Auf der Suche nach Konstanz: Barças Mangel an Kontinuität in der Liga im Zahlenspiegel

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Aktuell rangiert der FC Barcelona in der spanischen Liga auf Platz zwei hinter dem Erzrivalen Real Madrid. Nachdem die Katalanen mit zwei Siegen gegen Betis und Athletic Bilbao erfolgreich in die Saison gestartet waren, mussten die Blaugranas gegen Alaves, Altético, Celta Vigo und zuletzt den FC Málaga bittere Punktverluste hinnehmen. Eine Zeitlang wurde die Luft an der Spitze der Tabelle durch die Präsenz der Hauptstadtklubs und dem FC Sevilla knapp – jetzt wird Barça fast schon dazu genötigt, im Vorspiel zum Clásico gegen Real Sociedad einen Dreier nach Hause zu fahren. Woran es derzeit am meisten hapert, hat die ’Sport‘ in einem numerischen Abriss zusammengetragen.

Zwischenbilanz: Viele kleine Baustellen

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Gerard Piqué neben Lionel Messi, Andrés Iniesta und Sergio Busquets einer der maßgeblichen Garanten für das übliche Freudenfeuer des katalanischen Spielstils verkörpert. Dass mit der Abwesenheit von Barças Nummer Drei die nötige Stabilität regelmäßig flöten geht, zeigten die schwammige Abwehrarbeit der Defensivabteilung in den vergangenen Liga-Spielen. Umtiti macht seine Sache mehr als gut und überzeugte des Öfteren durch hervorragendes Stellungsspiel, Kopfballstärke und Passgenauigkeit. In Koproduktion mit Mascherano fehlt es dem jungen französischen Nationalspieler aber noch an der nötigen Erfahrung, um den Dirigentenstab für das Verteidigungssystem an sich zu reißen. Sowohl Mascherano als auch Sergio Busquets laufen seit Anbeginn der Saison ihrer Form etwas hinterher. Aus der Fan-Perspektive sei es den beiden sonst so leistungsstarken Ikonen verziehen, dass auch sie sich mal eine Verschnaufpause genehmigen. Aber wenn schon Verschnaufpause, dann eben lieber auf der Bank als auf dem Platz. Und genau in diesem Umstand liegt das Problem. Fehlt Busquets, findet Luis Enrique aktuell noch keinen adäquaten Ersatzmann in seinen prominenten Kaderreihen. Gomes kann zwar den Ball behaupten und die Pässe mustergültig auf die Außenbahn leiten, doch fehlt ihm im Gegensatz zu ‚Busi‘ das Gefühl für den Raum und die Antizipation, mit dem er seine Geschwindigkeitsdefizite wettmachen könnte.

Auch das Fehlen von Andrés Iniesta macht sich seit dessen Verletzungsausfall deutlich bemerkbar. Schaffte es Don Andrés doch für gewöhnlich das Spiel in kritischen Phasen durch ein paar ansehnliche Pirouetten und aberwitzige Täuschungen zu beruhigen, so kommt es im Mittelfeld aktuell oft zu leichtsinnigen Fehlpässen und Ballverlusten. Diese Unzulänglichkeiten werden momentan wahrscheinlich nur durch einen omnipräsenten Lionel Messi kaschiert, der 90 Minuten auf dem Platz fast auf allen Mittelfeldpositionen zu finden ist, die Bälle fordert, verteilt und sich als Anspielstation für die Mittelfeldspieler und Außenverteidiger anbietet. Für die kreativen Impulse konnten Denis Suarez und André Gomes bislang nur bedingt sorgen, wobei sich Ersterer bisher fast nahtlos in das Passspiel mit seinen Nebenmännern und Vorderleuten einbinden konnte. Der Blick für die Lücke und die unnachahmliche Körperbalance von Iniesta fehlt dem jungen Spanier aber dennoch.

