Die Ursachen für Griezmanns Startschwierigkeiten – und eine mögliche Lösung

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Antoine Griezmann sucht seinen Platz beim FC Barcelona noch. Der sündhaft teure Franzose hat mit gehörigen Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Das liegt an seinem Spielerprofil und an Barças System. Die Gründe für Griezmanns Anlaufschwierigkeiten – und wie Ernesto Valverde sein System umbauen könnte. Eine Analyse.

14 Saisonspiele sind bereits vergangen und bisher gibt das neue Star-Stürmertrio den ewigen Skeptikern Nahrung: Luis Suárez, Antoine Griezmann und Lionel Messi harmonieren nicht. Vor der Saison wurde gezweifelt: Griezmann passt nicht zu Messi, Barça benötigt einen ‚richtigen‘ Flügelspieler auf links, zudem am besten einen jüngeren ‚Neuer‘ vorne drin, und Griezmann ist von all dem nichts – so der Tenor. Nach drei Monaten muss man bilanzieren: So richtig passen die Puzzleteile im Angriff der Blaugrana noch nicht zusammen.

Es bestehen zwar berechtigte Zweifel daran, ob die drei Stürmerstars auf dem Feld überhaupt generell zusammenpassen können, doch ist es für ein Urteil noch zu früh. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass sich der sündhaft teure Franzose, für den Barça 120 Millionen Euro an fixer Ablöse zuzüglich einer etwas dubiosen Nachzahlung von 15 Millionen hingelegt hat, bei den Katalanen bislang äußert schwer tut.

Griezmann Defensivarbeit von Simeone geprägt

Ein wichtiger Aspekt, in dem Griezmann Barça deutlich weiterhilft, wird bisher jedoch kaum beleuchtet: Gegen den Ball ist er einer der am fleißigsten arbeitenden Offensivspieler der Welt. Mit Suárez und Messi spielt(e) Barcelona größtenteils mit zwei Mann weniger im Pressing. Suárez müht sich ab und zu mal zu einem Sprint, ist im Rückwärtspressing jedoch verschenkt. Sein Alter und sein damit einhergehender körperlicher Zustand erlauben es ihm schlicht nicht mehr, so gegen den Ball zu arbeiten, wie er es zu seinen Glanztagen getan hat und wie es das Team benötigen würde.

Messis Arbeit gegen den Ball ist – wie eigentlich alles von ihm – sehr intelligent, jedoch nicht sonderlich engagiert. In den großen Spielen beteiligt er sich des Öfteren am Pressing und erzielt starke Ballgewinne. Beim Großteil der Ligaspiele steht er jedoch passiv herum und schont sich für offensive Aktionen. 

Und da wäre dann noch ein anderes Sorgenkind im Angriff: Ousmane Dembélé mangelt es an Verständnis, Engagement sowie zwei gesunden Oberschenkelmuskeln, um die fehlende Laufbereitschaft seiner Teamkollegen auszugleichen. Da stellt Griezmann ein großes Upgrade dar: Er ist nicht nur weitaus engagierter als seine Kollegen, sondern ebenfalls clever in seinen Aktionen.

Der Franzose erobert viele Bälle im Rückwärtspressing zurück, findet passende Momente fürs Gegenpressing und läuft schnell mit nach hinten, wenn er überspielt wurde. Mit seiner Laufleistung kann er die fehlende Defensivarbeit von Suárez und Messi zumindest teilweise kompensieren. Griezmann wurde eindeutig von Atlético-Coach Cholo Simeone geprägt, diese Selbstlosigkeit, auch mal die ‚Drecksarbeit‘ gegen den Ball zu erledigen, tut jeder Mannschaft gut, besonders einem Barça mit zwei alternden Stars in vorderster Front.

Griezmanns Eingewöhnungsschwierigkeiten

In Ballbesitz jedoch treten die selben Probleme wie mit Coutinho in der letzten Saison auf: Der 32-jährige Messi, der selbst nicht mehr viele Wege hinter die Abwehr macht und den Ball gerne im Mittelfeld aufnimmt, um die Spielkontrolle zu übernehmen, braucht einen Flügelspieler, der den Weg in die Tiefe sucht.

