Taktische Analyse: Júnior Firpo – seine Stärken, Schwächen und Spielweise

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Der FC Barcelona hat Júnior Firpo von Real Betis als neuen Linksverteidiger und Backup von Jordi Alba verpflichtet. Doch was für ein Spielertyp ist der Neuzugang? Welche Stärken und Schwächen hat er? Wir betrachten Júnior Firpo in dieser tiefgehenden taktischen Analyse genauer.

Neuer Linksverteidiger für den FC Barcelona: Júnior Firpo ist der jüngste Neuzugang der Katalanen, er soll Jordi Alba entlasten und diesem Konkurrenz machen – und ihn auf mittel- bis langfristige Sicht auch auf der linken Seite ersetzen.

Aber was für ein Spieler ist Júnior Firpo und was kann er beitragen? Welche Stärken, Schwächen und welche Spielweise besitzt er? Diese taktische Analyse wird versuchen, ein detailliertes Profil des Spielers zu geben und diese Fragen auf dem Weg dorthin zu beantworten.

Spielerübersicht

Hector Júnior Firpo Adamés, besser bekannt als Júnior Firpo, ist ein moderner Außenverteidiger, der sowohl nach vorne als auch nach hinten gleichermaßen stark ist. Seine Hauptmerkmale sind ein hohes Tempo in Kombination mit Dribbling-Fähigkeiten und das Auge für einen guten Pass.

Sein Körperbau (1,84 Meter, 78 Kilogramm) bedeutet auch, dass er stark und gut in der Luft ist, sowie solide in der Verteidigung und im Zweikampf. Trotz seiner Tendenz, ein großer Teil des Verbindungs- und Aufbauspiels seines Teams zu sein, ist er immer noch ein Spieler mit wenig Erfahrung und viel Raum für Verbesserungen.

Unabhängig von seinen Pass-Fähigkeiten und mehr als anständigen Anlagen, sind seine Flanken und das generelle Spiel im letzten Drittel im Allgemeinen immer noch ausbaufähig.

Spielstil in der Defensive

Da er Verteidiger ist, ist es in erster Linie wichtig, dass Firpo über genügend Qualität in der Defensive verfügt, um Löcher stopfen und die wichtigsten Schwachstellen Barcelonas weitestgehend abdecken zu können. Ein Barça-Außenverteidiger zu sein bedeutet natürlich extrem angriffslustig zu sein, aber auch die andere Seite der Medaille darf nicht außer Acht gelassen werden.

Wenn wir nur seine Statistiken blicken, können wir sofort sehen, dass Firpo in der Eins-gegen-Eins-Verteidigung hervorragend abschneidet und ein sehr guter Tackler ist. In der vergangenen Saison hatte er in La Liga durchschnittlich 1,6 Tackles pro Spiel und wurde nur 0,6 Mal pro 90 Minuten überholt, was eine wirklich beeindruckende Statistik ist.

Ein Grund, warum er in solchen Situationen so gut ist, ist, dass er seinem Gegenspieler voraus ist, indem er aktiv nach vorne verteidigt. In den meisten Fällen, wenn er den Ball zurückerobert oder einen Pass abfängt, kann er antizipieren, wo die Gegner hinspielen wollen, und dann aggressiv in den Zweikampf gehen. Beachten Sie im folgenden Beispiel, wie er das defensive Setup seines Teams durchbricht, um mit einem perfekt getimeden Zweikampf den Überblick zu behalten.

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Eine weiteres Beispiel ist unten zu sehen, wenn der U21-Nationalspieler wieder einmal seinen vorgesehenen Platz auf dem Spielfeld verlässt, um sein Gegenüber in ein Duell zu verwickeln und zu versuchen, den Ball zu gewinnen, bevor der Gegner seinen Angriff organisieren kann. Firpos aktiver Druck auf Ball und Gegner mit dem Ziel der Balleroberung sticht einmal mehr heraus.

Diese Eigenschaft führt dazu, dass er durchschnittlich 4,44 Ballgewinne und 6,15 Rückeroberungen (davon 31,5% in der Hälfte des Gegners) anhäuft.

