Viel Ballbesitz, wenig Ertrag – Quique Setiéns Debüt in der Taktik-Analyse

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Alle Augen blickten beim Debüt Quique Setiéns natürlich auf die Änderungen des neuen Trainers. Letztlich war der Sieg des FC Barcelona gegen den FC Granada noch nicht überzeugend, jedoch konnte man schon viele gute Ansätze im Spiel mit dem Ball erkennen. Wie diese aussehen und welche Probleme Barça in dem Spiel hatte, wird in dieser Analyse beleuchtet.

Nun war es endlich so weit, nach einer turbulenten Woche stand am Sonntagabend das erste Pflichtspiel für Quique Setién als Cheftrainer des FC Barcelona auf dem Plan. Alles in allem deutet vieles darauf hin, dass wir bald wieder ein sehr dominantes Barça sehen werden. 

Gegen den FC Granada fehlte Setién neben dem langzeitverletzten Luis Suárez auch Frenkie de Jong aufgrund einer Sperre. Des Weiteren war Arthur noch nicht fit genug für 90 Minuten, was Barças neuen Coach dazu zwang, im Zentrum mit Ivan Raktitic und Arturo Vidal neben Sergio Busquets zu starten. Sicherlich keine Idealbesetzung, jedoch könnte gerade Vidals vertikales Spiel sehr nützlich für den Stil von Setién werden.

Das System Setién

Nach der Bekanntgabe der Aufstellungen erwartete jeder ein klassisches 4-3-3 mit Fati auf links, Griezmann zentral und Messi auf rechts. Allerdings setzte Setién, wie schon bei Real Betis, auf eine Dreierkette im Spielaufbau. Zwar konnte man gegen den Ball wieder ein 4-3-3 erkennen, jedoch wurde in Ballbesitz eine asymmetrische Aufstellung eingenommen.

Was bedeutet das genau? Einfach gesagt verhielt sich der rechte Verteidiger anders als der linke. Während Jordi Alba wie üblich weit nach vorne schob und dem Spiel die nötige Breite gab, agierte Sergi Roberto aus dem rechten Halbraum heraus und bildete gemeinsam mit Piqué und Umtiti eine Dreierkette. 

Diese erleichterte gegen das 4-4-2 der Gäste die Ballzirkulation. Im Vergleich zu einer breiten Viererkette ergeben sich mehr diagonale Passlinien und die Passwege sind kürzer – was es dem Gegner schwieriger macht, diese zu pressen. 

Es gab noch eine weitere Asymmetrie im Spiel der Katalanen. Da Alba links die Breite gab, rückte Griezmann im Sinne des Positionsspiels, bei dem die Außenbahn nur einfach besetzt wird, in den linken Halbraum ein. Auf der anderen Seite hingegen positionierte sich Ansu Fati sehr hoch, aber nahe an der Seitenlinie. Insbesondere nach diagonalen Seitenwechseln wurde der junge Flügelspieler gut eingebunden und deutete seine Qualitäten im Eins-gegen-Eins des Öfteren an.   

Das Zentrum wurde Barça- und Setién-like überladen. Dabei formten die Katalanen ein Fünfeck, das sich sehr flexibel verändern konnte. Zentral vor der Abwehr positionierte sich Busquets und spannte eine Raute mit der Dreierkette auf. Dies erlaubte eine fließende Ballzirkulation und ein einfaches Anspielen des Sechsers. Wichtig hier: die beiden Halbverteidiger Sergi Roberto und Samuel Umtiti positionierten sich etwas höher als Gerard Piqué. Folglich entstanden diagonale Passwege, die schwerer zu pressen sind und ein Anspiel ins Zentrum auf Busquets erleichterten.

1Grundaufstellung

Die Grundaufstellung der Katalanen im asymmetrischen 4-3-3, das sich in Ballbesitz als 3-1-4-2 oder 3-1-3-3 beschreiben lässt

Neben Busquets agierten Vidal und Rakitic. Beide sollten die Halbräume besetzen, mussten sich aber in ihrer Positionierung mit Antoine Griezmann und Lionel Messi abstimmen. Beide Stürmer positionierten sich nämlich sehr oft zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger, um so die Viererkette zu binden. Allerdings gab es Probleme, sobald die Feinabstimmung nicht passte. Gerade zu Beginn der Partie konnte man häufiger beobachten, wie sich Rakitic und Griezmann auf derselben vertikalen Linie befanden und ein Anspiel auf den Franzosen so nicht möglich war. Nach einer halben Stunde agierte dann der Kroate etwas breiter und Griezmann konnte im Zentrum gefunden werden. Alles in allem waren diese Positionierungen aber sehr variabel.

