Kommentar: Barça steht vor sportlichen Richtungsentscheidungen

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Bei Länderspielpausen sind für den FC Barcelona zwei Dinge so sicher, wie dass Lionel Messi der beste Fußballer aller Zeiten ist: 1. Barça muss eine Vielzahl an Spielern abstellen und 2. die Gerüchteküche brodelt und bringt so viele Spieler mit Barça in Verbindung, dass sie aus den ganzen Namen einen eigenen Kader formen könnten und dann wahrscheinlich einige Spieler nicht einmal nominieren könnten, weil kein Platz mehr ist. Man nimmt sich zwar jedes Mal vor, die Gerüchte weitestgehend zu ignorieren, doch wenn dann auch die meist gut informierten Journalistinnen und Journalisten zu schreiben beginnen, dann kommt es in der jüngeren Vergangenheit leider eher zu Frust als zu wirklicher Vorfreude. Ein Kommentar.

Im Internet gibt es immer wieder mehr oder weniger erheiternde Memes, in denen die Verpackungsbeschreibung mit dem eigentlichen Inhalt verglichen wird. Bei vielen Ausprägungen kann man lachen. Wenn man dann aber welche mit Frenkie de Jong vs. Rabiot sieht, wird einem als Culer, also zumindest mir, schnell relativ unwohl.

Das soll jetzt keineswegs dem Spieler Rabiot die Klasse absprechen, zeigt aber einmal mehr, wie gezeichnet man von den vielen Transfers der Vergangenheit ist. Arda Turan, André Gomes, Paulinho und Arturo Vidal unterstreichen die Kurzsichtigkeit und Richtung, die dieses Präsidium in der sportlichen Planung aktuell zu gehen scheint. Gerade im Mittelfeld ist für Barça ein ganz bestimmtes Profil immens wichtig, um den schönen, ästhetischen Fußball zu spielen, der unter Cruyff geformt und unter Guardiola mit der vermeintlich besten Mannschaft aller Zeiten perfektioniert wurde. Mittelfeldspieler bei Barça waren in der jüngeren Vergangenheit dann erfolgreich, wenn sie wussten, was mit dem Ball am Fuß zu tun ist, gedankenschnell im Passspiel waren und die Laufwege ihrer Mitspieler perfekt kannten. Das funktioniert dann am besten, wenn man die gleiche Fußballschule durchlaufen hat, oder zumindest eine ähnliche Art und Weise hat, Fußball zu spielen. Unabhängig von ihren überragenden Fähigkeiten waren Xavi und Iniesta vor allem deshalb so gut kompatibel, weil sie eine ganz ähnliche Art und Weise hatten, Fußball zu spielen.

Genau diese Kompatibilität ging Barça in der Vergangenheit verloren, weil Spieler verpflichtet wurden, die nicht zusammenpassten. Arthur ist in diesem Zusammenhang so ein wenig die Ausnahme, aber selbst mit ihm auf dem Feld fehlt meistens ein gestaltendes Element weiter vorne. Coutinho konnte diese Rolle in den bisherigen Spielen nicht zufriedenstellend ausfüllen, was wenig überraschend ist, da Ernesto Valverde offensichtlich noch immer nicht weiß, wie er Coutinho richtig einzusetzen hat. Die Frage ist aber, ob das Coutinhos, Valverdes oder doch eher die Schuld der Personalplanung ist, auf die reinen Fähigkeiten und den klingenden Namen zu schauen, anstatt an das große Ganze zu denken. Genau dieser Gedankengang hat das Team von Pep Guardiola so stark gemacht und genau dieser Gedankengang fehlt aktuell.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, bei der derzeitigen Markt- und Talentelage, eine Profilschärfung im Mittelfeld vorzunehmen. Mit Frenkie de Jong gibt es einen Spieler, der prädestiniert für einen Platz bei Barça ist und obendrein noch ein bekennender Bewunderer des Vereins und auch von Lionel Messi. Sein Verhalten erwies sich bis dato ebenfalls als vorbildlich und äußerst reif für einen jungen Spieler. Der Preis ist zwar mittlerweile schon üppig, aber bei der derzeitigen Marktlage wären an die 70 Mio. sogar noch vertretbar, sollte man, und das kann selbst ich als scharfer Kritiker dem Präsidium nicht absprechen, so zielgerichtet verkaufen, wie in diesem Sommer. Gerade, wenn man ein Kombipaket mit Matthijs de Ligt schüren würde, könnte man Ajax evtl. überzeugen. Dann zahlt man eben einmal ein paar Variablen mehr. Sollten sich die Spieler so weiter entwickeln, wären sie ihr Geld sowieso wert.

