Lionel Messi und die Steuern: Oh, wie schön ist Panama

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Unter dem Namen der „Panama-Papers“ ist vergangene Woche eine internationale Skandalwelle im Rahmen eines globalen Steuerbetrugs losgetreten. Mit aller Wucht knallten Empörungen und Anschuldigungen vor allem auf die Prominenten-Welt. Neben Formel-1-Größe Nico Rosberg soll Berichten zufolge auch Fifa-Chef Gianni Infantino in die Panama-Affäre verstrickt sein. Die Blaugrana-Fans durften spätestens dann hellhörig werden, als auch der Name von Barças Nummer 10 im Medien-Rummel fiel – ein Anlass für uns, nachträglich einen Blick auf das Briefkastenfirmen-Prinzip des zentralamerikanischen Staates zu werfen und die Seriosität des Gerüchte-Hypes um Lionel Messi zu überprüfen. Daher haben wir die relevantesten Informationen zusammengefasst, aufgearbeitet und mit Bedacht kommentiert.

Zunächst die Fakten- Was ist passiert?

Dem Einen oder Anderen mag „Panama“ vielleicht noch aus der frühen Kindheit oder der Schulzeit als vager Begriff in der Erinnerung dämmern. Leider handelt es sich bei den gegenwärtigen News aus dem sonnigen Inselparadies weder um eine illustrierte Kindergeschichte des deutschen Autors Janosch noch um ein Geografie-Referat über eine der weltweit relevantesten Wasserstraßen. Seit dem 03.04.2016 hat sich der zwischen Kolumbien und Costa Rica liegende Staat auf unschöne Art und Weise in das globale Rampenlicht der wirtschaftspolitischen und medialen Bühne gestellt.

Über den Zeitraum von einem Jahr hatten 400 internationale Journalisten ca. 11,5 Millionen Dokumente überprüft. Die Daten stammen aus einem Zeitintervall von 40 Jahren. 214.000 sogenannte Briefkastenfirmen sollen in dieser Zeit entstanden sein. Die Informations-Quellen der Journalisten bleiben zumeist unbekannt, da es sich bei diesen wie bei den Angeschuldigten um namhafte Größen handeln soll.

Bei Briefkastenfirmen handelt es sich um Unternehmen, welche nur zum Schein gegründet werden. Oft werden sie als eine Art „Depot“ genutzt, um Geld anzulegen, das im Normalfall in anderen Ländern versteuert werden müsste. Diese panamaischen Gesellschaften bekommen Geld zur Verfügung gestellt und können somit Häuser kaufen oder andere Geldanlagen und Geschäfte tätigen. In Panama müssen deutlich weniger Steuern gezahlt werden als in Deutschland. Anonyme Insider berichten, dass sich die Offshore-Firmen („Offshore“ eng. „im Ausland“) ab einer Investition von fünf Millionen Euro erst richtig lohnen sollen. Dadurch, dass keine Rückfinanzierung an den Staat stattfindet, befürchten kritische Stimmen eine gesellschaftliche Erosion in den Ländern, in denen das Geld hätte versteuert werden müssen. Dieser Zerfall der sozialen Strukturen bedeutet im Umkehrschluss auch, dass die Schere zwischen „armen“ und „reichen“ Bevölkerungsschichten immer weiter aufklappt und Gelder für infrastrukturelle, kulturelle oder soziale Projekte fehlen. Die düsteren Ereignisse rund um Panama hatten etwa Großdemonstrationen im europäischen Island zu folge, bei denen wütende Bürger gegen ihren Ministerpräsidenten Sigmundur Davíð Gunnlaugsson auf die Straße gingen. Der öffentliche Druck hatte Gunnlaugssons Rücktritt zu folge. Dessen Name war im Zuge des Leaks ebenfalls in den Panama Papers aufgetaucht. Auch Spaniens Industrieminister José Manuel Soria hat mittlerweile sein politisches Amt mit sofortiger Wirkung niedergelegt, nachdem am letzten Freitag diverse spanische Medien Informationen über seine zurückliegende geschäftsführende Tätigkeit zweier Offshore-Firmen aufgedeckt hatten.