Im Hinblick auf Barças Offensivabteilung lässt sich nur auf sehr hohem Niveau meckern. Messi steht derzeit bei acht, Suárez ebenfalls bei acht und Neymar bei vier Toren. Dazu gesellen sich dann noch jeweils drei, drei und vier Torvorlagen. Das südamerikanische Offensiv-Trio ist gewohntermaßen ‚on fire‘ und macht seinem Spitznamen, dem ‚Dreizack‘, alle Ehre. Läuft es bei ‚MSN‘ aber mal nicht so rund, mangelt es an Akteuren, die für die nötigen Scorerpoints sorgen. Einzig und allein Rafinha und Arda Turan blitzen als Hoffnungsschimmer in der zweiten Garde des FC Barcelona auf und überzeugten durch kämpferischen Einsatz, Tore und Assists. Paco Alcácer ist nach acht Liga-Einsätzen weiterhin ohne jegliche Torbeteiligung und wirkt zwischen Messi und Neymar wie ein Fremdkörper, der zwar vor dem gegnerischen Tor richtig steht, aber große Probleme im Abschluss als auch im Zweikampfverhalten aufzeigt. Klar, eine sportliche Eingewöhnungszeit brauchte vor zwei Jahren sogar ein gestandener Stürmer wie Luis Suárez, ehe das runde Leder im Kasten untergebracht werden konnte. Bei Paco trifft derzeit schlicht und ergreifend Pech auf anfängliches Unvermögen. Für den Uruguayer stellt er derzeit keine ernsthafte Alternative dar.

So zeichnete sich in den Anfangsspielen dieser Saison, abgesehen von der Abwesenheit diverser Stars, auch eine gewisse Lethargie ab, die von einem Mannschaftsteil auf den nächsten schwappte. Ob es sich dabei um individuelle Formtiefs handelt oder ob sich das Kollektiv teilweise zu sicher und überlegen gegenüber kleineren Gegner fühlte, spielt für das Ergebnis keine Rolle. Punktverlust bleibt Punktverlust. So gibt es eine Menge an Baustellen, die Luis Enrique mit seinen Zöglingen vor dem Auswärtsspiel im San Mamés und dem Spiel gegen Real bearbeiten könnte. Eine Auswertung der Statistiken verrät so einiges.

Barças Statistik nach 12 Spieltagen

Punktverluste:

Barça hat 10 von 26 möglichen Punkten in der laufenden Saison liegen gelassen. Das bedeutet, dass die Spieler von Luis Enrique gerade einmal 72 Prozent der möglichen Zähler abstauben konnten. Zum Vergleich: In der Saison 2015/16 kam der FC Barcelona nach 12 Spieltagen auf 30 Punkte (10 Siege und 2 Unentschieden).

Die üblichen Verdächtigen:

Abgesehen von Atlético gab es die Punktverluste primär gegen vermeintlich schwächere Teams. Dabei handelte es sich bei den Mannschaften um keine Unbekannten. Celta besiegte Barça in den Saisons 2014/15 und 2015/16, während Málaga 2014/15 sich zu Hause ein Unentschieden erspielte und auswärts im Camp Nou siegreich vom Platz gehen durfte.

Die Gegentoranfälligkeit:

Wagt man einen Blick zurück, so fällt auf, dass Barça zuletzt 2012/13 mehr Gegentore als in dieser Saison bekommen hat. Damals mussten die Goalies 15 Mal hinter sich greifen. Dafür schafften es die Offensivspieler, 39 Tore (aktuell 32) zu erzielen.

Bestehende Heimschwäche:

Das größte Problem gestaltet sich jedoch unerwarteterweiße bei den Spielen in den heimischen Gefilden. Die Heimspiele im Camp Nou brachten dem amtierenden Meister nur 11 von 18 möglichen Punkten (67.61 Prozent) im Vergleich zu 15 von 18 Punkten (83 Prozent), welche durch die Auswärtseinsätze erzielt wurden.