Von zentraler Bedeutung im Spiel von Barcelona war aber der Zehnerraum bzw. das Sturmzentrum (im obigen Bild rot markiert). Dieser Raum wurde mangels eines echten Stürmers nie durchgehend von einem Akteur besetzt. Im Gegenteil, er wurde stets nur für kurze Zeit gefüllt, um eine Anspielstation zu generieren. Durch das Freilassen dieses Raumes konnte sich der Gegner kaum darauf einstellen und man hoffte so einen freien Spieler zwischen den Linien zu finden. Allerdings funktionierte dies aufgrund anderer Probleme im Offensivspiel Barças nur selten, die weiter unten genauer beleuchtet werden.

Das Positive: viele Anspielstationen, gute Ballzirkulation

Quique Setién schaffte es durch wenige kleine Veränderungen, das Ballbesitzspiel des FC Barcelonas wieder schneller und flüssiger werden zu lassen. Während unter Valverde oft das Problem entstand, dass sich zu viele Spieler außerhalb des gegnerischen Defensivblocks befanden, wurden die Zwischenlinienräume gegen Granada dauerhaft besetzt. Barça war dadurch in der Lage, immer wieder eine Linie des Gegners zu überspielen. Alles in allem ergab sich vor allem im Zentrum ein Netz mit sehr vielen Anspielstationen. Dieses Netz ermöglichte es, den Gegner vor problematische Situationen zu stellen und den eigenen Angriff weiterzuentwickeln.

In den nächsten Wochen wird man sicherlich eine weitere Entwicklung dessen sehen und diese sauberen Positionierungen werden sich auf das Offensivspiel sowie das Gegenpressing positiv auswirken.

2Barcas Passwege

Dreiecke, Passoptionen und freie Räume durch ein sauberes Positionsspiel

Besonders in der ersten Halbzeit starteten viele Angriffe über den linken Halbraum durch Umtiti. Das Ziel war es wohl, links eine Überzahl zu schaffen und von da aus mit schnellen One-Touch-Kombinationen nach rechts auf Fati oder Messi zu verlagern. Einer der beiden sollte den freien Raum dann für eine gefährliche Angriffsaktion nutzen – sinnvoll, gehörten doch beide Akteure zu den einzigen, starken Eins-gegen-Eins Akteuren in der Startaufstellung.

Die Basis für Barças Kombinationen war die gebildete Raute im Zentrum. Griezmann ließ sich des Öfteren in eine zentralere Position fallen und konnte so vertikal von Umtiti angespielt werden. Wie man in der obigen Grafik erkennen kann, hatte der französische Innenverteidiger so vier Anspielstationen; zählt man Busquets dazu, waren es sogar fünf. Allerdings wurde der spanische Sechser regelmäßig von den beiden Stürmern zugestellt. Nichtsdestotrotz war Busquets der Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Insgesamt hatte der Sechser 179 Ballkontakte und spielte 157 Pässe. 

Über die vielen Passoptionen für Umtiti versuchte das Team von Setién, zwischen die Linien zu gelangen. Meist ließ der erste Akteur den Ball auf einen Spieler mit Blick zum gegnerischen Tor klatschen. Danach wurde sofort verlagert. Aus diesem Grund positionierte sich Vidal sehr nahe zu Busquets. Häufiger konnte man beobachten, wie entweder Rakitic oder Griezmann den Ball auf Busquets klatschen ließen und dann über Vidal auf die andere Seite verlagert wurde. 

Wie bereits erwähnt, versuchte man, Messi oder Fati zu finden. Durch die tiefere Position Vidals musste der Sechser weiter herausrücken. Folglich fand der argentinische Superstar im rechten Halbraum Platz für seine Dribblings. Oder er konnte die sich bietende Zwei-gegen-Eins-Situation gegen den Außenverteidiger Granadas mit Ansu Fati ausspielen. 

Hier fehlten allerdings oft noch die Präzision und das Tempo bei den Verlagerungen, weswegen diese Aktionen häufig im Sand verliefen. Speziell der fehlende zentrale Stürmer ermöglichte den Innenverteidigern von Granada, das Zentrum perfekt zu sichern und Messi mit Hilfe eines Sechsers zu attackieren. Die fehlende Offensivgefahr von Vidal führte dazu, dass der Sechser seine Position häufiger hielt. Ein kreativer Spieler wie Arthur oder Frenkie de Jong wird diese Räume hingegen nutzen können.

 

 

Des Weiteren ergeben sich bereits auf der linken Seite Vorteile für Barça, die aufgrund des noch nicht perfekten Positionsspiels nicht immer genutzt wurden. Die Vorteile bestehen darin, dass es schwierig ist für den Gegner, alle Passwege für Umtiti zu schließen. Insbesondere der gegnerische Flügelspieler sowie der Außenverteidiger stehen vor schwierigen Entscheidungen (im Bild oben sind beide rot markiert). Entweder der Flügelspieler schließt den Passweg zu Rakitic und lässt dabei Alba offen, oder er läuft von außen an, riskiert dann aber ein Anspiel auf Rakitic, der sofort ins Zentrum klatschen lassen kann. 

