Wenn Homogenität zur Last wird

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Es ist nicht allzu lange her, da war der FC Barcelona das Maß aller Dinge im Vereinsfußball. Wo auch immer die die Mannschaft auftauchte, hinterließ sie ein Meer der Bewunderung. Heute zählt die Truppe von Tata Martino immer noch zu den stärksten Mannschaften der Welt, den Gipfel erstürmen aber andere Teams. Es gibt viele Wege, sich dieser Beobachtung anzunähern und sie zu ergründen. Diesmal geht es um die Frage, ob die sich ändernde Mannschaftsstruktur in den letzten Jahren etwas mit dem Verlust an internationalem Prestige zu tun hat.

Spätestens seit dem bitteren Ausscheiden aus der Champions League gegen den FC Bayern in der vergangenen Saison hat das einstige Zauber-Fundament von Barça starke Risse bekommen. Die vermeintlich beste Mannschaft der Welt lag gedemütigt am Boden und lieferte ein mitleiderregendes Bild. Direkt im Anschluss tippten sich die Journalisten die Finger wund: Die Spieler seien über ihren Zenit hinausgeschossen, sie seien satt und nur noch ein Schatten vergangener Tage. Wie viel Wahrheit in diesen Behauptungen steckt, lässt sich nur schwer nachmessen. Kann ein Kollektiv innerhalb kurzer Zeit so viel Stärke eingebüßt haben? Die Niederlage resultierte gewiss aus dem Zusammenspiel vieler unglücklicher Faktoren. In der Diskussion etwas untergegangen ist aber die Rolle der mannschaftlichen Struktur. Die Spieler ähneln sich sehr, was ihre Statur, ihre Fähigkeiten und die mentale Komponente anbetrifft. Und vielleicht liegt auch hierin ein Grund ihres internationalen Scheiterns.

Kleine Spieler hatten früher keine Zukunft – heute ist es umgekehrt

Früher hatten kleinere Spieler beim FC Barcelona keine Chance. Die Mannschaften bestanden ausschließlich aus großgewachsenen Akteuren, von deren Überlegenheit die Verantwortlichen überzeugt waren. Als die Ergebnisse im Jugendfußball zu wünschen übrig ließen, verpflichtete Barça im Jahre 1972 mit Laureano Ruiz einen Spezialisten auf dem Gebiet. Ruiz war ein Verfechter einer ausgewogenen Mischung: Große Spieler sollten in einer Mannschaft ebenso vertreten sein wie kleine. Kleinere Spieler hätten nicht von der Hand zu weisende Vorteile und stellten häufig das bessere Gesamtpaket. Es dauerte nicht lang, bis Ruiz die Ausbildung im Jugendbereich zugunsten kleinerer Spieler umstellte. Allmählich setzte sich das Credo von ihrer relativen Vorteilhaftigkeit auch in der ersten Mannschaft durch.
In den letzten Jahren konnte jeder beobachten, wie die verhältnismäßig kleinen Spieler bei Barça immer mehr die Oberhand gewannen. Yaya Touré, Eto’o, Henry, Ibrahimovic, Abidal oder Keita mussten den FC Barcelona verlassen. An ihre Stelle traten Spieler wie Pedro, Villa, Busquets, Fàbregas, Alba, Mascherano oder Sánchez. Mit Ausnahme von Busquets gehören die genannten Akteure zu den kleineren Fußballern, durch sie änderte sich das Wesen der Mannschaft beträchtlich. Und womöglich ist die aktuelle kollektive Zusammensetzung mitverantwortlich für die Probleme von Barça heute.
Die Vorteile der kleineren Spieler im Vergleich zu den großen sind unbestritten. Laureano Ruiz bringt es auf den Punkt: „Die kleineren Spieler haben gegenüber den großen sehr viele Vorteile wie beispielsweise beim Antritt, bei der Änderung der Laufrichtung und der Beweglichkeit.“ Desgleichen haben sie aber auch Nachteile, weshalb selbst Laureano bei seinen Mannschaften eine gute Mischung anstrebte. Seit Pep Guardiola und Tito Vilanova aber gehört eine ausgewogene personelle Struktur der Vergangenheit an. Die Trainer waren der Meinung, dass sich ihre Idee vom perfekten Fußball am besten mit kleineren Spielern durchführen lasse. Unrecht hatten sie mit dieser Annahme nicht: Ballbesitzfußball setzt eine herausragende Technik, hohe Beweglichkeit sowie eine überdurchschnittliche Passgenauigkeit voraus. Außerdem dürfte auch die Umsetzung eines intensiven Pressings bedingt durch die Vorzüge der kleineren Akteure beim Antritt leichter fallen.
Die Veränderungen des Trainerstabs sind vor diesem Hintergrund also durchaus verständlich. Und mit dem Triumph in der Champions League und der Meisterschaft 2011 stehen alle Argumente auf ihrer Seite. Warum die eingangs genannte Vermutung dennoch einen wahren Kern enthalten könnte, beantwortet sich anhand folgender Frage: Wie würde die hochgepriesene Mannschaft von 2011 gegen das FC Bayern München von Jupp Heynckes abschneiden? In diesem Zusammenhang muss darauf eingegangen werden, wie sich der Fußball in den letzten Jahren verändert hat. „Das Spiel wird zunehmend aggressiver“, gab Cesc Fàbregas kürzlich zu verstehen. „Wir müssen uns anpassen, aber das fällt in den Aufgabenbereich von Zubi und dem Präsidenten.“ Die kleinen Spieler von Barça haben es schwer, wenn die Gegner ihre körperlichen Vorteile ausspielen. In der Champions League hatten die Bayern leichtes Spiel. Beim Verteidigen legten sie ihre Physis in die Waagschale und im Angriff setzten sie auf die Überlegenheit in der Luft. Nicht erst seit dem Halbfinale in der vergangenen Saison tut sich Barça gegen diese Art von Gegner schwer. Mit Ausnahme des legendären 5:0 in der Liga hatten die Mannen von Pep und Tito gegen Real Madrid regelmäßig große Probleme. In der Champions League mussten zwei Geniestreiche von Lionel Messi in Überzahl her, um den Einzug ins Finale klar zu machen. In der Copa del Rey spielte Madrid die Katalanen zeitweise an die Wand, und im Rückspiel der Liga sprang nur ein müdes Unentschieden heraus. Bereits damals hatten sich die Nachteile des homogenen Mannschaftsbildes bemerkbar gemacht. Kleine Spieler sind in der Physis limitiert, aber gerade dort sind in Zukunft die größten Sprünge im Fußball zu erwarten. Mehr noch, es wird darauf ankommen, sich im richtigen Zeitpunkt in absoluter Topverfassung zu präsentieren.
Gerüchten zufolge will Tata Martino in der Sommerpause auf dem Transfermarkt stark hinlangen. Barça benötigt wieder einen ausgewogenen Kader, um international etwas reißen zu können. Andernfalls ziehen die großen Mannschaften den Katalanen mit einfachen Mitteln den Zahn. Ein ausgewogener Kader bringt mehr Stabilität, ohne das Spiel grundlegend zu verändern. Außerdem gibt es Spieler, die physisch stark, zugleich aber technisch sehr beschlagen und spielintelligent sind. Es kommt nur darauf an, die richtige Wahl zu treffen.