Die Panama Papiere machen die Steueroasen und ihre Nutznießer zu explosiven Pulverfässern, die täglich kurz vor der Detonation stehen. Die Frage ist nur, wann noch mehr Daten und dementsprechend Namen „auffliegen“ und veröffentlicht werden.

Was man über „Steuerbetrug“ noch wissen sollte

Mit dem Aufkommen des angeblich größten Datenlecks (laut der Süddeutschen Zeitung) war also schnell die Rede von dubiosen Geschäften, unter Wert verkauften TV-Rechten und Geldwäsche. In der Tat bietet die Verschleierung der Kriminalität einen optimalen Nährboden, weil Namen, Beweggründe und Absichten bislang(!) anonym blieben. Aber nur, weil sich Steuerflüchtlinge in eine Schattenwelt begeben, bedeutet das noch nicht zwangsweise, dass sie Steuern hinterzogen haben müssen. Briefkasten-Firmen können sowohl für illegale als auch für legale Zwecke genutzt werden. Das Führen von Offshore-Firmen ist nicht verboten, genauso wie die Nutzung von Freiräumen zur Steuerersparnis rechtlich betrachtet nicht verboten ist. Ebenso ist der Vorgang des Steuersparens keineswegs neu. Der US-amerikanische Internet-Riese Google zahlt in Deutschland beispielsweise keine Steuern. Ikea verlagert seine Gewinne nach Irland, wo nur ein Prozent Steuern gezahlten werden müssen. Selbst wenn eine Person des öffentlichen Interesses aus privaten Gründen (um Klatsch und Tratsch zu umgehen) verbergen will, dass sie oder er eine private Villa auf Hawaii besitzt, dann ist es ihr gutes Recht, dies zu tun, insofern sie die Steuern in ihrem Heimatland für das Anwesen zahlt. „Neu“ ist lediglich der irreale Presserummel. Das eigentliche Problem bei der Debatte ist, dass der Umgang mit den Panama Papers stets intransparent verlief und jetzt schlagartig simultan von unterschiedlichen Delikten und Personen die Rede ist. Da die Thematik auf allen zur Verfügung stehenden Plattformen wie Social Media, Zeitungen, Radio, Talkshows und in den TV-Nachrichten non-stop publiziert wird, wird Licht ins Dunkle gebracht.

Wohl oder übel bleibt die Kritik an Steuer-Schlupflöchern weiterhin nicht mehr als ein moralischer Appell, den der Kritisierte befolgen kann, aber nicht muss. Um ein Umdenken bei Politikern, Sportlern, und Großunternehmen zu provozieren, müssten zunächst rechtliche Rahmenbedingungen des jeweiligen Heimatlandes geändert werden, die das Geldparken im Ausland erst ermöglichen. Auch die Regierung Panamas hat derweilen angekündigt, sich hierbei stärker einzubringen, um die Steuerflucht unattraktiv zu machen.