Hinzu kommt, dass auf den anderen Positionen kein derartig großes Handlungspotenzial besteht. Wenn man Juan Miranda die Möglichkeit gibt, sich hinter Jordi Alba zu entwickeln, hätte man genug Zeit, herauszufinden, ob Miranda auch in der Praxis eine geeignete Nachfolge wäre. Das Talent dazu hat er zweifelsfrei, auch wenn er die Position anders auslegt. Mit Abel Ruiz auf der Neun und einem immer besser werdenden Munir hat man außerdem noch zwei Spieler mit Potenzial im Ärmel, wenn man Suárez Verschnaufpausen geben möchte. Da muss noch nicht sofort eine Weltklasse 9 her, gerade auch, weil es auf dem Markt aktuell keine „generational“ Player gibt, die noch leistbar sind. Firmino bekommt man allein wegen der dubiosen Klausel, wonach Barça über drei Jahre hinweg keine Liverpoolspieler verpflichten dürfe, nicht.

Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt sind hingegen einmalige Möglichkeiten. Sind sie erst einmal bei Manchester City, Real Madrid, Juventus Turin oder auch Paris SG, so sind sie für de facto kein Geld der Welt mehr von dort loszueisen. Dass Ajax die beiden nicht halten wird können, wird von der sportlichen Direktive der Niederländer mittlerweile sogar offen und aufrichtig zu Protokoll gegeben. Die beiden Talente werden sich von Ajax, zurecht auch, mit Sicherheit nicht die Tür versperren lassen und es wirkt auch nicht so, als wolle Ajax das tun. Dass Ajax derartiges Talent nicht zum Schleuderpreis verjubelt, sollte aber auch außer Frage stehen. Insofern wird der FC Barcelona mit Angeboten in der Gegend von 30 bis 50 Mio. wohl abblitzen. Will man nicht höher gehen, so werden auch die Spieler nicht auf Biegen und Brechen bei Ajax die Arbeit verweigern, um zum Schnäppchenpreis zu Barcelona zu gehen. Dafür wirken sie a) zu aufrichtig und b) werden sie wohl kaum ihre Karriere auf’s Spiel setzen, nur weil Barça nicht gewillt ist, dem Markt entsprechend Genüge zu tun.

Ich würde es ja verstehen, wenn Barcelona generell bei den utopischen Summen nicht mitgehen wollen würde, aber das kann man aufgrund der vergangenen Transfers nun wahrlich nicht behaupten. Bei Dembélé wurden utopische Summen bezahlt und bei Coutinho ebenso. Dabei ist es, wenn man es rein vom Spielerprofil her betrachtet, eine wesentlich sicherere Wette, wenn man sagt: „de Jong und de Ligt würden bei Barça innerhalb kürzester Zeit groß aufspielen“. Ganz einfach deshalb, weil das Profil passt und der Fußball, den die beiden sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Ajax spielen, dem von Barcelona sehr ähnelt. Bei Coutinho und Liverpool oder Dembélé und Dortmund konnte man das beileibe nicht behaupten. Die Probleme sind nun evident. Coutinho hat, wie bereits erwähnt, nach wie vor keine Position, die absolut zu seinen Fähigkeiten passt und Dembélé ist ebenfalls noch nicht wirklich angekommen, wobei das nicht nur damit zu tun hat, dass seine Position mit einem gleichzeitigen Einsatz von Messi und Suárez nicht kompatibel zu sein scheint, sondern auch damit, dass sein Verhalten offensichtlich noch nicht auf dem Level ist, auf dem es bei Barça sein sollte. Derartige Probleme kennt man aber weder von de Jong noch von de Ligt.

Das Problem ist aber, dass Adrien Rabiot sozusagen eine „market opportunity“ ist und das Präsidium in der Vergangenheit immer mehr auf so etwas Rücksicht genommen hat als auf ein passendes Spielerprofil (siehe Arda Turan, André Gomes und Malcom). Was mich an dem Transfer aber weitaus mehr beunruhigen würde als das fehlende Spielerprofil ist die Tatsache, dass man sich erstens darauf einlässt, ihm sofort die geforderten 10 Mio. netto Gehalt zu bezahlen, die offensichtlich nicht einmal Paris gewillt ist auszugeben. Weiter ist auch das Handgeld nicht außer Acht zu lassen und damit wäre Rabiot auf einmal kaum noch günstiger als ein de Jong, der aber in der Vergangenheit noch nicht mit Starallüren aufgefallen ist und ganz ehrlich, so viel hat Adrien Rabiot noch nicht erreicht und konstant geliefert, dass er jetzt als Superstar die Forderungen stellen könnte, die das Gehalt von Vereinslegenden übertreffen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass Rabiot nun auch nicht dafür bekannt ist, auf verschiedenen Positionen mit sehr großem Einsatz zu performen, während de Jong sich sogar als Innenverteidiger die Lunge aus dem Leib läuft, sofern er ins Mittelfeld vorstoßen will.

