Betis Sevilla gegen FC Barcelona – Taktikrückblick

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Bildquelle: fcbarcelona.com

Der achte Auswärtssieg in Serie ist unter Dach und Fach. Nur noch zwei weitere Auswärtserfolge trennen die Mannschaft von Tito Vilanova von dem Rekord aus der Saison 2010/2011. Die Rekordjagd hätte allerdings gestern ein abruptes Ende nehmen können, Betis Sevilla setzte die Katalanen phasenweise stark unter Druck und hätte sich aufgrund der couragierten Spielweise einen Punktgewinn redlich verdient. Während die erste Halbzeit noch unter katalanischer Vorherrschaft stand, änderte sich das Spielgeschehen im zweiten Durchgang deutlich. Gleich zwei Mal verhinderte das Aluminium den Ausgleichstreffer der Gastgeber, der FC Barcelona konnte das Spiel nicht mehr unter Kontrolle halten. Sie ließen sich das Tempo vom Gegner diktieren und agierten dabei vertikaler als erforderlich.

Piqué und Puyol bekommen den Vorzug vor Mascherano

Doch zunächst sah es ganz gut aus für die Blauroten. Trotz des Gegentores, das auf eine misslungene Abseitsfalle zurückzuführen war, hatte die Mannschaft die Partie im Griff, ohne dabei zu Glanztaten aufgelegt zu sein. Lionel Messi trug sich gleich zwei Mal in die Torschützenliste ein und übertrumpfte damit Gerd Müllers Uralt-Rekord von 1972. Behilflich dabei waren ihm Iniesta und Pedro, die sich links und rechts zu ihm gesellten. Nach zehn Minuten nahm der Auftritt von Fàbregas aufgrund einer Oberschenkelverletzung ein frühzeitiges Ende. Der Spieler wird dem FC Barcelona voraussichtlich drei bis vier Wochen fehlen. Vilanova brache Alexis Sánchez für den verletzten Fàbregas in die Partie, der fortan auf dem linken Flügel anzutreffen war. Iniesta rückte damit auf die Fàbregas-Position im halblinken Mittelfeld. Die weiteren Spieler neben Iniesta waren Altmeister Xavi und der Defensivstratege Sergio Busquets. Eine kleine Überraschung gab es von der Abwehr zu vermelden. Völlig unerwartet fand sich Mascherano nicht in der Innenverteidigung wieder, die an diesem Abend von Piqué und Puyol gebildet worden war. Bisweilen galt Mascherano dank seiner Leistungen in der Vergangenheit als gesetzt und kaum jemand bezweifelte ernsthaft seinen Einsatz gegen Betis. Ob diese Entscheidung von Vilanova als ein Bekenntnis zu der Innenverteidiger-Paarung Piqué-Puyol zu werten ist, bleibt abzuwarten. Auf den Außenbahnen hingegen blieb alles beim Alten, Adriano und Alba gaben sich rechts und links die Ehre.

Sevilla mit zwei Gesichtern

Betis Sevilla erwartete die katalanischen Balldompteure in einem klassischen 4-4-2-Gewand. Charakteristisch für das Spiel des Gastgebers in der Anfangsphase war das Arbeiten gegen den Ball und das Bestreben um ein Zustellen aller Anspielstationen. Dadurch sollten dem ballführenden Spieler Raum und Zeit, gleichsam die Optionen für ein gefahrloses Weiterspielen genommen werden. Das Pressing setzten die Gastgeber auf Höhe der Mittellinie an, um eine kompakte Grundordnung herzustellen und nicht das Opfer von Kontern zu werden. Die beiden Stürmer waren selbstredend in den Plan involviert und arbeiteten ebenfalls gegen den Ball, was insbesondere dann tückisch erschien, wenn sie sich dem Ballführenden in seinem Rücken näherten. Das Spiel von Betis Sevilla kennzeichnete sich demnach durch eine außerordentliche Mannorientierung. Der Abwehrverbund des FC Barcelona wurde von den Gegnern angelaufen, die Mittelfeldspieler wurden bei ihren Wegstrecken nach hinten, um eine zusätzliche Anspielstation zu generieren, verfolgt und auch die Stürmer mussten sich hartnäckiger Innen- und Außenverteidiger erwehren, die von ihrer angestammten Position abrückten, um taktische Vorgaben zu erfüllen. Des Weiteren stand Betis in der Anfangsphase sehr engmaschig und nicht selten deckte die Mittelfeldkette nur die halbe Spielfeldbreite ab. Damit wurde verhindert, dass die Zwischenräume bespielt werden können – nicht auf Kosten der anderen Spielfeldseite, da die Stürmer die Passwege dorthin gut zustellten. 

