Brennpunkte | Koemans asymmetrisches 4-3-3 und kluge Belastungssteuerung

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Im Auswärtsspiel gegen den FC Granada siegte der FC Barcelona deutlich und überzeugend. Verantwortlich für die Dominanz waren neben starken Einzelleistungen auch ein intelligenter Spielaufbau sowie die Tatsache, dass sich die Mannschaft im neuen System einspielt. Auch Koemans frühe Auswechslungen waren auffällig. 

Barças intelligenter Spielaufbau

Sicherlich spielte dem FC Barcelona beim letztlich deutlichen Auswärtssieg beim FC Granada das frühe und in der Entstehung auch glückliche Führungstor durch Antoine Griezmann in die Karten. Dennoch konnten die Katalanen in diesem Spiel weitestgehend überzeugen. In der Endabrechnung hatte man 73 Prozent Ballbesitz – im Vergleich zu den bisherigen Partien in dieser Saison ein überdurchschnittlich hoher Wert. 

Ein Grund für diese Dominanz war der intelligente und flexible Spielaufbau, den die Katalanen nutzten, um sich ins letzte Drittel zu spielen – in der Hauptrolle: Der in letzter Zeit oftmals als zu alt und nicht mehr gut genug bezeichnete Sergio Busquets. Der Spanier dirigierte das Spiel nach Belieben und agierte deutlich flexibler, als man es von ihm gewohnt ist. 

Aber eins nach dem anderen: Busquets agierte im flexiblen und asymmetrischen System von Ronald Koeman als Keil vor der Abwehr und hatte dort in gewisser Weise eine Freirolle. Je nach Spielsituation schob Busquets hoch, um den beiden Innenverteidigern Platz für den Spielaufbau zu machen. War dies der Fall, agierte Barça eher über die Flügel. Ousmane Dèmbèle und der entsprechende Linksaußen (Griezmann, Pedri oder Jordi Alba) spielten dann die Hauptrollen in diesem Angriff und waren entsprechend Zielspieler. 

Je nach Anlaufverhalten der Angreifer des FC Granada agierte Busquets in einigen Fällen auch (wie man das von ihm gewohnt ist) zwischen den beiden Innenverteidigern. Dies war für den Rest der Mannschaft ein klares Signal: Außenverteidiger schieben extrem hoch, bis auf Höhe der Abseitslinie – zwei Spieler gehen in die Tiefe (meist Dèmbèle und Griezmann) und die verbleibenden Spieler besetzen das Mittelfeldzentrum und den Zehnerraum. In der Regel wurde dann zunächst der Zehnerraum bespielt. 

Ein weiteres Modell im Spielaufbau war das Abkippen Busquets neben einen der beiden Innenverteidiger: Auch hier sah man dann klare Muster im Spiel der Katalanen. Beide Außenverteidiger schieben hoch, Frenkie de Jong wurde im zentralen Mittelfeld von Lionel Messi oder Pedri unterstützt und so hatte Barça die Möglichkeit, das Geschehen diagonal aufzulösen und dann entsprechend die Tiefe zu bespielen oder einen großen Raumgewinn zu verzeichnen.  

Gestern traf die Aussage von Vicente del Bosque wieder mehr als zu: „Betrachtest du das Spiel, siehst du Busquets nicht – doch wenn du Busquets betrachtest, siehst du das ganze Spiel.“ Mit insgesamt 116 Pässen und einer Passgenauigkeit von über 92 Prozent waren auch seine Werte mit denen aus besten Tagen vergleichbar. 

Ein Sonderlob verdient sich auch Coach Koeman – die Mannschaft hatte offenbar einen klaren Plan. Frei nach dem Motto: Wenn Busquets X macht, macht die Mannschaft Y. Busquets nahm eine ähnliche Rolle wie der Aufbauspieler im Basketball ein. 

 

Koeman scheint sein System zu finden

Nach einigen Experimenten in den ersten Monaten als Übungsleiter vertraute Koeman in den letzten Spielen erfolgreich dem gleichen System und überwiegend auch dem gleichen Spielermaterial. Im Endeffekt handelt es sich bei dem System wohl um ein stark asymmetrisches 4-3-3-System, welches darüber hinaus noch extrem fluide von den Spielern bespielt wird. 

