Brennpunkte | Barças Systemfrage, Defensivschwäche und fehlende Ideen

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Barça unterliegt Atlético aufgrund einer dürftigen Leistung und verliert weiter den Anschluss an die Tabellenspitze. Am Ende war eine schwache Offensivleistung für die Niederlage verantwortlich, jedoch muss sich Trainer Koeman auch Fragen zu seinem System und seiner personellen Besetzung gefallen lassen – unsere Brennpunkte. 

Grundsätzlich könnte man für das Spiel des FC Barcelona bei einem kampfstarken Gastgeber Atlético Madrid auch einen Brennpunkte-Artikel der letzten oder sogar der vorletzten Saison kopieren und einfügen. Man würde zumindest eine sehr hohe Trefferquote erhalten. Hätte nicht Ronald Koeman auf der Bank gesessen, hätte es sich bei diesem Spiel gut und gerne auch um eine Wiederholung eines Matches aus den vergangenen Jahren handeln können. 

Erneut zeigte die ehemalige katalanische Übermacht einen extrem blutleeren und ideenlosen Auftritt. Während die schlechte Mannschaftsleistung in der Vergangenheit jedoch meist durch individuelle Höchstleistungen (Lionel Messi und Marc-André ter Stegen) kaschiert wurden, reihten sich diese beiden gegen Atlético nahtlos in das schwache Kollektiv ein. 

Passt das System zum Spielermaterial?

Nominell stand auf der Taktiktafel von Koeman vor dem Spiel gegen Atlético Madrid wohl eine 4-2-3-1-Formation mit Messi als Zehner, Griezmann an vorderster Front und Dembéle und Pedri auf den beiden Außenbahnen. Abgesichert wurde die vielversprechende Offensive von Miralem Pjanic und Frenkie de Jong auf der Doppelsechs. 

Nun hat sich der Coach der Katalanen vor dem Spiel Gedanken gemacht und ließ insbesondere auf den beiden Flügelpositionen asymmetrisch agieren. Während Dembélé die Breite hielt, agierte Pedri auf der anderen Seite eher invers und driftete sehr oft in den Zehnerraum ab. Die beiden defensiven Außenbahnspieler verhielten sich jeweils spiegelverkehrt. Alba stand hoch und breit, Roberto rückte eher zum Zentrum auf. 

Zwar konnte dadurch Dembélé anfänglich das ein oder andere Mal gut eingesetzt werden, viel mehr sprang durch den Kniff jedoch nicht heraus. Pedri überfüllte durch seine Laufwege den Zehnerraum, da er wie Messi und Griezmann ein Spieler ist, der lieber entgegen kommt und mit dem Ball am Fuß nach vorne geht statt Läufe in die Tiefe zu machen. 

Und das macht das Ganze für Atlético recht einfach zu verteidigen. Messi, Griezmann und Pedri standen auf engstem Raum und konnten so sehr einfach gedeckt werden. Dazu mussten sich die Madrilenen keine Sorgen um gefährliche Läufe hinter die Kette machen und konnten so problemlos eng und kompakt stehen. 

Nun spricht ja grundsätzlich nichts gegen ein 4-2-3-1 System – im Weltfußball praktizieren dies gerade einige Mannschaften nicht gerade unerfolgreich (z.B. der FC Bayern München). Nimmt man jedoch gerade die Münchner als Referenz und vergleicht das Spielermaterial und die Spielweise, fallen mehrere Aspekte direkt auf. 

Bei den Bayern spielt auf der Neun ein echter Mittelstürmer, der lange Bälle festmacht, zwei Innenverteidiger bindet (so den Spielern im Zehnerraum Platz verschafft) und am Ende jedes Angriffes die Box besetzt, um die notwendigen Tore zu erzielen. Im Kader der Blaugrana sucht man seit dem Suárez-Abgang vergebens nach diesem Spielertyp. 

Des Weiteren gehen bei den Münchnern konsequent mindestens zwei Spieler in die Tiefe und machen Laufwege hinter die Kette. Meist sind dies die beiden Flügelstürmer, aber auch von der Doppelsechs macht insbesondere Leon Goretzka immer wieder Läufe in die Tiefe und erzielt dadurch viele Torbeteiligungen. 

