Athletic Bilbao: Die Basken als traditionsreiche Fußballpioniere

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Wenn am heutigen Sonntag der FC Barcelona auf Athletic Bilbao trifft, dann kommt es zum Duell zweier Dinos im spanischen Fußball. Moment mal, Athletic Bilbao ein spanischer Fußball-Dino? Richtig gehört. Die Basken komplettieren zusammen mit Real Madrid sowie dem FC Barcelona das Mannschaftstrio, das ununterbrochen in Spaniens höchster Spielklasse verweilte – das gerät gerne in Vergessenheit. Wir gehen der Frage auf den Grund, weshalb Athletic dennoch ein Schattendasein führt, wenn man ihre Erfolge mit jenen der genannten Mitstreiter vergleicht.

Die Vormachtstellung der beiden spanischen Spitzenvereine, namentlich des FC Barcelona sowie von Real Madrid, ist seit jeher ungebrochen. Die beiden Dinos der Primera División bestimmen die Geschichte des spanischen Fußballs nach Lust und Laune und gelten als die Aushängeschilder der spanischen Liga. Es gibt aber einen Verein, der sich von den beiden Dominatoren Spaniens grundlegend unterscheidet und trotzdem auf eine lange Geschichte zurückblicken kann: Athletic Bilbao.

Ein kleiner Rückblick auf die Geschichte von Bilbao

Schon beim Gründungsdatum Bilbaos scheiden sich unter den Fan-Gruppierungen die Geister. Vom Klub selbst wird das Jahr 1898 angegeben, als baskische Studenten, die im Rahmen von Auslandsreisen englische Universitäten besucht haben sollen, einen lokalen Verein namens Athletic Bilbao gegründet haben, wobei der Ausdruck Athletic der englischen Schreibweise entsprang. Andere wiederum sehen das Jahr 1903 als Anfangspunkt des Vereins an. Als sich der baskische Fußballverein Bilbao Football Club, bestehend aus britischen Werft- und Minenarbeitern, und das bereits erwähnte Athletic Bilbao 1902 zu einem Fußballverein, genannt Vizcaya, zusammengeschlossen haben, gewann diese Mannschaft prompt die erstmals ausgetragene Copa del Rey. Ein Jahr später habe man schließlich die permanente Vereinigung zum Athletic Club vollzogen.

Die prägende Figur zu dieser Zeit sollte ein Mann namens Rafael Moreno Aranzadi sein. Besser bekannt ist dieses baskische Idol unter dem Spitznamen Pichichi, der nicht nur das erste Tor im 1913 errichteten San Mamés sowie für die spanische Nationalmannschaft schoss, sondern nach seiner kurzen Fußballerkarriere auch eine Schiedsrichterlaufbahn einlegte, die, wie der Zufall es nun einmal wollte, ebenfalls im San Mamés begann. In Anlehnung an seine Person wurde in den 50er-Jahren die Pichichi-Trophäe erschaffen, die den besten Torschützen der spanischen Liga honorieren soll. Zufälligerweise war der erste Gewinner dieser Trophäe ebenfalls eine Legende unter den Bilbao-Anhängern, namentlich ein gewisser – unter den Culés nicht allzu unbekannter – Telmo Zarra.

In den folgenden Jahren erlangte der Baskenverein zunehmend mehr Popularität, sowohl im Baskenland als auch in ganz Spanien. Mit dem vierfachen Gewinn der Copa del Rey – davon drei Jahre in Folge – in den frühen 1910er-Jahren, den Meistertiteln in den Jahren 1930 beziehungsweise 1931 sowie den vier Cup-Titeln zwischen 1930-33, war die unumstrittene Vormachtstellung im Land gesichert. Dabei gab es ein ganz besonderes Merkmal, mit dem sich Bilbao diesen Status erspielt hat und der bis heute beibehalten wurde.

Die eigene Philosophie als Erfolgsrezept und Stolperstein

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wurden im Baskenland erste Stimmen laut, die das Streben nach Autonomie und Unabhängigkeit forderten. Die Basken zeigten in dieser Zeit erste Anzeichen eines Nationalbewusstseins, was sich auch in der frühen Gründungsgeschichte des Vereins bemerkbar machte. So beschloss man im Jahre 1912, dass sich der Verein statutengemäß verpflichtet sieht, nur Spieler aus dem Baskenland in den Verein aufzunehmen. Man wollte somit ein evidentes Zeichen für ganz Spanien setzen beziehungsweise die eigenen Bestrebungen mithilfe einem der damals erfolgreichsten spanischen Vereine ausdrücken.

