Barças Herzschmerz: Andrés Iniesta und die Poesie der spielerischen Balance

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Warum ist der FC Barcelona so viel besser, wenn Andrés Iniesta auf dem Platz steht? Eine Antwort auf diese Frage lieferte Barças Nummer Acht höchstpersönlich in seinem jüngsten Comeback. Im Clásico schien es so, als hätten Messi und Co. jegliche Dominanz im Mittelfeld aufgegeben. Der Ballbesitz war zwar vorhanden, kreative Einfälle ergaben sich aber erst mit der Einwechslung von ‚Don Andrés‘. Wie kein Zweiter sorgt Iniesta auch gegen Gladbach für Torraumszenen, Ballzirkulationen und Gelassenheit. Nachfolgend erfahrt Ihr, wie ihn diese Attribute für Barça 2016/17 unbezahlbar machen. Zudem haben wir einige Aussagen über den Kapitän von einem gewissen Lionel Messi herausgekramt.

Seit nun mehr als 20 Jahren schweben die 171 Zentimeter Köpergröße von Andrés Iniesta über die Grasspitzen der europäischen Fußballplätze. Mit wunderbarem Witz wendet und dreht sich der kleine Mittelfeldspieler aus jeder noch so verzwickten Spielsituation heraus und lässt die Gegenspieler reihenweise ins Leere grätschen. So gleitet der Mittelfeldakteur auch heuer nach seiner Genesungspause im Stile eines Buttermessers an den meist jüngeren Rivalen vorbei. Obwohl der Routinier sich mit 32 Jahren bereits im Spätherbst seines aktiven Fußballer-Daseins befinden dürfte, scheint dessen Geist und Physis keinen Funken von der brillanten Spielintelligenz und Körperbeherrschung vergangener Tage eingebüßt zu haben. Der Schnellste ist der Spanier nicht, war er nie und wird er vermutlich auch nie mehr werden und dennoch schafft er es mit einem Schnittstellen-Pass oder einer Körperverlagerung Raum und Zeit für die Mitspieler zu schaffen und anzuhalten. Mit dem Welt- und Europameister findet Barcelonas Spielzentrum plötzlich wieder zu alter Balance und wird zum Fixpunkt zwischen Abwehr und Sturm.

Andrés Iniesta und…

… eine aussterbende Art des Mittelfeldspielers

Iniestas Können vereint die Fähigkeiten seiner illustren Teamkollegen: er spielt den Pass wie Messi, startet Diagonalläufe wie Neymar und fährt seinen Puls in brenzligen Situationen nach unten wie Sergio Busquets. Vor gut einer Dekade war Barcelona noch im Besitz drei solcher Spieler, die mit jenen Gaben gesegnet waren. Mit Deco und Xavi fand der junge Andrés nicht nur sportliche Vorbilder, sondern zwei Seelenverwandte, mit denen er vergnügt die Ode an die Eleganz anstimmen konnte. Unter Luis Enrique hat mit dem Abgang von Altmeister Xavi Hernandéz jedoch eine Umwälzung des Mittelfelds stattgefunden. Der einstige wagemutige Anmut ist längst einer physischen Radikalität gewichen. Namen wie Ivan Rakitić, Rafinha Alcántara, Arda Turan und André Gomes stehen sinnbildlich für diesen Wandel. Sie alle sind technisch beschlagen und beherrschen das Kleine Einmaleins des Zweikampfs, doch Iniesta ist der, der fast gänzlich auf die Brechstange verzichtet und die spielerische Lösung findet.

… die harmonische Schlüsselrolle

Lässt man den Blick durch Barças Feldreihen streifen, so zeichnen sich in der Defensive, dem Mittelfeld und im Angriff Schlüsselrollen ab: Piqué hält die Defensive lautstark zusammen, Busquets fängt gegnerische Attacken ab und Messi ist einfach Messi. Iniesta aber hält an schlechten Tagen den ganzen Laden und das Gleichgewicht zwischen all diesen Komponenten zusammen. Die Harmonie am Mittelkreis kann nur herstellen, wer selbst nicht in Hast verfällt. Iniesta ist immer schweigsam und konzentriert zugleich, wenn er die Poesie mit seinen Füßen malt. Im letzten Spiel brachte er innerhalb von 60 Minuten 108 Pässe mit einer Genauigkeit von 91% an den Mann. Seine Besonnenheit in Stresssituationen springt in erster Linie während schwieriger und großer Partien auch auf seine Teamkollegen über.

