Barça im Autopilot-Modus: Desaster statt Triple

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Das Triple wurde anvisiert, doch am Schluss endete die Saison im Desaster. Der König Lionel Messi ist nackt, er braucht Unterstützung: Nur Messi kann es nicht richten, was der FC Barcelona braucht, ist eine Blutauffrischung. Neuer Eifer und Elan sind nötig – auf und neben dem Platz.

Ausrechenbar, träge, durchschnittlich – nur drei Adjektive, mit denen man den FC Barcelona der letzten Wochen zusammenfassen könnte. Auf das Debakel in Liverpool folgte die nächste Enttäuschung, ein 1:2 im Finale der Copa del Rey gegen Valencia. Das Spiel sollte als Balsam für die geschundene katalanische Seele wirken, doch es verstärkte den Schmerz nur umso mehr. Aus einem versöhnlichen Abschluss wurde eine Tragödie. 

Im Pokalfinale wirkte Barcelona „phasenweise wie gelähmt“, bilanzierte die Süddeutsche Zeitung – in der Tat war diese Blockade besonders im ersten Durchgang zu sehen, erneut setzten Gegentore den stolzen Katalanen mental gehörig zu. Leerer Ballbesitz ohne Ertrag, während ein hochmotivierter Gegner mit Tatkraft eiskalt zuschlägt – ein bekanntes Bild tat sich auf, erst vor wenigen Tagen in Liverpool gesehen.

Eine (falsche) Neun ist zu wenig

„Barça hatte den Ball, Valencia nutzte ihn“, fasste der Guardian die erste Hälfte treffend zusammen. Ohne Luis Suárez und Ousmane Dembélé war Barcelona zahnlos, harmlos, ohne Durchschlagskraft. Messi als falsche Neun funktioniert – aus verschiedensten Gründen – seit Jahren nicht mehr, der Hauptgrund: Messis natürlicher Reflex, ja Spielstil ist es, sich fallen zu lassen, ins Mittelfeld abzusetzen um den Ball aufzunehmen und das Spiel zu führen – doch als falsche Neun aufgestellt bedeutet das nichts anderes, als dass in vorderster Front dann niemand ist. Keiner, der den Strafraum besetzt, der Läufe in die Schnittstellen macht, der die Verteidiger beschäftigt, der die Verteidigungsreihe nach hinten drückt – und so Messi Raum verschafft und als Anspielstation dient. Messi braucht eine echte Neun für sein Spiel. Ohne diese ist Barça berechenbar und der Angriff ein laues Lüftchen – insofern Messi nicht einen übermenschlichen Trick aus dem Nichts aus dem Hut zaubert, wie beispielsweise bei seinem spektakulären Pfostentreffer in Durchgang zwei. 

Messi als falsche Neun funktioniert mittlerweile nur dann und wann, im Heimspielen beispielsweise, wenn der Gegner vom Camp Nou eingeschüchtert jegliche Offensivbemühung einstellt und erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange – und es funktioniert auch nur, wenn Messi rasante Flügelangreifer an seiner Seite hat, die durch Läufe in die Tiefe Gefahr ausstrahlen und so Löcher in die Verteidigungsreihe reißen.

Die schlechten Seiten der Messidependencia

Philippe Coutinho und Sergi Roberto sind dieser Spielertypus nicht, und dementsprechend harmlos und komplett von Messi abhängig war Barça gegen Valencia auch. Ab und zu ist auch der extraterrestrische Argentinier irdisch, er kann nicht reihenweise Wundertaten vollführen. „Messi steht alleine da“, bilanzierte die Sport, El País schrieb „der König ist nackt“, während die Mundo Deportivo das alte Leid zusammenfasste: „Alles hängt von Messi ab.“ Die schlechten Seiten der Messidependencia.

Die Blaugrana war im Finale insgesamt nicht durchgängig schlecht – aber gut eben auch nicht. Hinten zu oft geschlafen, vorne zu wenig Gefahr, und schon verliert man ein Finale und steht mit leeren Händen da. Kein Triple, kein Double, es bleibt bloß die Meisterschaft – zu wenig für die Ansprüche der Katalanen. Ein Ligatitel ist nicht genug für so einen Verein, erst recht nicht, wenn dieser im Spaziergang gewonnen wird und danach zwei bittere Pleiten folgen.  

Umbruch und Umbauarbeiten sind nötig

Der Sommer dürfte nun turbulent werden, es gibt einige Umbaumaßnahmen. „Einige Spieler werden gehen“, kündigte auch Präsident Josep Maria Bartomeu direkt nach dem Finale schon an. Man spürt in Barcelona, dass sich allmählich wirklich eine Ära dem Ende entgegen neigt.

Denn man sieht Sergio Busquets (30), Jordi Alba (30), Gerard Piqué (32) oder Luis Suárez (32) mit jeder schweren Partie mehr an, dass sie seit Jahren auf allerhöchstem Niveau 60 Spiele pro Saison absolvieren; der körperliche, womöglich auch seelische Verschleiß ist immer mehr ersichtlich. Der Kern der Mannschaft wird mürbe, die Stützpfeiler altern gewaltig – sie müssen peu á peu allmählich ausgetauscht werden. Frenkie de Jong ist ein dringend notwendiger Einkauf gewesen, doch es Bedarf mehr Blutauffrischung.

Mit Blick auf Piqués Alter und Samuel Umtitis anhaltende Kniebeschwerden und seinem damit einhergehenden Formrückgang wird Matthjis de Ligt ein weiteres Puzzlestück sein, das Barça für die Zukunft benötigt. Das Team benötigt neuen Elan.

„Barça ist gelangweilt, von sich selbst ermüdet“

Und nicht nur auf dem Platz, auch an der Seitenlinie täte dem FC Barcelona eine Blutauffrischung gut. Barça ist matt, müde, mental ausgelaugt, denn wie heißt es so schön: eine Mannschaft ist immer auch ein Spiegelbild des Trainers, seiner Mentalität, seiner Persönlichkeit. Es fehlt an Inspiration, Eifer, Enthusiasmus und Feuer. 

Die spanische Tageszeitung El País fasste es wie folgt zusammen: „Barça ist gelangweilt, von sich selbst ermüdet, seines Stils dermaßen überdrüssig, dass es ihn karikiert hat.“ Und weiter: Barcelona sei „Opfer einer Routine geworden, milde gestimmt durch ein Board, das mit dem Autopiloten Messi fährt.“

Der (außerirdische) Autopilot als Lebensversicherung – oft genug war es gut gegangen, in der Liga erst recht. Doch nur im Autopilot-Modus kommt man eben nicht immer in jedem Wettbewerb ans gewünschte Ziel. Diese Saison endete statt mit dem Triple mit einem Desaster. Zeit, das Lenkrad wieder in die Hand zu nehmen und aufs Gaspedal zu drücken.

 

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Alex Truica
Freier Sportjournalist, Podcaster und Chefredakteur Barçawelt
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