Lionel Messi: Was von ‚la Pulgas‘ Justiz-Knall wirklich bleibt

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„Meeeeessiiii, Meeeeessiiii, Meeeeessiiii“. Dass die Messi-Chöre im katalanischen Fahnenmeer einmal verstummen oder gar ganz ausbleiben könnten, ist kaum vorstellbar. Und auch in naher Zukunft werden die eingefleischten Fans des südamerikanischen Fußballsterns ihrem Idol wohl lauthals ihren Respekt zollen. Auch wenn Messi derzeit seine Bahnen nicht auf dem Rasen, sondern in den Gewässern der Balearen zieht – von Euphorie und Freudentaumel kann beim kleinen Argentinier im Angesicht der zurückliegenden Wochen gewiss nicht die Rede sein: Nachdem Barças Heilsbringer im Anschluss an das dramatische Final-Aus in der Copa América seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft Argentiniens verkündet hatte, folgte binnen weniger Tage das nächste Schock-Tief. Diesmal stand die Nummer 10 der Blaugrana allerdings nicht aufgrund eines sportlichen Fauxpas im Kreuzfeuer des überregionalen Presse-Orchesters. Messis sorgloser Umgang mit seinen Steuerangelegenheiten hat ihm und seinem Vater eine Haftstrafe von 21 Monaten eingebrockt. Für euch haben wir die wichtigsten Informationen aus den unterschiedlichsten Medienquellen gefiltert, kommentiert und mit Abstand relativiert.

Neben der Verhaftung von Paralympics-Sprinter Oscar Pistorius ist es vielleicht die Nachricht schlechthin gewesen, die am Dienstag der vergangenen Woche die Sportwelt kräftig durchrüttelte: Lionel Messis Nachlässigkeiten, welche den Nachgang seiner Steuerzahlungen betreffen, werden für den amtierenden Weltfußballer und seinen Vater Jorge Horácio mit einer Freiheitsstrafe sanktioniert. In den Jahren 2007, 2008 und 2009 sollen Vater und Sohn dem Finanzämtern Steuern im Umfang von 4,1 Millionen Euro regelwidrig vorenthalten haben.

Über Messi und seine Steuer-Affäre hatten wir bereits vor nicht allzu langer Zeit im Zuge der Panama Papers berichtet.

Keine Gnade für die Prominenz

Sicher lag es auf der Hand, dass in einem Worst-Case-Szenario einer bewiesenen Straftat auch ein Fußball-Schwergewicht der Justiz nicht ungeschoren durch die Gitterstäbe schlüpfen würde. Als Beispiel fällt an dieser Stelle aus deutscher Sicht sofort Bayerns Ex-Funktionär Uli Hoeneß ein, der 2013 ebenfalls in einen Hinterziehungs-Skandal involviert war und nachfolgend seine Haftstrafe in der JVA antreten musste. Im Rahmen der Akte Hoeneß war damals von dreistelligen Millionen-Beträgen die Rede, die im Zeitrahmen von über drei Jahrzenten durch die Hoeneß’sche Hand beiseitegelegt worden waren. Den Titel des ‚Celebrities‘ zu tragen, schützt eben vor der Strafe nicht.

Dass jetzt aber sowohl Messi Senior als auch Messi Junior belangt werden sollen, kam dann vielleicht doch etwas überraschend. Und tatsächlich war seitens der Verteidigung zunächst ein Plan vorgesehen, bei dessen Erfolg nicht der Spieler, sondern nur sein Vater verurteilt werden würde. Dass Lionel Messi alsbald seinen Lebensaufenthalt mit einem Zellengenossen teilen muss, gilt im Pressetenor allerdings als unwahrscheinlich. In der Regel werden in Spanien die Freiheitsstrafen, die weniger als zwei Jahre betragen sollen, zur Bewährung ausgesetzt. Überdies würde für einen Spieler von seinem Format dann vielleicht doch der Nimbus seiner Prominenz sprechen und ebenso die Tatsache, dass der Argentinier zuvor noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Der FC Barcelona versus Rafael Catala

Mit dem Hashtag #WeAreAllLionelMessi hat der FC Barcelona vor wenigen Tagen ein Social-Media-Programm ins Leben gerufen, um den Offensiv-Künstler den Rücken zu stärken. Was gut gemeint war, entpuppte sich am Ende als Selbstschuss. So hatten eine Vielzahl an Facebook-Nutzern und auch der spanische Justizminister Rafael Catala starke Kritik an der Solidarität Barças geäußert.

