Ronald Araújo spricht offen über seine mentale Leidenszeit, gesteht dabei sogar Depressionen. Inzwischen fühle sich der Uruguayer „wie ein völlig anderer Mensch“.
Araújo zog Ende November die Reißleine
Seine ersten fünf Einsätze hat er mittlerweile hinter sich, einmal stand er dabei in der ersten Elf: Nachdem Ronald Araújo Ende November wegen anhaltender mentaler Probleme beim FC Barcelona eine Auszeit erbeten hatte, mischt er seit dem Jahreswechsel wieder mit – wenn auch bisher nur sporadisch mit lediglich knapp über 100 Spielminuten.
Hansi Flick ist es wichtig, nichts zu überstürzen, den 26 Jahre alten Uruguayer langsam wieder heranzuführen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich Araújo unter dem deutschen Trainer noch nie so recht als Stammspieler bezeichnen konnte. Doch das ist im Falle des Defensiv-Spezialisten, nach dem Abgang von Marc-André ter Stegen sogar neuer Hauptkapitän, absolut sekundär.
Rund sechs Wochen lang ließ der Klub ihn wegen eines Burnouts pausieren, der Fußballwelt fürs Erste den Rücken kehren. Wie schlimm die Situation für ihn war, hat er jetzt in einem Interview mit der Sportzeitung MUNDO DEPORTIVO geschildert. Der Platzverweis in der Champions League bei der 0:3-Niederlage gegen den FC Chelsea und die anschließende Entrüstung aus dem eigenen Fanlager habe das Fass lediglich zum Überlaufen gebracht.
„Hatte anderthalb Jahre mit Angstzuständen zu kämpfen“
„Es war eine Kombination aus mehreren Dingen. Mir ging es schon lange nicht gut, vielleicht über anderthalb Jahre“, so Araújo, dessen Leid dementsprechend offenbar nach dem Shitstorm ihm gegenüber nach der Roten Karte beim Viertelfinal-Rückspiel gegen Paris Saint-Germain im April 2024 (1:4) begann.
„Man ist traurig, aber wenn das Spiel vorbei ist, bricht alles über einem zusammen. Ich fühlte mich schon vorher nicht gut, das ist die Wahrheit, aber aus Gewohnheit versucht man weiterzumachen und manchmal braucht man einfach Hilfe. Ich hatte anderthalb Jahre mit Angstzuständen zu kämpfen, die in eine Depression mündeten. Und so habe ich gespielt. Das hilft nicht, denn auf dem Spielfeld fühlt man sich nicht wie man selbst. Man kennt seinen Wert und weiß, was man auf dem Platz leisten kann. Und als es mir nicht gut ging, wusste ich, dass etwas nicht stimmte“, erklärte die Nummer 4 der Blaugrana.
Die harsche Kritik möchte Araújo selbst nicht an sich heranlassen – aber da wäre ja noch das Umfeld. Der 25-malige Nationalspieler: „Vielleicht erreichen einen die Leute nicht direkt, aber sie wissen, dass sie es können, indem sie die Familie ins Visier nehmen. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich mit meiner Frau Mate trank. Ich sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte, als sie auf ihr Handy schaute und Tränen traten ihr in die Augen. Ich fragte sie, was sie gesehen hatte. ‚Ich verstehe die Boshaftigkeit der Menschen nicht; sie wünschen unseren Töchtern den Tod‘, sagte sie. Wenn die Dinge so weit kommen, überdenkt man vieles, man erkennt, wie verrückt die Gesellschaft ist, oder wie verrückt die Menschen in den sozialen Medien sind. Es mag einen selbst nicht direkt betreffen, aber die Familie leidet, die Mutter und die Frau leiden, die Geschwister auch.“
„Ich sagte: Irgendetwas stimmt nicht, ich muss darüber reden“
Nach dem Erlebten in London sei ihm klar gewesen, „dass ich mit Fachleuten und dem Verein sprechen musste, damit sie mir helfen konnten. Man versucht stark zu sein, kämpft weiter, aber ich fühlte mich einfach nicht wohl. Nicht nur im Sport, sondern auch in meiner Familie und meinem Privatleben. Ich war nicht mehr ich selbst und da machte es plötzlich Klick und ich sagte: Irgendetwas stimmt nicht, ich muss darüber reden und um Hilfe bitten. Ich bin eher der Typ Mensch, der alles für sich behält, aber man muss auch verstehen, dass es Fachleute gibt, die einem helfen und einem das nötige Rüstzeug geben können, um mit bestimmten Situationen umzugehen. Ich musste einfach darüber reden und sagen, dass etwas mit mir nicht stimmte, damit ich wieder gesund werden konnte“.
„Die Auszeit hatte ihren Sinn, denn letztendlich konnte ich das Ganze mit professioneller Hilfe, mit meiner Familie und auf spiritueller Ebene verarbeiten, was ich brauchte. Ich denke, das hat mir sehr gutgetan, heute fühle ich mich wie ein völlig anderer Mensch. Letztendlich sind wir mehr als nur Fußballer. Es geht nicht nur ums Geld, nicht nur um den Ruhm. Auch wir leiden unter den Dingen, die auf dem Platz passieren. Dahinter steckt der Mensch, dahinter stecken die Gefühle“, betonte Araújo, der sich jedoch keineswegs damit beschäftigte, es ganz sein zu lassen: „Ich habe nicht ans Aufhören gedacht, aber man fängt an, vieles zu hinterfragen, weil man sich nicht mehr wohlfühlt.“
Araújo: „Deco rief sofort den Präsidenten und den Trainer an“
Im Verein habe er zuerst den Draht zu Sportdirektor Deco gesucht. Araújo berichtete: „Ich erzählte ihm, was los war. Anfangs war er etwas überrascht, da es nicht üblich ist, dass ein Spieler des FC Barcelona ihm solche Dinge anvertraut, aber er nahm es sehr verständnisvoll und persönlich. Deco rief sofort den Präsidenten und den Trainer an. Sie waren unglaublich. Ich bin Deco, dem Präsidenten, dem Trainer und auch den Leuten im Hintergrund sehr dankbar. Sie waren sehr wichtig.“ Das soll er für die Mannschaft sportlich auch wieder werden. Aber alles mit der Zeit.
