Der Sieg des Totaalvoetbal über den modernen Catenaccio

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Nach drei aufeinanderfolgenden Niederlagen gegen sogenannte “Große Mannschaften” waren die Zweifel im Lager der Katalanen deutlich fühlbar. Viele Culés haben im Vorfeld der Partie gegen den AC Milan bereits die weiße Fahne gehisst und lediglich den Wunsch geäußert, dass sich der FC Barcelona ehrenvoll aus dem prestigeträchtigsten Klubwettbewerb in Europa verabschieden möge. Andere wiederum gaben die Hoffnung nicht von vornherein auf, wohlwissend, dass der Strohhalm, an den sie sich klammern, jederzeit wegzubrechen drohte. Nüchtern betrachtet sprach kaum etwas für ein Weiterkommen der Katalanen, doch sie haben uns einmal mehr eines Besseren belehrt. Im Folgenden werfen wir einen Blick zurück auf die Partie und klären auf, wie die Heimmannschaft “das Wunder vom Camp Nou” vollbracht hat.

Es würde die Realität nicht richtig wiedergeben, wenn man die beeindruckende Vorstellung gegen den AC Milan auf einen Aspekt reduzieren würde. Vielmehr haben die Spieler eine umfassende mentale Wandlung vollzogen und wurden dabei unverkennbar vom Trainerteam unterstützt. Ohne die Hingabe der Spieler und dem Ideenreichtum der Trainer wäre der Einzug ins Champions League-Viertelfinale nicht möglich gewesen, alle Protagonisten haben sich den Applaus der Fußballwelt redlich verdient, wobei die Glorifizierung – wie sollte es anders sein – wieder exzessive Formen annimmt, die sachlich, auch unter Berücksichtigung der tollen Darbietung, nicht gerechtfertig sind. Aber dazu sogleich mehr. Zunächst schauen wir uns die Schlüsselaspekte der Achtelfinalpartie an. 

  1. Laufbereitschaft und Intensität

    – Im modernen Fußball ist die physische Komponente im Spiel von zentraler Bedeutung. Während im taktischen Bereich aufgrund einer weitreichenden Systematisierung der taktischen Möglichkeiten keine revolutionären Fortschritte mehr zu erwarten sind, verbessert sich der körperliche Zustand der Spieler stetig. Die Physis einer Mannschaft ist zu einem sehr wichtigen Differenzierungskriterium hinsichtlich der Leistungsfähigkeit geworden. Eine suboptimale taktische Ausrichtung kann durchaus mit einem erhöhten Kampf- und Laufeinsatz ausgeglichen werden, andersrum gestaltet es ich schwieriger. In den Partien gegen Milan und Madrid wirkten die Spieler des FC Barcelona ausgelaugt und mental nicht auf der Höhe. Insbesondere im Clásico war das Gefälle in der physischen Leistungsfähigkeit eklatant. Die möglichen Gründe hierfür sind bereits hinreichend beleuchtet worden. Das taktische Konzept des FC Barcelona ist darauf ausgelegt, dass die Spieler viele Wege ohne Ball auf sich nehmen, sich demnach für den mannschaftlichen Erfolg aufopfern. Eine hohe Laufbereitschaft, hohes Commitment und eine hohe Intensität im Spiel bilden essenzielle Säulen im katalanischen Spiel – wie auch im Spiel jeder anderen Mannschaft. 