Selbstverständlich sind de Jong und Pjanic nicht die Typen, die solche Laufwege machen – dennoch muss man sich zumindest dann die Frage gefallen lassen, ob die beiden auch mittelfristig zusammen funktionieren. Beide Spieler sind eher der Spielmacher aus der Tiefe, der jeden Angriff initiieren möchte. Box-to-Box-Player sucht man in Barças Startformation dagegen vergebens. Erst zum Ende der Partie, als Sergi Roberto auf der Sechs agierte, waren die Laufwege in die Tiefe zu sehen. Allerdings fehlt Roberto die Torgefährlichkeit, um Kapital aus solchen Situationen zu schlagen. 

Koeman möchte zwar ein 4-2-3-1 System spielen, ob das jedoch mit dem vorhandenen Spielermaterial die richtige Formation ist, sei dahingestellt. Offenbar hat Koeman jedoch diese Schwachstellen schon vor der Saison gesehen – nicht umsonst wollte er mit Memphis Depay einen Stürmer und mit Georginio Wijnaldum einen Box-to-Box-Player haben. 

 

Defensive Schwächen 

Auch die Schwächen der Katalanen in der Defensive sind nichts Neues, jedoch definitiv erwähnenswert, weil entscheidend. Dass sich dieses Mal ausgerechnet beim sonst so konstanten ter Stegen der Fehlerteufel eingeschlichen hat, war nicht der einzige Grund für die Niederlage. Zudem war der Keeper garantiert nicht der Alleinschuldige für den Treffer. 

Immer wieder wurde in der ersten Halbzeit deutlich, dass Barça mit schnellen Angriffen und Läufen in die Tiefe extreme Probleme hat – eben genau dieses Werkzeug, welches die Katalanen in der Offensive kaum einsetzen, bricht ihnen defensiv regelmäßig das Genick.

Bereits vor dem Gegentor und auch danach hatten die Gastgeber immer wieder gefährliche Angriffe mit drin – die alle nach dem ähnlichen Muster abliefen. Ein Spieler geht tief, im Zentrum kriegt Barça keinen Druck auf den Gegner und es konnte ein Pass in die Tiefe gespielt werden. So konnte Marcos Llorente (definitiv kein Sprintwunder) das ein oder andere Mal hinter die katalanische Kette kommen und für Gefahr sorgen. 

Blickt man auch hier wieder zu Europas Elite, fällt auf, dass bei den meisten Top-Innenverteidiger-Paaren zumindest ein schneller Spieler dabei ist. Barça hat auch hier nicht einmal einen im Kader. Und nun, nach Piqués schwerer Bänderverletzung

, nur noch einen gesunden Innenverteidiger. 

Barça benötigt Ideen und Kreativität 

Nein, Ousmane Dembélé zeigte gegen Atlético Madrid keineswegs eine gute Leistung. Dennoch kann er hier als Lichtblick aufgeführt werden. In einer Mannschaft, die ideenlos und total uninspiriert agiert, hatte man zumindest in Halbzeit eins das Gefühl, dass der Franzose etwas reißen wollte. Immer wieder spielte er seine Schnelligkeit aus und ging mutig in ein Dribbling nach dem anderen. Er traute sich was (was nicht immer klappte) und damit hob er sich von vielen anderen Spielern in diesem Spiel ab. Und wer weiß, ob Dembélé mit einem echten Mittelstürmer auf der Neun nicht noch effektiver wäre.

Auch Sergiño Dest kann man in eine ähnliche Kategorie einordnen. Auch der US-Nationalspieler spielte (in der kurzen Zeit) nicht besonders gut, jedoch bringen diese Spieler eine Frische ins katalanische System, die der stotternde Kurzpass-Motor derzeit unbedingt gebrauchen kann.

Nachdem Sergi Roberto nun mit einem Riss im Oberschenkelmuskel zwei Monate fehlen wird, wird Dest nun rechts hinten gesetzt sein. Wenn die Katalanen so uninspiriert wie zuletzt gegen Defensivbollwerke agieren (siehe auch das Spiel bei Deportivo Alaves), benötigt Barça unbedingt technisch starke und trickreiche Flügelakteure, die durch Einzelaktionen ihren Gegenspieler abschütteln und so Räume und letztlich Chancen kreieren. Auch Dests Schnelligkeit und Draufgängertum kann Koemans Mannschaft in dieser Hinsicht in Zukunft helfen. So wichtig Roberto als Allzweckmesser und zuverlässiger Akteur auch ist, ein Spieler, von dem durch Einzelaktionen etwas ausgeht, ist er nicht. Anders als Dembélé oder eben Dest, auf die es nun durch die schweren Verletzungen von Ansu Fati und Roberto vermehrt ankommen wird.

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