Ich bin nicht Messi. Ich habe kein Steuerverbrechen begangen. Deshalb denke ich, dass viele Katalanen und Barca-Fans so ein Vorgehen nicht für gutheißen.

Rafael Catala

Demegenüber verkündete Präsident Josep Maria Bartomeu auf Twitter:

 

 

Übersetzt: „Leo, diejenigen, die dich angreifen, greifen Barça und seine Geschichte an. Wir werden dich bis zum Ende verteidigen. Für immer vereint!“

Sicher ist es lobenswert, dass sich Barça so enorm für seinen wertvollsten Akteur einsetzt, jedoch bleibt es auch immer wieder ein Spiel mit dem Feuer, den Erhalt des eigene sauberen Images im Zusammenhang mit Straffälligkeiten zu riskieren. 

Nicht auf das „ob“, sondern auf das „wie“ kommt es an

Natürlich, sollte in einem Zeitalter immer noch um sich greifender Korruption die Rechtspflege auch vor namhaften Justiz-Sündern keinen Halt machen. Denn verschiebt man die Perspektive des entnervten millionenschweren Sportlers, der sich im Blitzlichtgewitter für seine Taten rechtfertigen muss, auf die Sichtweise des gemeinen Steuerzahlers, der mit Lohn- und Rentenkürzungen zu kämpfen hat, so findet sich viel Verständnis für dessen Wut und Ungläubigkeit. Auf der anderen Seite ist es fraglich, wie ein ernsthafter Diskurs über Veruntreuung und Unterschlagung mittels reißerischer Headlines, Polemik und kraftvollen Bildern stattfinden kann. Für Fans und Sportbegeisterte Leser empfiehlt sich immer im Hinterkopf zu behalten, dass die Boulevardpresse ihre Inhalte bewusst auf die simple Manipulation des Rezipienten selektiert und modifiziert. Was dabei herauskommt, ist oft viel zu emotional aufgebauscht, viel zu pathetisch und viel zu parteiisch. Das eigentliche Problem im medialen Umgang mit den Steuer-Delikten ist die Schnelllebigkeit des allgemeinen Interesses. Klar, Steuerbetrug bleibt Steuerbetrug, und im Fall von Hoeneß zog sein Geständnis damals sogar eine Flutwelle von Selbstanzeigen in Deutschland nach sich. Ob von Messis Fall viel Positives übrig bleiben wird ist, hingegen fraglich.

Hingegen stark überzeugt haben aktuell und in der Vergangenheit (zum Messi Thema und dem Panamaskandal) die Beiträge der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeine. Im Großen und Ganzen wehen die Presse-Fahnen aber immer mit dem Wind der Ereignisse: Mal sind es die Pflichtabgaben der Messis, mal sind es die Bauchmuskeln von Cristiano Ronaldo, die für Furore sorgen (sollen). Warum kommt dieser Barçawelt-Kommentar zum ‚Fall Messi‘ also so spät? Weil sich im Normalfall mit dem nötigen Abstand ein geschulter und relativierter Blick auf das Passierte ergibt.

Das Journalisten über all diese Dinge berichten müssen, steht außer Frage, vielmehr geht es um die Art und Weise, wie mit sensiblen Debatten umgegangen werden sollte. Im 21. Jahrhundert werden Themen zu Tode diskutiert, kaum in der Tiefe analysiert und am Folgetag durch Klatsch und Tratsch ersetzt. Doch das gilt derzeit bekanntlich nicht nur für den Fußball. 

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