Athletic stieg damit zur aussagekräftigen Symbolfigur im Baskenland auf. Und der Verein hielt an dieser Vereinsphilosophie in den kommenden Jahrzehnten auch konsequent fest. Erst um die Jahrtausendwende herum wurde mit Bixente Lizarazu ein Baske verpflichtet, der im französischen Teil des Baskenlandes aufgewachsen war. Generell wurde in dieser Zeit die strikte Personalpolitik etwas aufgelockert und es durften nun auch Jugendspieler, die in bestimmten baskischen Provinzen ausgebildet wurden, in den Verein aufgenommen werden. Julen Guerrero – eine Symbolfigur Bilbaos, die unter Anhängern Kultstatus erreichte – meinte einst zur Vereinsphilosophie: „Ein einziger Titel mit Athletic ist genauso viel wert wie zehn Titel mit Real Madrid.“ Diesen Satz gab der Baske von sich, als er Angebote mehrerer europäischer Topklubs abgelehnt und anschließend einen unfassbaren Zehnjahresvertrag beim Verein unterschrieb.

Doch, wie in so vielen Fällen, forderte die Tradition ihren Tribut. Mit der zunehmenden Lockerung der Auslandsregelung in den Mannschaften sowie der möglichen Einbürgerung von Spielern, war es vielen Teams in Europa nun möglich, aus einer größeren Auswahl an Spielern zu wählen und ihren Kader sukzessive besser aufzubauen. Bilbao allerdings hielt an seiner Personalpolitik fest und hatte weiterhin den relativ geringen Beobachtungsradius für neue Spieler zur Verfügung. Dementsprechend inkonstant sollte der Verein in den kommenden Jahrzehnten auftreten. Bilbao verlor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Top-Position im spanischen Fußball an Barcelona und Madrid und fand sich fortan häufiger als gewohnt im Tabellenmittelfeld wieder. In den folgenden Jahrzehnten glichen die Ergebnisse einer Achterbahnfahrt. Mehrere Male konnte denkbar knapp der Abstieg verhindert werden, dem gegenüber stehen aber auch erfolgreiche Jahre in den späten 70er- sowie 80er-Jahren.

Tradition vor Erfolg: Sind die stolzen Basken zu konservativ?

Viele sehen dieses Prinzip der Basken mittlerweile als veraltet und zu konservativ an. Selbst der schärfste Rivale Bilbaos im Baskenland, Real Sociedad San Sebastián, wich in den frühen 90er-Jahren schlussendlich von dieser strikten baskischen Personalpolitik ab und weitete seinen Scouting-Radius zuerst auf ganz Spanien und schließlich global aus. Und auch im Trikotsponsoring war Athletic im Vergleich zu anderen Vereinen Spätentwickler. Im Gegensatz zu vielen, die sich durch diesen Umstand massive finanzielle Unterstützung sicherten, hielt Bilbao an den reinen rot-weißen Trikots fest, ehe es 2008 unumstößlich war, weitere finanzielle Mittel mithilfe der Werbung zu erlangen.

Doch das alles ist den Basken im Großen und Ganzen relativ egal. Athletic Bilbao stellt für viele immer noch das Aushängeschild im baskischen Fußball dar. Mittlerweile ist der Klub mit mehr als 180 Jugendvereinen im baskischen Raum verbunden und lädt absolut jedes Talent zu einem Probetraining im Verein vor – bestes aktuelles Beispiel ist Iker Muniain, der mit 17 Jahren in den Profikader aufgenommen wurde. Die Basken nehmen Misserfolg gerne hin, solange man weiterhin die Unabhängigkeit und eigene Stärke des Landes von äußeren Zuwächsen demonstrieren kann. Wie man zu diesem Verein auch immer stehen mag: Athletic Bilbao stellt eine Ausnahmeerscheinung in der heutigen Fußballwelt dar.

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