So überzeugend sich Betis in der Anfangsphase auch präsentierte, konnten sie den ersten guten Eindruck nicht verfestigen. Nach zehn Minuten begann die Mannschaft aus unerklärlichen Gründen abzubauen. Man hatte fast den Eindruck, dass ihre Muskulatur übersäuerte und sie nicht mehr die Ausdauer aufbringen können, das Anfangstempo durchzuhalten. Das Pressing schwächte sich zunehmend ab und das Zeitkontingent des FC Barcelona beim Vorbereiten eines Angriffs vergrößerte sich sichtbar. Auch war die Verbindung der Betis-Spieler untereinander auf einmal nicht mehr so groß und es offenbarten sich größere Lücken im Mittelfeldverbund. Dementsprechend gelang es den Mannen von Vilanova immer öfter, ihre Spieler zwischen den Ketten in Position und an den Ball zu bringen. Zwar ist Betis Sevilla nicht eingebrochen, im Vergleich zu der Anfangsphase war jedoch eindeutig ein mittelgroßer Bruch im Spiel zu konstatieren. Der FC Barcelona konnte diese Schwächeperiode des Gegners für sich nutzen und in Minute 15 in Führung gehen. Nach Ballverlust konnte Betis die Grundordnung wiederherstellen, allerdings beschränkten sich die Mittelfeldspieler in dieser Situation auf Standfußball und machten keine Anstalten, den Passweg zu Lionel Messi, der zwischen den Ketten lauerte, zuzustellen. Desgleichen erhöhten sie ihre Aktivität auch dann nicht, als der Pass mühelos zu Messi durchkam und dieser gerade dabei war, den Weg in Richtung Tor aufzunehmen. Sánchez kreuzt den Strafraum, zieht den rechten gegnerischen Außenverteidiger hinter sich her und verschafft Messi damit eine freie Schussbahn. Betis war völlig neben der Spur. Fast lethargisch agierten sie in dieser Situation und es schien tatsächlich so zu sein, dass sie zu Beginn des Spiels überpaced haben.

Dazu traten immer öfter taktische Defizite zu Tage, die ebenfalls aus der mangelnden Bewegung und der geringeren Laufbereitschaft herrührten. In Minute 22 beispielsweise rückt der linke Außenverteidiger von Betis heraus, um den ebenfalls nach hinten rückenden Pedro zu stellen. Der äußere Mittelfeldspieler verpasst es aber, den auf der Außenbahn lauernden Adriano zu stellen und damit dem Außenverteidiger den Rücken frei zu halten. Taktische Fauxpas dieser Sorte konnte man nun des Öfteren beobachten. In Minute 25, der Rekordminute, kamen erneut Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Gastgebers auf. Adriano vernascht zwei Gegenspieler mühelos, die im Gegenpressing versuchen, den Ball zurückzuerobern, obgleich sich ihre Mannschaft in dieser Phase des Spiels in Unterzahl befindet. Zunächst einmal war es verwunderlich, wie halbherzig das Gegenpressing praktizierte wurde. Einige Spieler trabten gemütlich nach hinten zurück, während andere wiederum den Versuch unternahmen, den Ball direkt zurückzuerobern. Vor dem Hintergrund des Unterzahlspiels war die Auflösung dieser Situation durch Real Betis katastrophal. Das Team agierte kopflos, nicht mannschaftlich geschlossen, kampflos und zu guter Letzt auch noch taktisch sehr fragwürdig. 