Während die beiden Innenverteidiger recht klassisch agieren, geht die Asymmetrie schon bei den beiden Außenverteidigern los. Während Sergiño Dest mit Dembélé einen echten Flügelspieler vor sich hat, der breit und tief agiert, spielt vor Jordi Alba eher ein zur Mitte driftender Griezmann. Und entsprechend unterschiedlich agieren Dest und Alba auch. 

Auf dem offensiven Flügel geht das Spiel wie schon angerissen weiter. Griezmann spielt eine hybride Rolle aus Linksaußen, Mittelstürmer und hängende Spitze. Unterstützt wird der linke Flügel dabei oft von Pedri, der sich gerne auch mal auf den Flügel fallen lässt, um die Breite sicherzustellen. Darüber hinaus versteht sich Pedri hervorragend mit Messi und kann so mit diesem nahezu blind ein Wechselspiel betreiben. 

Kommt Messi beispielsweise ins zentrale Mittelfeld und de Jong geht nicht tief, ist das für Pedri ein deutliches Zeichen, in die letzte Linie vorzustoßen. Je nachdem, wo sich Griezmann befindet, orientiert sich Pedri eher links oder zentral. 

Auch die beiden Achter de Jong und Pedri agieren mit hoher Asymmetrie und Beweglichkeit. Während der Niederländer aufgrund des Abkippen Busquets‘ eine sehr dominante Rolle im zentralen Mittelfeld einnehmen kann und daher recht zentral mit leichter Rechtsorientierung agiert, steht Pedri prinzipiell schon deutlich höher. 

Die vielen Bewegungen in diesem System klingen auf den ersten Blick recht komplex. Da Barça aber viele Spieler mit einer extrem hohen Spielintelligenz besitzt, kann die Mannschaft das System gut umsetzen. Des Weiteren ist eine gute Abstimmung und eine hohe Harmonie notwendig. Und genau das scheint in gerade in der Offensive immer besser zu werden. 

Griezmann und de Jong verstehen sich immer besser mit Messi. Pedri, Alba und Busquets verstehen sich sowieso schon bestens mit dem kleinen Argentinier und auch Dembélé wirkt immer besser integriert (auch wenn dieser gestern nicht sein bestes Spiel zeigte). Alles in allem scheint sich Barça mehr und mehr einzuspielen. 

Jedoch muss auch erwähnt werden, dass noch nicht alles Gold ist was glänzt und der FC Granada nicht unbedingt als Maßstab genommen werden sollte. Einige Punkte, beispielsweise das Pressing, sind aktuell alles andere als optimal und hier muss und wird Koeman nochmal den Hebel ansetzen. 

Koeman schont die richtigen Spieler  

In Minute 64 rieben sich viele Fans der Katalanen verwundert die Augen. Messi wurde rund eine halbe Stunde vor dem Spielende ausgewechselt. Seine Reaktion sprach Bände: La Pulga ist reifer und akzeptiert, dass die Mannschaft ihn in diesem Spiel nicht mehr braucht. Das spricht auch dafür, dass bei Messi ein Umdenken stattgefunden hat. Während er die meisten Spiele über die volle Distanz, aber mit geringer Intensität bestritten hat, wendet sich der Spieß immer mehr. Messi wird weniger eingesetzt, kann dafür aber eine höhere Intensität gehen. 

Neben dem Argentinier schonte Koeman mit de Jong einen weiteren wichtigen Spieler recht früh. Darüber hinaus bekamen die beiden überspielt wirkenden Dest und Pedri eine Pause und auch Dembélé hatte vermutlich aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit früher Feierabend. 

Es scheint, als wolle Koeman dem Mammutprogramm mit Rotation trotzen – und macht dabei vor großen Namen nicht Halt. Und das ist auch gut so, denn die Katalanen brauchen derzeit eine hohe Intensität auf dem grünen Rasen, um das volle Leistungsvermögen abrufen zu können. Und dies gelingt nur bei einer guten Belastungssteuerung.  

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