Marc-André ter Stegen bei Barça: Das Problem von zu viel Genie und zu wenig Sympathie

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Seit dem Abgang von Claudio Bravo zu Manchester City scheint Marc-André ter Stegen nun die unangefochtene Nummer 1 im Tor des FC Barcelona zu sein. Gleich in seinem ersten Spiel der neuen La-Liga-Saison untermauerte er seine Ambitionen als Stammkraft und startete die Saison mit einem neuen Rekord. Ein Einstand nach Maß, könnte man meinen, der Nationalspieler am Ziel seiner Träume. In Wahrheit steht dem 24-jährigen Schlussmann aber noch ein weiter Weg bevor und mit Gegenwind ist in jedem Fall zu rechnen.

Nach dem Spiel gegen Athletic Bilbao im San Mamés kam das Arbeitszeugnis von Marc-André ter Stegen von den Statistikern prompt: 62 Pässe hat die Nummer 1 im Tor des FC Barcelona gespielt, 51 davon fanden ihren Weg zum Mitspieler. Ein überragender Wert, ein neuer Rekord in der Liga, und in diesem Fall handelt es sich nicht bloß um trügerische, die Geschehnisse auf dem Platz in ein falsches Licht rückende Zahlen. Es war tatsächlich genauso schön, wie es nun klingt. Immer wieder in das Spiel eingebunden, während Athletic Bilbao unentwegt Druck auf das katalanische Tor aufbaute, bildete ter Stegen mit seinen Vorderleuten eine für den Gegner unumstößliche Torwartkette und beeindruckte mit einer unfassbaren Präzision bei den längeren Zuspielen. Wie man der nachfolgenden Grafik entnehmen kann, waren erfolgreiche weite Pässe beinahe die Regel.

In Anbetracht dieser Leistung vermögen die Lobesklänge im Anschluss der Partie, auch vonseiten der spanischen Medien, kaum für Verwunderung zu sorgen. Der Schlussmann präsentierte sich als eine taktische Hochpräzisionswaffe bei gegnerischem Pressing und zwang den Gegner zu beträchtlichen Laufwegen – häufig unter Preisgabe einer vorteilhafteren Pressing-Formation. Überdies hinaus raubte er Athletic den letzten Nerv, als er trotz nasser Bedingungen zwei durchaus scharf geschossene Bälle in seinen strengen Gewahrsam nahm.

Aktionen von ter Stegen im Spiel gegen Athletic Bilbao:

https://www.youtube.com/watch?v=_d0ovk0N40s

Ter Stegen: Leichtfertigkeit kann die Mannschaft teuer zu stehen kommen

In Kenntnis all dieser ihn auszeichnenden Umstände vergab Barçawelt dem Keeper dennoch nur ein „Gut“. In 51 Fällen kam der Ball wohlbehalten beim Mitspieler an, gleich zweimal allerdings landete das Spielgerät vor den Füßen des Gegners und bescherte ihm einerseits eine exzellente Tormöglichkeit und andererseits eine erstklassige Gelegenheit für einen schnellen Angriff. Bei einem etwas fähigeren Spieler hätte der FC Barcelona im San Mamés deswegen durchaus in Rückstand geraten können, und wer weiß, wie sich die Partie im Anschluss an einen solchen Niederschlag entwickelt hätte. Erfahrungsgemäß führen unglückliche Fügungen in Auswärtspartien zu keinem guten Ausgang. Bei allem Respekt vor dem gezeigten Können kann aus diesem Grund nicht in den allgemeinen Tenor zur Leistung von Marc-André ter Stegen eingestimmt werden. Der junge Torhüter muss, so brillant er mit dem Ball am Fuß und auf der Linie auch ist, im Spiel noch mehr Sorgfalt an den Tag legen, damit sich solche Fauxpas in entscheidenden Momenten nicht wiederholen. Es gibt Spiele und Momente, in denen es für gewisse Spieler in Anbetracht der systematischen Anordnung der Mannschaft keinen Raum für Fehler gibt. Der Barça-Star kann sich noch so gut präsentieren, wenn er zur falschen Zeit eine falsche Handlung wählt, kann dies seine Mannschaft teuer zu stehen kommen und unter Umständen sogar auf Kosten des Erfolgs gehen.