Immer wieder Messi

Vor einigen Jahren galt Lionel Messi als ruhig, besonnen und in erster Linie als ein Charakter, der es versteht, sich an Regeln zu halten – auf- und abseits des Fußballfeldes. Doch jeher ist die blütenweiße Weste des in Rosario geborenen Fußballers mit Gerüchten und Anschuldigungen in Bezug auf diverse Justizvergehen beschmutzt. Geht es um Messis Skandale, dann geben sich Boulevard und Feuilleton die Hand. In gewisser Weise findet eine Gleichschaltung der Berichte statt. Deren Inhalte unterscheiden sich aber klar zwischen ernsthafter Aufdeckung von Kriminalität und blanker Panikmache. Im Jahr 2016 hat der Schatten der Vergangenheit jedenfalls nicht nur Infantino eingeholt. Auch für Lionel Messi soll sich laut der Panama Papers das Geldparken in Südamerika lukrativ ausgezahlt haben. Messi und Steuern – da war doch was? Bereits im vergangenen Jahr hatte der Argentinier mit Schlagzeilen außerhalb des katalanischen Fußball-Tempels für Furore gesorgt. Messi und seinem Vater Jorge Horacio wird unterstellt, Steuern hinterzogen zu haben. Wie aus den Panama Papers zu entnehmen sei, soll die Messi-Familie im Jahr 2013 Sponsoreneinnahmen dem Finanzamt in Spanien vorbehalten haben. Mittels einer uruguayischen Anwaltskanzlei hätten die Messis die Firma „Mega Star Enterprises“ erworben, um diese als „Briefkasten“ zu nutzen. Werbehonorare von Sportausrüster Adidas sollen unter anderem an der spanischen Staatskasse vorbeigemogelt worden sein. So verschwiegen sie dem Finanzamt Daten, um nicht offensichtlich in Ungnade zu fallen. In der jüngsten Vergangenheit sollen Vater und Sohn bereits von 2007 bis 2009 Steuern in der Höhe von 4,1 Millionen Euro hinterzogen haben. Die Strafforderung der Finanzbehörde lautet 7,5 Monate zuzüglich einer Geldstrafe von über 4,5 Millionen Euro für den 28-Jährigen. Auch Messi-Senior sollen 18 Monate Haft und eine Sanktion von rund zwei Millionen Euro auferlegt werden. Angesichts der gegenwärtigen spanischen Gesetzeslage und des millionenhohen Einkommens Messis dürften die jeweiligen Maßregelungen jedoch zu verkraften sein.

Messi selbst kommentierte die Anschuldigungen stets wie folgt: „Ich schaue nicht auf das, was ich unterschreibe. […] Wenn mein Vater es sagt, unterschreibe ich mit geschlossenen Augen. […] Ich unterschreibe das, was mir mein Vater sagt, dass ich unterschreiben soll; weder schaue ich, noch konzentriere ich mich darauf, noch frage ich.“ Leos Aussagen über sein blindes Vertrauen können als leichtsinnig und naiv, aber ebenso als durchdacht und abgebrüht aufgefasst werden. Sicher kann Messi auch vorgeworfen werden, dass er wie jeder andere Bürger eine Verpflichtung gegenüber dem spanischen Staat hat, seine Steuern zu zahlen. Wer viel verdient, kann auch viel abgeben – oder eben sparen. Solange dies mit rechten Mitteln zugeht, sollte es jedem selbst überlassen sein, wo er sein Geld hinschiebt.

Mit zwei Wochen Abstand betrachtet flacht die tägliche Berichterstattung über Messis Fauxpas immer weiter ab, was wohl auch dem Ausscheiden des FC Barcelonas aus der Champions League geschuldet ist. Auf der anderen Seite sind die Panama Papers ein wichtiges Beweisstück und Indiz dafür, dass in zwei Klassengesellschaften oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Aus der Sicht des Ottonormalverbrauchers ist die weltweite Empörung nachzuvollziehen.

Auswirkung auf Messis sportliche Leistung

Auch wenn Messis Strafe in Bezug auf die erste Steuer-Missetat zur Bewährung ausgesetzt werden wird, bleibt es zu hinterfragen, inwieweit ein Spieler solch ein negatives, öffentliches Interesse mental verarbeitet. Ob Messi, während er im Rückspiel des CL-Viertelfinals über den Rasenplatz trottete, die Steuern, Zahlen und Gerüchte im Hinterkopf hatte, ist bislang nicht überliefert. Der Zynismus, aber auch oft die hartnäckige und ehrliche Berichterstattung der Medien sind ein Laster, mit dem Sport-Profis wie Messi notgedrungen lernen müssen umzugehen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Während auch Neymar sich weiterhin mit der Rechtmäßigkeit seines Transfers herumschlagen muss, findet Messi seinen bis dato vielleicht größten Gegner in der Steuer. Klar bleibt so oder so, dass die Messi-Affäre noch längst nicht vom Tisch gefegt ist.

Daher ist es dem Spitzensportler nur zu wünschen, dass sich dieser baldigst wieder auf seine Hauptberufung konzentrieren kann: Fußballspielen.

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