… die innere Mitte von Sergio Busquets

Wie groß Iniestas Einfluss auf die restlichen Teile des Kaders ist, lässt sich am stärksten an der Leistung von Sergio Busquets ausmachen. Während Busquets‘ Spiel vor allem von dem passiven Abwarten, der Antizipation und dem Gefühl für den Raum und Spieler geprägt ist, profitiert der Sechser auch von den Passstafetten in den eigenen Reihen. ‚Denn wenn du den Ball hast, kann der Gegner kein Tor schießen‘, ein Credo, das sich seit unzähligen Dekaden in die Köpfe der katalanischen Jugendspieler gebrannt hat.

Die anfänglichen Sicherheitspässe von André Gomes und die physisch geprägte Spielart von Ivan Rakitic zermürbten auf Dauer den freudigen Stil des Sergio Busquets. Im Radius von Iniestas Präsenz kann ‚Busi‘ nun aber wieder zu seiner Bestform finden. Mit jedem Doppelpass zwischen den beiden Nationalspielern wirkt das Spiel von Barças ‚Krake‘ stetig sicherer und selbstbewusster. Durch Iniestas Regieführung im zentralen und offensiven Mittelfeld, kann sich Busquets wieder darauf konzentrieren in der Rückwärtsbewegung Pässe zu blocken und bei eigenem Ballbesitz den Gegner durch seine geschickte Ballbehandlung in den Wahnsinn zu treiben. Gerade in Zeiten, in denen ein Rakitic überspielt wirkt, ist Barcelona auf die Originalität der zwei La-Masia-Urgesteine angewiesen.

… seine Verantwortung für Denis Suárez und André Gomes

Einige Fans und Medien hatten sich von Barças beiden Neuverpflichtungen erhofft, sie könnten Iniestas Rolle in dessen Abwesenheit einnehmen. Während Denis Suárez solide Ansätze zeigte, wirkte Andre Gomés vermehrt überfordert und verloren in den endlosen Weiten des Camp Nous. Die Rolle des jungen Portugiesen scheint vom Cheftrainer noch nicht klar vorgegeben zu sein. Mal spielt er auf der Sechs, mal auf der Acht, mal wechselt er zwischen beiden Positionen. So ist es dem 23-Jährigen nicht zu verübeln, dass er sich zwischen den Aufgaben für die Defensive und den Angriff hin und her gerissen fühlt. Mit Iniestas Rückkehr in die Formation legten Gomes und Suárez beide an positiven Zweikampfwerten und Explosivität zu. So spielte sich im CL-Spiel gegen die Borussen eine Szene ab, in der Iniesta Gomes deutlich gestikulierte mit und ohne Ball weiter nach vorne zu rücken. Somit appellierte der unersetzliche Legionär als Vorbild und Motivator an den Mut derjenigen, die ihn in ein paar Jahren beerben könnten.