Die Rolle als linker Flügelspieler im 4-3-3 Barças passt nicht ideal zu Griezmanns Fähigkeitenprofil. Er nimmt selbst gerne (und gut) an Kombinationen teil, lässt sich gerne und oft ins Mittelfeld fallen – so fungiert er in Didier Deschamps‘ System bei der französischen Nationalmannschaft sogar häufig als Zehner – und er agiert am liebsten mit einem Sturmtank vor ihm, mit dem er Doppelpässe spielen kann, oder der ihm die Abwehrspieler vom Leib hält durch Läufe und körperliches Spiel, sodass „Griezy“ aus der Tiefe nach vorne stoßen kann. Bei Atlético war dieser Rammbock Diego Costa, bei Frankreich ist es Olivier Giroud.

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Derweil besitzt er nicht das selbe Tempo wie ein typischer Flügelstürmer vom Typ Dembélé, zudem ist er kein so guter Isolationsdribbler wie Dembélé oder Ansu Fati. Bei Barça versucht Griezmann nun wieder mehr, wie ein „richtiger“ Flügelspieler zu spielen. Der Franzose steht im Ballbesitz extrem breit – aus einer solch breiten Position ist es schwierig, torgefährlich zu werden, da die Distanz zum Tor schlichtweg zu groß ist. Doch seit seiner Zeit bei Real Sociedad hat er nicht mal als einer Flügelspieler agiert – und das merkt man ihm an.

In Kombinationen ist er ebenfalls kaum eingebunden, da er sich oft in isolierten Situationen befindet. Seine Tiefenläufe haben zudem (noch) nicht das richtige Timing. So besitzt der Ex-Atlético Stürmer oftmals keine Anbindung an das Spiel.

Das hat auch Ernesto Valverde selbst schon so thematisiert, der Barça-Coach sagte jüngst auf einer Pressekonferenz: „Griezmann ist an ein Spiel gewöhnt, das etwas anders als unseres ist. Bei Atlético befreist du dich immer sofort aus der Manndeckung [und sprintest in den freien Raum], in unserem Fall ist es anders, wir bauen das Spiel geduldiger auf. Bei uns wartest du immer auf die Aktion, um in den Raum zu starten. Griezmann muss diesen Moment noch erkennen. Er muss sich daran gewöhnen, und die Mitspieler müssen sich umgekehrt an ihn gewöhnen.“ 

Eine einfache und womöglich die vielversprechendste Lösung wäre es, Griezmanns Grundposition in Ballbesitz weiter in die Mitte zu schieben. Dort hätte er die Möglichkeit, zwischen Positionierungen für Kombinationen und Tiefensprints hinter die Abwehr zu variieren. Das ähnelt seiner alten Rolle bei Atlético Madrid, welche er hervorragend ausfüllte. Bisher zeigte sich der Franzose in seinen Positionierungen jedoch ungewohnt schwach; selbst wenn er in den linken Halbraum einrückte, war er selten ans Spiel angebunden.

Die (noch) fehlende Chemie zwischen ihm und seinen Mitspielern nimmt hierbei eine große Rolle ein. Alleine als Linksverteidiger agierten in dieser Saison mit Nelson Semedo, Jordi Alba und Junior Firpo bereits drei Spieler: Das erschwert die Eingewöhnung ins Barça-Spiel ungemein, zudem verpassten Griezmanns Sturmpartner Messi und Súarez weite Teile der Vorbereitung respektive Saison, was erschwerend hinzukommt.

Potenziell kann er jedoch aus dieser Position herausragende Durchschlagskraft entfachen, denn das generelle Timing seiner Tiefensprints ist schlichtweg weltklasse. Er liest die Bewegungen seiner Gegenspieler sauber und kann mit seiner guten Dynamik in die Lücken hineinsprinten.