Anschlusstreffer bringt Sevilla zurück ins Spiel 

Und trotzdem gelang der Mannschaft von Pepe Mel noch vor der Pause der Anschlusstreffer. Ein grob fahrlässiges Abwehrverhalten seitens der Katalanen begünstigte diesen Treffer in zweifacher Hinsicht. Einmal ist hier auf die Rolle von Alba einzugehen, der die Abseitsfalle aufhebt. Andererseits bestand in dieser Saison überhaupt keine Not, auf Abseits zu spekulieren. Piqué und Busquets befanden sich in unmittelbarer Nähe des ballführenden Gegners, während Adriano in dieser Szene funktionslos war. Es war leichtfertig, in solch einer Situation auf Abseits zu spielen, wenn der Torschütze ohne größere Mühe von seinem Vorhaben abgehalten werden könnte. Adriano hat hier schlicht falsch kalkuliert und die falsche Entscheidung getroffen. Dieses Tor hätte auch ohne Abseitsfalle verhindert werden können. Die Mannschaft stand zu tief, als das hundertprozentige Funktionieren der Abseitsfalle hätte gewährleistet werden können. Der Blickkontant aller Abwehrspieler zueinander war nicht vorhanden und es war töricht, eine elegante Lösung in solch einer Situation zu suchen.

Der Anschlusstreffer brachte Betis wieder zurück in die Partie. Die Gastgeber witterten Morgenluft und intensivierten urplötzlich ihre Bemühungen. Nach der Pause sollte ein ganz heißer Tanz auf die Spieler des FC Barcelona warten und man hatte während der gesamten zweiten Hälfte nicht den Eindruck, als seien die Spieler auf solch einen aggressiven Gegner gefasst gewesen. Im Vergleich zur ersten Halbzeit sollten die Katalanen noch früher attackiert werden. Pepe Mel ließ seine Spieler zum Angriffspressing ansetzen, das dem FC Barcelona mächtig zu schaffen machte. Um sich einem Angriffspressing spielerisch zu entziehen, ist weitaus mehr Laufbereitschaft, als der Gegner mit seinem Pressing aufzuwenden bereit ist. Diese war beim FC Barcelona gestern aber nicht unbedingt vorhanden. Die Verbindungen zwischen den Spieler waren zu lose und nicht selten kam ein Katalane derart unter Bedrängnis, dass er den Ball herschenken musste. Es fehlten die Anspielstationen beim Spiel aus der Abwehr heraus und das machte es dem Gegner einfach, den ballführenden Spieler zu isolieren. Die Stürmer mussten oftmals mit dem Rücken zum Tor arbeiten und wurden stets bei ihren Ausflügen nach hinten bedrängt. Der FC Barcelona fand einfach keine Fortsetzung im Spiel. Zu groß war der Aufwand von Betis Sevilla und zu intensiv wurden die Zweikämpfe geführt.

Es entwickelte sich eine zerfahrene Partie, in der keine Mannschaft das Spiel unter Kontrolle bekommen konnte. Es gab allerdings Momente, in denen sich die Frage aufdrängte, warum der FC Barcelona sofort die Flucht nach vorne antritt und nicht wenigstens versucht, den Ball zirkulieren und den Gegner laufen zu lassen. Denn obwohl Betis sehr intensiv spielte, gegen den Ball arbeitete und bestrebt war, Anspielstationen zuzustellen, benötigten auch sie Phasen der Erholung von den Strapazen des hohen Einsatzes. Der FC Barcelona kam aber nicht auf die Idee, das Tempo aus dem Spiel herauszunehmen und es zu beruhigen. Sie wollten die Entscheidung herbeiführen und suchten immer den Pass in die Spitze. Womöglich war die gestrige Partie zu vertikal und entsprach daher nicht dem Naturell der Mannschaft. Es war sehr viel Hektik im Spiel und gestandene Spieler wie Iniesta ließen sich davon anstecken, ließen in zahlreichen Szenen die nötige Ruhe am Ball und das Auge für den sicheren Pass vermissen. Auch Vilanova schien das Spiel etwas zu spektakulär zu sein – Thiago kam zehn Minuten vor Schluss für Pedro in die Partie, ein Mittelfeldspieler für einen Flügelstürmer. Man hätte sich diesen Wechsel früher gewünscht, ein passsicherer technisch beschlagener Spieler hätte dem Spielaufbau gut tun und das eigene Spiel fördern können. So sah man ein eher untypisches Barcelona, auf das man in Zukunft nur allzu gerne verzichten möchte. Jetzt heißt es vergessen und den Blick nach vorne richten, im Gipfeltreffen gegen Atlético Madrid wird die Mannschaft genug Zeit zur Genugtuung bekommen.

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