… das Leuchten im Dunkeln

Es ist nicht unbedingt der Ballon d’Or, der beim sportlichen Stromausfall im Fußballtempel des FCB das Team wieder anpeitscht. Iniesta hätte die populärste Auszeichnung für die individuelle Leistung vielleicht jedes Jahr gewinnen können, wäre er nicht im Zeitalter der Messis und Ronaldos geboren. Das Einzige was Iniesta vielleicht fehlt ist die Kompromisslosigkeit im Torabschluss. So wird man das Gefühl nicht los, der Künstler wolle das runde Leder lieber streicheln, als mit dem Vollspann drauf zu prügeln. Doch bei den Katalanen bringen heuer sowieso andere den Ball im Tor unter. Iniesta gibt in erster Linie Idee, Impuls und Takt vor. Den Schatten, in dem er sich befindet, hat er längst akzeptiert. Mit dem Aufstieg des südamerikanischen Trios ‚MSN‘ ist Iniesta nicht nur statistisch in den Hintergrund gerutscht, sondern wird in der Wahrnehmung einiger Medien nicht mehr als relevanter Faktor für das offensive Spiel der Katalanen betrachtet. Dabei ist Iniesta die eigentliche ‚Zutat X‘, die Barça so viel besser, variabler, besonnener und chancenreicher macht. Wie viele Pre-Assists ‚ ‚El Ilusionista‘ in den letzten Jahren gemeinsam mit dem langewachsenen Sergio Busquets schon gesammelt hat, steht in den Sternen. So oder so dürfte die Zahl astronomische Ausmaße annehmen. Wenn alle Stricke reißen kommt oft Messi mit einem wunderbaren Freistoß oder Sololauf daher. Fällt das Flutlicht im Camp Nou über lange Strecken aus und Barça verliert die Dominanz und verfällt in Hektik, ist Andrés Iniesta der Mann mit der Taschenlampe.

Messi über seinen Compañero (Interviewauszug ’skysports.com‘ vom 12.09.16)

„Ich stelle ihn mir immer mit dem Ball am Fuß vor, etwas, was ihn zeitlos erscheinen lässt. Das ist die Art und Weise, an die ich mich gewöhnt habe, wie ich ihn sehe. Er erledigt alles gut, mit einfachen Mitteln. Es gibt Momente, in denen es so aussehen könnte, als ob er nichts tun würde, aber der Fakt ist, dass er alles tut. Alles ist anders mit Andrés. Das Schwerste, was man im Fußball machen kann, ist es, alles einfach aussehen zulassen, mühelos, das ist Andrés.

Er hat mehr Ballkontakte als ich; er ist derjenige, der Aktionen beginnt, der die Dinge in Bewegung bringt. Ich weiß, wie schwer es ist, das zu tun, was er tut. Sein Spielstil ist anders, er stammt aus der Zeit, als er sehr klein war, auch wenn er sich über die Zeit und unter unterschiedlichen Trainern stark entwickelt hat. Vielleicht kann man sagen, dass wir beide die Straße in uns tragen, in Bezug auf unsere Art zu spielen.

Wenn du ein Kind bist, und auf der Straße spielst, dann nimmst du Sachen mit, die später sehr wichtig für dich sind. Du gewöhnst dich daran mit älteren Spielern zu spielen und deinen Spielstil deswegen nicht zu verändern; du spielst auf deine Art. Andrés und ich ähneln uns darin, dass wir unsere Körper oft einsetzen, um unseren Gegenspielern zu entgehen. Aber er hat etwas, was mich jedes Mal beeindruckt: Da gibt es immer einen Moment, in dem du denkst, dass du ihn fangen kannst, aber du kannst es nicht. Er ist nicht besonders schnell, aber er hat die Fähigkeit immer von dir loszukommen, was auf seine Technik zurückzuführen ist.

Wir gleichen uns in dem Sinne, dass wir nicht so viel reden. Er sitzt in einer Ecke, ich sitze in einer anderen. Aber unsere Wege kreuzen sich, wir verbinden uns, nur mit einem Blick verstehen wir uns gegenseitig. Wir brauchen nicht mehr. Auf dem Platz mag ich es, wenn er in meiner Nähe ist, vor allem, wenn das Spiel eine schlechte Wendung nimmt und die Dinge schwierig werden. Das ist der Moment, in dem ich zu ihm sage: ‚Komm näher ich will dich an meiner Seite.‘ Er nimmt die Kontrolle und Verantwortung an sich; er führt das Team. Im Finale haben Andrés, Xavi, Busquets und ich es immer gemocht, zusammenzukommen, um uns einen zahlenmäßigen Vorteil zu geben, um den Ball und das Spiel zu kontrollieren. Wir haben so viele freudige Momente gemeinsam erlebt und ich erinnere mich speziell an die emotionale Umarmung im Bernabeu (2015/16) nach (s)einem Tor. Das war eine liebevolle Geste von ihm.“

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