Unzählige Baustellen: Die Gründe für Barças schwache Saison

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Die Meisterschaft hat der FC Barcelona leichtfertig verspielt, somit droht die erste titellose Saison seit der Spielzeit 2007/2008. Die Gründe für die bislang schwache Spielzeit sind vielfältig – auf und neben dem Platz. Wir haben ein paar Ursachen für die enttäuschende Saison Barças zusammengetragen.

Retten kann die enttäuschende Saison des FC Barcelona nur ein Erfolg in der Champions League, was wohl auch die einzige Möglichkeit für Quique Setién sein dürfte, in der kommenden Saison noch auf der Trainerbank der Katalanen zu sitzen. Zumindest sollte Barça weit kommen, denn ein frühes Ausscheiden dürfte den Coach der Blaugrana seinen Job kosten. Doch an Setién alleine, der erst im Januar den Trainerposten übernahm, lag es natürlich nicht, dass Barça die Meisterschaft verspielte und insgesamt eine dermaßen enttäuschende Saison hinlegte.

Denn man muss mehr als zwei Jahre zurückgehen, um den Ursprung der Misere zu finden. Eigentlich beginnt die Krise der Katalanen schon im April 2018, als man nach einem schockierenden 0:3 bei der AS Rom im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinales ausschied.

Ein Déjà-vu erlebte die Blaugrana ein gutes Jahr später gegen den FC Liverpool: Diesmal standen die Katalanen im Halbfinale der Champions League und gaben den vermeintlich sicheren Finaleinzug trotz eines 3:0-Hinspielsieges durch ein traumatisierendes 0:4 an der Anfield Road noch aus der Hand.

Mentaler Knacks in Auswärtsspielen

Eine Woche später verlor Barça das Finale der Copa del Rey gegen Valencia – Trainer Ernesto Valverde war mächtig angezählt, stand kurz vor dem Rauswurf. Doch Barça wurde in beiden Spielzeiten jeweils (locker und verdient) Meister, die nationalen Erfolge retteten Valverde somit den Job, obwohl schon damals immer wieder Kritik am wenig berauschenden Spiel des FC Barcelona aufkeimte. Zu einem guten Teil lagen die nationalen Erfolge auch darin begründet, dass Dauerrivale Real Madrid erst in der aktuellen Saison den Abgang von Cristiano Ronaldo überwunden hat und zumindest ergebnistechnisch wieder ein Konkurrent für Barça war.   

 

Doch spätestens die 0:4-Klatsche in Anfield hatte psychologische Folgen für das Team, Barças Mannschaft bekam bei diesem Spiel einen mentalen Knacks. In der Hinrunde der aktuellen Saison ließen die Leistungen noch mehr als zuvor zu wünschen übrig, das Team trat verunsichert auf, reihte ein schwaches Spiel an das nächste, gerade in Auswärtsspielen war Barcelona nicht wiederzuerkennen. Barça gewann unter Valverde wettbewerbsübergreifend nur sechs der 13 Gastspiele, stellvertretend für die Auswärtsmisere stand das CL-Gastspiel bei Slavia Prag, bei dem Messi und Co. zwar mit Ach und Krach 2:1 siegten, aber einen fürchterlichen Auftritt hinlegten.

Die Verantwortlichen der Katalanen zogen letztlich erst nach dem Ausscheiden gegen Atlético in der Supercopa im Januar die Reißleine – mindestens ein halbes Jahr zu spät. Nach Valverdes Entlassung übernahm ziemlich überraschend Quique Setién, da Wunschkandidat und Barça-Legende Xavi (noch) nicht verfügbar war. Setién, ein Verfechter des Tika Taka und Cruyff-Anhänger, sollte Barça nun wieder besseres Positionsspiel und mehr Kreativität einimpfen und den Fußball spielen lassen, den sich alle Culés wünschen.

Unter Setién keine Besserung

Nach nun einem halben Jahr seit Amtsübernahme muss man konstatieren, dass sich nur sehr wenig im Vergleich zu Valverdes Amtszeit geändert hat – die Auftritte der Katalanen wirken großteils uninspiriert und behäbig, es ist kaum Tempo im Spiel und die einzige Lösung im Offensivspiel scheint (weiterhin) Lionel Messi zu heißen.

Auf den Schultern des Argentiniers lastet die gesamte Verantwortung, da seine Mitspieler entweder über ihren Zenit hinaus sind (Luis Suárez), (noch) nicht zum Spiel der Katalanen zu passen scheinen (Antoine Griezmann), mehr in der Reha sind als auf dem Platz (Ousmane Dembélé) oder noch zu jung sind und La Pulga (noch) nicht konstant unterstützen können (Ansu Fati). 

Ohne richtige Vorbereitung hatte es Setién natürlich extrem schwer, der Mannschaft mitten in der Saison seine Spielidee und Taktik zu implementieren. So wirkt es mitunter, als wenn nur ein paar Feinjustierungen vorgenommen wurden, das Team aber hauptsächlich immer noch wie unter Valverde spielt.