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Sein Tempo und seine Ausdauer bedeuten auch, dass er, selbst wenn das Team in einen Konter gerät, höchstwahrscheinlich in der Lage sein wird, den ganzen Weg zurück zu laufen um durch ein wichtiges Tackling den Ball wieder zurückzuerobern. Dies wird ein entscheidender Aspekt seines Spiels sein, wenn man bedenkt, dass Barcelona dazu neigt, im Ballbesitz weit aufzurücken und so im Rücken der Mannschaft viel Platz zulassen – gerade, wenn die Außenverteidiger weit aufrücken.

Im nächsten Screenshot gerät Real Betis in eine ähnliche Situation, in der Firpo gezwungen ist, zurückzulaufen, um den offenen Raum abzudecken, der durch seinen progressiven Lauf hinterlassen wurde. Er schafft es nicht nur, rechtzeitig dorthin zu gelangen, sondern grätscht auch dem gegnerischen Spieler makellos den Ball im Strafraum ab – eine Eigenschaft, von der nicht viele sagen können, dass sie sie in ihrem Arsenal haben.

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Ein Bonusmerkmal, das er für die Katalanen mitbringt, sind die Luftzweikämpfe. Barcelonas Spieler sind nicht wirklich bekannt für ihre Fähigkeiten in der Luft, weder offensiv noch defensiv. Im Durchschnitt gewinnt Firpo 55,3% aller Luftduelle und 57,6% aller Abwehrduelle im Allgemeinen.

Wenn wir nur die defensiven Beiträge von Firpo im Vergleich zu Jordi Alba berücksichtigen, sehen wir, dass der Unterschied zu diesem nicht wirklich groß ist.

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Jordi Albas (oben) defensive Statistiken im Vergleich zu denen von Junior Firpo (unten).

Spielstil in der Offensive

Obwohl Firpos defensive Leistungen und Statistiken mehr als nur anständig sind, ist es der andere Wirkungsbereich, der interessanter und vor allem beeindruckender ist: Die Offensive. Als extrem schneller Spieler wird Firpo oft durch seine überlappenden Läufe und scharfen Hereingaben in den Rückraum (Cutbacks) charakterisiert, wodurch er seinen Teamkollegen oft Chancen erspielt.

 

Tiefenläufe und Rückraumpässe

Und das ist der Grund, warum er so gut nach Barcelona passt. Werfen wir einen Blick auf einige seiner Angriffssequenzen und die allgemeine Positionierung in der Angriffsphase. Im Spiel von Real Betis verhält es sich ähnlich wie bei den Katalanen – sie spielen Ballbesitz-orientierten Fußball, in der letzten Saison hatte Betis im Durchschnitt 62% Ballbesitz. In diesem Szenario nutzten sie meist einen Flügelspieler, der nach innen zog, um Firpo dann in die Tiefe durchstarten zu lassen. Ganz im Stile Jordi Albas.

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Man beachte, wie Firpo auf der blinden Seite der Gegner positioniert ist und bereit ist, in den Strafraum zu stürmen und sich auf eine gute Hereingabe zu stürzen. Man stelle sich nun vor, Lionel Messi ist der Absender dieser Halbfeldflanke – und man kann direkt verstehen, warum Firpo zu Barça, zumindest in der Theorie, sehr gut passen sollte.

Ein weiteres klares Beispiel ist hier zu sehen: Betis hat die Verteidigung festgenagelt, genau wie die Katalanen es normalerweise tun, und Firpo ist hoch oben an der Außenbahnlinie und wartet auf den Ball, der hinter die Verteidigung gespielt werden soll. Und aufgrund seines schieren Tempos und der Fähigkeit, den Gegenspieler auszuspielen, machen ihn diese Attribute so effektiv.

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Im Durchschnitt versuchte der 22-Jährige 2018/19 3,08 Dribbles pro Spiel mit einer Erfolgsquote von 52%. Aber trotz dieser großen Tendenz, an seinem Gegenspieler vorbeizukommen und die Verteidiger auszuspielen, werden für Barcelona vor allem seine Cutbacks wichtig werden.

In der vergangenen Saison kam er auf drei Tore und fünf Vorlagen. Das ist noch weit entfernt von den drei Toren und 17 Vorlagen von Alba, aber Firpo spielte auch nicht mit Lionel Messi zusammen. Betrachten wir eine recht häufige Situation auf dem Platz: Firpo ist weit außen und hoch aufgerückt, genau wie Alba es normalerweise tut, sprintet dann mit Tempo in das letzte Drittel, kontrolliert den Pass und spielt dann, möglicherweise nachdem er seinen Gegenspieler ausgespielt hat, diesen Pass in den Rückraum an seinen heranlaufenden Teamkollegen.

