Frenkie de Jong: Weltklasse, aber entbehrlich – Darum will Barça ihn verkaufen

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Die Gerüchte um einen Abgang von Frenkie de Jong halten sich hartnäckig. Für viele ist es ein Fehler, dass Barça den Niederländer verkaufen will, schließlich verkörpert er weltklasse. Doch er wird in Barcelonas Spiel auch nicht optimal eingesetzt – weshalb er entbehrlich erscheint. Eine Analyse.

Frenkie de Jong: Ajax-Überflieger sollte Barcelonas Spiel prägen

Als Ajax Amsterdam 2019 in der Champions League für Furore sorgte, lag dies an mehreren Faktoren. Trainer Erik ten Hag formte ein homogenes Team, das neutrale Zuschauer durch ballbesitzorientiertes Spiel, Spielfreude und Offensivgeist begeisterte. Zwei junge Akteure ragten in der jungen Ajax-Elf besonders heraus – in der Defensive Abwehrchef Matthijs de Ligt, im Mittelfeld Taktgeber Frenkie de Jong.

Mit nur 21 Jahren übernahm de Jong die Rolle des Architekten und hatte aufgrund seiner Positionierung in einer Doppel-Sechs viele Freiheiten im Aufbauspiel. Pressingresistenz, Ballsicherheit, Laufstärke, Unerschrockenheit und Abgeklärtheit waren nur ein paar Kernelemente, die man de Jongs Spiel zuordnete. Am Ende der Saison 2018/19 wurde der Niederländer völlig zurecht zum UEFA Mittelfeldspieler der Saison gewählt, in der Folge jagte halb Europa den tief agierenden Spielmacher. Der FC Barcelona landete einen wahren Coup, setzte sich gegen die zahlungskräftige Konkurrenz aus Paris und Manchester durch und konnte sich glücklich schätzen, für 86 Millionen Euro das Rennen gemacht zu haben. Barça und de Jong – es schien wie ein perfekter Deal, da der Stil der Katalanen und jener von Ajax bekanntermaßen ähnlich sind. De Jong sollte für viele Jahre das Spiel des FC Barcelona im Zentrum prägen, eine tragende Säule der Blaugrana werden.

De Jongs Spielstil: Dribbler und Ballverteiler

In vielen Aspekten ist er auch dieser passende Spielertyp. Seine präzisen Pässe und sein herausragendes Raumverständnis sind gerade im gruppentaktischen Bereich sehr hilfreich; seine Pressingresistenz ist gerade für den FC Barcelona, der dominant auftritt und oftmals gegen tief stehende Gegner in engen Räumen operiert, Gold wert.

De Jong ist vom Typus her ein Spieler, der den Ball gerne aus tiefen Positionen in das Mittelfeld trägt, wobei ihm seine Dribblingfähigkeiten behilflich sind. Auch überspielt er gegnerisches Pressing auf einem Weltklasseniveau, kann sich immer wieder durch Antizipation, technische Finesse, eine starke Ballführung und Körperbeherrschung aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien. Deswegen hat er auch einige seiner besten Spiele gegen starke, hoch pressende Gegner gemacht. Den Ball von der Sechserpositon nach vorne treiben, ist de Jongs größte Stärke – doch just das macht die Sechs beim FC Barcelona seit jeher eben nicht. Barças Pivote, seit Ewigkeiten ist das Dreh- und Angelpunkt Sergio Busquets, ist ein statischer Ankersechser, der mit Ball wenig quer über den Platz läuft oder selbst dribbelt, sondern seine Position hält und die Bälle durch kluge Pässe verteilt, nicht durch Dribblings.