Darüber hinaus muss sich der Sechser dann gleichzeitig um Griezmann und Rakitic kümmern, da sonst Granadas Innenverteidger oder Außenverteidiger zu weit aus der Position gezogen werden. Gerade der Außenverteidiger steht vor einer schwierigen Entscheidung. Verfolgt er Griezmann und öffnet so sehr viel Raum auf seiner Position? Oder bleibt er lieber in der Viererkette, da Alba tiefer positioniert ist? Dann ist der Weg zu weit, um diesen zu pressen.

Die ersten Beobachtungen deuten bereits an, welche Vorteile sich dank eines guten Positionsspiels für Barcelona in der Zukunft ergeben können.

Das Negative: dichtes Zentrum, keine Alternativen

Letztlich schaffe es das Team von Quique Setién allerdings selten, wirklich Kapital aus der Überlegenheit im zweiten Drittel zu schlagen. Zu oft musste man sich durch ein viel zu enges Zentrum kombinieren. Das war auch der Hauptgrund, wieso die fehlende Besetzung des zentralen Raums keine Vorteile für den FC Barcelona brachte. 

3enges Zentrum

Granada zieht sich zusammen: Das Zentrum (rotes Rechteck) ist dicht

Granada war schlicht und ergreifend in der Lage, das Zentrum sehr kompakt zu machen. In der zweiten Hälfte ließ sich Messi dann immer öfter fallen, um mittels eines Dribblings für Dynamik und Gefahr zu sorgen. Jedoch passten die sonstigen Abläufe bei den Katalanen noch nicht zusammen. In der Folge war der viele Ballbesitz fruchtlos, Großchancen waren Mangelware.

Was fehlte, waren die Tiefenläufe hinter die Abwehrkette und die Balance zwischen Flügelspiel und Durchbruch durch das Zentrum. Durch Albas tiefere Position und den Charakteristiken von Griezmann und Rakitic gab es auf der linken Seite zu wenig Aktionen in die Tiefe, auch rechts starteten weder Vidal noch Fati Läufe hinter die Abwehr.

Dabei sind diese Laufwege von fundamentaler Bedeutung für ein gefährliches Offensivspiel. Entweder man kann die Abwehr mit einem Pass hinter die letzte Linie aushebeln, oder es ergeben sich Räume, da die Verteidiger weiter nach hinten gedrückt werden. Darüber hinaus müssen die Verteidiger den Ball und den Gegenspieler, der den Laufweg außerhalb ihres direkten Sichtfeldes startet, im Auge behalten. Das führt zu Fehlern in der Positionierung und Abstimmung beim Übergeben eines Gegenspielers. Wenn das Positionsspiel in Tore umgemünzt werden soll, benötigt es diese Aktionen ohne Ball.

Fazit: Barça benötigt mehr Dynamik und Vertikalität

Letztlich taten sich die Katalanen zwar schwer, konnten aber dann doch verdient den Sieg davontragen. Für Setién steht erwartungsgemäß noch sehr viel Arbeit bevor. Gerade im Offensivspiel benötigt es mehr Dynamik und Vertikalität, denn nur mit Spielern, die am besten mit Ball am Fuß sind, wird es schwierig. Auch ein zu großer Fokus auf das Zentrum wird das Angriffsspiel der Katalanen eher erschweren.

Die Lösung? Setién stehen Frenkie de Jong und Arthur wieder zur Verfügung, mit ihrer Kreativität aus dem Zentrum heraus werden sich einige Probleme lösen lassen. Eventuell kann Arturo Vidal das passende Gegenstück, denn er bringt Dynamik mit, wie man schon unter Valverde gesehen hat. Selbst unter Pep Guardiola beim FC Bayern München agierte der Chilene oft mit vertikalen Läufen in den Sechzehner und strahlte hier sehr viel Gefahr aus.

Man darf gespannt sein, auf wen Setién im Mittelfeld setzt. De Jong, Busquets und Vidal könnten gut zusammen harmonieren. Doch auch Arthur, Rakitic und der junge Riqui Puig werden um ihre Einsatzzeiten streiten. Ein echter Zentrumsstürmer würde Barças und Setiéns Spiel ebenfalls äußerst gut tun – es bleibt abzuwarten, ob die Katalanen im Wintertransferfenster hier tätig werden. Die nötigen Tiefenläufe in die Spitze kann derweil demnächst ein fast schon Vergessener beisteuern: Ousmane Dembélé.

 

Ein Gastbeitrag von Tobias Hahn, Gründer von Thefalsefullback. Thefalsefullback bietet Taktikanalysen zur Bundesliga und zu den internationalen Ligen, und stellt zudem Spieler, Teams und Trainer vor. Außerdem werden die nächsten taktischen Trends erläutert sowie Fußballtrainern ein Mehrwert durch Trainingsartikel angeboten. Wenn ihr mehr über das Thema Taktik wissen wollt oder gar Fußballtrainer seid, dann schaut doch mal auf der Seite vorbei: thefalsefullback.de.

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