 

Verfehlte Transferpolitik

In der verfehlten Kaderplanung liegt einer der Hauptgründe für die unbefriedigende Situation in Barcelona. Alleine für Coutinho, Dembélé und Griezmann haben die Katalanen, berücksichtigt man etwaige Bonuszahlungen, schätzungsweise 400 Millionen Euro investiert, die in keinem Verhältnis zum bisherigen Output der Spieler stehen.

Coutinho soll nach seiner Leihe an den FC Bayern München – die Bayern werden ihn nicht fest verpflichten – wieder verkauft werden, vom schwer erziehbaren und dauerverletzten Dembélé würde sich Barça wohl gerne trotz deutlichem Transferminus wieder trennen und Griezmann konnte die gesamte Saison nur sehr selten überzeugen. Da er zumeist nur auf dem linken Flügel zum Einsatz kam und für diese Position nicht das nötige Skillset mitbringt, muss man sich die Frage stellen, wieso man so einen Spieler verpflichtet und 120 Millionen Euro Ablöse zahlt, im Wissen, dass die Position des Franzosen, die er bei Atlético einnahm, in Barças bevorzugtem 4-3-3 so nicht existiert. 

Überalteter Kader

Die Macher haben in den letzten Jahren nach Neymars Abgang unfassbar viel Geld verpulvert, ohne das Team zu verbessern. Darüber hinaus ist der Kader viel zu klein und aufgrund der Altersstruktur nicht ausreichend gut besetzt, um auf Topniveau in allen Wettbewerben konkurrenzfähig sein. Die Spieler wirkten nicht erst in den letzten Wochen träge, auch und gerade in der Hinrunde unter Valverde war eine mentale und körperliche Müdigkeit und Sattheit zu erkennen – auch, da der ein oder andere möglicherweise durch die vielen Erfolge der letzten Jahre nicht mehr den nötigen Erfolgshunger an den Tag legt.

Im Kern besteht das Team seit Jahren aus denselben Spielern, die alle bereits jenseits der 30 sind wie Piqué, Alba, Busquets, Rakitic, Messi und Suárez – die Wirbelsäule der Mannschaft ist schlicht überaltert. Das zeigt sich auch auf dem Platz, das Spiel der Blaugrana ist statisch und ohne ausreichende Bewegung, allzu oft stehen Spieler auf einer Linie oder sammeln sich kumuliert im Zentrum – Dynamik, Laufstärke und ein Flügelspiel sind praktisch oftmals nicht existent (sieht man von Jordi Albas typischen Läufen ab). Bis auf Kapitän Messi spielt keiner der Genannten mehr auf dem einstigen Niveau und das wirkt sich auf die Mannschaft im Gesamten aus. 

Ein (sanfter) Umbruch müsste allmählich her, doch um auf dem Transfermarkt tätig werden zu können, müsste der von der Corona-Krise finanziell stark getroffene FC Barcelona zunächst Transfererlöse erzielen – und den auf Kante genähten Kader somit noch weiter ausdünnen.

Ohne Einnahmen gibt es keine (oder nur sehr wenige) Neuverpflichtungen – so wird die Blaugrana in gewisser Weise zu ihrem Glück gezwungen und wieder einen genaueren Blick auf die Jugendschmiede La Masia werfen (müssen), die in den letzten Jahren extrem vernachlässigt wurde. An Riqui Puig und Ansu Fati kann man aktuell erkennen, dass nicht immer ein dreistelliger Millionenbetrag nötig ist, um die Mannschaft zu verstärken. 

Reizfigur Bartomeu

Zu den sportlichen Problemen gesellen sich die seit Monaten schwelenden Unruhen rund um den Verein und Präsident Josep Maria Bartomeu, die Anfang des Jahres in „Barçagate“ gipfelten, als den Katalanen vorgeworfen wurde, sie hätten ein Unternehmen beauftragt, um auf Social-Media gezielt Meinungen zu beeinflussen, um die Position Bartomeus zu stärken.

Barças Mann an der Spitze ist nicht erst seit dem Social-Media-Skandal umstritten, doch vor den turnusmäßigen Neuwahlen im kommenden Jahr wird er seinen Posten wohl nicht räumen müssen (oder wollen), auch wenn unter anderem die wegen Bartomeu im Frühjahr zurückgetretenen Vorstandsmitglieder öffentlich vorgezogene Neuwahlen forderten.  

Beim FC Barcelona gibt es zurzeit viele Baustellen, die sowohl sportlicher als auch vereinspolitischer Natur sind. Im Verein muss wieder Ruhe einkehren, dazu scheint eine Neuaufstellung auf und neben dem Platz unausweichlich. Wieso entschied sich Xavi wohl im Januar dafür, weiter in Katar als Trainer zu arbeiten, statt seinen Traumverein zu übernehmen und erklärte darüber hinaus, dass die Präsidentschaftswahlen ein möglicher passender Zeitpunkt sein könnten, um zu seinem Verein zurückzukehren?   

In der nahen Zukunft steht zunächst einmal das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen die SSC Neapel an. Es ist die letzte Chance für Barça, eine verkorkste Spielzeit noch zu retten. Der Umbruch beim FC Barcelona, er kommt wohl spätestens mit den neuen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2021 – und er ist dringend nötig, auf wie neben dem Platz.

 

Benjamin Schiffers / Alex Truica

 

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