Napolis Stärken und Schwächen in der Analyse

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Der FC Barcelona muss vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gehörig aufpassen, denn der SSC Neapel ist gefährlich und unberechenbar. Wir analysieren, worauf Barça gegen Napoli achten muss und wo die Schwachstellen der Azzurri liegen.

Unberechenbare Offensive

Wenn man einen Blick auf die Torjägerliste der Serie A wirft, sucht man auf den vorderen Plätzen einen Neapolitaner vergeblich. Mit Arkadiusz Milik (elf Tore in 26 Spielen) findet man den besten Napoli-Stürmer auf Platz 17 der Liste. Statistisch gesehen hat der SSC Neapel die viertschlechteste Chancenverwertung in Italiens oberster Spielklasse. Dies liegt vor allem bei Milik an zu großem Konzentrationsmangel im Abschluss; so erarbeitet sich der zweikampfstarke Pole zwar Chance um Chance, nicht selten verstolpert er dann aber den Ball oder kriegt einen Kopfball aus aussichtsreicher Position nicht aufs Tor.

Ob er oder der pfeilschnelle Dries Mertens als Mittelstürmer starten, ist zwar noch unklar; klar ist jedoch: Falls Mertens beginnen sollte, wird weniger von Lorenzo Insigne abhängen. Ob dieser aber einsatzfähig ist, ist die große Frage beim SSC Neapel. Insigne musste im letzten Ligaspiel gegen Lazio Rom mit Adduktorenproblemen ausgewechselt werden, seitdem macht Napoli ein Geheimnis daraus, ob der Nationalspieler im Camp Nou auflaufen kann. “Lorenzo hat mit der Mannschaft trainiert”, erklärte Trainer Gennaro Gattuso, “ich werde mit ihm sprechen, wenn er bei 100 Prozent ist, wird er spielen.”

Üblicherweise spielt Napoli im 4-3-3, vorne wirbelt Insigne über links, im Zentrum wechseln sich je nach Gegner Stoßstürmer Milik und hängende Spitze Mertens ab, über den rechten Flügel kommen Politano, Callejon oder Lozano. Auffällig ist: Wenn Mertens und Insigne gemeinsam auf dem Platz sind, gehen deutlich weniger Offensivaktionen über den Italiener, als wenn Insigne gemeinsam mit Milik auf dem Platz steht. Dann gilt der italienische Flügelflitzer als Zielspieler und Unruheherd im Spiel Neapels.

Insigne schlägt pausenlos Flanken aus dem Halbfeld, geht in Dribblings und wird stets von seinen Kollegen als Anspielpartner gesucht. Dennoch ist vor dem Tor in dieser Saison auch bei ihm ein wenig der Wurm drin. Von 60 Schüssen aufs Tor (Ligaweit Platz vier) fanden lediglich acht den Weg ins Tor, fünf davon waren Elfmetertore. Zudem hat der gebürtige Neapolitaner die zweitmeisten Schlüsselpässe der Liga zu verbuchen, lediglich sechs führten schlussendlich zu Assists. Auch Cheftrainer Gennaro Gattuso betonte nach dem 0:2 bei Inter Mailand am vorletzten Spieltag, dass alleine der Abschluss das große Problem seiner Truppe sei.

 

Zaghafte Verteidigung im eigenen Strafraum

Einen weiteren Schwachpunkt der Partenopei stellt der Umgang mit Situationen im eigenen Sechzehner dar. Mit Kostas Manolas, Kalidou Koulibaly und Nikola Maksimovic stehen der SSC Napoli zwar drei stämmige und spielintelligente Innenverteidiger zur Verfügung, seit dem Restart machte es dennoch häufig den Anschein, als ob dies nur ab der eigenen Strafraumgrenze gelten würde.

Nicht selten haben Ligakontrahenten einen bissigen Stürmer damit beauftragt, in Eins-gegen-eins-Duelle gegen Koulibaly zu gehen, der dafür die geordnete Abwehrreihe verlässt – so bieten sich in Napolis Hintermannschaft Räume für weitere Offensivkräfte. Meistens ging Koulibaly als Zweikampfsieger aus den Duellen hervor; wenn dem nicht so war, brannte es jedoch lichterloh vor dem Gehäuse Alex Merets oder David Ospinas, die sich im Tor abwechseln.