Selten eine weiße Weste:

Nur fünf Mal spielten Marc-André ter Stegen und seine Vorderleute zu null. Athletic Bilbao, Sporting Gijón, Deportivo, Granada und Málaga erzielten keine Tore gegen die Blauroten.

Die Gegentore der Konkurrenz:

Barça hat mehr Tore kassiert als Villarreal (7), Real Madrid (10), Atlético Madrid (11) und Real Sociedad (12). Athletic Bilbao hat bislang, wie die Katalanen, 13 Gegentreffer bekommen.

Barças Form nach zwölf Spielen in den letzten zehn Saisons

Saison 2007/08: 24 Pkte., 7 S, 3 U, 2 N
Saison 2008/09: 29 Pkte., 9 S, 2 U, 1 N (Meister)
Saison 2009/10: 30 Pkte., 9 S, 3 U, 0 N (Meister)
Saison 2010/11: 31 Pkte., 10 S, 1 U, 1 N (Meister)
Saison 2011/12: 28 Pkte., 8 S, 4 U, 0 N
Saison 2012/13: 34 Pkte., 11 S, 1 U, 0 N (Meister)
Saison 2013/14: 34 Pkte., 11 S, 1 U, 0 N
Saison 2014/15: 28 Pkte., 9 S, 1 U, 2 N (Meister)
Saison 2015/16: 30 Pkte., 10 S, 0 U, 2 N (Meister)
Saison 2016/17: 26 Pkte., 8 S, 2 U, 2 N (2ter, nach 12 Spielen)

Fazit: Abwarten,Teetrinken und warm anziehen 

So wirklich lässt sich Barças Mangel an Konstanz in den Liga-Spielen nicht auf einen Faktor herunterbrechen. Barça hat die nötige Kaderbreite, um am Ende der Saison ganz auf dem obersten Siegertreppchen zu stehen. Das Wichtigste wird für Enrique sein, Stammkräfte wie Busquets und Mascherano wieder an den Rand ihrer Höchstleistungen zu peitschen und Spieler wie Iniesta und Jordi Alba nach ihren Verletzungspausen wieder in das Spieltempo einzugliedern. Ob es ratsam ist, einen Aleix Vidal weiterhin auf der Bank versauern zu lassen, ist ebenfalls fraglich. Derzeit liegen Hoffnung und Druck gleichermaßen auf Sergi Roberto, der seine Sache in der Summe seiner Auftritte tadellose machte, eigentlich aber gelernter Mittelfeldspieler ist. Überdies wird es wahrscheinlich noch eine Weile dauern, ehe sich Spieler wie André Gomes und Paco Alcácer an die Abläufe, Laufwege und die Dynamik des katalanischen Spiels gewöhnt haben.

Wohin die Reise für diese junge Gruppe in dieser Saison noch gehen kann, wird sich wahrscheinlich erst nach den nächsten Liga-Spieltagen bis zur Winterpause abzeichnen, beziehungsweise, wenn es dann im neuen Jahr mit frischem Wind in die zweite Periode der Saison geht. Wie hoch der FC Barcelona die eigenen Maßstäbe bezüglich der Dominanz in den letzten zehn Jahren gesetzt hat, wird in Bezug auf die gegenwärtige Leistung deutlich. Nur zur Saison 2007/08 gab es unter Frank Rijkaard eine schlechtere Punkte-Quote nach 12 Spieltagen. Klar ist damit, dass sich Barça nicht mehr allzu viele Patzer im Meisterschaftsrennen erlauben sollte. Real Madrid hofft nach etlichen Jahren, in denen die Blancos leer ausgingen, wieder auf einen Titelgewinn auf nationaler Ebene und auch mit dem brennenden Kampfgeist von Simeones Mannen aus dem Nachbarstadion ist immer zu rechnen.

Vermutlich werden sich die Barça-Stars Stück für Stück wieder auf die Überholspur kämpfen, sollten dabei aber nicht außer Acht lassen, sich auch noch nach der Winterpause warm anzuziehen, denn der Gegenwind wird gewiss nicht seichter.

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