das Problem lag vermutlich an Andrés Iniesta, der sich einige Male sehr tief ins Mittelfeld zurückgezogen und nicht am Pressing partizipieren konnte, während seine Mitspieler den anderen Weg wählten.

Ist das Pressing von früher eine erstrebenswerte Spielanlage?

Bei beiden Formen des Pressings, sowohl das Gegen- als auch das Offensivpressing, handelt es sich um eine sehr anspruchsvolle und anforderungsintensive Spielweise. Und das leitet zu der normativen Frage über, ob man das Erfolgsmodell vergangener Jahre überhaupt wieder aufleben lassen sollte. Oder anders formuliert: Macht es Sinn, nach diesem spielerischen Ideal zu streben? Ein erfolgreiches Pressing und Gegenpressing ist eine Funktion aus einer hohen läuferischen Intensität, einem hohen läuferischen Aufwand und überdurchschnittlicher Gedankenschnelligkeit. Können die Spieler des FC Barcelona diesem Anforderungsprofil gerecht werden? Pedro Rodríguez, Alexis Sánchez, Lionel Messi und – das hat man beim Confed Cup gesehen – auch Neymar fügen sich gut in diese Rolle. Wie sieht es aber mit dem Mittelfeld der Katalanen aus? Ist es in der Lage, durch intensive Sprints Druck auf den Gegner auszuüben, sich freilaufende Gegner zu stellen oder die Passwege zu unterbinden?

Das zentrale Mittelfeld des FC Barcelona mit Xavi, Iniesta und Fàbregas ist nicht unbedingt gesegnet unter dem Blickwinkel der Laufintensität. Es gibt ohne Zweifel Spieler, die noch mehr Intensität in die Waagschale legen können. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie für das Pressing ungeeignet wären. Die Qualität eines Pressings ist gewiss auch von der strategischen Konzeption abhängig. Man kann weniger explosiven Spielern beim Pressing Aufgaben zuweisen, die weniger Explosivität und dafür mehr strategisches Denkvermögen erfordern. Iniesta und Xavi könnten etwa diejenigen sein, die die Passwege zustellen und nicht etwa jene Spieler, die maximalen Druck auf den Gegner ausüben. Auch gibt es unterschiedliche Formen des Pressings, deren Wahl auch in Abhängigkeit des verfügbaren Spielermaterials erfolgen sollte. Unter Umständen wäre es für den FC Barcelona besser, ein überwiegend raumdeckungsorientiertes Pressing in Abgrenzung zu einer mannorientierten Vorgehensweise zu bemühen; oder eine Mischform einzusetzen, sodass alle Spielertypen vollends zur Geltung kommen.

These: Individuelle Leistungsfähigkeit beim Pressing wichtiger als strategische Konzeption

Das alles kann dabei helfen, das Pressing effizienter zu gestalten. Es kann aber nicht über die Wahrheit hinwegtrösten, dass die antizipierte Vorgehensweise mit nur einem halbwegs intelligenten Schachzug des Gegners konterkariert werden könnte. In einem Spiel läuft nur höchst selten etwas nach einem bestimmten Plan oder Muster ab. Die meisten Spielsituationen sind das Ergebnis nicht beabsichtigter Handlungen und erfordern eine dynamische Anpassung an die jeweilige Situation. Die Charakteristika der Spieler sind dementsprechend wichtiger für das Pressing als die grundsätzliche Konzeption desgleichen. Dass das Pressing in der Vergangenheit so hervorragend funktioniert hat, lag an vielen Variablen. Heute ist die Verfassung der Spieler, das Spielermaterial und die Spielweise der Gegner eine andere. Und damit einhergehend womöglich auch die optimale Spielweise für die Mannschaft.

Aus diesem Grund stellt sich die eingangs gestellte Frage, die jetzt von den Lesern beantwortet werden kann:

Sollte der FC Barcelona zum pressingintensiven Spiel vergangener Tage zurückkehren? Kann er mit dieser Spielweise an den Erfolg von früher anknüpfen? Oder führt der Weg von Tata Martino in eine Sackgasse?

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