Suárez mit seiner unkonventionellen Spielweise als Wandspieler ist zudem potenziell ein guter Ablagenspieler á la Diego Costa, der zusammen mit Griezmann eine Abwehr vor allerlei Probleme stellen kann.

Der verletzungsresistentere Franzose ist ebenfalls wichtig, damit Suárez genug Pausen während des Spiels und in der Saison bekommt. Denn was bei dem Transfer oftmals nicht berücksichtigt wird: Es war nie klar, ob die drei überhaupt viele Spiele gemeinsam bestreiten sollen.

Griezmann mag kein Spezialist sein, dafür kann er jedoch die Rolle Messis sowie die Rolle Suárez‘ so gut ausfüllen wie kein anderer Spieler im Kader. Immer, wenn einer der beiden eine Pause braucht, ist Griezmann der beste verfügbare Ersatz. Damit ist der französische Starangreifer ein extrem wichtiger Spieler im Kader, der mit Suárez und Messi nicht zwangsläufig koexistieren muss. 

Stellt Valverde das Barça-System um?

Das 4-3-3 gehört zu Barça wie die Baukräne zur Sagrada Família. Eigentlich unvorstellbar, dass es ein Trainer wagt, daran etwas zu ändern – und erst Recht nicht Ernesto Valverde, der bei den Culés ohnehin einen schweren Stand hat (es sei denn, ihm fallen verletzungsbedingt über einen langen Zeitraum alle Flügelspieler aus, wie das vor zwei Jahren der Fall war).

Dabei wäre eine Umstellung auf ein 4-4-2 mit einer Raute im Mittelfeld die womöglich beste Grundformation, um die drei Offensivkünstler gemeinsam einzubinden. Messi könnte in diesem System den Zehner hinter der Doppelspitze aus Griezmann und Suárez geben. 

Da sich der Argentinier für gewöhnlich im rechten Halbraum aufhält, könnte sich der französische Weltmeister passend im linken Halbraum bewegen und die letzte Linie situativ attackieren. Suárez kann dabei seine gewohnt umtriebige Art mit raumschaffenden Läufen auf die Flügel passend ausleben.

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Griezmann wäre aber auch für das Kombinationsspiel mit Messi gut geeignet, da er wie oben angesprochen über ein sehr gutes Spielverständnis verfügt. Wichtig wären hierbei aber zwei Faktoren:

Einerseits benötigt Barça angriffslustige Außenverteidiger, konkret: Jordi Alba muss in alter Stärke zurückkehren und im letzten Drittel die Breite geben. Schließlich gab es in den letzten Jahren keinen besseren Signature-Move als einen Messi-Flugball hinter die Abwehr, den ein heranrauschender Alba verarbeitet.

Dies könnte durch die die eingerückte Position Griezmanns noch einmal forciert werden und gleichzeitig würde man auch Gefahr durch die Mitte ausstrahlen. 

Der zweite Faktor wäre ein rechter Mittelfeldspieler in der Raute, der auf den Flügel rochiert und im Angriffsverlauf nach vorne stößt. Arturo Vidal wäre hierfür der ideale Spieler. Alternativ könnte Frenkie de Jong diese Rolle auch ausfüllen, sollte man den Rechtsverteidiger offensiver aufstellen. 

Dass es zu so einer kleinen, aber feinen Umstellung kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Valverde entpuppte sich stets als Pragmatiker, der im Zweifel einen Spieler unpassend(er) eingebunden spielen lässt, anstatt das Gesamtkonstrukt für diesen zu ändern – Messi ausgenommen.

Barça und Valverde haben also ein Rätsel zu lösen. Man darf gespannt sein, inwiefern Griezmann sich beim FC Barcelona in den kommenden Monaten zurechtfinden wird.

cavanisfriseurbanner

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Henri Hyna und entstammt einer Kooperation mit Cavanis Friseur, einem Blog über den internationalen Fußball. Ihr könnt Cavanis Friseur auf Twitter, Instagram oder Facebook folgen.

 

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