Spielt sich der Gegner in den Strafraum von Gattusos Team, wird es in der Regel sehr gefährlich. So hat Neapel immense Probleme, Flachpässe des anderen Teams zu unterbinden. Lediglich zwei Spiele ohne Gegentor aus den zwölf Partien seit dem Restart sind die Konsequenz (in einem davon wurden Sassuolo vier(!) Tore vom VAR aberkannt).

Zudem macht es des Öfteren den Anschein, als ob das Team vom Vesuv nicht mit voller Entschlossenheit in die Zweikämpfe in gefährlichen Bereichen geht, aus Angst, einen Elfmeter oder Freistoß aus naher Distanz zu verursachen. Als Folge kassiert Neapel nicht nur unnötige Gegentreffer, sondern steht am Ende der Saison als das Team mit den zweitwenigsten Gelben Karten (74 an der Zahl, Udinese Calcio hat 73) da – ausgerechnet die Mannschaft, die vom früheren Mittelfeldbeißer Gattuso trainiert wird wohlgemerkt. 

 

Kompaktes und vielseitiges Mittelfeld 

Das Prunkstück Napolis ist zweifelsohne das zentrale Mittelfeld. Allen voran die Winterneuzugänge Diego Demme (RB Leipzig) und Stanislav Lobotka (Celta Vigo) stabilisierten die Süditaliener, nachdem Allrounder Allan in der Hinrunde teils desaströse Leistungen an den Tag legte.

Demme und Lobotka übernehmen beide den Part als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive. Dabei gilt Lobotka als ballsicherer, reibt sich aber nicht so in Zweikämpfen auf wie der Deutschitaliener Demme. Gegen den Ball sorgen die beiden für die Grundordnung des Mittelfelds.

Auffällig ist dabei, dass Napoli phasenweise so tief steht, dass der Gegner dazu gezwungen wird, sich minutenlang den Ball in harmlosen Zonen zuzuspielen – auch der FC Barcelona kann davon im Hinspiel ein Lied singen. Barça sollte aufpassen, nicht in diese Situation zu kommen, denn wenn Napoli einmal den Ball gewinnt, geht es entweder auf direktem Wege über Insigne Richtung Tor oder er wandert per direktem und sicheren Kurzpassspiel durch das Mittelfeld (Napoli spielt die meisten Pässe der Liga, von denen 88 Prozent den Mitspieler erreichen – Ligabestwert).

Dabei sollte Barça Gattusos Team keineswegs viel Raum lassen. Auch die technisch versierten Spieler Elif Elmas und Fabián Ruiz sind stets für einen Geniestreich gut, Letzterer überragt mit einer ausgezeichneten Übersicht. Landet der Ball bei Piotr Zielinski, gilt es für die Katalanen, den Weg zum Tor zuzumachen. Schließlich zählt der 26-jährige Pole zu den besten Distanzschützen der Serie A und fasst sich Spiel für Spiel aus allen möglichen Lagen ein Herz. 

Lozano & Co.: Elanvolle Joker

Dass die Azzurri mit 23 Punkten aus zwölf Spielen das fünftbeste Team der Liga seit dem Restart ist – mit einer höheren Punktausbeute als Juve – hat man unter anderem der von der Bank aus kommenden Offensivkraft zu verdanken. Mit dem Mexikaner Hirving Lozano steht Coach Gattuso in jedem Spiel ein quirliger, aber standhafter Flügelflitzer als Alternative zur Verfügung.

Nicht selten legte er in den Schlussminuten einer vor sich hin plätschernden Partie Esprit an den Tag. So konnte er seit dem Restart als Joker gegen Genua und Hellas Verona treffen, um die Spiele zugunsten Napolis zu entscheiden. Sollten zudem Mertens oder José Callejón nicht in der Startaufstellung stehen, können sie durch ihren Zug zum Tor und Tempo ihren Kontrahenten in den Schlussminuten das Leben schwer machen. Auch Milik – sollte Mertens als Stürmer beginnen – ist in der Lage, nach einer Einwechslung mit Wucht und Durchschlagskraft die gegnerische Defensive zu fordern. 

So oder so muss der FC Barcelona gehörig aufpassen, denn Napoli ist ein extrem gefährliches Team

Benjamin König
Fútbol, Calcio, Fotball - in Spanien, Italien, Skandinavien. Redakteur bei Barçawelt, Podcaster bei Polarlichtspiel - dem skandinavischen Fußballpodcast
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