FC Barcelona hat im 4-3-3 einen statischen Sechser

De Jong ist ebenfalls stark im Passspiel, sowohl bei Flachpässen als auch bei langen Bällen über das Feld (siehe WhoScored-Tweet) – aber er benötigt Freiheiten, um seine Stärken auszuleben – Freiheiten, die es bei Barça als Sechser im 4-3-3 schlicht nicht gibt. Auf der Sechs hat der Niederländer nicht wie bei Ajax im 4-2-3-1 jemanden neben sich, der seine Vorstöße absichert. Doch genau das benötigt de Jong für sein Spiel – eine zweite Sechs, die die Position hält, wenn de Jong sie mal wieder mit Ball am Fuß verlässt.

Würde Frenkie de Jong die Sechs bei Barça so interpretieren, wie es seinem Spiel entspricht, wäre die Zentrale häufig entblößt, wenn er mal wieder nach vorne rauscht. Bei Ballverlusten oder schnellem Umschaltspiel des Gegners wäre das schlicht riskant, oftmals fatal. Zwar hat de Jong die Fähigkeiten, auch den beschützenden, ballverteilenden Sechser zu geben, seiner Natur entspricht dieser Stil aber nicht. Und an Busquets kommt er aktuell auch nicht vorbei.

Frenkie de Jong als Achter: Zu wenig Kreativität und Torgefahr

Also kommt de Jong beim FC Barcelona statt auf seiner Idealposition, der Doppelsechs, vornehmlich im zentralen Mittelfeld auf der Acht zum Einsatz (auch natürlich, da Busquets der perfekte Pivote für Barça ist). Hier agiert er damit im vorderen Drittel, wo sich de Jong aber wesentlich unwohler fühlt. Denn: Der Niederländer ist nicht der Spielertypus, der den tödlichen letzten Pass spielt, er ist nicht offensiv-kreativ genug (verglichen mit zentralen Mittelfeldregisseuren wie etwa Bernardo Silva, Kevin De Bruyne, Pedri oder Luka Modric, um nur ein paar Weltklasse-Achter zu nennen). Als Achter fehlt de Jong die Kreativität, um den berühmten letzten Pass in ausreichender Quantität wie Qualität zu spielen. Pro Spiel lieferte er letzte Saison gerade einmal im Durchschnitt 0,29 torerzeugende Aktionen (Quelle: fbref.com). Zum Vergleich: De Bruyne führt in dieser Metrik mit einem Wert von 0,86. Von den oben genannten Akteuren bildet Frenkie de Jong auch das Schlusslicht bei den “aktiven Pässen”, die zu einem Schussversuch (2,36) führen sowie bei den Schüssen aufs Tor (0.62) (Daten jeweils pro 90 Minuten). Auch die Torgefahr in Räumen vor und um den Strafraum geht de Jong oftmals ab – sieht man mal von seinem Traumtor per Schlenzer gegen die SSC Neapel in der Europa League ab. In zentralen Positionen am Strafraum scheut er gar oftmals den Torschuss, der von Haus aus sowieso nicht zu seinen Stärken zählt.

De Jong unter Xavi: Als Box-to-Box-Läufer verschenkt

Auffällig war daher, wie Barcelona-Coach Xavi Hernandez de Jong vergangene Saison oftmals als Off-The-Ball-Runner einsetzte, also als Spieler, der abseits des Balles Tiefenläufe in die Spitze machen sollte (ähnlich, wie das Arturo Vidal früher sowohl bei Bayern, Juventus als auch später beim FC Barcelona praktizierte). Dabei beraubt man so de Jong seiner größten Stärke: Denn er ist am besten, wenn er mit dem Ball aus der eigenen Hälfte oder von der Mittellinie andribbelt, das Spiel lenkt, den Ball über das Feld treibt und verteilt. In der Box-to-Box-Rolle als Barça-Achter machte er das aber viel zu selten, hier war er vielmehr oftmals Abnehmer im Strafraum anstatt Spielzug-Einleiter oder kreatives Element. Trotz offensiverer Rolle als in die Spitze stoßende Acht kam Frenkie nur auf vier Tore und fünf Assists in 46 Pflichtspielen für Barcelona in der vergangenen Saison.