Wo bleiben die ‚Typen‘?

Homogenität kann auch noch an anderer Stelle zum Problem werden. In La Masia werden den jungen Spielern Lektionen fürs Leben erteilt. Die Vermittlung von überragend wichtigen gesellschaftlichen Werten steht während der Ausbildung auf der gleichen Stufe mit der Entwicklung des Potenzials eines Spielers. Mit 18 oder 19 Jahren ist die Ausbildung abgeschlossen, von da an müssen die Spieler ihren eigenen Weg gehen. Ob sie das tatsächlich tun, erscheint aber zweifelhaft. Carles Puyol ausgenommen gibt es keine richtigen Typen beim FC Barcelona. Alles wirkt sehr harmonisch, von den Spitzen gegen den Vorstand einmal abgesehen. In seiner Biographie bezeichnete Zlatan Ibrahimovic gestandene Spieler als „Schuljungen“, die sich selbst entmündigen und blind den Anweisungen des Trainers folgen. Es liegt auf der Hand, dass aufrichtige Kommunikation unter diesen Bedingungen nicht zustande kommt. Gerade in kritischen Situationen sind Typen gefragt, die die Richtung vorgeben und bestimmte Missstände unverblümt ans Tageslicht bringen. Vielleicht war diese Momentaufnahme auch nur Ausdruck von zu viel Selbstzufriedenheit.
Trotz der anscheinend nur oberflächlichen Diskussionskultur in der Kabine scheint es im Team strenge Hierarchien zu geben. Neue und junge Spieler müssen sich zunächst unten einordnen. Der Einfluss der gestandenen Spieler ist unübersehbar und könnte mit Blick auf eine konstante Weiterentwicklung schon zu groß sein. Von einem natürlichen mannschaftlichen Umfeld kann damit nicht die Rede sein. Für den neutralen Zuschauer sind die internen Vorgänge wie eine ‚Black Box‘. Es wirkt alles in Anbetracht gewisser Gegebenheiten zu perfekt und zu homogen – Klartext wird nie gesprochen. Und die entscheidende Frage lautet: Hängt das mit der Ausbildung zusammen oder passen sich die Spieler den Umständen an?

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