Hinweise auf charakterliche Mängel?

Nicht nur wegen dieser sehr seltenen, gelegentlich aber durchaus zum Vorschein tretenden Unzulänglichkeiten hat ter Stegen bei den Culés immer noch einen schweren Stand. Auch charakterliche Makel werden bei ihm vermutet, nachdem er im Verlauf der letzten Saison einige Male in aller Öffentlichkeit die Nummer 1 für sich beanspruchte und damit offenkundig – zumindest aber bewusst fahrlässig – Druck auf die Vereinsführung ausübte. Unter diesem Eindruck kam es in der Folge immer wieder zu Gerüchten, dass der Deutsche den Verein verlassen werde, wenn dieser ihm nicht die unangefochtene Spitzenposition im Tor zuspreche. In der Sommerpause führte der Verein sowohl Gespräche mit Claudio Bravo als auch mit ter Stegen, wobei die genaue Chronologie in den Medien etwas widersprüchlich dargelegt wurde. Am Ende dieses Kapitels stand der Abschied von dem Chilenen, der bei vielen Fans zu Recht einen guten Ruf genießt, den er sich durch ebenso herausragende Leistungen hart erarbeitet hat. Er habe weiteren Meldungen zufolge das schlechter werdende Verhältnis zum Deutschen beklagt. Angeblich habe die Führung ihm sogar in Aussicht gestellt, in der Saison 2016/2017 nur in der Copa del Rey das Tor hüten zu dürfen, was den Anstoß zu den Wechselgedanken gegeben habe.

Den Ursprung dieser Kausalkette verorten viele in Anbetracht der vorliegenden Informationen einzig und allein bei Marc-André ter Stegen, der unzweifelhaft nicht nur seine Leistungen auf dem Platz hat sprechen lassen. Viele Fans nehmen ihm übel, den Konkurrenzkampf auch abseits des Platzes eröffnet und Claudio Bravo damit zumindest mittelbar zum Wechsel bewegt zu haben. Denn seien wir mal ehrlich: Ohne äußere Veranlassung wird Bravo – so gut die vertraglichen Konditionen bei Manchester City auch sein mögen – sich nicht von Barça gelöst haben. Der Chilene hat mit dem Wechsel ein Problem aus der Welt geschafft und lediglich nebenbei sein Portemonnaie noch ein wenig mit Scheinen beschwert. Alle äußeren Anzeichen deuten darauf hin, dass sich die Sachlage für den Chilenen auf diese Weise darstellte.

„Ter Stegen endgültig die Nummer 1″: Wie viel Wahrheit versteckt sich dahinter?

Ter Stegen wird einen langen Atem beweisen müssen, wenn er in Barcelona geliebt werden will. Den verlorenen Kredit wieder einzuholen, wird seine Zeit dauern. Allein mit sportlichen Leistungen wird das wohl nicht gelingen. Er ist charakterlich in der Bringschuld und muss unter Beweis stellen, dass er auch in dieser Hinsicht inmitten der Barça-Familie gut aufgehoben ist. Zudem ist auch noch nicht gesagt, dass jetzt sportlich alles glatt läuft. Luis Enrique hat auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Athletic Bilbao keine klare Stellungnahme dazu abgegeben, ob die bewährte Torhüter-Rotation nun ein Ende nimmt. Immerhin hat der FC Barcelona mit Jasper Cillessen einen weiteren Torhüter verpflichtet und der Trainer scheint nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht jemand zu sein, der sich davor scheut, auf der Position des Torhüters einen Konkurrenzkampf anzufachen. Meldungen à la „Ter Stegen ist nun endgültig die Nummer 1“ (Die Welt) könnten sich daher noch als falsch herausstellen.

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