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Es ist ziemlich einfach, die Ähnlichkeit zwischen diesem Beispiel und einer typischen Messi-Alba-Verbindung zu sehen, die Barcelona in den letzten Jahren dutzende Tore gebracht hat. 

 

Zusammenspiel und Aufbauspiel 

Es wurde bereits betont, dass das Passspiel ein wesentlicher Bestandteil des Arsenals Junior Firpos ist. Die Statistiken können das auch belegen. Hier sind seine Zahlen noch einmal im Vergleich zu Jordi Alba, da der Spanier in der kommenden Saison Konkurrent von Firpo sein wird.

Schon nach einem kurzen Blick sehen wir, dass Alba in jeder Kategorie überlegen ist, aber das war zu erwarten, teils wegen des (leichten) Qualitätsunterschiedes der Spieler und teils wegen des (leichten) Qualitätsunterschiedes ihrer jeweiligen Vereine in der Saison 2018/19. Aber Firpo kann sich definitiv behaupten, besonders wenn man die Genauigkeit in den verschiedenen Pass-Kategorien ansieht, die ziemlich nahe an der von Alba liegt. Das wird auch eine große Rolle bei seiner Anpassungsfähigkeit spielen: Eine gute Passgenauigkeit ist essentiell, um bei Barça spielen zu können.

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Jordi Albas (oben) Pass-Statistiken im Vergleich zu denen von Junior Firpo (unten).

Da Barcelona sehr auf Jordi Alba angewiesen ist – 35% aller Angriffe kamen über die linke Seite des Feldes – können die Katalanen nun ruhig schlafen, da sie wissen, dass Firpo einen großen Anteil am Angriffsspiel seiner Mannschaft hat.

Unten sehen wir eine durchschnittliche Pass-Karte aus einem der Spiele von Barcelona und Real Betis, wobei Alba und Firpo hervorgehoben sind. Wir können die Ähnlichkeiten in ihrem Spiel sofort erkennen.

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Beide Spieler sind klare Verbindungen zwischen Verteidigung und Angriff und dienen oft als direkte Station, um den Ball in das letzte Drittel zu bringen. Daraus ergibt sich, dass es ihre Aufgabe ist, entweder mit Ball am Fuß vorzustoßen oder diesen in Angriffspositionen zu empfangen und ihn dann weiter in die Füße der Angreifer zu leiten.

Und ihren Zahlen nach zu urteilen, sind beide Spieler hervorragend darin.

Um die Sache abzurunden, folgt ein Vergleich der Heatmaps beider Spieler, die sch äußerst ähnlich sind. Beide Spieler verbringen gerne Zeit in der Hälfte des Gegners, und beide Spieler sind extrem angriffsorientierte Außenverteidiger. Das alleine macht Firpo zu einem sehr guten Ersatz für Jordi Alba.

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Schlussfolgerung:

Junior Firpo ist sicherlich noch nicht der neue Jordi Alba, aber obwohl er erst 22 Jahre alt ist, ist er ihm schon ziemlich nahe. Und das sagt viel aus, zumal der erfahrene Barça-Dauerrenner einer der besten Linksverteidiger der Welt ist.

Wenn wir aus dieser taktischen Analyse etwas gelernt haben, dann ist das die Tatsache, dass Firpo hervorragend zu Barcelona passt, zumindest auf dem Papier. Wie groß sein Erfolg in Katalonien sein wird, bleibt abzuwarten, aber mit genügend Arbeit und einer gewissen Anpassung und Akklimatisation an Taktik und Mannschaft könnte sich der FC Barcelona tatsächlich Jordi Alba 2.0 geangelt haben.

 

Dieser Artikel ist ein übersetzter Gastbeitrag von Domagoj Kostanjsak und Teil einer Kollaboration mit Total Football Analysis, einer englischsprachigen Website, die sich der Analyse von Mannschaften, Spielen und Spielern widmet. 

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Alex Truica
Freier Sportjournalist, Podcaster und Chefredakteur Barçawelt
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