FC Barcelona will de Jong verkaufen – vor allem aus finanziellen Gründen

So individuell stark de Jong auch ist, er benötigt eben auch ein bestimmtes System, um aufzublühen – ein System samt Rolle, welches es bei Xavis Barça so nicht gibt. Daher erwägt die Blaugrana, den Niederländer zu veräußern – schließlich ist die finanzielle Lage prekär und der 25-Jährige einer der größten Vermögenswerte im Kader. Wenn die sportliche Leitung von einem Spieler nicht zu 100 Prozent überzeugt ist, erscheint es nur logisch, Angebote im hohen zweistelligen Millionenbereich in Betracht zu ziehen – nicht nur um dringend benötigte Einnahmen zu generieren, sondern so könnte auch ein Großverdiener von der Gehaltsliste gestrichen werden. Die Frage ist letztendlich, ob es günstigere Spieler gibt, die den gleichen Job machen können, ob es einen besseren Fit auf der Acht gibt (Stichwort Bernardo Silva, Xavis Wunschspieler für das Zentrum) oder ob Xavi sich zutraut, seinen Schützling so weiterentwickeln zu können, dass er doch in das System passt.

Ein Verkauf würde schließlich einen Ersatz notwendig machen und neue Fragen aufwerfen. Auch wenn de Jong seine Probleme als Ankersechser hat, ist er zumindest eine Option für den zwangsläufigen, zeitnahen Wegfall von Sergio Busquets, der ohnehin nicht Eins-zu-Eins ersetzt werden kann. Auch sind seine Box-to-Box-Fähigkeiten samt unermüdlicher Lauf- und Kampfstärke auf der Acht eine interessante Option, die es so kein zweites Mal im Kader gibt. Für Barça ist ein möglicher Verkauf eine schwierige wie riskante Sache, die der Klub mit Bedacht abwägen muss. De Jong ist ein guter Spieler für den FC Barcelona, aber seine zweifelsfrei vorhandene Weltklasse kann er zu selten an den Tag legen, denn er benötigt ein passendes System um sich herum, um seine Stärken auszuspielen. Das macht ihn derzeit entbehrlich. Daher passt de Jong bis heute nicht optimal zum FC Barcelona, obwohl er eigentlich sehr viel mitbringt, was Barças Spiel benötigt. Und obwohl er vorgesehen war, die Geschicke des FC Barcelona im Herzen des Spiels viele Jahre lang zu leiten.

Dominik Herzog / Alex Truica

Dominik Herzog
Angehender Sportjournalist und Taktikanalyst bei Barcawelt.
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3 Kommentare

  1. Der Artikel ist sehr gelungen.
    Bei FDJ finde ich gerade seine Pressingresistents gut, er lässt sich kaum einen Ball abnehmen. Aber dann kommt genau das, was mich am meisten bei ihm stört. Wird ihm der Ball abgenommen, will er gleich einen Pfiff anstatt einfach dem Ball hinterher zu laufen und so den Konter zu unterbinden.
    Abgeben würde ich ihn nur ungerne und wenn dann wirklich nur für 80+20 Boni l, keinesfalls darunter

  2. Der Artikel trifft es gut. Ein Verkauf ist sinnvoll, angesichts der finanziellen Lage vielleicht sogar zwingend. Das Problem ist nur die Summe. Da hätte man 100 bekommen müssen. Grade von United. Leider kennt man unsere Situation und auch die Deadline heute, die vielleicht noch wichtig wird und wir haben da keinen Hehl draus gemacht, dass wir verkaufen. Umso wichtiger ist es, in den nächsten Saisons wieder aus einer stärkeren Position zu verhandeln. Das hängt in erster Linie an den Gehältern. Die Spieler mit den hohen Gehältern wechseln einfach häufig für weniger Geld. Daher müssen wir versuchen, ne vernünftige Gehaltspolitik zu bekommen, sodass man nicht immer zwingend darauf angewiesen ist zu verkaufen, sondern eben nur bei guten Angeboten.

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