Summa summarum wird die nächste Transferperiode (spätestens die im Sommer) eine richtungsweisende für den FC Barcelona. Sofern man keine mutigen Entscheidungen trifft und dazu zähle ich mittlerweile auch persönlich die Idee, sich von Ivan Rakitić zu trennen, der trotz all seiner Verdienste nicht jünger wird und seit dem vergangenen Sommer in den Medien und in Interviews auch nicht positiv von sich reden macht, indem er offensiv mit neuen Verträgen und Treueboni liebäugelt. Aktuell wären Mannschaften noch bereit, einiges an Geld für ihn in die Hand zu nehmen. Damit könnte man de Jong zumindest in Teilen finanzieren. Wenn man für Rafinha und Denis noch ein wenig Geld bekommt, dann wird die Gehaltsliste auf einmal bedeutend kürzer und die Ablösesumme kommt einer Finanzierung ebenso näher. Dass man für de Ligt zusätzlich noch einiges an Geld in die Hand wird nehmen müssen, steht außer Frage, doch auch hier hätte man eine Investition für Jahre getätigt. In La Masia gibt es aktuell keine Innenverteidiger, die im Ansatz so weit sind wie der Niederländer und somit würde man nicht einmal wirklich den Weg verbauen. Gerade, weil Piqué ohnehin älter wird und so wie es derzeit aussieht, wohl auch nicht bis 38 auf höchstem Level spielen wird, sondern evtl. sogar früher seine Karriere beenden wird, um sich beruflich umzuorientieren. Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber damit, Piqué auf lange Sicht zu ersetzen, muss sich der FC Barcelona sowieso beschäftigen.

Im Zusammenhang mit de Jong kommen auch häufig die Argumente auf, er würde den zugegeben wirklich sehr beeindruckenden Talenten Carles Aleñá und Riqui Puig den Weg versperren, doch auch das ist meines Erachtens nach ein Trugschluss. Wenn man das Gedankenspiel fortsetzt und mit Sergio Busquets, Arthur, de Jong und Aleñá für 2019/20 im Mittelfeld plant, wobei Oriol Busquets und Riqui Puig für das Jahr darauf in den Startlöchern stehen bzw. bei Verletzungen regelmäßig einspringen könnten, hätte man im Mittelfeld sehr viel spielerische Klasse, die miteinander kompatibel ist. Arthur wird, wenn seine Entwicklung so weiter geht, zur Saison 2019/20 endgültig eine feste Größe im Mittelfeld sein, die einem Spiel auch seinen Stempel aufdrücken kann. Frenkie de Jong ist bei Ajax und bei den Niederlanden schon jetzt ein absolut verlässlicher Performer, der zwar mit Sicherheit Eingewöhnungszeit brauchen würde, um sich an das Level bei Barça zu gewöhnen, aber neben Sergio Busquets und hinter Lionel Messi gibt es bei seinem Talent größere Hürden. Zusätzlich hat man mit Sergi Roberto und Philippe Coutinho zwei erfahrene Spieler, die im Mittelfeld auch Lücken füllen können, obwohl es nicht ihre stärkste Position ist. Außerdem wäre man mit dem Spielermaterial flexibel genug, anfänglich auch 4-2-2 zu spielen, um den jungen Spielern die Möglichkeit zu geben, sich im Barça Mittelfeld zurecht zu finden. Wenn auf die einzelnen Schultern dann mehr Verantwortung fallen kann, dann ist auch ein 4-3-3 eine ernsthafte Überlegung.

Natürlich wäre die Entscheidung, sich von Ivan Rakitić zu trennen eine mutige, aber unter den gegebenen Umständen wäre es meiner Meinung nach eine rationale und zukunftsorientierte. Man könnte sogar noch ein weiteres Jahr mit Arturo Vidal gehen, wenn man sich nicht über die Idee traut, beide abzugeben. Aber letzterer wird wohl ohnehin schon vorher bei Angeboten hellhörig werden, die ihm einen Stammplatz in Aussicht stellen. Das ist ihm auch nicht zu verübeln, aber bei Barça im Mittelfeld gibt es für ihn eben einfach keinen Stammplatz. Das hätte ihm aber bereits vor dem Wechsel bewusst sein sollen.

Wie immer gilt, dass sich meine Erwartungen in Grenzen halten. Ich rechne mit Rabiot und im schlimmsten Fall mit einer Neymar-Rückkehr und wäre positiv überrascht, wenn man sich de Jong tatsächlich holen würde. Aber, wenn Fernando Polo und Co. bereits davon schreiben, dass es mit Rabiot ernst wird, dann schwinden meine Hoffnungen von Tag zu Tag. Dass man sich von Rakitić trennt, traue ich nämlich weder dem Präsidium noch Valverde zu und dann wäre für eine de Jong Verpflichtung leider kein Platz, auch, wenn er meiner Meinung nach Stand jetzt beiden Spielern bereits überlegen ist. Das soll aber Rakitićs Leistungen nicht schmälern, denn eine solche Karriere muss auch Frenkie de Jong erst einmal machen. Aber, warum bitte sollte er die nicht bei uns machen dürfen?

 

Wie seht ihr das? Ich freue mich, mit euch in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

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