  2. Pressing/Gegenpressing – In einem engen Zusammenhang mit der körperlichen Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit steht das Pressing bzw. Gegenpressing. Der AC Milan wurde tief in der eigenen Hälfte unter Druck gesetzt und hatte massive Probleme beim Spielaufbau. Tore und Möglichkeiten resultierten daraus, dass der FC Barcelona den Ball häufig nahe am gegnerischen Tor erobern und sich dabei auch die Vorwärtsbewegung des Gegners zunutze machen konnte. Beim Spielaufbau gibt der Gegner seine Defensivordnung zu einem Großteil preis, die Spieler rücken aus und hinterlassen Lücken. Das starke Pressing wurde dem italienischen Widersacher zum Verhängnis, sie konnten keine Passmuster entwickeln, um die Region des starken Drucks zu überbrücken. Es ist lange her, dass man beim FC Barcelona ein derart vollkommenes Pressing beobachten durfte. Eine hohe Intensität und Laufbereitschaft sind eine Seite eines erfolgreichen Pressings, die korrekte Anordnung der Spieler und damit ein Höchstmaß an Systematik die andere. Dem FC Barcelona ist es gelungen, beim Pressing sehr kompakt zu stehen und den Raum für den Gegner stark zu verengen. Nicht selten waren die Spieler komplett isoliert und verloren unter Druck und ohne vorhandene Anspielstation den Ball an die Heimmannschaft.
  3. Die Abwehr – Eine wichtige Rolle beim Pressing/Gegenpressing spielten auch die Abwehrspieler. Die Trainer haben entschieden, Dani Alves auf rechts viele offensive Freiheiten zukommen zu lassen, damit er den Mangel an Breite durch Villas permanenten Aufenthalt im Sturmzentrum auffangen kann. Das ist kein Novum, Alves ist nahezu jeder Begegnung auf dem rechten Flügel anzutreffen. Alle anderen Abwehrspieler, einschließlich Jordi Alba, sollten ihre Ausflüge nach vorne restriktiver handhaben, um das von Alves’ Offensivdrang ausgehende Risiko aufzufangen. Es blieben drei Abwehrspieler zurück, die aber auch anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen hatten. Häufig sah man Piqué jenseits seiner angestammten Position beim Pressing, um es noch kompakter zu gestalten und die Räume zusätzlich zu verengen. Das war auch sinnvoll, ansonsten würden drei Abwehrspieler einen Stürmer verteidigen, was eine Verschwendung von Ressourcen begünstigen würde. Neben der Unterstützung des Pressings fiel auf, dass die Abwehr leicht nach links versetzt war. Jordi Alba hatte fast immer einen kürzeren Weg zur Seitenlinie als Gerard Piqué, der sich mit Stephan El Shaarawy zurechtfinden musste. Ratio dieser dem Anschein nach nicht zufälligen Ausrichtung könnte die Absicht der Mannschaft gewesen sein, Milan auf die von ihnen aus gesehen linke Angriffsseite zu locken(rechte Barcelona-Seite), in der Meinung, von rechts rühre weniger Gefahr her. Dieser Punkt ist freilich spekulativ, darf aber benannt werden. Eine große Überraschung war das Aufgebot von Javier Mascherano. Im Anschluss an das Spiel hat Jordi Roura deutlich gemacht, warum der Argentinier den Vorzug vor dem Kapitän der Katalanen bekam. Seine Fähigkeit, lange diagonale Bälle zu schlagen, die zudem noch präzise auf dem Fuß des Mitspielers landen, war demnach ausschlaggebend. Für Mascherano dürfte darüber hinaus auch der Umstand gesprochen haben, dass er in der Lage ist, den Ball auch im hohen Tempo eng am Fuß zu führen. Damit kann er leichter als Puyol ins Mittelfeld durchbrechen, wenn der Gegner seinerseits zum Pressing ansetzt.
  4. David Villa als Mittelstürmer – Florian hat in seiner Spielanalyse bereits die Vorteile eines Mittelstürmers im katalanischen Spiel benannt. Niemand eignet sich besser für diese Position als El Guaje. Aufgrund seiner Gefährlichkeit hat er stets die beiden Innenverteidiger beschäftigt und Lionel Messi damit in den Zwischenräumen den Raum gegeben, den dieser zur Entfaltung seiner individuellen Klasse benötigte. David Villa als Mittelstürmer aufzubieten war aber noch aus einem weiteren Grund eine gute Idee. Die Ausstrahlungswirkungen seiner Person auf die Handlungen des linken Außenverteidigers von AC Milan waren nämlich zu jeder Zeit sichtbar. Dieser ist nämlich nicht nur einmal stark eingerückt, um zusammen mit dem linken Innenverteidiger David Villa an seiner Lieblingsbeschäftigung zu hindern, namentlich dem Toreschießen. Womöglich war die Präsenz von Villa im Zentrum auch etwas zu gefahrenträchtig im Hinblick auf die Lücken im Defensivverbund. Das starke Einrücken des Linksverteidigers erlaubte es der Abwehr von Milan, sehr eng zu stehen und die Gefahr von Lochpässen zu minimieren – auf Kosten der rechten Außenbahn, auf der Alves sich sichtlich wohlfühlte und eine gute Leistung ablieferte. Ein weiterer Effekt dieses Vorgehens war, dass El Shaarawy stärker als im Hinspiel in die Defensive seiner Mannschaft eingebunden war. Damit hat der FC Barcelona die Schlagkraft dieses Spielers, der sich zuweilen am eigenen Strafraum aufhielt und weite Wege zum katalanischen Tor zurücklegen musste, stark beschränkt. 
  5. Weitschüsse – Ein Vorwurf an die Spieler von Tito Vilanova lautet dahingehend, dass sie zu selten aus der Ferne abziehen und den Ball ins Tor tragen möchten. Auch hier zeigten sich die Spieler stark verbessert und feuerten einige gefährliche Schüsse auf den Kasten der Italiener ab. Der Vorteil von Weitschüssen ist gewichtig genug, um benannt zu werden; nach zwei oder drei gefährlichen Schüssen wird sich die verteidigende Mannschaft zweimal überlegen, ob sie weiterhin so tief verteidigt oder ihren Mittelfeldverbund nach vorne beordert. Wählen sie letztere Variante und üben früher Druck aus, ergeben sich allerdings mehr Räume für ein Kombinationsspiel. Ein Dilemma für den Gegner, das der FC Barcelona mit Weitschüssen leicht provozieren kann. 

Der Irrglaube

Trotz aller Euphorie nach dem unverhofften Weiterkommen gegen den AC Milan sollten die Fans und insbesondere die Verantwortlichen jetzt nicht dem Übermut verfallen. Der FC Barcelona präsentierte sich schlicht herausragend, der Totaalvoetbal hat seine grundsätzliche Überlegenheit gegenüber dem modernen Catenaccio demonstriert. Allerdings muss man auch in Betracht ziehen, dass der AC Milan womöglich nicht seinen besten Abend erwischte, was die Leistung der Spieler aber keinesfalls schmälern soll. Die Spiele gegen Real Madrid haben Defizite zutage gefördert, die gegen den AC Milan bedingt durch ihre Spielanlage gar nicht zum Tragen kommen konnten. Insofern kann dieser Sieg und der Einzug ins Viertelfinale nur als ein Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, ein relationaler Erfolg, der nicht in den Glauben einer absoluten Überlegenheit münden sollte. Aber das braucht man den Trainern und den Spielern nicht zu erzählen.

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