Udo Lattek: Vom begeisterten Wodka-Trinker und einzigartigen Trainergenie

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Er gehörte zu den Größten seines Faches, begeisterte mit seiner Direktheit sowie seinem zynischen Charakter die Fußballwelt und gilt zu Recht als erfolgreichster deutscher Cheftrainer. Udo Lattek prägte die internationale Fußballszene wie keiner Zweiter in seiner Branche. Am Sonntag verstarb die Trainerkoryphäe, die unter anderem auch beim FC Barcelona angestellt war, nach langem Parkinson-Leiden im Alter von 80 Jahren. Wir blicken zurück auf eine der größten Trainerpersönlichkeiten, die diese Welt zu Gesicht bekommen hat.

Der am 16. Januar 1935 in Ostpreußen geborene Lattek wurde aufgrund des zweiten Weltkrieges von seiner Heimat nach Westdeutschland vertrieben. Schon in jungen Jahren sollte Lattek große Hingabe für den Fußball zeigen und in verschiedenen Jugendmannschaften spielen. Nach seinem Studium in Physik und Mathematik heuerte der damals 26-Jährige in seiner ehemaligen Schule als Sportlehrer an, wodurch der DFB auf ihn aufmerksam wurde und ihm das Amt des Jugendnationaltrainers anbot, das Lattek auch annahm.

Es sollten Engagements als Co-Trainer im Nationalteam sowie beim FC Bayern München, Borussia Mönchengladbach sowie Borussia Dortmund folgen, die von großem Erfolg geprägt waren. Lattek erschuf die famose Bayern-Mannschaft der frühen 70er-Jahre, die unter anderem drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann und in diesen Jahren auch deutscher Meister wurde. Ein Pokal-Triumph sowie zwei weitere Meisterschaften komplettierten die erfolgreiche Zeit.

Lattek brachte gänzlich neue Elemente im damaligen Fußballgeschäft mit, wählte seine Spieler teilweise kurz vor Partien intuitiv aus, indem er lediglich in ihre Gesichter schaute, und zeichnete sich durch gnadenlose Direktheit und Offenheit aus. Die Persönlichkeit Lattek erlangte in der deutschen Fußballszene innerhalb von wenigen Jahren regelrechten Kultstatus.

Der FC Barcelona als Ablenkung vom Schmerz

Doch so glorreich sein Erfolg im Fußball auch schien, privat hatte Lattek eine grauenhafte Niederlage zu verzeichnen. Sein damals 15-jähriger Sohn Dirk erkrankte an der damals unheilbaren Krankheit Leukämie, an deren Folgen er kurze Zeit später auch starb. Lattek konnte den Schmerz schwer und nur langsam verkraften und suchte eine neue Herausforderung, eine Herausforderung jenseits der deutschen Grenze. So bat er BVB-Präsident Rauball um seine sofortige Freigabe als Cheftrainer, um das Traineramt beim FC Barcelona übernehmen zu können.

Jahre später soll Lattek über seine Ernennung als Cheftrainer der Katalanen gemeint haben: „Ich habe eine neue Herausforderung gebraucht. Barcelona war schon damals der schwierigste Klub, der mich 24 Stunden gefordert und dadurch auch abgelenkt hat. Ich musste außerdem eine neue Sprache lernen, habe das in drei Monaten geschafft, brauchte nie einen Dolmetscher und habe beim ersten Training im Camp Nou vor 45.000 Zuschauern eine Rede in Spanisch gehalten“

Neben dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger, dem damals insgesamt zweiten Triumph des Klubs in diesem Wettbewerbsformat, mit herausragenden Akteuren wie Quini, Bernd Schuster oder Allan Simonson, prägte eine ganz besondere Geschichte die Zeit Latteks in Barcelona. Zur Saison 1982/83 wechselte der damalige Topstar Diego Armando Maradona, seines Zeichens Ballkünstler und Laufanalphabet, zur Blaugrana. Der Kommunikator Lattek sollte beim Argentinier auf seine Grenzen stoßen, beispielsweise habe ihn Maradona nach einem Lauftraining, bei dem der Argentinier von seinen Kameraden mehrmals überrundet wurde, laut angeschrien und aufgefordert, man möge doch endlich einmal mit dem Ball trainieren. Letztendlich sorgte Maradona auch für die Entlassung des Deutschen. Nachdem der Topstar nicht zur Abreise im Mannschaftsbus erschien, entschied sich Lattek dafür, nicht mehr auf den Argentinier zu warten und fuhr ohne ihn los. Der wutentbrannte Maradona rannte anschließend zum damaligen Klubpräsidenten der Katalanen und forderte die Entlassung Latteks, die kurz darauf auch vonstattenging.

Der Zyniker Lattek in seiner Paradedisziplin

Anschließend kehrte Lattek in die deutsche Bundesliga zurück, feierte drei weitere Meister- und zwei Pokaltitel, erschuf den Mythos des ‚blauen Glücks-Pullis‘ in seiner Zeit beim FC Köln und rettete bei seinem letzten Traineramt den BVB vor dem Abstieg. Latteks Trainerkarriere endete endgültig mit dem neuen Jahrtausend, aber der mittlerweile 62-Jährige wandte sich dem Fußball nicht gänzlich ab. Lattek wurde Kolumnist und Fußballkritiker. Sein zynisches Gemüt blühte in diesen Jahren in neuem Glanz auf. So soll er einmal über die niederländischen Einkäufe des FC Schalke 04 gesagt haben: „Wenn ich in Holland einkaufen gehen will, dann kaufe ich mir dort eher einen Wohnwagen als einen Fußballspieler.“

Auch ein Udo Lattek bekam mit der Zeit die Folgen eines alternden Körpers zu spüren. Seiner ersten Krebs-Operation 2001 am Gehirn folgte ein Schlaganfall im Jahre 2010, Langzeitschäden konnten nur durch seine Frau und eine schnelle Behandlung vorgebeugt werden konnten. 2012 musste sich Lattek erneut am Gehirn einen Tumor entfernen lassen. Ein Jahr später gab Latteks Frau der Presse preis, dass ihr Mann an Parkinson sowie schleichender Altersdemenz leiden würde. Lattek zog sich in der Folge von der Öffentlichkeit zurück und verbrachte seine Zeit fortan in einem Kölner Pflegeheim, wo er am letzten Sonntag verstarb.

Udo Lattek wird von vielen Kritikern als erfolgreichster deutscher Cheftrainer betitelt, feierte er doch mit 14 Titeln so viele Erfolge wie kein anderer deutscher Trainer zuvor und auch danach. Doch es waren nicht nur diese Erfolge, die Lattek in der Fußball-Branche einzigartig machten. Selten gab es Trainer, die mit solch einem rhetorischen Talent ihre Spieler führen und leiten konnten; hierzu zählten bei Lattek immerhin Weltstars wie Diego Maradona, Bernd Schuster, Franz Beckenbauer oder auch Lothar Matthäus. Lattek wird nicht nur als Trainergenie der Fußballwelt in Erinnerung verbleiben, sondern auch als großartige Führungspersönlichkeit.

Mögest du also, Udo, von ganzem Herzen, da oben, als leidenschaftlicher Alkohol-Sympathisant, ein letztes Mal dein Lieblingsgetränk, Wodka-Feige, zum Genießen bekommen – ohne Feige, versteht sich doch. Ach, und Ruhe in Frieden…

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